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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
4
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Dieses Kapitel
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27.09.2020 3.659
 
Guten Morgen ihr Lieben!


Es ist schon wieder Sonntag und damit Zeit für ein neues Kapitel. Nachdem das letzte so vielversprechend für Monty und Winston geendet hat, lest selber, wie es weitergegangen ist…

Ich wünsche euch wie immer viel Spaß beim Lesen und Mitfiebern. :-)

Liebe Grüße

Anja


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Kapitel 7: Puzzleteile


Ich wache von dem Gefühl auf, dass sich Charlie gegen meinen Rücken drückt.

Irgendwie liege ich auf der Seite und gleichzeitig auf dem Bauch. Charlies Arme sind um meine Mitte geschlungen, sein Körper liegt praktisch auf mir drauf und drückt mich auf die Matratze, während sein Kopf auf meiner Schulter liegt.

Ich kann nicht atmen.

In dem Versuch, ihn abzuschütteln, rolle ich meine Schultern zurück, aber er grunzt nur protestierend und umklammert mich noch fester.

Wenn er nicht mein Freund wäre, hätte ich ihn schon auf sieben verschiedene Arten geschlagen.

Meine Erinnerungen von letzter Nacht gleichen einem Puzzle. Ich habe alle Teile (oder zumindest die meisten), aber es kann ein wenig dauern, bis ich sie so zusammengesetzt habe, dass ich das vollständige Bild vor Augen habe.

Ich erinnere mich an das Spiel von letzter Nacht. Das Einzige, was ich hundertprozentig sicher weiß, ist, dass wir gewonnen haben.

Kurz erinnere ich mich daran, dass ich Justin zugezwinkert habe, als er von der Bank aufgestanden ist und ich zugesehen habe, wie er seinen armseligen Arsch zurück in die Umkleide verfrachtet hat. Dann erinnere ich mich vermutlich daran, wie Diego und ich Charlie hochgehoben und auf unseren Schultern getragen haben.

Charlies Nase schmiegt sich noch mehr an meine Schulter und mein Herz setzt einmal aus. Bisher habe ich das nur bei Winston zugelassen… Ich will nicht wirklich an ihn denken oder daran, was ich getan habe.

Das andere Team war stinksauer auf uns, weil es verloren hat. Ich erinnere mich an einen großen schlaksigen Typen mit einem hohen Pferdeschwanz, der nach dem Spiel auf mich zugekommen ist. Er hat mich eine Schwuchtel genannt, obwohl er mehr wie eine ausgesehen hat als ich. Wenn die anderen es zugelassen hätten, hätte ich ihn in zwei Teile geschlagen.

Doch Diego hat meinen Arm einfach nicht losgelassen und Scott war bereits von den Tribünen aus auf uns zugeeilt, um sich zwischen mich und den Pferdeschwanz-Kerl zu stellen.

Sie hätten zumindest zulassen können, dass ich dem beschissenen Bastard einmal eine reinhaue. Das hätte ihm gezeigt, wie verdammt schwul ich bin.

Ich merke nicht, wie angespannt meine Schultern geworden sind, bis ich spüre, wie Charlies Stirn erneut gegen sie streift. Jetzt sollte ich ihn wirklich von mir herunterschubsen.

Zuerst habe ich keinen blassen Schimmer, wo ich bin, aber sobald ich mich aus Charlies Griff winden kann, setze ich mich auf und erkenne, dass wir uns in Charlies Schlafzimmer befinden. Und ich mich in Charlies Bett.

Wir alle tragen die Klamotten, die wir auf der Party letzte Nacht anhatten, aber ich kann meine Schulteamjacke nicht finden. Scheiße, wenn ich die neue verloren habe…

Ich schaue mich im Zimmer um. Scott hat sich auf einem Sessel zusammengerollt, der gegenüber vom Bett steht, und hat eine blaue Schulteamjacke wie eine Decke über seinen Schultern liegen. Als ich ihn ansehe, fällt mir ein, dass er letzte Nacht gekotzt hat. Er meinte, so hinüber könnte er nicht nach Hause gehen und Charlie hat ihm angeboten, bei ihm zu übernachten. Und ich habe mich den beiden angeschlossen, denn, warum soll ich auch nicht?

Diego ist nicht mit uns gekommen. Ich bin ziemlich sicher, dass er ein Auge auf eines der Mädchen geworfen hat, die uns überhaupt erst zu der Party eingeladen haben.

Ich stehe vom Bett auf und versuche angestrengt, Charlie dabei nicht aufzuwecken.

Ich muss auf Zehenspitzen an den leeren und vielleicht auch nicht leeren Bierflaschen vorbeigehen, während ich zu Scott hinübergehe.

Ich erhasche einen Blick auf mein Spiegelbild – meine Haare sind ein einziges Chaos. Sie stehen in alle Himmelsrichtungen ab und ich hebe eine Hand, um sie wieder glatt zu streichen.

Es funktioniert nicht und ich gebe auf und lasse meine Haare tun, was immer sie wollen.

Ich beuge mich vor, um meine Jacke von Scott zu nehmen. Ich weiß, dass es meine ist, weil sie neu aussieht. Doch als ich sie anhebe, bemerke ich, dass am Jackenärmel etwas getrocknete Kotze klebt und ich lasse sie zurück auf Scott fallen.

Und eine weitere Jacke, die ruiniert ist.

Der Ärmel berührt sein Gesicht und er beginnt sich zu regen. „Wie spät ist es?“, erkundigt er sich mit heiserer Stimme. Er fängt an sich zu strecken und bewegt sich, bis er stattdessen auf dem Rücken liegt.

„Keinen Plan“, meine ich achselzuckend, nachdem ich mich kurz in Charlies Zimmer umgesehen habe. Nirgendwo befindet sich eine Uhr und unsere Handys sind nirgendwo zu sehen.

Ich sehe wieder zu Scott, der versucht, es sich auf dem Sessel gemütlich zu machen. Ich hätte nie auf dem Ding einschlafen können, doch Scott war zu fertig, als dass es ihn gekümmert hätte, wo wir ihn hinstecken.

„Hast du mein Handy irgendwo gesehen?“, will ich von ihm wissen, auch wenn ich weiß, dass er das wahrscheinlich nicht hat. Er ist gerade erst aufgewacht und hat bereits geschlafen, noch bevor wir letzte Nacht an Charlies Haustür angekommen waren.

Scott schüttelt nur den Kopf und lehnt sich anschließend zurück, um weiterzuschlafen.

Großartig.

Ich versuche, nicht zu viel an letzte Nacht zu denken, während ich nach meinem Handy suche.

Ich weiß, dass ich Winston im Stich gelassen habe. Daran muss ich nicht erinnert werden.

Aber nachdem dieser Kerl mich eine Schwuchtel genannt hat… Und dann haben uns diese Mädchen zu der After-Party in ihrem Haus eingeladen… Es schien einfach die beste Möglichkeit zu sein, um diesem Arschloch zu zeigen, dass er unrecht hat.

Ich bin sicher, dass er es verstehen wird, sobald ich es ihm erkläre.

Ich hebe ein nasses Handtuch vom Boden auf und lasse es direkt wieder fallen, es stinkt nach Kotze.

Nachdem wir bei Charlie zuhause angekommen waren, erinnere ich mich an nichts mehr wirklich. Ich muss eingeschlafen sein, nachdem wir die übrig gebliebenen Bierflaschen ausgetrunken hatten und es so aussah, als könnte Scott sich um sich selbst kümmern.

Ich hoffe wirklich, dass es nicht Charlies Lieblingshandtuch oder so war. Es gehört nun in den Mülleimer.

Charlies Bettdecke liegt auf dem Boden. Ich weiß, dass wir sie vom Bett getreten haben, weil es zu warm war. Daran kann ich mich erinnern.

Ich hebe die Decke auf und sofort fällt mein Handy daraus hervor und landet auf dem Boden.

„Verdammt“, fluche ich flüsternd.

Ich werfe die Bettdecke zurück aufs Bett und sie landet auf Charlie, doch er rührt sich nicht. Der Junge könnte weiterschlafen, selbst wenn ein Erdbeben toben würde.

Glücklicherweise ist das Handydisplay nicht zerbrochen. Ich drücke auf den Ein-/Ausschaltknopf und es läuft nur noch auf den letzten Prozent Akku, aber es funktioniert noch.

Ich schaue durch die Fotos von letzter Nacht: Ein Foto von mir und zwei blonden Mädchen, eins von mir und Scott, eins von mir, wie ich irgendeinem Mädchen meine Zunge in den Mund stecke… Du verstehst, worauf ich hinauswill.

Plötzlich erhalte ich eine große Anzahl Nachrichten von einer unbekannten Nummer, alle gleichzeitig, weil mein Handy gerade erst wieder eingeschaltet worden ist.

Ich kenne die Nummer, ich habe sie nur nie eingespeichert. Wir waren immer vorsichtig damit, uns Nachrichten zu schreiben, für den Fall, dass mein Dad wieder einmal stichprobenweise versuchen sollte, mein Handy zu durchsuchen.

Ich hatte Winston die Adresse von dem Ort geschickt, zu dem ich ihn hatte mitnehmen wollen und wir hätten uns dort treffen sollen – nach dem Spiel. Es wäre zu riskant gewesen, wenn wir zeitgleich dorthin gefahren wären.

Die Adresse ist die letzte Nachricht, die ich ihm geschickt habe.

Der Rest der Unterhaltung besteht aus Nachrichten von Winston:

Ich kann es nicht erwarten, dich zu sehen.

Bist du auf dem Weg?

Wo steckst du?

Du hättest vor einer Stunde hier sein sollen.

Geht es dir gut?

Ist etwas passiert?

Er fragt mich noch ein paar weitere Male, ob es mir gut geht und dann fragt er, warum ich nicht an mein Handy gehe. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich jemand letzte Nacht angerufen hat.

Und dann haben die Nachrichten aufgehört.

Ich ziehe mir die Uhrzeiten der einzelnen Nachrichten an.

Fast zwei Stunden.

Er hat fast zwei Stunden auf mich gewartet.

Scheiße.

Ich drücke auf das Telefonsymbol in der oberen Ecke, während ich mir einen Weg zu Charlies Badezimmer bahne.

Ich drücke das Handy gegen mein Ohr und lausche dem Klingeln, während ich sichergehe, dass ich die Tür abschließe.

Charlies Badezimmer ist ziemlich groß und ich habe viel Platz, hin und her zu laufen.

Eine Hand hebe ich an mein Haar und beginne, einzelne Haarsträhnen um meine Finger zu wickeln.

„Hier ist Winston, hinterlasse eine Na–“

„Verdammt“, fluche ich erneut. Ich lege auf und wähle erneut. Es ist schon nach elf Uhr. Er sollte bereits wach sein, also warum reagiert er nicht auf meinen Anruf?

Ich weiß, warum. Tief in mir weiß ich es.

Ich habe ihn zwei verfickte Stunden auf mich warten lassen. Ich stelle mir vor, wie er in der Kälte auf dem Pier steht und auf mich wartet, aber ich tauche nicht auf. Also setzt er sich wieder in sein Auto, fährt davon und bereut, mich überhaupt getroffen zu haben.

Ich habe Scheiße gebaut.

„Hier ist Winston, hinterla–“

Ich kann seiner Stimme gerade nicht zuhören und lege schnell auf.

Ich spüre ein brennendes Gefühl in meinem Bauch und es wandert langsam meine Wirbelsäule hoch und bis zu meinem Mund.

Mein Mund wird wässrig und ehe ich es realisiere, beuge ich mich über die Toilettenschüssel und kotze etwas aus, das wie Überbleibsel von letzter Nacht aussieht.

***


„Ich denke nicht, dass er fahren sollte“, sagt Charlie zu Scott, als wäre ich nicht einmal im selben Raum.

Das bin ich aber. Und ich sollte ganz woanders sein.

Ich will nicht in Charlies Wohnzimmer stehen, ich muss irgendwohin und ich fühle mich nüchtern genug, um zu fahren.

Ich lehne mich gegen die Wand, während ich versuche, meinen Schuh anzuziehen, aber er bleibt an meiner Ferse stecken.

Scott sitzt mit verschränkten Armen auf dem Sofa und beobachtet mich, als erwarte er, dass ich jede Sekunde ausraste. Ich weiß, dass er darauf vorbereitet ist, mich zu beruhigen, wenn es passiert.

Aber ich werde nicht eher ruhig sein, bis ich mit Winston gesprochen habe. Er muss wissen, warum ich getan habe, was ich getan habe. Ich weiß, dass er es verstehen wird.

Ich weiß, dass ich wegen der Party zum Haus der Mädchen gefahren bin. Ich erinnere mich, dass Diego „Komm schon, Monty, sei keine Spaßbremse und nimm uns in deinem Wagen mit“, gebrüllt hat und Charlie wegen ihm gelacht hat.

Doch sie haben mich überredet und ich habe für die dumme Party alles stehen und liegen gelassen.

Ich glaube, Charlie hat uns zurück zu ihm nach Hause gefahren. Er war nicht komplett nüchtern, aber auch nicht so besoffen wie Scott oder ich. Charlie hat noch nicht einmal den Führerschein, also sind wir ein enormes Risiko eingegangen, indem wir ihn fahren lassen haben. Aber das erkennt man in dem Moment nicht.

Wie auch immer, mein Auto ist vor Charlies Haus geparkt.

Ich schaffe es endlich, meinen Fuß in den Schuh zu quetschen und beuge mich vor, um die Schnürsenkel zu binden.

„Warum bist du überhaupt so in Eile?“, will Scott mit erhobener Augenbraue wissen. Ich hasse ihn. In diesem Augenblick hasse ich ihn.

Wieso stellt er alles infrage, was ich tue? Er könnte mich einfach ziehen lassen, ohne etwas zu sagen, aber nein, er hat den Mund aufgemacht und jetzt wartet sogar Charlie auf eine Erklärung.

Ich halte meine Augen auf meine Finger gerichtet, während diese meine Schnürsenkel binden und dann tue ich dasselbe mit dem anderen Schuh. „Ich habe jemandem… etwas versprochen.“

„Wow“, meint Scott sarkastisch. „Streng dich bloß nicht zu sehr an, dich an die Einzelheiten zu erinnern.“

Ich starre ihn zornig an, als ich mich – nun mit fertig gebundenen Schnürsenkeln – aufrichte. Glücklicherweise schafft es Charlie, mich zu retten.

„Diese Natalie?“, fragt Charlie aufgeregt und er wechselt einen Blick mit Scott. Beide haben nun ein riesiges Grinsen auf dem Gesicht. „Scheiße, du Glücklicher. Allerdings hat sie sich letzte Nacht die ganze Zeit über praktisch auf dich gestürzt, also kann ich nicht behaupten, dass es mich überrascht.“

Er ist die heterosexuellste Schwuchtel, die ich jemals kennengelernt habe.

„Natalie?“

Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wie irgendeines der Mädchen von letzter Nacht ausgesehen hat, also was lässt ihn glauben, dass ich mich an ihre Namen erinnern würde?

„Die, die dir im Badezimmer einen geblasen hat?“, schlägt Charlie vor und ich will echt nicht wissen, woher er das weiß. Ich bete zu Gott, dass ich es ihm erzählt habe.

Aber es hilft, denn die Erinnerungen kommen langsam zurück und ihr Gesicht formt sich vor meinen Augen.

Dunkle lockige Haare, die bis hinunter zu ihrer Taille reichen. Haselnussbraune Augen, die von langen dunklen Wimpern umrahmt werden und eine süße Stupsnase.

Sie erinnert mich fast an jemanden.

Ich erinnere mich, wie ich ihr Haar gepackt habe, während sie mich in den Mund genommen hat, aber ihre Haare waren zu dünn und nicht lockig genug. Ich erinnere mich daran, dass die haselnussbraunen Augen hinter den langen Wimpern zu mir hochgesehen haben, als sie meine Eichel küsste, als hinge ihr Leben davon ab.

Aber es war einfach nicht dasselbe.

Ich habe die Augen schließen und an ihn denken müssen, während ich ihren Mund fickte, um zu kommen. Ich habe es gehasst, wie ich mich deswegen danach gefühlt habe, so verdammt schmutzig. Ich kann spüren, wie sich mein Gesicht bei der Erinnerung erhitzt.

Ich muss mich wirklich bei ihm entschuldigen.

„Richtig“, sage ich in dem Versuch, gelassen auszusehen. „Natalie.“

Mit zitternden Händen greife ich nach der Jacke, die auf der Couch liegt. Sie gehört Charlie, aber ich leihe sie mir aus, bis meine eigene Jacke wieder von Kotze befreit ist.

Charlie scheint nicht zu merken, dass meine Hände beben, während ich in die Jacke schlüpfe. Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, daran zu denken, wie Natalie mir im Badezimmer einen geblasen hat. Wahrscheinlich holt er sich bei dem Gedanken einen runter, wie ich einen geblasen bekomme.

Aber das interessiert mich nicht. Er hat mir die perfekte Ausrede geliefert und ich könnte nicht dankbarer sein. Er kann sich so oft einen auf mir runterholen, wie er will.

„Geht’s dir gut?“, erkundigt sich Scott und ich schwöre, dass es jeden Muskel in meinem Körper erfordert, ihn nicht anzufahren. „Du siehst ein wenig… erhitzt aus.“

Sie müssen endlich mal einen Schritt zurückfahren, nur für heute.

„Ja, ich… weißt du. Ich habe gerade an Natalie gedacht“, sage ich und ziehe andeutungsvoll meine Augenbrauen hoch.

Spiel mit, Monty. Spiel mit.

Das scheint ihnen zu reichen und sie lassen mich gehen, aber nicht, ohne noch ein paar weitere Kommentare abzugeben.

***


Er ist nicht überrascht, mich an seiner Türschwelle zu sehen.

Ich habe mein Auto auf dem Parkplatz eines Supermarktes gepackt und danach fünfzehn Minuten bis zu seinem Haus laufen müssen, weil ich einen Umweg gegangen bin. Man kann nie vorsichtig genug sein.

Er macht die Tür ganz auf und tritt einen Schritt ins Innere zurück, als wüsste er bereits, dass ich ihm folgen würde.

Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht lesen. Er sieht nicht wütend, aufgebracht oder glücklich aus, zu sehen, dass ich lebe. Er sieht einfach… müde aus.

Seine Haare sind ein einziges Chaos, als hätte er sich die ganze Nacht in seinem Bett herumgewälzt und noch keine Möglichkeit gehabt, sie zu kämmen. Durch die dunklen Ringe unter seinen Augen ist es so offensichtlich, dass er nicht eine Sekunde geschlafen hat.

Er sagt kein Wort, während er ins Wohnzimmer geht und ich ihm wie ein hilfloser Welpe hinterherlaufe.

Das Haus sieht so aus, wie ich es in Erinnerung habe. Zwei dunkelgraue Sofas stehen nebeneinander und ein hölzerner Couchtisch befindet sich zwischen ihnen. Die Regale, die im Zimmer verteilt sind, sind mit grünen Pflanzen und Familienfotos gefüllt. Mein Lieblingsfoto ist eines, das Winston an seinem achten Geburtstag zeigt.

„Deine Eltern?“, frage ich, als er sich auf einer Couch niederlässt und seine Beine auf der Armlehne ablegt.

Er ist mir zugewandt und greift nach einem der Kissen von dem anderen Sofa, ehe er es hinter seinen Rücken schiebt.

„Unterwegs“, sagt er schlicht und ich kann ihn immer noch nicht lesen. Aber ich weiß, dass er nicht froh ist, mich zu sehen.

Ihn so zu sehen… Ich will nur meine Arme um ihn schlingen und ihm befehlen, schlafen zu gehen. Es ist wirklich ironisch, da ich vermutlich der Grund bin, warum er überhaupt erst nicht schlafen konnte.

„Ich habe gewartet, weißt du“, meint er plötzlich und überrumpelt mich damit völlig, da ich nicht damit gerechnet habe, dass er direkt zum Punkt kommt. Aber in Ordnung, wenn er es so möchte.

„Da war diese Party“, sage ich und erkenne, dass das keine gute Rechtfertigung ist, aber es ist eine Rechtfertigung. „Die anderen hätten gewusst, dass etwas los ist, wenn ich abgesagt hätte.“

Winstons Finger sind ineinander verschränkt und seine Hände ruhen auf seinem Bauch, während er mich beobachtet. Er hebt keine Augenbraue und seufzt nicht, er wartet einfach nur ab.

„Du kannst nicht erwarten, dass ich alles für dich stehen und liegen lasse“, fahre ich fort und mache ein paar Schritte vorwärts. Meine Hände lege ich auf der Rückwand der Couch neben seiner ab.

Ich weiß, dass ich unfair bin, aber genau das ist der Punkt. Ich will irgendeine Reaktion von ihm.

Er kann ruhig wütend auf mich werden. Dann werde ich mich entschuldigen und wir können zu dem zurückkehren, was wir am besten können.

Ficken.

Eigentlich sollte ich ihn vermutlich erst einmal schlafen lassen, er sieht so scheiße erschöpft aus.

„Ich habe nicht einmal eine Nachricht verdient?“, will Winston nun mit leicht erhobener Stimme wissen. Wir bewegen uns in die richtige Richtung. „Ein „Hey Winston, ich schaffe es nicht. Warte nicht auf mich“?“

Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen und er sieht mich stirnrunzelnd an. Zumindest weiß ich jetzt, dass er verärgert ist.

„Ich bin gefahren“, sage ich und reibe meine rechte Gesichtshälfte mit der Hand. Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich komplett nüchtern oder wach bin. Vielleicht ist das nur ein Traum. Ein sehr schlimmer.

„Richtig“, meint Winston grob und seine Augen blicken genau in meine. Dann sehe ich, wie seine Augen weicher werden und er schaut weg.

Nein. Das ist nicht gut.

Er soll wütend auf mich sein. Er soll nicht traurig sein.

„Ich habe verdammt nochmal gewartet, Monty“, murmelt er und verbirgt sein Gesicht mit den Händen. „Gott, ich habe wie ein verdammter Idiot dort gewartet. Und als du nicht aufgetaucht bist… dachte ich, dass du vielleicht in einen Autounfall geraten wärst. Ich habe dort gesessen und mir immer wieder vorgestellt, wie du in deinem zerbeulten Auto sitzt, mitten im Nirgendwo, und Blut an deinem Gesicht hinabläuft.“

Ich schlucke schwer und muss wegsehen, als er die Hände von seinem Gesicht fallen lässt.

Ich kann ihn nicht anschauen. Ich habe ihn verfickt nochmal verletzt. Ich weiß, dass ich ihn verletzt habe und schon allein bei dem Gedanken daran wird mir übel.

„Ich… Ich habe nicht gedacht…“ Meine Stimme verliert sich und Winston seufzt. Wieder ein enttäuschtes Aufseufzen.

„Ja. Das tust du nie“, flüstert er so leise, dass ich ihn fast nicht verstehe.

„Hast du eine Ahnung, wie sich das anfühlt?“, fährt er fort und ich zwinge mich, ihn anzublicken. „Einfach nur dort zu sitzen… nichts zu wissen. Ich wollte nur, dass es dir gut geht.“ Er hält inne, dreht den Kopf zur Seite und stößt ein kurzes Lachen aus. „Und dann finde ich heraus, dass du auf einer Party bist. Ausgerechnet. Diego hat ein paar Dinge auf Instagram gepostet.“

Verdammter Diego.

Erneut seufzt er und wartet.

Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, wie ich das wieder geradebiegen soll, dieses Mal nicht.

Sobald man „Es tut mir leid“ zu oft sagt, wird dieser Satz irgendwann bedeutungslos.

„Was bedeutet das für uns?“, frage ich leise.

Uns. So ein einfaches Wort. Es lässt dich denken, dass es tatsächlich ein „Uns“ geben könnte, aber in Wirklichkeit vermittelt es dir nur falsche Hoffnung.

Winston zuckt mit den Schultern und mein Herz sackt nach unten. Normalerweise sagt er immer das Richtige, normalerweise macht er alles mit nur ein paar Worten besser.

„Ich weiß es nicht“, gibt er zu und diesmal bin ich an der Reihe, wegzusehen. „Ich… ich dachte einfach, dass ich dich kennen würde. Vielleicht. Aber irgendwie bringst du mich dazu, alles zu hinterfragen, von dem ich denke, dass ich es über dich weiß. Und in diesem Moment fühlt es sich an, als würde ich einen Fremden ansehen.“

Vier Wochen. So viel Zeit haben wir während des Sommers miteinander verbracht.

Wir haben nicht jede Minute von jedem Tag zusammen verbracht, aber so hat es sich angefühlt. Ich habe immer die Sekunden gezählt, bis wir uns wiedergesehen haben.

Vier Wochen einfach so verschwendet.

Vier verfickte Wochen bedeuten ihm auf einmal gar nichts. Verflucht gar nichts.

„Du kennst mich!“, will ich sagen. „Sag mir einfach, was ich machen kann, um es wieder in Ordnung zu bringen.“

Ich sage nichts davon, so verzweifelt oder erbärmlich bin ich nicht. Stattdessen kratze ich mich am Kopf und trete von der Couch zurück.

„Du solltest schlafen“, sage ich ihm, während ich langsam vor ihm zurückweiche. Er ist verwirrt. Vermutlich habe ich nicht so reagiert, wie er erwartet hat.

„Monty…“, setzt er an, aber nicht, weil er etwas zu sagen hat. Er stiehlt bloß Zeit in der Hoffnung, dass ich bleibe. Und ich vielleicht endlich – wenn wir nur lange genug so verweilen – weiß, was ich sagen muss und dann wäre alles in Ordnung.

Aber jetzt stehe ich an der Tür und er setzt sich gerade erst auf.

Zu spät.

„Schlaf. Ernsthaft“, befehle ich ihm, als ich einen letzten Blick auf ihn werfe. „Du siehst scheiße aus.“

Die Worte schmerzen mehr, als ich es beabsichtige, aber vielleicht ist es besser so.

Vielleicht wird er endlich seine Lektion lernen. Montgomery de la Cruz hat keine Gefühle. Besonders nicht für Schwuchtel wie ihn.
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