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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 Slash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
2
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01.11.2020 2.912
 
Hallo ihr Lieben!



Das Ende von Kapitel 20 hat meine Welt damals, als ich SWRU zum ersten Mal gelesen habe, so erschüttert, dass ich einfach nur mit Tränen in den Augen dasitzen konnte. Schauen wir mal, wie Winn im neuen Kapitel auf die Geschehnisse reagiert…

An dieser Stelle bedanke ich mich mal wieder vielmals für eure Rückmeldungen, die mir sehr viel bedeuten. :-)

Ich wünsche euch viel Spaß beim neuen Kapitel.

Liebe Grüße

eure Anja

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Kapitel 21: Freundtervention


Ich schiebe die beschissene Ausrede vor, dass ich vor meiner Sperrstunde zuhause sein müsste oder mein Dad würde mir Hausarrest verpassen, und endlich lassen Bryce und Ryan mich gehen.

Jetzt heißt es wieder Lügen.

Dabei habe ich mich so gut angestellt.

Aber jetzt muss ich wieder lügen.

Hoffentlich nicht allzu lange.

Er hätte nirgendwo anders hingehen können, als zurück zum Hotel. Ich weiß, dass er sein Handy dort liegengelassen hat, weil er es hat aufladen müssen, also wird er definitiv dorthin gegangen sein.

Er muss.

Ich hoffe nur, dass ich nicht zu spät bin.

Ich renne den Flur hinunter, die Treppen hoch und dann wieder den Korridor entlang.

Ich drücke die Türklinke runter, die Tür ist aufgeschlossen. Sie ist offen, Gott sei Dank.

Er ist auf dem Weg nach draußen und ich stoße fast mit ihm zusammen, als ich die Tür öffne. Er sieht mich nicht einmal an.

„Geh aus dem Weg, Monty“, sagt er matt und mir wird das Herz schwer.

„Nein“, sage ich, dränge ihn sanft zurück ins Zimmer und schließe die Tür hinter mir.

„Wow, sehr reif“, kommentiert Winn boshaft. „Du sperrst mich hier ein, bis ich dir vergebe? Rate mal, ich denke, ich habe dir genug Chancen gegeben.“

Ich höre ihm zu, aber ich nehme es nicht wirklich auf. Wenn er mir nur zuhören würde.

„Es tut mir leid“, sage ich und er schnaubt. „Ryan, er–“

„Es interessiert mich nicht“, unterbricht Winston mich. „Geh einfach auf dem Weg. Ich will nach Hause.“

Seine Stimme bricht und ich glaube, er wird gleich anfangen zu weinen, aber ich kann nicht einmal sein Gesicht sehen. Er blickt hinab auf seine Füße.

„Lass… lass es mich erklären. Bitte, ich–“

Er muss verstehen, dass Ryan niemand ist, mit dem man sich anlegt. Ich habe nicht nur meinen Ruf verteidigt, ich habe ihn auch beschützt.

Okay, er wurde angespuckt. Passiert. Zumindest ist er lebendig davongekommen. Ryan hätte ihm viel Schlimmeres antun können.

„Es gibt nichts zu erklären“, erklärt Winston mir und endlich sieht er auf und mir in die Augen. „Du hättest auf knapp eine Million andere Arten damit umgehen können. Aber du hast mich als den Bösen hingestellt. Du hast zugelassen, dass dieser Typ mich beleidigt und hast nur dagestanden, als er mir ins Gesicht gespuckt hat. Du hast einen Scheiß gemacht. Scheiße, du hast verdammt nochmal gelacht.“

Eben habe ich mich nicht übergeben müssen, aber jetzt werde ich es.

„Ich… Ich habe Panik gekriegt! Okay?“, sage ich, als würde es das irgendwie rechtfertigen.

Ich weiß, dass ich ihn gedemütigt habe. Ich weiß, ich hätte für ihn einstehen sollen, aber ich konnte es einfach nicht.

Ich mache einen Schritt von der Tür weg. Ich will nicht, dass er das Gefühl bekommt, ich würde ihn dazu drängen, zu bleiben. Ich will, dass er sich dafür entscheidet, da zu bleiben.

Er wirft einen Blick auf die Tür, bleibt aber, wo er ist. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung.

„Ich… Ich verstehe dich einfach wirklich nicht mehr“, sagt Winn traurig und wendet den Blick von mir ab.

Er ist der Einzige, der mich jemals verstanden hat. Der Einzige. Wie kann er behaupten, dass er mich nicht versteht?

„Alles ist so gut gelaufen…“ Seine Stimme verliert sich und er lächelt geistesabwesend beim Gedanken an die liebevollen Erinnerungen, die wir heute Nacht geschaffen haben.

„Dann lass es uns einfach vergessen“, meine ich dümmlich und sein Lächeln verschwindet. „Lass uns einfach so tun, als wäre es nie passiert.“

So tun. Das ist etwas, von dem ich mir geschworen habe, dass ich es niemals in seiner Gegenwart tun würde. Aber jetzt dränge ich ihn dazu, sich für mich zu verstellen.

Winston schnaubt und wirft mir einen mitleidigen Blick zu. „Gott, du verstehst es wirklich nicht.“

Mittlerweile fange ich an zu schwitzen, weil das nicht so verläuft, wie ich es in meinem Kopf geplant habe. Ich sollte ihn jetzt umarmen und mich für Ryan, Bryce und allem anderen entschuldigen.

„Was verstehe ich nicht?“, will ich wissen und er seufzt.

Ein paar Sekunden lang starrt er mich an, dann schaut er wieder weg.

„Ich denke, ich brauche etwas Zeit. Etwas Abstand“, meint er leise und ich blinzele.

Du brauchst Abstand?“, frage ich nach und runzele die Stirn. Warum genau braucht er Abstand? Ich bin derjenige, der fast von meinem ehemaligen Kumpel dabei erwischt wurde, wie ich ihn küsse. Ich bin derjenige, dessen Ruf gefährdet ist. Und er denkt, er wäre derjenige, der Zeit braucht, um damit klarzukommen? Für was zur Hölle genau braucht er Zeit?

„Nein. Weißt du was?“, korrigiert er sich und hebt die Stimme. „Du brauchst Abstand. Du musst deinen Scheiß klären. Du musst entscheiden, was du willst. Weil…“

Und dann seufzt er und ich unterbreche ihn nicht. Ich habe sowieso nichts zu sagen.

„Weil ich weiß, was ich will“, sagt er und mustert mich von oben bis unten. „Aber du bist nicht bereit, eine Beziehung zu führen. Noch nicht“, erklärt er mir und ich hebe eine Augenbraue.

Eine Beziehung? Mit ihm?

Ich schnaube und breche dann in Gelächter aus. Er starrt mich mit einem eisernen Gesichtsausdruck an.

Er ist derjenige, der besessen von mir ist. Er ist an meine Schule gewechselt, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen, und tut so, als würde ich ihm gehören oder so. Ich habe ihm gegenüber nie in irgendeiner Form eine Beziehung erwähnt. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht.

„Eine Beziehung?“, sage ich laut und grinse immer noch darüber, wie lächerlich das klingt. „Mit dir? Du und ich, in einer Beziehung? Bitte, mach dich nicht lächerlich.“

Nur Sex. Das ist alles, was es war.

Seine Lippen öffnen und schließen sich, öffnen und schließen sich wieder, aber kein Laut kommt heraus.

Ich habe es ruiniert. Ich habe es unwiderruflich zerstört.

Ich weiß, dass ich das habe.

Ich muss ihm nur den letzten Stoß gegeben, der sicherstellen wird, dass er weiß, dass es vorbei ist. Es ist vorbei, weil ich es beende.

„Ich könnte nie eine Beziehung mit einer dreckigen beschissenen Schwuchtel wie dir führen“, sage ich und mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, wird sein Gesicht immer härter.

Dann stößt er seinen Atem aus und nickt. „Okay.“

Okay? Okay?

Schrei mich verdammt nochmal an. Schlag mich, sag mir, wie sehr du mich verflucht nochmal hasst. Steh nicht einfach nur da, zur Hölle.

Er geht auf die Tür zu und zögert, bevor er sie öffnet. „Ich komme alleine nach Hause.“

„Ich habe nichts anderes erwartet“, sage ich automatisch und verschränke die Arme vor der Brust.

Er drückt die Türklinke herunter und zieht langsam die Tür auf, als wolle er mir mehr Zeit geben. Vielleicht hofft er, dass ich auf die Knie gehe und ihn anflehe, zu bleiben.

Nein, das klingt mehr wie sein Ding.

„Ich hätte nie an die Liberty kommen sollen“, meint er. Dann öffnet er die Tür weit und tritt hindurch.

Ich will nicht zusehen, wie er weggeht. Ich werde nicht zulassen, dass ich ihm nachstarre.

Also trete ich die Tür mit einem Bein zu und sie schließt mit einem lauten Knall.

Ich lasse ihn gehen. Er geht, weil ich ihn dazu gebracht habe. Ich wollte, dass er geht.

***


Die Zeit existiert nicht mehr. Tage verlaufen einfach miteinander und ich teile sie in zwei Kategorien ein.

Die Tage, an denen ich ihn vermisse, und die Tage, an denen ich es schaffe, mir einzureden, dass ich es nicht tue.

Es ist Mittwochnachmittag und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in der Schule war.

Ich erzähle meinen Eltern, dass ich krank bin, und es ist keine richtige Lüge. Mir ist übel.

Seit ein paar Tagen übergebe ich mich nun. Es ist praktisch Teil meiner täglichen Routine.

Ich weiß nicht, wie spät es ist, aber ich vermute, dass es noch keine vier Uhr ist, weil Estela zurück von der Schule ist.

Seit Sonntagmorgen habe ich mein Zimmer nicht mehr verlassen.

Ich habe nicht in dem Hotelzimmer schlafen können. Überall waren kleine Spuren von ihm zu sehen und ich habe ihn in jedem wiederkannt, den ich gesehen habe, also habe ich mich in mein Auto gesetzt und bin losgefahren.

Mom hat mich reingelassen. Ich hatte Glück, dass Dad geschlafen hat.

Sie hat ausgesehen, als würde sie mir einen Vortrag halten wollen, aber als sie mein Gesicht gesehen hat, hat sie mich hoch in mein Zimmer gehen lassen, ohne Fragen zu stellen.

Das war das letzte Mal, dass ich mich außerhalb meines Zimmers aufgehalten habe. Ich liege den ganzen Tag im Bett und manchmal verlasse ich es, um ins Badezimmer zu gehen.

Mein Handy habe ich seit Sonntag nicht aufgeladen und es ist besser so. Ich muss keine Nachrichten von Scott oder Charlie lesen.

Ich vernehme ein leises Klopfen an der Tür und weiß, dass es Estela ist, die mir das Mittagessen hochbringt. Sie weiß, wie es läuft: Das Tablett auf den Stuhl neben mein Bett abstellen und wieder gehen.

Aber sie kommt herein, stellt das Tablett mit meinem Essen auf dem Stuhl ab und starrt mich an.

Ich kann kein Essen wirklich bei mir behalten. Ich glaube, ich habe eine Magen-Darm-Grippe, und jeden Tag versucht Mom, mir etwas anderes zuzubereiten in der Hoffnung, dass ich es unten behalten werde. Heute ist es Haferbrei.

„Was?“, frage ich Estela, weil sie immer noch nicht verschwindet.

Sie seufzt, während sie mich beobachtet. Ich muss schrecklich aussehen.

„Charlie und… ähm… Scott haben sich nach dir erkundigt“, erzählt sie mir und verschränkt die Arme vor der Brust. „Warum antwortest du nicht auf ihre Nachrichten?“

Ich versuche, mit den Achseln zu zucken, aber meine Schultern bewegen sich kaum und ich seufze, weil es so mühsam ist, irgendetwas zu tun.

Nervös beißt sich Estela auf die Lippe. Sie wirkt besorgt. Ich glaube nicht, dass sie mich jemals so gesehen hat. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals so gesehen habe.

„Charlie meinte, dass sie für eine „Freundtervention*“ vorbeikommen würden, was auch immer das ist…“, berichtet Estela mir und sie setzt sich in Bewegung, um sich ans Fußende meines Betts zu setzen. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie warten sollen. Dass ich versuchen würde festzustellen, ob ich irgendwie helfen kann, bevor wir die schweren Geschütze auffahren.“

Ich antworte nicht. Ich starre weiterhin an die Wand. Das ist alles Scotts verdammte Schuld. Ich hätte nie auf ihn und seinen beschissenen Rat hören sollen.

Ich hätte wissen müssen, dass es nicht sicher sein würde.

„Möchtest du mir erzählen, was passiert ist?“, erkundigt sich Estela sanft, aber wenn ich es ihr erzähle, würde ich ganz von vorne anfangen müssen. Ich müsste all die Erinnerungen erneut durchleben. Davon, wie ich ihn auf dieser Party geküsst habe, bis zum letzten Mal, als ich ihn auf dem Jahrmarkt geküsst habe.

Wir haben nicht einmal die Chance bekommen, uns auf dem Riesenrad zu küssen.

Wenn ich gewusst hätte, dass das unser letzter Kuss sein würde…

Ich habe es vorher schon einmal gesagt, ich weine nicht.

Aber manchmal schließe ich meine Augen und dann – wenn ich sie wieder öffne – sind meine Wangen nass.

Und genau das passiert gerade.

„Oh. Monty…“

Ich fühle Estelas Hand auf meinem Rücken und sie beginnt, sie kreisend zu bewegen. Es ist ziemlich beruhigend. Sie ist der erste Mensch, der mich berührt, seit…

Es ist in Ordnung. Ich muss es vergessen.

Ich muss vergessen, wie er mich berührt. Wie er mich ansieht. Wie er schmeckt und wie er gegen meine Lippen lächelt.

Ich muss es einfach vergessen.

Aber ich kann es nicht mehr zurückhalten.

Ich schniefe, dann huste ich und es fühlt sich an, als müsste ich mich übergeben, aber das muss ich nicht. Ich wünschte, ich müsste.

Ich muss mich von ihm befreien.

„Was ist passiert?“, fragt Estela wieder und sie fängt an, sanft meine Haare zu streicheln.

Alles, was er jemals getan, alles, was er jemals gesagt hat… Es strömt einfach alles auf mich ein.

„Ich…“, setze ich an, aber die Worte bilden sich nicht in meinem Mund. „Dieser Kerl…“

Und Estela sagt mir, dass alles gut werden wird. Sie sagt mir, dass sie hier ist und mir zuhört. Sie sagt, sie wird nirgendwohin gehen.

Aber das hat er auch behauptet. Und wo ist er jetzt?

„Er hat mich verdammt nochmal schwul gemacht!“, brülle ich und es kümmert mich nicht einmal, ob Dad früher nach Hause kommt und zuhört. Ich hoffe, dass er es hört. Ich hoffe, er kommt nach Hause und schlägt mich krankenhausreif, weil ich den dritten Tag infolge nicht zur Schule gegangen bin.

„Er hat mich verdammt nochmal in eine beschissene Schwuchtel, wie ihn, verwandelt und mich dann verflucht nochmal verlassen, okay?“, brülle ich Estela an und frage mich, warum sie nicht geht. Warum genau sie bleibt, wo sie ist und warum ihre Hand immer noch mein Haar streichelt.

„Das ist es, was passiert ist“, füge ich leise hinzu. „Er hat mich… zu diesem verfluchten… Ding gemacht. Und dann ist er gegangen und es interessiert ihn nicht, was nun mit mir passiert. Es kümmert ihn einen Scheiß.“

Ich frage mich, ob es ihm jemals nicht egal gewesen ist.

Ich habe so viel Mühe und Arbeit reingesteckt und er hat es nie wertgeschätzt. Ich habe nur meine Zeit mit ihm verschwendet.

Wir haben nur unsere Zeit verschwendet.

Und jetzt lacht er vermutlich mit seinen Freunden über den heterosexuellen Kerl, den er durch einen Trick dazu gebracht hat, mit ihm zu schlafen. Er erzählt ihnen, was Samstag passiert ist, und sie alle lachen über mich.

Er hat mit mir gespielt.

***


Scott und Charlie stehen zu ihrem Wort und kurz nach fünf Uhr kommen sie bei mir zuhause an.

Ich kann sie draußen vor meiner Schlafzimmertür hören. Estela ist bei ihnen.

„Er hat seit Sonntag kaum einen Muskel gerührt“, berichtet sie ihnen. Ich habe zugehört, wie sie mit ihnen gesprochen hat, seitdem sie hereingekommen sind, also bezweifle ich nicht, dass sie ihnen auch von gestern erzählt hat.

Dann höre ich, wie sich Estelas Schritte den Flur hinunter zu ihrem Zimmer bewegen und meine Tür sich leicht öffnet. Sie klopfen nicht einmal an, aber wen kümmert es?

Charlie stinkt nach Schweiß, weshalb ich vermute, dass sie direkt nach dem Training hergekommen sind.

Training. Es besteht nicht die geringste Chance, dass Zach mich in einem unserer Spiele spielen lassen wird.

Ich werde tatsächlich meine ganze zukünftige Karriere wegen dieses einen Kerls verlieren. Echt erbärmlich.

„Hey…“, sagt Charlie mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Er steht in der Mitte meines Zimmers und sieht mich an.

Ich halte meine Augen auf die Wand hinter ihm gerichtet und antworte nicht.

„Wir vermissen dich beim Training, Mann. Wir alle“, meint Charlie und räuspert sich. „Wir brauchen dich. Das Team braucht dich.“

Das Team ist mir scheißegal. Wann war das Team jemals für mich da?

Ich atme durch meine Nase aus und konzentriere mich mehr auf die Wand. Weiß. Es ist eine weiße Wand.

Stumm starren sie mich an. Wahrscheinlich haben sie gehofft, dass es einfacher werden würden. Eine schnelle Lösung.

„Okay. Was ist passiert?“, fragt Scott und zumindest kommt er direkt zum Punkt.

„Nichts“, murmele ich und Charlies Gesichts fällt in sich zusammen und er schaut Scott an.

Es gibt keine schnelle Lösung hierfür, aber ich wünschte, es gäbe sie.

Ich versuche, den genauen Moment zu bestimmen, an dem ich es vermasselt habe. War es, als ich an seinem Haus aufgetaucht bin, nachdem mein Dad mich angegriffen hat? War es, als ich ihn auf diesem Ausflug im Bus geküsst habe? Oder war es an Homecoming, als ich in den Raum gegangen bin und ihm gesagt habe, dass das – was wir hatten – mir Angst macht?

Wann habe ich mich verloren?

Ich hätte nie etwas von alldem tun sollen. Ich hätte ihn vom ersten Tag an, an dem ich ihn an der Liberty gesehen habe, ignorieren sollen. Wenn ich das getan hätte, wäre ich jetzt nicht hier.

„Du hast seit Samstag auf keine unserer Nachrichten reagiert. Du kommst nicht zur Schule, du liegst den ganzen Tag im Bett und du sprichst nicht mal mit jemandem“, listet Scott auf, als müsste ich daran erinnert werden, wie armselig ich bin. „Winston hat seit Tagen auch niemand in der Schule gesehen, also, was auch immer passiert ist…“

Er geht nicht zur Schule?

Und dann erinnere ich mich an das, was er gesagt hat.

„Ich hätte nie an die Liberty kommen sollen.“

Aber er würde nicht…

Er kann nicht.

„Was auch immer passiert ist, du kannst es uns erzählen. Du weißt, dass wir immer für dich da sein werden“, erklärt Charlie mir, aber ich weiß, dass er mich anders ansehen wird, wenn ich ihm erzähle, wie sehr ich es vermasselt habe. Er behauptet zwar, dass er immer da sein wird, aber das sagen alle anderen auch. Und sie gehen am Ende immer, verdammt nochmal.

Ich muss meine Prioritäten klären.

Ich muss daran denken, was für mich wichtig ist.

Ich räuspere mich und versuche, mich aufzusetzen. Meine Muskeln schmerzen, weil ich so lange in der gleichen Position gelegen habe.

„Was hat Zach gesagt?“, will ich von ihnen wissen und sie wechseln einen Blick. „Wird er mich Freitag spielen lassen?“

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*Worterklärung: Mit dem Begriff Freundtervention hat die Autorin eine Mischung aus „Freunde“ und „Intervention“ erschaffen. :-)
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