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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
3
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Dieses Kapitel
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18.11.2020 3.961
 
Einen schönen Abend, ihr Lieben!



Ich hoffe, es geht euch allen gut. Zum heutigen Kapitel will ich nur soviel sagen, dass es eines meiner liebsten ist. Wir lernen eine wichtige Person kennen und das Ende ist - zumindest meiner Meinung nach - sehr befriedigend auf seine Art. ;-)

Da ich euch nicht länger auf die Folter spannen will, wünsche ich euch jetzt viel Spaß beim Lesen und noch einen entspannten Abend. :-)

Liebe Grüße

eure Anja

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Kapitel 28: Der Weihnachtsmann existiert wirklich


Ich hätte nicht herkommen sollen.

Von der Stelle aus, an der ich stehe, sieht es viel mehr wie eine Familienzusammenkunft aus als eine Weihnachtsfeier.

Warum sollte er mich dazu einladen?

Die letzten fünfzehn Minuten oder so bin ich die Straße auf- und abgelaufen. Ich bin nicht sicher, ob ich reingehen soll.

Scott hat angeboten, mit mir zu kommen, für den Fall, dass es peinlich wird und ich jemanden brauche, mit dem ich reden kann. Ich habe gesagt, dass ich alleine klarkommen werde, aber jetzt wünschte ich wirklich, dass Scott – oder vielleicht sogar Charlie – hier bei mir wäre.

Ich sollte einfach wieder in mein Auto steigen und ihm schreiben, dass ich es nicht schaffe, bevor ich mich blamiere.

Ich werfe noch einen letzten Blick auf das Haus und sehe, wie die Vorhänge sich bewegen. Ich frage mich, ob er mich gesehen hat. Ich kann nicht abhauen, wenn er mich gesehen hat.

Wie festgefroren bleibe ich stehen und sehe dann zu, wie sich die Haustür öffnet und ein Kerl heraustritt, der aussieht, als wäre er nur ein paar Jahre älter als ich.

Er hat dunkles lockiges Haar – ähnlich wie Winstons –, aber sie sehen nicht aus, als wären sie verwandt. Er sieht viel gebräunter aus und ist viel größer als Winn.

„Kommst du rein, Junge?“, ruft er mir zu und ich schaue mich um und frage mich, ob ich immer noch eine Chance habe, wegzukommen.

Sein Akzent klingt komisch in meinen Ohren, wie eine Mischung aus britischem und australischem, und ich frage mich, wer der Kerl ist.

Er hält die Tür für mich auf, also seufze ich und überquere schnell die Straße.

„Du bist Winstons Junge, richtig?“, erkundigt er sich, als ich bei ihm ankomme, und wartet gar nicht erst auf eine Antwort. „Er hat den ganzen Abend auf dich gewartet, geh rein.“

Er legt eine Hand auf meinen Rücken und geleitet mich in den Flur, während er mit der anderen Hand die Tür schließt.

Ich ziehe meine Schuhe und meine Jacke aus und erwarte, dass der Typ mich alleine lässt. Er bleibt jedoch dort stehen und bewacht beinahe die Tür, als hätte er Angst, ich könnte abhauen.

Ich hoffe, dass er nicht noch einer von Winns „Freunden“ ist.

Ich höre Weihnachtsmusik, die aus dem Zimmer gegenüber kommt.

Rocking around the Christmas tree...

Ich kann mich kaum daran erinnern, wie Weihnachten bei mir zuhause gewesen ist. Mom hat immer ihr Bestes gegeben, es zu einem schönen Tag zu machen. Sie hat gekocht, unsere Geschenke eingepackt, mit uns Weihnachtsfilme angesehen… Dad hat es immer ruiniert, indem er auf irgendwas herumgehackt hat.

„Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, Kumpel“, erinnert der Kerl mich, aber es klingt nicht so, als wolle er einen Streit provozieren.

Er öffnet die Tür zum Wohnzimmer für uns und wir gehen hinein.

Ich habe Weihnachtsfilme gesehen, aber ich habe es persönlich noch nie erlebt. Der gewaltige Weihnachtsbaum, der in rot und weiß dekoriert ist, steht nahe der hinteren Wand. Der elektrisch betriebene Kamin daneben ist eingeschaltet und darüber befinden sich Weihnachtsstrümpfe. Das alles habe ich nie gehabt.

Ich blicke mich um und nehme die Weihnachtslichter und -dekorationen, die sich im ganzen Raum befinden, in mich auf. Ich frage mich, ob das für ihn Weihnachten ist. Ein Mann und eine Frau stehen beim Weihnachtsbaum, unterhalten sich und lachen. Eine Gruppe Kinder sitzt auf der Couch und isst Schokolade und eine ältere Frau läuft herum und greift nach allen Dekorationen, um sicherzustellen, dass alles perfekt ist.

„Hey! Du hast es geschafft!“

Ich reiße meine Augen von dem aufgeblasenen Weihnachtsmann los, der auf einem Sessel sitzt, und konzentriere mich auf ihn. Gott, er sieht so lächerlich aus. Aber so verdammt süß.

Er trägt einen schwarzen Weihnachtspullover mit angenähten Lichtern, die „Frohe Weihnachten“ ergeben, eine dunkelgraue Hose und eine Weihnachtsmannmütze. Und ist das Eierpunch, den er in der Hand hält?

Er kommt mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu uns und ich kann nicht anders, als zu lächeln.

Der britische/australische Typ verlässt meine Seite nicht und Winston grinst ihn ebenfalls an.

„Ich sehe, du hast Benji schon kennengelernt?“, fragt Winn mich und ich versuche immer noch zu entscheiden, ob der Kerl eine Bedrohung ist oder nicht.

„Oh scheiße, ich habe mich nicht mal vorgestellt. Sorry Kumpel“, meint er und hält mir dann seine Hand hin.

Ich schüttle sie vorsichtig und Winn beobachtet uns.

„Benji.“

„Monty.“

Wir ziehen uns Hände wieder zurück und wenden uns wieder Winn zu.

„Benji kommt aus Manchester. Er ist ein Freund der Familie“, erklärt er, als würde er meine Verwirrung bemerken.

„Oh“, mache ich und verstehe nicht, warum ich mich so aufführe. Ich schwöre, ich kann ganze Sätze bilden.

Benji klopft mir genauso auf den Rücken, wie Scott es so viele Male vor ihm getan hat, und etwas an ihm… Ich habe kein Problem mit ihm.

„Ich lasse euch allein“, sagt er und macht sich auf dem Weg zur Couch, wo sich die Kinder ihre Schokolade aufteilen.

Winn stellt seine Tasse auf einem Tisch in unserer Nähe ab und seufzt. „Ich dachte schon, du würdest es nicht schaffen.“

Ich habe es in Erwägung gezogen. Ich zucke die Achseln. „Ich würde dich nicht versetzen.“

Und dann erinnere ich mich daran, dass ich ihn zuvor bereits versetzt habe, und habe das Gefühl, als hätte ich die Dinge zwischen uns unangenehm gemacht, aber er kichert nur leise.

„Ja, kann mir nicht vorstellen, dass du das tun würdest“, witzelt er und sieht dann zurück zu der Tür nahe dem Weihnachtsbaum. „Willst du… ein paar Leute kennenlernen?“

Ein paar Leute… Familie. Er will, dass ich seine Familie kennenlerne. Das tun Freunde, oder? Daran ist nichts merkwürdig.

Ich nicke, als er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagert. „Sicher.“

Wir gehen an der Couch vorbei und Benji blickt auf und zwinkert mir verschlagen zu, als wüsste er etwas, das ich nicht weiß. Vielleicht tut er das wirklich.

Ich werfe dem Weihnachtsbaum einen letzten Blick zu, als wir durch die Tür ins Esszimmer treten. Hier verstecken sich also alle.

Es sind nicht viele Menschen hier, es ist aber definitiv eine kleine Familienzusammenkunft.

Ich erkenne Winns Mutter und nehme an, dass der Mann neben ihr Winns Vater ist. Sie lächeln mich an. Dann sind da drei ältere Personen, zwei Frauen und ein Mann. Vermutlich Winns Großeltern. Ich bemerke, dass nur ein Mann da ist und frage mich, ob es seinem anderen Großvater etwas besser geht. Ein paar Teenager sitzen herum und hören den Erwachsenen bei ihrer Unterhaltung zu, aber sie halten alle inne, sobald Winn und ich den Raum betreten.

„Ähm, ihr alle“, sagt Winn unbeholfen in den Raum. Ich frage mich, wie er mich vorstellen wird. „Das ist Monty, ein Freund von der Liberty.“

Und da ist es. Freund.

Sie begrüßen mich und lächeln mich an. Alles scheint einfach so… perfekt zu sein.

„Komm und probiere ein Stück vom Kuchen, den Oma gebacken hat“, sagt eines der Teenagermädchen und ich spüre, wie Winn sich neben mir entspannt.

Nun, das war nicht so peinlich, wie ich befürchtet habe.

***


Vor ein paar Minuten habe ich es geschafft, vor der Unterhaltung mit den Erwachsenen zu flüchten. Jetzt sitze ich auf dem Sofa mit dem Haufen Kinder und ein paar Teenagern aus dem Esszimmer (sie sind mir hierher gefolgt) und versuche zu erklären, warum der Weihnachtsmann wirklich existiert.

„Ich habe dieses Video auf YouTube gesehen und es war vom richtigen Weihnachtsmann“, erzählt mir einer der Jungs. Er wirkt nicht älter als sechs.

„Nun, da hört ihr‘s“, sage ich zu ihnen, auch wenn die Teenager über den kleinen Jungen die Augen verdrehen.

Ich bin froh, dass Winn nicht in der Nähe ist. Er ist vor einer Weile mit Benji verschwunden, um etwas von oben zu holen. Ich mache mir wegen Benji keine Sorgen, er scheint cool zu sein.

Ich sitze auf der Couch zwischen drei Kids, während die Teenager auf dem Sofa gegenüber von mir sitzen. Sie hängen an meinen Lippen, als wäre ich irgendeine Gottheit, und es ist kein unangenehmes Gefühl.

„Wir sind wieder da! Wir sind wieder da!“ Ich höre Benjis Stimme, als sie jeder mit einer verstaubten Kiste in den Händen zurück ins Zimmer kommen.

Winn sieht ein wenig benommen aus und ich starre ihn an.

„Wir wären früher wieder da gewesen“, berichtet Benji uns, als er an der Couch Halt macht. „Aber da war eine Spinne und Winston hat sich die Seele aus dem Leib geschrien.“

Die Kinder lachen, während Winn im Hintergrund die Augen verdreht.

„Habe ich nicht“, versucht er zu sagen, aber wir wissen alle, dass er lügt.

Er folgt Benji zurück ins Esszimmer und ich starre ihm nach. Es stört mich nicht, hier mit seiner Familie abzuhängen, aber ich wünschte, wir könnten einen Moment für uns allein haben.

Ein paar Sekunden später taucht er wieder auf und mir ist bewusst, dass einer der Jungs etwas zu mir sagt, aber es interessiert mich nicht. Ich kann meine Augen einfach nicht von ihm abwenden.

„Worüber reden ihr?“, erkundigt sich Winston, als das Lied zu Last Christmas wechselt, und er kommt herüber, um sich neben mich auf die Couch zu setzen.

Ich wünschte nur, Lucas wäre hier, um uns so zu sehen. Das Arschloch muss gedemütigt werden.

„Wir hatten mal was miteinander.“

Ja, ihr hattet.

„Monty denkt, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt“, erklärt eines der Mädchen Winn und er lacht und sieht mich an.

„Natürlich denkt er das“, erzählt Winn ihnen und er bewegt seine Hand über die Couch, sodass sie näher an meiner ist. Unsere Finger sind bloß ein paar Zentimeter voneinander entfernt.

Ich versuche, mir in Erinnerung zu rufen, dass Freunde nicht Händchen halten, aber meine Hand scheint einen eigenen Willen zu haben und sie bewegt sich langsam vor, bis sich unsere Fingerspitzen berühren.

Er zieht seine Hand nicht zurück und ich seufze erleichtert auf.

Ein paar weitere Minuten bleiben wir so sitzen, während wir versuchen, unseren Standpunkt, dass der Weihnachtsmann existiert, darzulegen.

Aber dann kommt Benji wieder aus dem Esszimmer und trägt ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Er hält einen Stock in der Hand und an dessen Ende befindet sich ein Mistelzweig, der mit einer Schleife zusammengebunden ist.

„Macht Platz, macht Platz“, sagt er, aber er läuft direkt auf das Sofa zu, direkt auf uns zu…

„Benji…“, sagt Winston, aber Benji hört nicht auf und Winston seufzt und sieht mich mit erhobener Augenbraue an.

Ich könnte mich in Bewegung setzen, wie es die Kinder getan haben. Sie sind weggerannt und stehen jetzt kichernd in einer Ecke.

Benji hält ein paar Zentimeter vor uns an und hält den Mistelzweig über unsere Köpfe. Ich schwöre, dieser Kerl… überhaupt nicht subtil.

Ich bin nicht sicher, was ich machen soll, und Winston sieht auch nervös aus.

„Kommt schon, Jungs, es ist eine Tradition“, schimpft Benji mit uns. „Zwingt mich nicht, zu euch rüber zu kommen und eure Köpfe zusammenzudrücken.“

Er zieht mich aus der Friendzone.

„Scheiß drauf“, sage ich und drehe den Kopf zu Winns.

Er lächelt schüchtern und dann huschen seine Augen zu meinen Lippen. Aber ich werde ihn nicht auf die Lippen küssen. Er will, dass wir Freunde sind? Ich werde ihm zeigen, wie sich Freunde küssen sollen.

Ich lege meine Hand unter sein Kinn und drehe seinen Kopf zur Seite und ehe er protestieren kann, platziere ich einen Kuss auf seiner Wange. Meine Nase streicht leicht an seinem Wangenknochen vorbei und meine Lippen berühren kurz seine Haut.

Mein Herz hämmert, als ich mich zurück zu meinem Platz bewege, und Winn schaut mich nicht an.

Benji sieht auch nicht glücklich aus und schüttelt den Kopf, als wäre er enttäuscht von mir.

„Dieses eine Mal werde ich das durchgehen lassen“, sagt er zu uns und ich weiß nicht, was das bedeutet, aber ich habe das Gefühl, dass er nicht zulassen wird, dass ich allzu lange in der Friendzone bleibe.

***


Winn versucht, sich für den Rest des Abends normal zu verhalten, aber jedes Mal, wenn sich unsere Blicke kreuzen, sieht er schnell wieder weg. Scheiße, ich habe nicht gewollt, dass er sich unbehaglich fühlt.

Wir sollen bald im Esszimmer essen. Winn hat angeboten, beim Decken des Tisches zu helfen, was – wie ich vermute – nur eine Ausrede ist, um von mir wegzukommen.

„Also…“

Nicht dieser Typ schon wieder.

Benji kommt, um mir beim Weihnachtsbaum Gesellschaft zu leisen, und ich seufze. Die Kinder sind gerade im Badezimmer, um sich vor dem Abendessen die Hände zu waschen. Daher sind nur er und ich im Wohnzimmer.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und er streckt eine Hand aus, um eine der Engeldekorationen zu berühren, die am Baum hängt.

„Warum bist du gerade nicht bei ihm?“, will Benji von mir wissen und ich hasse es, wie neugierig er ist. Wenn er nur nicht diesen Trick mit dem Mistelzweig abgezogen hätte…

Ich zucke mit den Achseln und Benji schnaubt.

„Gott, ich habe echt gedacht, Beziehungen zwischen Kerlen wären so viel weniger kompliziert“, sagt er und ich funkele ihn böse an. Was gibt ihm das Recht, hier zu stehen und über mich zu urteilen?

„Fick dich“, sage ich leise für den Fall, dass uns jemand aus dem Esszimmer hören kann. „Wir sind nicht zusammen.“

„Ja“, meint Benji und hebt die Augenbrauen. „Das kann ich sehen. Aber zuzusehen, wie ihr zwei euch anseht, wenn der andere gerade nicht hinschaut… es ist ermüdend, Kumpel. Ich meine, bist du es nicht leid?“

Ich blinzele und versuche, meine Augen auf den Weihnachtsbaum gerichtet zu lassen. Er hat mich angesehen?

„Wir sind Freunde“, sage ich, aber ich mache niemandem von uns etwas vor.

„Bitte“, meint Benji. „Der Kerl ist bis über beide Ohren in dich verliebt und dir geht es nicht anders. Ich habe ihn noch nie so nervös und aufgebracht gesehen wie heute, als du die ersten Minuten lang nicht aufgetaucht bist. Übrigens, gern geschehen, dass ich deinen Arsch hier reingeschleppt habe.“

Als er mich hierher eingeladen hat, hat er so getan, als wäre es nicht wichtig. Als könnte es ihn nicht weniger interessieren, ob ich komme oder nicht. Aber jetzt erzählt Benji mir, dass er mich wirklich hier haben wollte.

„Ich werde dir einen Platz am Tisch freihalten“, meint Benji dann und klopft mir auf die Schulter, während er an mir vorbeigeht, um ins Esszimmer zu gehen.

Ein paar Minuten stehe ich noch da, bis Winns Mutter mich ruft, um mich zu setzen und mit ihn zu essen. Benji hat nicht gelogen. Neben Winn steht ein freier Stuhl und ich bin sicher, dass er ihn mir freigehalten hat, weil Winn mich nicht einmal ansieht, als ich mich hinsetze.

Ich blicke auf die Gerichte auf dem Tisch. Es sieht wie ein Festmahl aus im Vergleich zu dem Weihnachtsessen, das meine Mutter früher für uns gemacht hat.

„Eine Weihnachtsfeier.“ Er hat mich zu einem Familientreffen eingeladen und versucht nicht einmal, es zu verbergen.

Ich bin nicht sicher, was ich auf meinen Teller machen soll und sitze nur da und beobachte die Leute am Tisch, wie sie sich unterhalten und verschiedene Gerichte auf ihre Teller laden.

„Warte, probiere das“, sagt Winn zu mir und es ist vermutlich das erste Mal seit der Katastrophe mit dem Mistelzweig, dass er mich direkt anspricht.

Er greift über den Tisch und benutzt seine Gabel, um ein kleines Fleischbällchen von einem Teller zu picken. Dann hält er mir die Gabel hin und sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Unsicher öffne ich die Lippen und er schiebt mir das Fleischbällchen in den Mund. Seine andere Hand ruht unter meinem Kinn für den Fall, dass ich etwas fallen lasse, aber das werde ich nicht tun. Ich werde mich nicht vor seiner Familie blamieren.

Ich kaue und er sieht mir dabei zu.

„Was denkst du?“, fragt er mich und ich nicke.

„Es ist… gut.“ Ich könnte es näher erläutern, bin jedoch abgelenkt, weil er mit seinem Daumen über meine Lippe streicht und diesen anschließend ableckt. Ich bin ziemlich sicher, dass nichts auf meiner Lippe war, halte aber den Mund.

„Ich habe geholfen, sie zu machen“, berichtet er mir stolz und wendet sich dann wieder dem Esstisch zu, um ein paar auf seinen eigenen Teller zu legen.

„Sie sind besser als das French Toast“, sage ich und er lacht leise. Ich lächle beim Gedanken an die Erinnerung und strecke den Arm über den Tisch aus, um mehr Fleischbällchen auf meinen Teller zu tun.

Er sagt nichts, als unsere Hände aneinander vorbeistreichen, als wir nach dem Teller greifen. Aber es fühlt sich nicht mehr merkwürdig an.

***


„Es ist Rugby, nur mit Schutzkleidung“, diskutiert Benji mit mir. „Ich verstehe die Aufregung nicht.“

„Ich verstehe nicht, was so toll daran sein soll, neunzig Minuten lang einen Ball hin und her zu schießen“, kontere ich und Winn lacht neben mir. Er weiß, wie sehr ich Fußball hasse.

„Oh nein, das hast du nicht gesagt“, witzelt Benji und die Erwachsenen, die unserem Gespräch lauschen, lachen, als Benji so tut, als würde er seine Gabel nach mir werfen.

„Ich verteidige Football bis zum Tod“, erkläre ich ihm.

Wir haben unser Spiel gestern gewonnen und ich habe einen großen Bluterguss auf meinem Brustkorb zurückbehalten, wo jemand mir einen Schlag mit dem Ellbogen verpasst hat.

Football“, ahmt Benji mich nach. „Wo ist der Fuß und wo der Ball in dem Spiel?“

Vermutlich hat er nicht ganz Unrecht, aber ich komme nicht dazu, etwas zu entgegnen, weil jemand an der Haustür klingelt und wir schauen uns am Tisch um, zu festzustellen, ob jemand einen Gast erwartet. Am Tisch ist kein freier Platz mehr und alle wirken verwirrt.

„Ich gehe aufmachen“, sagt Winns Mutter und steht auf.

Benji setzt unsere Unterhaltung über Football und Fußball fort und will Winns Meinung darüber hören, aber er weigert sich, einzusteigen.

Benji schüttelt den Kopf und ein paar Haarsträhnen fallen über seine Augen. „Amerikaner.“

Wir lachen über Benjis Frustration und ich spüre, wie Winns Knie meines unter dem Tisch berührt.

Ich werfe ihm von der Seite einen Blick zu, aber er sieht so unschuldig aus. Ich weiß, dass er in Wirklichkeit nicht so unschuldig ist.

Ich will das Gespräch mit Benji fortsetzen, aber Winns Mutter kehrt ins Esszimmer zurück und sie ist nicht allein.

Ich sehe einen Wust fettiger ungekämmter blonder Haare hinter ihr stehen und presse meine Kiefer aufeinander. Ist er auch eingeladen worden?

Lucas steht im Türrahmen, Mantel und Schuhe hat er noch an, und er hält eine Wintermütze in der Hand.

Ich bin drauf und dran ihn zu fragen, was er hier zu suchen hat, aber jemand kommt mir zuvor.

„Wer zur Hölle hat diesen Kerl eingeladen?“ Benji steht von seinem Stuhl auf und seine Gabel klappert gegen seinen Teller. Er blickt sich anklagend am Tisch um und ich kann nicht anders, als zu bemerken, dass seine Augen auf Winn ruhen.

„Benji!“

„Benjamin!“

„Pass auf, was du sagst, junger Mann!“

Aber Benji kümmert es nicht und er wendet den Blick von Winn ab, um Lucas geringschätzig anzustarren.

„Ich komme nur kurz vorbei“, sagt er leise und tritt einen Schritt zurück, als wäre er besorgt, Benji könnte sich jeden Augenblick auf ihn stürzen. Es würde mich nicht überraschen.

„Ich geleite dich gleich wieder raus“, sagt Benji zu ihm und seine Lippen sind zu einer schmalen Linie zusammengepresst, während er die Arme vor der Brust verschränkt. Ich kenne den Kerl seit gerade einmal zwei Stunden oder so, aber ich habe nicht erwartet, dass er so wütend wird.

„Setz dich hin, Benji“, befiehlt Winns Mutter und Benji ist nicht so dumm, mit ihr zu diskutieren, weshalb er sich wieder auf seinen Stuhl setzt.

Ich habe das Gefühl, als sollte ich etwas sagen. Ich weiß nur nicht, was. Winston blickt mich immer wieder von der Seite an, aber ich halte meinen Blick auf Lucas gerichtet. Hat er tatsächlich uns beide eingeladen?

„Kann ich kurz mit Winston sprechen?“, fragt Lucas unsicher und ich sehe, wie sich sein Adamsapfel hebt und senkt, als er nervös schluckt.

Sag nein. Bitte, sag nein. Sag ihm, dass er verschwinden soll.

Aber er steht langsam auf, ohne mich überhaupt anzusehen, und Benji sieht mich an, als sollte ich etwas unternehmen. Aber das steht mir nicht zu, Winston gehört nicht zu mir.

„Ich bin gleich zurück“, murmelt Winston und ich bin nicht sicher, ob er mit mir redet oder allgemein mit allen.

Er geht jedoch. Mit ihm.

***


Benji zögert nicht mal, sich auf Winstons Platz zu setzen, während er weg ist.

„Schau Mann, ich sage nur, falls du ihm eine reinhauen wollen würdest… werde ich nicht derjenige sein, der dich zurückhält“, erklärt er mir und ich schnaube.

„Danke“, sage ich zu ihm, aber ich weiß, dass es nicht klug wäre, Lucas eine zu verpassen.

Benji ist auch kein Fan von Lucas.

Er versucht immer noch, mich davon zu überzeugen, dass Lucas einen Hieb vertragen kann, als Winn zurück ins Zimmer kommt.

Ich schaue auf die Uhr: Sie sind nur um die sieben Minuten weg gewesen.

Winn macht sich auf dem Weg zurück zum Tisch und sieht nicht glücklich aus, da er den Kopf hängen lässt.

Lucas wirft ihm einen letzten Blick zu und wendet sich anschließend vom Esszimmer ab.

„Ich bringe dich raus“, sage ich zu ihm und stehe auf.

Ich ignoriere Benjis Grinsen und seinen Klaps, den er mir auf den Arm gibt, und folge Lucas durch das Wohnzimmer und in den Flur.

Sobald wir im Flur sind, hält er endlich an, um mich anzusehen.

„Was willst du?“, will er von mir wissen und seufzt. „Ich weiß, dass du mich nicht einfach aus der Güte deines Herzens heraus hinausbegleitest.“

Ist es echt so offensichtlich? Was hat mich verraten? Meine stetigen finsteren Blicke in seine Richtung oder dass ich meine Augen verdrehe, wann immer er den Mund aufmacht?

„Schau, du willst Winston? Nimm ihn dir, ich will ihn nicht. Er ist es nicht wert“, sagt er und ich frage mich, ob Winn ihm erzählt hat, dass wir was miteinander gehabt haben oder ob er es selber herausgefunden hat.

Aber wie kann er so etwas über Winn sagen? Er ist es nicht wert? Fick dich.

Ich funkele ihn wütend an und er schnaubt.

„In der einen Woche fleht er mich an, ihn zu ficken, und in der nächsten sagt er mir ab, um mit dir einen Kaffee trinken zu gehen“, erzählt er mir und ich starre ihn an. Er… er hat ihn gefickt? Ich meine, ich habe zugelassen, dass irgendein Kerl mir einen bläst, aber ich habe ihn nicht gefickt.

Lucas sieht meinen Gesichtsausdruck und lacht kalt. „Mach dir keine Sorgen, wir sind nicht weit gekommen. Ich habe aufgehört, nachdem er zweimal deinen Namen gesagt hat.“

Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Ich bin so verwirrt. Ich muss mit Winn sprechen.

„Lass mich dir einen Rat geben“, sagt Lucas und ich verdrehe die Augen. Als würde ich jemals seinen Rat befolgen. „Verschwinde, bevor es zu spät ist. Er tut so, als… aber es ist so eine verdammte Hure. Er würde mit jedem schlafen, es mit jedem treiben. Und irgendwann wird er deiner überdrüssig und sucht sich den nächsten Typen, mit dem er vögeln kann.“

So ist er aber nicht. Er kennt ihn nicht. Er weiß nicht, wovon er redet.

Er hat gesagt, dass er mich liebt. Er ist nicht… er wird meiner nicht überdrüssig werden.

Warte. Hat er Winn gerade eine Hure genannt?

Und ehe ich es mich versehe, habe ich meine Hände zu Fäuste geballt und irgendwie schafft es eine, Lucas im Gesicht zu treffen.

Wie ich gesagt habe, sie haben ihren eigenen Willen.
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