Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 Slash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
2
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
06.11.2020 4.329
 
Guten Abend ihr Lieben!



Es ist Freitagabend und damit Zeit für ein neues Kapitel. Heute ist es mal wieder etwas länger und es passiert etwas Entscheidendes…

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und bedanke mich an dieser Stelle noch einmal für eure tollen Reviews. :-)

Liebe Grüße

eure Anja

_____________________________________


Kapitel 23: Ein Albtraum nach dem anderen


Ich kann nicht schlafen.

Scott liegt rechts von mir und schnarcht leise, aber er ist nicht der Grund, weshalb ich nicht schlafen kann.

Immer wieder spiele ich das Gespräch mit Zach in meinem Kopf ab und versuche mir vorzustellen, wie es abgelaufen ist.

„Ich liebe Monty“, oder war es „Ich glaube, ich liebe Monty“ oder – noch besser – „Ich glaube, ich fange an, Monty zu lieben“.

Was es auch gewesen ist, es schmerzt trotzdem.

Er hat mir nie gesagt, was er empfindet. Warum zur Hölle hat er es nicht?

Hätte es etwas geändert? Ich denke gerne, dass es so wäre.

„Charlie?“

Seit ich mit Zach gesprochen habe, brenne ich darauf, mit ihm zu reden. Ich habe nur nicht gewusst, wie ich das Gespräch anfangen sollte.

„Hmm?“

Ich schlucke schwer. „Schläfst du?“ Was in Wirklichkeit bedeutet: „Kann ich mit dir reden?“

Charlie schläft links von mir, aber wir haben unsere Rücken einander zugewandt.

„Nein.“

Charlie wird wissen, was zu tun ist.

Langsam drehe ich mich auf meine Seite und das Bett knarzt, als er dasselbe tut, bis wir einander ansehen.

„Wirst du mir erzählen, was passiert ist?“, fragt Charlie mich leise und ich seufze. Ich will es wirklich, will aber nicht, dass er erfährt, wie schlecht ich Winn behandelt habe.

Aber Charlie ist der Einzige, der mir die Ratschläge gibt, die ich brauche. Mit Scott kann ich nicht über diesen Mist reden, er wird es nicht verstehen.

Charlie hat mich noch nie verurteilt. Er hat mich zusammengeschissen und ist wütend auf mich geworden, aber er hat mich nie verurteilt.

„Samstag sind wir auf Bryce und diesem anderen Kerl gestoßen“, berichte ich Charlie, weil es keinen Zweck hat, um den heißen Brei herumzureden. Sein Gesicht bleibt ausdruckslos, während ich kurz erkläre, wer Ryan ist und was er getan hat, als er mich mit Winn gesehen hat.

„Was hast du ihm also gesagt?“

Es ist dunkel, aber ich kann Charlies Gesichtsausdruck deutlich sehen. Er wartet darauf, dass ich ihm erzähle, was ich getan habe, um es so krass zu vermasseln.

„Ich habe gesagt, dass Winn mich erpresst hat, damit ich mit ihm abhänge“, sage ich leise und Charlies Gesicht versteinert. „Ich… Ryan hat irgendeinen Scheiß gesagt. Ihn beleidigt und ihn dann…“

„Dann was?“, fragt Charlie kalt, weil er bereits ahnt, dass es nur noch schlimmer werden wird.

„Ryan hat ihm ins Gesicht gespuckt“, sage ich und mache eine Pause. „Ich habe gelacht und Winston weggehen lassen.“

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich diese Nacht noch einmal durchlebt habe. Scheiße, ich habe sogar davon geträumt. Manchmal ist es ein Albtraum und manchmal ist es meine ausgedachte Version, in der ich mich Ryan entgegenstelle und danach Winn mit aufs Riesenrad nehme.

Du kannst bestimmt erraten, welche ich bevorzuge.

Charlie seufzt und schüttelt den Kopf. „Scheiße. Monty…“

Ich wünschte, dass das alles gewesen wäre. Ich wünschte, ich hätte meinen verdammten Mund gehalten.

„Dann bin ich ihm nachgegangen“, berichte ich langsam und Charlie sieht mich mit diesem Ausdruck an, als wüsste er, dass das hier nicht in Ordnung gebracht werden kann. „Er hat mir gesagt, dass ich Zeit bräuchte, weil ich… weil ich nicht bereit für eine Beziehung wäre.“

Charlie sieht aus, als wollte er Winn zustimmen, aber er presst die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen.

„Also habe ich…“ Aber ich weiß nicht, ob ich den nächsten Teil aussprechen kann. Sobald diese Worte draußen sind, werden mindestens drei Personen wissen, was ich gesagt habe. „Ich habe… einige verletzende Dinge gesagt.“

Meine Stimme ist kaum zu hören, aber das Zimmer ist still, mit Ausnahme von Scotts Schnarchen, und ich weiß, dass Charlie mich verstanden hat.

Einen Augenblick lang sagt Charlie nichts und ich liege nur da und denke über den Streit nach, den wir im Hotelzimmer gehabt haben.

„Liebst du… ihn?“, fragt Charlie leise und überrascht mich damit.

Was hat das mit alldem zu tun?

Ihn lieben?

Nein. Natürlich nicht.

Ich kann ihn nicht lieben. Ich wüsste nicht einmal, wie ich das tun sollte.

„Ich–“

„Monty…“ Charlie seufzt und ich bereite mich auf das Schlimmste vor. „Du weißt, ich bin dein Freund, aber… ich denke, dass du diesmal zu weit gegangen bist. Du hattest jemanden, der bereit war, dir durch alles beizustehen – durch all deinen Scheiß, deine Probleme und deine Dramen. Und du hast es verloren und für was? Für Bryce‘ Anerkennung?“

Ich sage nichts. Er weist mich zurecht. Es ist nicht das, was ich gewollt habe, aber vielleicht ist es das, was ich brauche.

„Wenn du ihn liebst…“, sagt Charlie und seine Stimme ist kaum lauter als ein Flüstern, aber er ist wütend auf mich. Ich habe ihn noch nie so wütend gesehen. „Dann lässt du ihn verdammt nochmal in Ruhe, weil es scheint, als würdest du ihn – und dabei auch dich – nur verletzen.“

Ich versuche, es sacken aufzunehmen, aber ich… ich weiß einfach nicht, was ich denken soll.

Charlie ist niemand, der andere aufgibt. Nie. Und jetzt sagt er mir, dass ich das Handtuch werfen soll.

Wie soll ich ihn in Ruhe lassen? Wie soll ich mein Leben weiterleben in dem Wissen, dass er mich geliebt hat und ich ihn nur verletzt habe?

Aber Charlie ist noch nicht fertig. „Oder du kämpfst um ihn. Und ich meine es. Kämpf verflucht nochmal um ihn. Entschuldige dich nicht einfach nur und hör dann auf. Du musst dich verdammt sehr viel mehr anstrengen, damit er dir vergibt. Und selbst dann kann es sein, dass es dir nicht vergibt. Es würde mich nicht überraschen. Wenn du also nicht bereit bist, alles von dir in diese Beziehung zu stecken, damit sie funktioniert, gib dir keine Mühe. Und lass ihn einfach in Ruhe, weil du ihn nur weiterhin verletzen wirst.“

Ein paar Sekunden lang ist es totenstill, sogar Scott hat aufgehört zu schnarchen und ich liege nur da und denke über Charlies Rat nach.

Ich verletze ihn wirklich. Verdammt, ich habe ihn öfter verletzt, als ich zählen kann. Und ich werde es weiterhin tun, wenn ich mich nicht um meinen Scheiß kümmern kann.

„Ich gehe etwas zu trinken holen“, meint Charlie leise. Er setzt sich auf und erhebt sich vom Bett. Die Atmosphäre im Raum ist erstickend und ich mache ihm keinen Vorwurf, weil er abhauen will.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich fähig bin, so viel Mühe in eine Beziehung zu stecken. Besonders in eine Beziehung mit einem Kerl. Nicht mit meinem Dad in der Nähe.

Haben wir überhaupt jemals die Chance gehabt, zusammen glücklich zu sein?

Vielleicht in einem anderen Leben, vielleicht in ein paar Jahren, vielleicht nie.

***


Ich rechne damit, dass Charlie mir vielleicht ein bisschen die kalte Schulter zeigt und mich anders behandelt, aber am Montag sind wir zurück in der Schule und alles scheint in Ordnung zu sein.

„Habt ihr Pläne für Thanksgiving?“, fragt Charlie in der Mittagspause und ich zucke mit den Schultern.

Wir feiern kein Thanksgiving. Es ist ein amerikanischer Feiertag und Dad hasst ihn.

Scott schluckt das Essen, das er im Mund hat, und sieht dann zu mir. „Du kannst mit meiner Familie abhängen, wenn du willst. Du weißt, wie sehr sie dich lieben.“

Aber es ist ein Familienfeiertag und so sehr ich Scotty liebe, er ist nicht meine Familie.

Das ist er einmal gewesen, aber er ist es nicht mehr. Ich hasse es, das zu sagen, aber wir haben uns auseinandergelebt.

Ich schüttle den Kopf. „Nee, ist schon Ordnung. Ich werde einfach meine Hausaufgaben auf den aktuellen Stand bringen oder so einen Scheiß.“

Scott hebt seine Augenbrauen, kommentiert es aber nicht. Ich hänge mit den Hausaufgaben so hinterher nach all den Tagen, die ich zuhause geblieben bin, aber glücklicherweise hat zumindest Lawrence meinen Abgabetermin verlängert.

Ich muss einfach den Kopf unten halten, in der Schule arbeiten, unser letztes Spiel spielen und dann werden nur noch die Entscheidungsspiele wichtig sein. Ich muss meine Kräfte schonen.

„Kann ich euch etwas erzählen?“, erkundigt sich Charlie und ich blicke von meinem Essen auf.

„Was ist es?“, sage ich mit vollem Mund und Charlie sieht angewidert aus.

„Ihr dürft nicht lachen“, meint er und Scott schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Wann haben wir jemals über dich gelacht?“, fragt Scott und ich schnaube, aber Charlie ignoriert es.

„Wie auch immer. Ihr erinnert euch an die Party, richtig?“, will Charlie wissen und ich schnaube.

Minimal. Ich erinnere mich daran, wie ich gekotzt und mich vor der gesamten Mannschaft blamiert habe.

„Ich habe irgendwie… ähm. Ich habe mich mit Alex auf der Party unterhalten“, sagt er und den Namen zu hören…

Ich wünschte, ich könnte im Flur an Winn vorbeigehen, ohne hinzuschauen, aber immer, wenn ich ihn sehe, starre ich ihn an, ohne es zu wollen. Und jedes Mal ist er mit Alex oder Tyler zusammen.

Es fühlt sich nicht mehr so an, als gehöre er mir.

Aber ich habe ein Versprechen gegeben, ich bin nicht bereit für eine Beziehung. Ich muss ihn in Ruhe lassen. Es muss das Schwerste sein, was ich jemals getan habe.

Scott wartet darauf, dass Charlie uns den nächsten Teil seiner ach-so-interessanten Geschichte erzählt. Ich verdrehe die Augen.

„Ich glaube, wir haben uns gut verstanden?“, sagt Charlie unsicher und sieht uns an, als wolle er unsere Zustimmung. „Irgendwie. Wir haben uns echt nett unterhalten und es war einfach… anders.“

„Magst du ihn?“, fragt Scott und ich will, dass Charlie nickt.

Ich will, dass Charlie Alex mag und ich will, dass Alex Charlie mag. Ich will Alex aus dem Weg haben.

Aber Charlie zuckt mit den Achseln. „Ich weiß nicht… Vielleicht? Ich würde ihn gerne kennenlernen.“

Ja. Ja. Nimm Alex aus dem Weg, verbring Zeit mit ihm.

„Du solltest mit ihm reden“, sage ich und dann taucht eine Idee in meinem Kopf auf, als ich die Poster an der Wand erblicke. „Nimm ihn mit auf den Winterball.“

Er ist noch ein paar Wochen entfernt, aber wenigstens wird er dann nicht mit…

„Ich weiß nicht…“ Charlie zögert. „Denkt ihr nicht, dass es ein bisschen viel für ein erstes Date ist?“

Charlie ist immer derjenige gewesen, der mir Ratschläge gegeben hat. Jetzt revanchiere ich mich und die Tatsache, dass wir beide davon profitieren könnten, ist nur ein unbedeutendes Detail.

„Dann geht als Freunde“, meint Scott beiläufig und ich bin froh, dass er mich in dieser Sache unterstützt.

Vielleicht kann ich Winn fragen, ob er mit mir auf den Winterball geht? Das sollte ihn glücklich machen, richtig?

Charlie zuckt mit den Achseln. „Ja… okay. Ich werde ihn fragen.“

***


Wir haben Mittwoch, Donnerstag und Freitag wegen Thanksgiving schulfrei und Charlie hat Alex immer noch nicht gefragt, ob er mit ihm auf den Ball geht. Er muss sich beeilen, bevor…

Immer, wenn ich ihn auf dem Gang sehe, will ich ihn darüber ausfragen, was er Zach erzählt hat. Hat er es wirklich so gemeint?

Ich starre ihn aus der Entfernung an und versuche herauszufinden, ob er so leidet wie ich oder ob er bereits darüber hinweg ist. Ich schaue ihn immer wieder an und er blickt nie zurück. Er lacht nur mit all seinen Freunden.

Abstand und Zeit. Hoffentlich nicht zu viel Zeit.

Ich habe immer noch nicht mit Estela über das gesprochen, was letzte Woche passiert ist, aber sie ist ein schlaues Mädchen. Sie kann selbst dahinterkommen.

Sie verbringt ihre meiste Zeit mittlerweile in ihrem Zimmer. Mom und Dad streiten fast jeden Tag, aber wir haben gelernt, es wie ein Hintergrundgeräusch zu behandeln.

Es ist jetzt normal, aber ich bin immer noch überrascht, wenn Estela in mein Schlafzimmer kommt, um nach mir zu sehen. Wahrscheinlich, um sicherzugehen, dass ich nicht wieder 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche nur im Bett liege.

Nein, nach dem Chaos, das ich am Sonntag angerichtet habe… werde ich nie wieder trinken. Ich werde immer in Charlies Schuld stehen, weil er für Lukes Couch bezahlt hat.

„Hausaufgaben?“, will sie wissen, als sie mich am meinem Schreibtisch sitzen sieht, der vor mir mit verschiedenen Papieren übersäht ist.

Ich nicke und seufze. Ich werde es offensichtlich nicht schaffen, sie alle zu erledigen, aber ich kann zumindest versuchen, ein paar fertigzumachen.

Sie steht unsicher im Türrahmen und tritt dann ein. Ich hoffe, sie wird mich nicht nach Winn fragen.

Aber Estela hat andere Pläne. „Hat Scott dir erzählt, warum wir uns getrennt haben?“

Ich habe beschlossen, die ganze Sache mit Scott zu vergessen. Sie ist Vergangenheit. Ich habe genug andere Dinge im Kopf.

Ich lege meinen Stift auf den Tisch und seufze. Warum beschließt sie jetzt, mich das zu fragen? Aber es könnte gut sein, ausnahmsweise einmal an etwas anderes zu denken…

„Er hat mir erzählt, dass du dich von ihm getrennt hast. Das ist alles“, sage ich und Estela nickt langsam. Und ihrer Reaktion nach zu urteilen, hat Scott mich entweder angelogen oder es steckt mehr hinter der Geschichte.

Sie geht hinüber zu meinem Bett und ich höre, wie es quietscht, als sie sich daraufsetzt. Ich könnte weiter die Wand anstarren und mit ihr reden, aber das fühlt sich nicht richtig an. Also drehe ich meinen Stuhl, bis ich sie ansehe, und sie sitzt auf meiner Bettkante.

Ich frage sie nicht, was sie will. Ich warte einfach ab, so wie Charlie es immer bei mir tut, bis ich ihm meinen Scheiß erzähle.

„Er… ähm. Er wollte, dass ich seine Eltern kennenlerne“, sagt Estela leise und reibt ihre Knie mit den Händen. Ich habe seine Eltern kennenlernen sollen… „Ich bin irgendwie… ausgeflippt? Ich dachte, wir würden es zu schnell angehen, aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher…“

Ich seufze. Ich will wirklich nicht, dass Scott und Estela wieder zusammenkommen. Für uns alle ist es besser, wenn sie es nicht tun.

Estela ist immer noch jung, sie hat immer noch Zeit, mit vielen Kerlen auszugehen. Scott muss keiner von ihnen sein.

„Warum erzählst du mir das?“, will ich wissen. Ich hebe eine Augenbraue und Estela wirkt nervös.

„Ich wollte nur… Ich wollte nur wissen, ob… Ich meine–“

„Wie ich es finden würde, wenn du und Scott wieder zusammen wärt?“, unterbreche ich sie und sie nickt unsicher.

Wie würde ich es finden?

Es wäre seltsam, definitiv seltsam, und ich könnte eine Weile brauchen, um mich daran zu gewöhnen. Aber wenn sie sich wieder trennen… Ich wäre gezwungen, eine Seite zu wählen und ich will nicht noch einen Freund verlieren.

„Liebst du ihn?“, frage ich sie. Ich kanalisiere meinen inneren Charlie. Er hat mir genug Ratschläge gegeben, dass ich weiß, was ich in einer solchen Situation sagen muss.

Estela zuckt die Achseln. „Vielleicht? Ich bin nicht sicher… Aber wenn ich mit ihm zusammen bin, fühlt sich alles einfach so richtig an.“ Sie hält inne und seufzt. Sie erwartet nicht, dass ich es verstehe. „Es hat mich nicht einmal interessiert, was andere denken könnten – besonders du. Es hat mich nicht interessiert, ob du es herausfindest, weil Scott… mit ihm zusammen zu sein, hat einfach alles so… leicht gemacht.“

Ich kann fühlen, wie sich meine Brust wieder zusammenzieht. Ein tiefer Atemzug und es tut immer noch weh, aber es schmerzt ein bisschen weniger.

Ich will Estela erzählen, dass – wenn du so etwas hast – du es festhalten musst und nie wieder loslassen darfst. Du musst sicherstellen, dass du es nicht verlierst. Aber würde mich das nicht zu einem Heuchler machen?

***


Dieser Tag ist von Anfang an ein Desaster.

Zuerst wache ich um fünf Uhr morgens auf, weil ich wieder den Albtraum habe.

Ich war in Schweiß getränkt und habe den Albtraum immer wieder in meinem Kopf abgespielt. Winn wird immer wieder von diesem Kerl fertiggemacht, beleidigt und ausgelacht und ich habe nur aus der Entfernung zusehen können.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich genau diesen Traum geträumt habe.

Ich versuche dann zu schreien, zu brüllen und zu rennen, aber nichts funktioniert. Und dann – wenn Winn in einer Blutlache auf dem Boden liegt und sein mit Blutergüssen übersätes Gesicht mit zitternden Händen bedeckt – dreht sich der Angreifer um und schenkt mir ein wissendes Grinsen.

Ich will mich davon überzeugen, dass ich nicht weiß, wer der Angreifer ist, aber ich weiß es. Es ist dasselbe Gesicht, das mich jeden Morgen im Spiegel ansieht.

Danach habe ich nicht mehr schlafen können. Ich wollte nur mein Handy nehmen und ihn anrufen. Es hat mich nicht interessiert, ob er immer noch wütend auf mich ist, ich habe nur seine Stimme hören wollen. Irgendetwas, um den Winston zu ersetzen, der in meinen Träumen ist.

Aber ich habe ihn nicht angerufen.

Ich gebe ihm Abstand. Ich gebe mir Abstand.

Nein, ich gebe nicht mir selbst Abstand. Wem versuche ich etwas vorzumachen?

Ich bin aufgeblieben und habe all unsere alten Nachrichten gelesen, bis die Sonne aufgegangen ist. Ich habe die Nachrichten gelesen und sie mit Erinnerungen verknüpft, bis mein Kopf geschmerzt hat und ich es nicht mehr ausgehalten habe.

Und dann war es Zeit, aufzustehen und zu versuchen, mein Leben zu leben.

Obwohl wir Thanksgiving nicht feiern, ist es trotzdem irgendwie hektisch zuhause, weil Mom ein besonderes Abendessen für Dad kochen will. Auch will sie, dass wir alle zusammensitzen und wie eine Familie gemeinsam essen.

Estela und ich helfen den ganzen Tag über, räumen auf, machen Besorgungen und helfen in der Küche.

Ich weiß, dass Dad in letzter Zeit schlecht gelaunt ist und sie versucht, einen weiteren Streit zu vermeiden.

Aber Dad ist schlecht gelaunt, noch bevor er die Haustür öffnet.

Ich höre, wie die Tür unten zuschlägt und laute Schritte, als er ins Wohnzimmer und danach zurück in den Flur geht.

Ich bin mittlerweile daran gewöhnt, oder zumindest habe ich gedacht, dass ich es wäre. Ich habe angenommen, dass er nur einen weiteren schlechten Tag auf der Arbeit gehabt hat.

Ich hätte nicht falscher liegen können.

„Montgomery de la Cruz! Runter! Sofort!

Ich bin nicht so dumm, ihn warten zu lassen.

Mein Herz fängt an, in meiner Brust zu hämmern, aber es kann nicht sein. Er kann nicht Bescheid wissen. Es muss um etwas anderes gehen. Ich habe viel Scheiße angestellt. Ich frage mich, für was er mich bestrafen will.

Estela steht bereits vor ihrem Zimmer, als ich aus meinem trete. Sie hat diesen Ausdruck auf dem Gesicht – den Ausdruck, den sie bekommt, wenn sie denkt, dass Dad und ich wieder kämpfen werden.

Ich ignoriere ihn. Was auch immer es ist, ich bin sicher, dass ich rauskommen kann. Und wenn er mich schlägt… es könnte uns beiden guttun.

Er läuft im Wohnzimmer auf und ab. Mom steht in der Küchentür und mustert ihn von oben bis unten, als rechne sie damit, dass er jeden Augenblick explodiert.

„Was ist los, Dad?“, frage ich und stecke die Hände in meine Hosentaschen, weil sie anfangen zu schwitzen. Ich fange an, zu schwitzen.

Estela steht oben an der Treppe. Ich kann sie sehen, Dad allerdings nicht.

Für den Fall, dass er versucht, mich zu schlagen, habe ich mir den perfekten Fluchtplan ausgedacht. Ich kann meine Schlüssel im Flur schnappen und direkt durch die Tür gehen.

Er wirbelt herum und hat diesen mörderischen Ausdruck auf dem Gesicht. Das kann nicht gut sein.

„Rate mal, wer mich heute auf der Arbeit besucht hat?“, zischt er mir zu und bleibt einen Meter vor mir stehen.

Ich zucke mit den Schultern. Er hasst es, wenn ich das tue. Er hat mich schon für weniger geschlagen.

„Ich rede mit dir, Junge!“, brüllt er und seine Augen sind zornerfüllt, während er mich mit zusammengebissenen Kiefern ansieht.

„Ich weiß es nicht, Dad!“, brülle ich zurück. „Wer zum Teufel ist dich denn besuchen gekommen?“

Es überrascht mich, dass ich nicht schon längst blutend auf dem Boden liege. Irgendetwas stimmt tatsächlich nicht, er sollte mich mittlerweile krankenhausreif schlagen.

Aber er bleibt auf Distanz und sieht angewidert aus, während er mich schon nur ansieht.

„Ryan Carter, erinnerst du dich an ihn?“

Ich vergesse, wie man atmet.

Was zum Teufel habe ich erwartet? Ryan ist nicht dumm, er muss es herausgefunden haben.

Unser kompletter Streit… er war für nichts.

Ich nicke langsam, aber mein Nacken fühlt sich steif an. Mein gesamter Körper fühlt sich steif an und ich bin nicht sicher, wie man sich bewegt.

„Er meinte, ich sollte dich genau im Auge behalten. Meinte, du würdest mit Schwuchteln abhängen“, erzählt er mir und ich kann sehen, dass er außer sich vor Wut ist. Er brüllt nicht, vermutlich ist er besorgt, jemand könnte hören, dass sein Sohn eine Schwuchtel ist.

„Dad –“

„Bist du eine Schwuchtel?“

Er ist nicht einfach nur wütend, er hat Angst, ist enttäuscht und verwirrt. Er will nicht, dass es wahr ist. Ich will nicht, dass es wahr ist.

„Vielleicht bin ich es“, sage ich leise und schaue noch unten auf meine Füße. „Na und?“

Eine Schwuchtel. Ein anderes Wort für einen Homo. Einen Homo. Jemanden, der sich zu seinem eigenen Geschlecht hingezogen fühlt.

Also ja, ich nehme an, ich bin eine Schwuchtel.

Ich versuche, mich davon zu überzeugen, dass daran nichts falsch ist. Es hat sich nie falsch angefühlt, wenn ich mit ihm zusammen gewesen bin. Aber ich kann die Atmosphäre im Raum spüren und es wäre kein guter Zeitpunkt, zu erklären, warum es mir so sehr gefällt, Kerle zu ficken. Naja, einen Kerl.

Niemand sagt etwas.

Es ist still im Haus. Die Stille, die du hörst, bevor der Sturm eintrifft.

„Verschwinde aus meinem Haus“, sagt mein Dad leise und ich wünschte, ich könnte, aber ich kann mich kaum bewegen. „Ich sagte… verschwinde.“

Ich schlucke schwer und schaue auf, um sein Gesicht zu sehen. Er sieht angewidert aus. Vermutlich wünscht er, er könnte mich schlagen, aber mich nur anzusehen, ekelt ihn so an, dass er nicht in meine Nähe kommen will.

Meine Beine und Hände zittern und ich fühle mich innerlich taub. Mein Kopf fühlt sich schwer an.

Und dann schnaubt mein Dad und spuckt mich an.

Seine Spucke landet auf meinem Gesicht und ich balle die Hände zu Fäusten. Ich habe nicht die Kraft, ihn zu schlagen. Ich habe nicht einmal die Kraft, mich zu bewegen.

Jetzt verstehe ich, warum Winn an dem Samstag so aufgebracht war. Beleidigt und angespuckt zu werden und sich zu fühlen, als wäre niemand auf deiner Seite… Ich verstehe es nun.

Ich atme aus und wische mit meinem Shirt über mein Gesicht. Er bleibt stehen und beobachtet mich, aber ich kehre ihm den Rücken zu und wende mich zur Tür.

Ich mache mir nicht einmal die Mühe, meine Schuhe anzuziehen. Ich schnappe mir nur meine Schlüssel, öffne die Tür und renne raus.

Ich schließe die Tür hinter mir, aber fast sofort danach öffnet sie sich wieder und ich höre Estelas Stimme.

„Monty!“

„Geh wieder rein!“, rufe ich ihr zu und laufe zu meinem Auto. Ich will sie nicht mit mir in dieses Chaos reinziehen.

„Monty! Warte!“, ruft sie wieder, als ich einsteige, und ich schlage die Tür hinter mir zu.

Sie ist schneller, als sie aussieht. Sie schafft es einzusteigen, ehe ich den Schlüssel reinstecken kann. Es wäre viel einfacher, wenn meine Hände nicht beben würden.

„Steig aus, Estela“, befehle ich ihr, aber meine Stimme zittert und ich will nicht wirklich, dass sie geht. Nicht sie. Bitte verlass mich nicht, verdammt.

Ich bleibe genau hier“, sagt sie zu mir und schnallt sich an. „Ich habe es dir gesagt, ich gehe nirgendwohin.“

***


Scott starrt uns an. Das Lächeln auf seinem Gesicht verschwindet sofort. Wir stören.

„Du meintest, ich könnte für Thanksgiving vorbeikommen?“, sage ich und er sieht mein Gesicht, meine zitternden Hände und dass ich keine Schuhe tragen. Er tritt beiseite und lässt uns rein.

„Wer ist es, Schatz?“, ruft Scotts Mom aus dem Wohnzimmer und Scott wirft mir einen letzten Blick zu, bevor er zurück ins Wohnzimmer geht. „Nur Monty und seine Schwester, ich habe sie eingeladen.“

Ich bemerke, wie unangenehm ich die ganze Sache gemacht habe, indem ich Estela mit zu Scott genommen habe.

Sie sind beide reifer, als ich gedacht habe. Scott befiehlt Estela, im Wohnzimmer auf uns zu warten, während er mir ein Paar neue Socken besorgt.

Es ist nur eine Ausrede, um mit mir alleine zu reden und Estela weiß das, geht aber trotzdem.

Ich setze mich auf die Kante von Scotts Bett und ziehe die Socken an, die er mir aus seiner Schublade zugeworfen hat. Er steht an der Tür, hat die Arme vor der Brust verschränkt und ist unsicher, was er sagen soll.

„Was ist passiert?“, fragt er und ich kann erkennen, dass er verwirrt ist. Ich habe keine Blutergüsse oder Schnitte oder so. Was zur Hölle ist also passiert? Was mache ich, indem ich mit meiner jüngeren Schwester einfach an seiner Türschwelle auftauche, die auch noch seine Exfreundin ist?

Ich versuche, meinen Kopf frei zu bekommen, aber ich kann es nicht. Immer wieder reibe ich mit meinem Handrücken über mein Gesicht, weil es sich anfühlt, als hätte ich immer noch die Spucke meines Dads im Gesicht. Vielleicht bilde ich es mir nur ein.

Ich kann Gelächter hören, das von unten hoch weht und Estelas Lachen gehört mit dazu. Sie ist gut darin, sich zu verstellen und sich einzufügen. Sie hat die guten Gene abbekommen, wahrscheinlich von meiner Mutter.

„Er weiß es“, sage ich leise, aber das bedeutet für Scott nicht viel. „Mein Dad, er… er hat es herausgefunden. Über…“

„Winston?“, beendet Scott den Satz für mich und ich nicke. Ich kann keine Worte bilden. Es fühlt sich an, als würde Glas in meiner Kehle stecken. „Oh Gott… es tut mir so leid. Ich–“

„Das braucht es nicht“, fahre ich ihm ins Wort und versuche, das Stück Glas hinunterzuschlucken. „Es ist nicht deine Schuld.“

Es ist meine. Ich hätte vorsichtiger sein müssen.

Ich wünschte wirklich, wir hätten uns nicht gestritten. Ich wünschte wirklich, ich könnte jetzt mit ihm reden. Ich weiß, dass es mir durch ihn besser gehen würde.

Wenn Estela nicht in mein Auto gestiegen wäre… Ich habe keinen Zweifel, dass ich in diesem Moment an seiner Türschwelle stehen würde.

„Also… was jetzt?“, fragt Scott und ich wünschte, ich wüsste es.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast