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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
4
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Dieses Kapitel
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10.09.2020 2.297
 
Kapitel 2: Ein harter Tag


„Du siehst beschissen aus“, sagt Charlie und ich bin mir dessen bewusst.

Ich trage Klamotten, in denen ich die ganze Nacht über auf dem Boden meines Zimmers gelegen habe. Man kann also schon behaupten, dass sie weder sauber noch gebügelt aussehen.

Dass ich auf dem Boden geschlafen habe, trägt auch nicht zu meinem Aussehen bei. Die ganze Nacht lang habe ich mich auf der Matratze hin und her gewälzt, die auf dem Boden lag. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht aufzuräumen und mich direkt schlafen gelegt. Ich bin mir sicher, dass mindestens ein Dutzend Splitter in mir stecken.

Ich hebe eine Hand an meine Haare und versuche, sie zu ordnen, während ich mich mit Scott und Charlie im Schlepptau von meinem Auto entferne.

„Harte Nacht gehabt?“, erkundigt sich Scott, als wüsste er etwas, das ich nicht weiß.

Ich zucke mit den Schultern, als Scott zu meiner rechten Seite aufschließt. Was soll ich seiner Meinung nach sagen? Dass mein Dad mein Zimmer so demoliert hat, dass es viel eher wie eine Mülldeponie aussieht? Nur weil er es getan hat, bedeutet das nicht, dass ich es jedem erzählen muss.

Geschlagen seufzt Scott auf, als würde er keinen Sinn darin sehen, das Gespräch weiter aufrechtzuerhalten. Dann beginnt er eine Konversation mit Charlie und stellt ihm Fragen zum Footballtraining vom letzten Abend, aber ich beteilige mich nicht.

Während wir uns dem Schulgebäude nähern, sehe ich ihn. Ich weiß, dass er es ist, nur Winston würde so etwas zur Schule anziehen.

Offensichtlich ist er immer noch daran gewöhnt, sich so kleiden, wie er es immer an der Hillcrest getan hat. In seinem langen Mantel und dem grauen Schal sieht er so dünn und klein aus. Erst jetzt, wo ich ihn aus der Entfernung sehe, kann ich erkennen, wie klein er tatsächlich ist. Ich könnte ihn in zwei Stücke reißen, wenn ich es wollte.

Er ist nicht allein.

Ich sehe, dass dieser Freak neben ihm steht. Tyler Down. Er hält eine Kamera und erklärt Winston irgendwas. Er geht noch nicht mal seit einer Woche auf dieser Schule und hat es bereits geschafft, sich mit den Spinnern anzufreunden. Schön für ihn.

Er lauscht jedem Wort, das Tyler von sich gibt. Seine Augen folgen Tylers Fingern, als er auf die Kamera zeigt. Freaks.

„Irgendwelche Pläne fürs Wochenende?“, fragt Scott mich nun und wirft einen Arm über meine Schultern. Aber das ist in Ordnung. Wir sind nur Freunde, alle wissen das.

„Nee“, sage ich schlicht und reiße endlich meine Augen von den Freaks los, die sich an einer Kamera aufgeilen. Ernsthaft, wie kann eine Kamera so interessant sein? „Wahrscheinlich nur schlafen. Ich muss mich ausruhen, bevor die Saison losgeht.“

Scott nickt, als würde er verstehen, doch dann dreht er den Kopf zur Seite, um mich anzusehen. „Wenn du vorbeikommen willst, um, keine Ahnung, zu zocken oder so…“ Ich erwidere nichts und Scott fährt fort. „Charlie kann auch kommen.“

Er sieht zu meiner Linken, um Charlie zuzunicken, und er scheint froh zu sein, miteinbezogen zu werden. Wenn er nur wüsste, dass er nur eingeladen wurde, um es für mich weniger unangenehm zu machen.

„Klar“, meint Scott ohne groß nachzudenken.

Mittlerweile kann ich Tyler Downs nervige Stimme hören. Er ereifert sich über irgendwelche Bildauflösungen und ich versuche so sehr, meine Augen nicht auf sie zu richten, aber ich kann nicht anders, als hinzusehen.

Er lacht über etwas, das Tyler gerade gesagt hat. Ich kann seine geraden weißen Zähne und das Funkeln in seinen haselnussbraunen Augen sehen und es ist das Bezauberndste, das ich jemals gesehen habe. Ich kann nicht anders, als mich zu fragen, was Tyler gesagt hat, damit er lacht.

Früher habe ich ihn immer zum Lachen gebracht. Das könnte ich immer noch.

Es ist fast so, als könnte er spüren, dass ich ihn ansehe. Als wüsste er, dass ich ihn die ganze Zeit über angesehen habe, er aber erst diesen Moment wählen würde, um mich zu beachten.

Er dreht seinen Kopf leicht zur Seite und blickt mich direkt an. Er lacht nicht mehr, aber er hat ein dummes Grinsen im Gesicht und mir wird schlecht.

Er würde es Tyler nicht erzählen… oder?

Er mustert mich von oben bis unten und wendet sich dann wieder Tyler und der Diskussion über langweilige alte Kameras zu. Mit mir könnte er viel interessantere Gespräche führen.

Wir kommen jeden Moment an ihm vorbei und ich weiß nicht, was schlimmer ist: Die Tatsache, dass er mich nicht ansieht oder dass ich will, dass er mich ansieht.


***



Samstagabend.

Meine Pläne, „mich auszuruhen, bis die Saison losgeht“ werden zerstört, bevor ich überhaupt anfangen kann, sie in die Tat umzusetzen.

Ich nehme Scott bezüglich seines Angebots beim Wort und es ist lustig, solange der Abend anhält. Ich schaffe es, Charlie jedes Mal zu schlagen, wenn er gegen mich spielt und Scott stellt nicht eine Frage über meinen Dad oder die Blutergüsse. Und mir geht es gut, auch wenn es nur für ein paar Stunden ist.

Dann komme ich nach Hause und alles bricht zusammen.

Ich finde Estela, wie sie auf den Stufen vor dem Haus sitzt und weint. Mir gefriert das Blut in den Adern, als ich sie so erblicke. Ich bin mir sicher, dass er versucht hat, ihr wehzutun, weil ich nicht da war, damit er seine Wut an mir auslassen konnte.

Aber Estela sieht meinen Gesichtsausdruck und erzählt mir schnell, dass er sie nicht angerührt habe. Ich hätte ihn umgebracht, wenn er es getan hätte.

Er hatte nur einen seiner üblichen Wutanfälle.

Als ich hineingehe, wirft er irgendeinen Scheiß durch das komplette Haus und beleidigt unsere Mom, während er aus vollem Hals brüllt. Kein Wunder, dass sie ihn erbärmlichen Scheißkerl verlassen hat.

Als ich versuche einzugreifen… Naja, sagen wir mal so, es geht nicht gut aus.

Also bin ich nun hier und sitze auf irgendeiner Bank, presse meine Jacke an die Seite meines Kopfes und lasse sie das Blut an der Stelle aufsaugen, an der mein Dad die Flasche gegen meinen Kopf geschlagen und zerbrochen hat.

Danach habe ich keinen Sinn darin gesehen, zuhause zu bleiben.

Ich bin aus dem Haus gerannt und auf dem Weg hinaus gestolpert, während Estela meinen Arm festgehalten und mich angefleht hat, zu bleiben. Aber warum hätte ich das tun sollen? Jeder andere bekommt die Chance abzuhauen, warum ich nicht?

Ich habe mein Auto nehmen wollen, aber mir war so schwindelig von dem Schlag mit der Flasche, dass selbst mir klar war, dass der reine Selbstmord wäre.

Also bin ich gelaufen. Und ich bin gelaufen, bis ich hier gelandet bin.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau „hier“ ist, aber für den Moment ist das genug.

Nein, das ist eine Lüge. Ich weiß genau, wo ich bin.

Während des Sommers bin ich ein paar Mal hier gewesen, aber das weiß niemand. Niemand außer er.

Also was tue ich hier? Ja, das habe ich mich eine ganze Weile selbst gefragt.

Vielleicht habe ich gehofft, ihn zu sehen. Er würde mich hier sitzen sehen, herüberkommen und mich fragen, was passiert ist. Und ich würde ihm sagen, dass er sich verpissen soll. Dann würde ich ihn stehen lassen und er würde dort stehen bleiben und sich fragen, was  zur Hölle mir passiert ist. Vielleicht hätte ich dann endlich seine Aufmerksamkeit und er würde aufhören, um den verdammten Tyler Down herumzuscharwenzeln.

Er hat mich vorher schon einmal hierhin mitgenommen, zu dem kleinen Park, den er von seinem Schlafzimmerfenster aus sehen kann. Es ist kein richtiger Park, es ist ein Ort für reiche Leute, an dem sie ihre Hunde ausführen und sich mit anderen reichen Leuten darüber unterhalten können, wie toll ihr Leben ist.

Aber wenn du den Weg dort hinunter nimmst und dann über den Zaun dahinten springst… das ist ein ganz anderer Ort.

Ich versuche nicht an den Sommer zu denken. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir, dass es wahrscheinlich der beste Sommer meines Lebens war.

Aber der Sommer ist jetzt vorbei. Er geht an meine Schule und ich muss ihn jeden Tag sehen. Das war so nicht geplant.

Vorsichtig nehme ich die Jacke von meinem Kopf und besehe mir die Blutflecken auf ihr. Es handelt sich um meine Schulteamjacke, meine liebste. Doch nun würde ich sie wegwerfen müssen.

Ich bereue es wirklich, meine Jacke benutzt zu haben, um das Blut aufzufangen. Nicht nur, dass sie komplett ruiniert ist, denn nun, da ich nur noch mein T-Shirt trage, um meinen Oberkörper zu bedecken, wird mir eiskalt.

Es sollte nicht so kalt im September sein. Oder vielleicht ist es das gar nicht, vielleicht zittere ich nicht wegen der Kälte.

„Hey.“

Seine Stimme ist so leise, dass ich mir sicher bin, dass ich sie mir eingebildet habe. Ich will nicht nachsehen, ob er dort steht, denn – sollte es nicht so sein –, bilde ich ihn mir wieder nur ein. Ich muss wirklich damit aufhören.

Aber er ist wirklich hier.

Ich sage nichts und bewege mich nicht und dann höre ich ihn leise seufzen.

Er läuft um die Bank herum und setzt sich auf ihre andere Seite, so weit von mir entfernt, wie er es inzwischen gewohnt ist.

„Was hast du gemacht?“, fragt er leise und das ist der Zeitpunkt, an dem ich ihm sagen sollte, er solle sich verpissen. Ich tue es nicht.

Sein dunkles lockiges Haar fällt über seine Augen und er streicht es mit einer Hand nach hinten. Er sagt nichts und wartet darauf, dass ich etwas erwidere.

Ich sollte es nicht. Ich sollte genau jetzt aufstehen und verschwinden.

Meine Ellbogen ruhen auf meinen Knien und ich umklammere meine blutige Jacke, als würde mein Leben von ihr abhängen. Ich weiß, dass er die Blutflecken gesehen hat, aber er sagt nichts.

„Was machst du hier?“, sage ich leise und packe meine Jacke so fest, dass meine Knöchel weiß werden.

Ich drehe meinen Kopf leicht, sodass ich sein Gesicht sehen kann und er scheint amüsiert zu sein. Er hat ein Glitzern in den Augen und ein kleines Lächeln auf dem Gesicht.

„Ich?“, fragt er sanft mit einem kleinen Lachen. „Monty, du bist derjenige, der unter meinem Schlafzimmerfenster sitzt.“

Vermutlich tue ich das, na und?

Ich wollte seine Aufmerksamkeit und nun, da ich sie habe, weiß ich nicht, was ich mit ihr anstellen soll.

„Ich habe dich gestern mit Tyler Down abhängen sehen“, sage ich, als wäre das meine größte Sorge.

Winston scheint überrascht zu sein, dass es das ist, was ich zur Sprache bringe und über das ich reden will, aber er erhebt keine Einsprüche und versucht nicht, das Thema zu wechseln.

„Ja, er ist cool“, meint er beiläufig und ich schnaube. „Aber schön zu wissen, dass du mich sehen kannst“, führt er fort und als er meinen verwirrten Gesichtsausdruck sieht, lächelt er traurig. „Ich habe schon angefangen zu glauben, dass ich für dich unsichtbar wäre oder so. Zumindest tust du so, als ob.“

Schnell schaue ich weg. Will er, dass ich mich schuldig fühle? Ist er–

Und auf einmal kann ich nicht mehr atmen. Ich kann nicht denken, kann mich nicht bewegen, kann nicht atmen.

Ich kann mich nur noch auf seine Hand und seine Finger konzentrieren, die ganz leicht gegen meine Hand streichen.

Seine Wärme strahlt auf mich ab und ich will nur seine Hand nehmen und nie wieder loslassen. Aber dann atme ich tief ein und erinnere mich an all die Gründe, aus denen es falsch wäre, das zu tun.

Mein Herz schlägt so laut, dass ich davon überzeugt bin, dass er es gegen meine Brust hämmern hören kann, als wäre es kurz davor, zu explodieren.

Nun, das wäre ein guter Zeitpunkt, um ihn von mir wegzustoßen, aber das kann ich nicht, weil er jetzt an der Jacke in meinen Händen zieht, und schon bald wird es zu spät sein, um ihn aufzuhalten.

Zuerst sträube ich mich und halte die Jacke so fest, wie ich kann, aber ich gebe schnell nach.

Er zieht mir die Jacke aus den Händen und legt sie zwischen uns auf die Bank. Ohne sie fühlen sich meine Hände leer an und ich wünschte, ich hätte etwas, um mich daran festzuhalten.

Ich zittere, fühle mich sogar noch kälter ohne die Jacke in meinem Griff, und ich kann spüren, wie sich Winstons Augen in meinen Rücken brennen.

„Ist dir kalt?“, fragt er, aber er wartet meine Antwort nicht ab und nimmt bereits den grauen Schal ab, der um seinen Hals geschlungen ist. Es ist der gleiche, den er gestern getragen hat, während er sich mit Tyler unterhalten hat.

„Mir geht’s gut“, sage ich, doch Winston lehnt sich schon über die Bank und ich fühle, wie der weiche Stoff meinen Nacken berührt. Ich frage mich, wie teuer er ist. Sehr teuer vermutlich.

Er schlingt ihn locker um meinen Hals und achtet darauf, mich nicht mit den Händen zu berühren. Aber ich wünschte, er würde es tun.

Der Schal ist um meinen Hals geschlungen, seine Enden streichen an meinen Schultern vorbei. Er riecht genau nach ihm und mein Herz setzt einen Schlag aus.

Es ist erbärmlich, wie schwach und lächerlich ich mich in seiner Gegenwart verhalte. Ich muss mich zusammenreißen.

Aber der Schal riecht ganz genau wie er und Erinnerungen vom Sommer fangen an, wie ein Tsunami durch meinen Kopf zu rauschen.

„Wir sollten rein gehen. Dich sauber machen“, sagt Winston, während er aufsteht. Er hält meine Jacke in den Händen und ich blicke zu ihm hoch.

Er verurteilt mich nicht. Er wartet. Er wartet immer auf mich.

Er streckt seine Hand nicht aus, ihm ist bewusst, dass ich sie nicht nehmen würde, wenn er es täte.

Ich nicke zittrig und erhebe mich langsam. Mir ist immer noch schwindelig, aber ich sage nichts. Ich bete nur zu Gott, dass er nicht gesehen hat, wie ich getaumelt bin.

Wenn er es gesehen hat, sagt er jedenfalls nichts dazu.
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