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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 Slash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
2
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23.10.2020 3.124
 
Hallo ihr Lieben!



Ich hoffe sehr, ihr habt euch von dem Schrecken am Ende des letzten Kapitels erholt. Heute erfahrt ihr, wie Monty auf Estelas Enthüllung reagiert…

Viel Spaß beim Lesen und einen guten Start ins Wochenende! :-)

Liebe Grüße

eure Anja

___________________________________


Kapitel 17: Gespräche über die Zukunft


Ich schwänze das Krafttraining am Morgen, weil ich nicht Charlie über den Weg laufen will, bevor ich Scott zu Gesicht kriege.

Er wird spüren, dass etwas nicht stimmt, und dann wird er solange fragen, bis ich es ihm erzähle. Und wenn ich das tue, wird er versuchen, es mir auszureden.

Aber ich habe mich bereits entschieden.

Gott, ich bin so verdammt blind gewesen.

Er hat mir erzählt, dass er gewusst hat, dass mein Dad mich mit der Flasche geschlagen hat, weil er mit Estela geredet hat.

Ich frage mich, was sie ihm sonst noch erzählt hat. Und was er ihr erzählt hat.

Charlie wartet an meinem Spind auf mich und hat bereits seine „Wo warst du?“-Rede vorbereitet.

„Wo ist er?“, frage ich ihn und sehe mich um, weil er jetzt hier sein müsste. Er müsste sich wie jeden Morgen an meinem Spind mit uns treffen.

Charlie wirkt verwirrt und seine Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Wer?“

„Dieser beschissene Scott Reed“, sage ich und jetzt sieht Charlie verängstigt aus.

Meine Schwester ist noch ein Kind. Sie weiß nicht, was sie tut, und Scott sollte nicht unsere Freundschaft missbrauchen, um an Estela ranzukommen.

Er ist so verflucht ekelhaft.

Er hat gewusst, dass es falsch ist. Warum sonst hätte er es vor mir verheimlicht?

Und er hat die Nerven, dazusitzen und so zu tun, als wäre er immer noch todunglücklich wegen irgendeines Mädchens, mit dem er in der neunten Klasse ausgegangen ist.

„Du weißt Bescheid“, meint Charlie leise und ich starre ihn an.

Was will er mir damit –

„Was?“

„Über Estela?“, bestätigt er und kann mir nicht in die Augen sehen.

Er hat es gewusst.

Nein. Das passiert hier nicht gerade.

Charlie hat es verflucht nochmal gewusst und gelogen. Sie alle haben mich belogen.

Ich habe ihnen mein größtes Geheimnis anvertraut und sie haben dagesessen und mir ins Gesicht gelogen.

Ich habe keine Freude mehr.

„Wie lange?“, will ich von ihm wissen und Charlie sieht so schuldbewusst aus. Ich weiß, dass er bereut, es mir nicht erzählt zu haben. „Wie lange weißt du es schon?“

Er zuckt mit den Achseln und seufzt geschlagen auf. „Seit der Halloweenparty. Als ich losgegangen bin, um nach ihm zu suchen… Ich habe ihn und Estela überrascht, als sie miteinander gestritten haben und ich–“

„Halt verdammt nochmal die Klappe“, sage ich ihm, weil ich nicht weiter zuhören kann. Ich kann mir verfickt nochmal keine weiteren Lügen mehr von ihnen anhören.

Die Leute um uns herum fangen langsam an zu bemerken, dass es etwas nicht stimmt. Ich gehe auf und ab, meine Hände ziehen an meinen Haaren, und brülle mir die Seele aus dem Leib. Gott, ich muss wie ein kompletter Psychopath wirken.

Scott sollte besser nicht jetzt auf–

„Hey!“

Aber natürlich taucht er verflucht nochmal genau jetzt auf.

Ich sehe ihn an und betrachte sein Gesicht. Er grinst verfickt nochmal, wahrscheinlich ist er erleichtert, dass er meine Schwester nicht geschwängert hat. Vermutlich denkt er immer noch, ich hätte keine Ahnung, dass er damit davongekommen ist.

Ich hätte gedacht, dass Estela ihm erzählt, dass ich es jetzt weiß. Vielleicht hat sie es. Ich weiß es nicht. Es interessiert mich nicht.

Aber dann sieht Scott meinen Gesichtsausdruck und er hält mitten auf dem Flur zwischen zwei Spindreihen inne.

„Monty, nicht. Er hat nicht–“ Charlie versucht, mich festzuhalten, aber was will er tun? Er kann mich kaum im Training niederringen, geschweige denn, mich von einer Prügelei abhalten – nicht, wenn ich so wütend bin. Ich bin außer mir vor Wut.

„Du verficktes Stück Scheiße“, sage ich, packe mit beiden Fäusten Scotts Jacke und schubse ihn gegen die Spinde gegenüber von meinem.

Die Leute um uns herum gehen aus dem Weg und ich muss schnell sein, wenn ich nicht will, dass uns ein Lehrer auseinanderbringt, bevor ich überhaupt anfangen kann.

„Sie ist meine verdammte Schwester, du kranker Perversling!“, brülle ich ihm ins Gesicht, mit meinem Arm an seiner Brust drücke ich ihn gegen den Spind.

Ich will gar nicht daran denken, wie die zwei zusammengekommen sind. Die kleine Estela ist zu Scott gelaufen, um darüber zu reden, wie ihr großer Bruder und ihr Vater die ganze Zeit aneinandergeraten, und der unschuldige kleine Scotty hat seine Chance ergriffen und –

Scheiße. Wie habe ich nur so blind sein können?

„Monty–“

„Halt deine verdammte Schnauze!“, brülle ich und Scott blickt hilfesuchend über meine Schulter (vermutlich zu Charlie). Ich packe sein Kinn und drehe seinen Kopf, damit er mich ansieht. „Sieh mich verflucht nochmal an, wenn ich mit dir rede.“

Scott hat keine Chance, mich von sich zu schubsen. Ich bin stärker, wütender. Ich könnte ihn zu Brei schlagen, ohne überhaupt ins Schwitzen zu kommen. Ich sollte es.

„Was zum Teufel…“, höre ich Zachs Stimme hinter mir und ehe ich es mich versehe, sind Zachs Arme um meine Mitte geschlungen und er versucht, mich von Scott wegzuziehen.

Ich hätte ihm einen Schlag verpassen sollen, als ich die Chance dazu hatte.

Verpiss dich!“ Ich versuche, mich aus Zachs Griff zu winden, aber er hält mich eisern fest und dann eilt Charlie herbei, um zu helfen. Er macht nicht viel, aber er schafft es, meinen Arm zurückzuhalten, sodass ich niemanden schlagen kann, während sie mich wegzerren.

Scott weiß nicht, was er tun soll. Er steht bei den Spinden und ich sehe, dass seine Hände zittern.

„Halt dich verdammt nochmal von ihr fern! Halt dich von meiner Schwester fern“, rufe ich, aber ich glaube nicht, dass er es aufnimmt. Er wirkt benommen, während er sich im Gang umsieht.

Zach und Charlie sagen beide etwas zu mir, aber ich höre ihnen nicht zu, weil ich mich nur auf Scott konzentrieren kann.

Und ich habe nicht einmal die Chance bekommen, ihm eine runterzuhauen.

***


Zach ist früher schon da gewesen, wir sind mal so etwas wie Freunde gewesen. Daher ist er da gewesen und hat all die Kämpfe miterlebt, aus denen Bryce mich rausgehauen hat.

Er verwendet eine Mischung aus Bryce‘ Taktik und seiner eigenen in dem Versuch, mich zu beruhigen.

Er hat mich zu all meinen Unterrichtsstunden begleitet, nur für den Fall, dass ich zufällig im Flur in Scott oder Charlie reinlaufe, weil wir beide wissen, wie das enden wird.

Zach hat sogar Alex stehen lassen, um während der Mittagspause neben mir zu sitzen. Ich suche immer wieder die Cafeteria ab, um zu sehen, ob ich die zwei Arschlöcher entdecken kann, aber sie sind nirgendwo zu sehen.

„Komm schon, Monty, finde dich damit ab“, sagt er zu mir und trinkt die Milch aus seinem Milchkarton, als hätte er keine Sorgen.

Alle Muskeln in meinem Körper sind angespannt. Ich hätte ihn wirklich schlagen sollen.

„Wie würdest du dich fühlen, wenn, sagen wir mal, Alex angefangen hätte, mit deiner Schwester zu schlafen? Sie wahrscheinlich auch manipuliert und es vor dir geheim gehalten hätte?“ Ich weiß, dass ich wie ein Irrer klinge, aber ich kann einfach nicht klar denken.

Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen und nur daran zu denken, dass die drei Menschen, denen ich am meisten auf dieser Welt vertraut habe, mich betrogen haben…

Okay, Estela vielleicht nicht. Sie hat wahrscheinlich gar nicht wirklich gewusst, was sie tat.

„Erstens, meine Schwester ist zwölf“, erklärt Zach mir und ich verdrehe die Augen darüber, dass er nicht einmal versteht, was mich so sehr stört. „Und zweitens, denkst du nicht, dass Estela alt genug ist, um für sich selbst zu denken? Scott ist ein guter Junge. Denkst du nicht, dass du vielleicht über–“

„Verpiss dich“, sage ich leise, weil mein Kopf explodieren wird, wenn ich noch eine weitere Sekunde mehr davon höre.

Ich lege den Kopf in meine Hände und versuche, meinen Atem zu beruhigen. Mein Kopf pocht und ich kann mich auf nichts anderes konzentrieren, als auf den Schmerz.

Können mich nicht einfach alle verdammt nochmal in Ruhe lassen? Ich brauche niemanden, der mir seine Meinung zu dem sagt, was Scott getan hat. Es ist falsch. Es ist verflucht nochmal falsch und ihre Meinung interessiert mich nicht.

„Geht’s dir gut, Mann?“, erkundigt Zach sich und streckt den Arm über den Tisch hinweg aus, um seine Hand auf meine Schulter zu legen.

„Alles toll“, sage ich ihm und bringe mein Gesicht wieder zum Vorschein, bevor er vermuten kann, ich würde weinen.

Ich blicke durch die Cafeteria, um zu sehen, ob mich jemand beobachtet hat, aber niemand schaut mich an. Niemand mit Ausnahme eines Kerls.

Und mein Herz bleibt stehen, weil er nicht glücklich aussieht. Er ist nicht zufrieden mit mir.

Verfickte Scheiße.

Alle, nur nicht er.

„Ich… ähm… ich muss auf die Toilette“, sage ich und stehe langsam auf. Meine Beine zittern. Warum zittern sie?

Zach betrachtet mich argwöhnisch und sieht in die Richtung, in die ich geschaut habe, aber er kann Scott und Charlie nicht ausmachen, also nimmt er es hin. „Okay, gerate nur bitte nicht… mit jemanden in einen Streit.“

Ich hoffe verflucht nochmal, dass wir nicht streiten werden.

Winn sieht, dass ich mir langsam einen Weg auf ihn zu bahne, nickt nach rechts und geht dann los. Ich weiß bereits, wohin er mich führt.

Er verschwindet in der Menschenmenge, auch wenn ich angestrengt versuche, ihn im Auge zu behalten. Aber dann sehe ich ihn nicht mehr, bis ich endlich den Raum erreiche.

Der Froschraum, wie er ihn nennt.

Die Tür ist weit geöffnet und er wartet an einem der vorderen Tische auf mich.

Ich seufze leise, ehe ich reingehe, und versuche, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.

Seine Augen lassen meine nicht los, während ich den Raum betrete und die Tür hinter mir schließe.

Er sagt nichts, zumindest nicht während der ersten Sekunden. Und dann seufzt er und sieht irgendwie… traurig aus?

„Was ist los mit dir?“, fragt er sanft und er ist definitiv nicht wütend auf mich.

„Ich…“ Ich weiß es nicht. Wo soll ich anfangen? Wo höre ich auf?

„Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht nicht geschlafen“, erzählt Winn mir und schaut mich mit schiefgelegtem Kopf an. „Du solltest schlafen.“

Ich weiß, dass ich das sollte, und ich würde es zu gerne. Aber mit der Menge an Adrenalin und Wut, die durch meinen Körper schießt, glaube ich, dass ich monatelang nicht schlafen können werde.

Er sitzt einfach nur da und starrt mich an und ich glaube, er erwartet von mir, dass ich etwas sage.

„Ich… der Kampf… ich meine…“, setze ich an und dieser eine Satz ist eine ziemlich genaue Schilderung dessen, was in meinem Kopf los ist, seit meiner Entdeckung gestern Abend.

„Der Kampf ist mir egal“, sagt er und meine Augenbrauen ziehen sich zusammen.

„Dir… ist er egal?“ Ich fange an zu überlegen, was er damit meint. Gibt er… mich auf? Hat er schließlich doch genug von mir?

„Jetzt gerade, ja“, sagt er und ich bin noch verwirrter. Er seufzt und schüttelt den Kopf. „Gott… du musst wirklich schlafen.“

Ja, das haben wir bereits besprochen.

Aber Winn blickt im Zimmer umher, stößt sich vom Tisch ab und kommt auf mich zu. „Komm schon.“

Er geht an mir vorbei und greift nach der Türklinke und ich kann ihn nur anstarren. Was zum Teufel geht hier vor?

„Komm schon“, wiederholt er und öffnet die Tür einen Spalt breit. „Du kannst zuerst abhauen. Ich treffe dich in, sagen wir, fünf Minuten auf dem Parkplatz?“

Wie kann es sein, dass alles andere leichter wird, wenn er bei mir ist, aber mit ihm zusammen zu sein alles schwierig macht?

„Wohin gehen wir?“, frage ich und lache nun fast. Selbst Winn trägt ein dümmliches Grinsen auf dem Gesicht.

„Wir schwänzen die Schule, um zu schlafen“, erklärt er mir selbstbewusst. „Also verabschiede dich von deinen Freunden und –“

„Ich habe keine mehr“, sage ich, aber das scheint keine Rolle zu spielen, nicht, wenn er hier ist.

„Na dann, worauf wartest du?“, will er wissen und er stellt keine Fragen zu dem Kampf. Er fragt nicht nach Scott, aber das muss er auch nicht, ich weiß auch so, dass er sich Sorgen macht.

Ich wünschte, ich könnte ihn küssen, bevor ich durch die Tür gehe, aber ich kann es nicht riskieren. Scott verbreitet vermutlich bereits in der ganzen Schule Gerüchte darüber, dass ich Kerle ficke.

„Fünf Minuten“, erinnere ich ihn und dann verschwinde ich durch die Tür.

***


Ich bin nicht sicher, wie lange ich geschlafen habe.

Als ich aufwache, habe ich die Bettdecke um mich geschlungen, und Winston sitzt im Schneidersitz neben mir auf der Decke.

Er liest ein Buch und ich kann erkennen, dass es das Buch ist, über das ich den Aufsatz geschrieben habe. Er ist bereits zur Hälfte durch.

„Hey“, sage ich. Meine Stimme ist heiser und er blickt vom Buch auf und lächelt mich an. „Gutes Buch?“

Er legt das Buch beiseite und betrachtet mich von oben bis unten. „Wie fühlst du dich?“

Ich strecke mich unter der Bettdecke und zucke mit den Schultern. „Gut? Nur ein bisschen weniger müde.“

„Ein bisschen?“, fragt er mit leicht erhobener Augenbraue nach und langsam mache ich mir Sorgen.

„Wie spät ist es?“ Wie lange habe ich geschlafen?

Er prüft die Uhrzeit auf seinem Handy. „Kurz nach vier.“

Nach vier… also habe ich gerade mal ein bisschen mehr als drei Stunden geschlafen.

Ich reibe über meine Augen, um den Schlaf aus ihnen herauszukriegen. Winston sieht mir lächelnd dabei zu.

„Du bist ein schlechter Einfluss“, berichte ich ihm.

Er hat mich tatsächlich überredet, die Schule zu schwänzen, um zu schlafen. Ich kann mich nicht daran erinnern, eingeschlafen zu sein, aber ich weiß noch, dass er hinter mir gelegen und mein Haar gestreichelt hat, während er meiner Erzählung über Scott und Charlie gelauscht hat.

Er lacht. „Nur für dich.“

Ich verdrehe die Augen, weil er so sanft ist, aber gleichzeitig grinse ich.

„Zach hat dir geschrieben“, erzählt Winston mir und ich setze mich richtig auf. Verflucht. Kurz nach vier… Ich habe nicht nur die Schule geschwänzt, sondern auch das Training. Und das Krafttraining am Morgen ebenfalls…

Zach hat jedes Recht, wütend auf mich zu sein und dem Coach zu sagen, dass er mich für das nächste Spiel auf die Bank setzen soll. Wir haben nur noch drei Spiele vor uns und ich muss bei allen mitspielen.

Ich stöhne auf und streiche mit meinen Händen meine Haare zurück.

„Ich habe ihm gesagt, dass du einen Tag frei brauchst, weißt du. „Um deinen Scheiß zu klären“, sagt er mir und ich runzele die Stirn.

Du hast es ihm gesagt?“, frage ich ihn. Wie dumm ist er, unsere Tarnung auffliegen zu las–

„Naja, du hast es.“ Er streckt den Arm nach seinem Nachttisch aus und hebt mein Handy hoch. Er schaltet es ein, entsperrt das Display (woher kennt er mein Passwort?) und hält es mir anschließend hin.

Ich lese die Textnachrichten. Sie klingen tatsächlich so, als hätte ich sie geschrieben.

Ich lege mich wieder hin. Es hat keinen Zweck, jetzt irgendwohin zu gehen. Das Team rechnet nicht damit, dass ich auftauche, mein Dad erwartet mich nicht vor mindestens sechs Uhr zuhause und Estela würde ihnen nicht erzählen, dass ich von der Schule abgehauen bin. Nicht, nachdem ich die wahre Geschichte für sie verschleiert habe.

Winston legt mein Handy beiseite, rutscht auf dem Bett runter und legt sich neben mich – oder vielmehr, auf mich. Er legt seinen Kopf auf meine Brust und hebt sein Bein, um es um meine zu schlingen.

Ich seufze. „Wann kommen deine Eltern nach Hause?“

Wenn wir das Haus für uns alleine hätten… aber seine Eltern sind arbeiten und sollten bald zurück sein.

Ich bin froh, dass er mich nicht dazu drängt, über Scott, Estela oder sonst jemanden zu reden. Ich weiß, früher oder später werden wir darüber sprechen müssen – nur nicht jetzt.

„Bald“, sagt er und küsst meine Schulter. Dann sieht er zu mir auf und grinst. „Willst du sie kennenlernen?“

Ich bin nicht sicher, ob er Witze macht oder nicht – vermutlich schon –, aber mein Herz schlägt trotzdem schneller.

Wir haben immer noch nicht wirklich über „uns“ gesprochen. Wir machen all diese Dinge zusammen… aber wir haben nicht wirklich festgelegt, ob wir in einer Beziehung sind oder nicht. Dieses eine Wort könnte alles verändern.

Ich. In einer Beziehung. Mit einem Kerl.

Und dann ist der Moment vorbei und ich kann nicht mehr „Ja“ sagen, weil er den Kopf nach oben neigt und mich küsst.

Kurz berühren sich unsere Lippen, dann zieht er sich zurück und bettet seinen Kopf auf meiner Schulter.

Dann wird er still. Manchmal hat er diese Momente, in denen er mit den Gedanken abschweift, und ich kann anhand seines Gesichtsausdrucks erkennen, dass er an seinen Cousin denkt.

Ich bringe es nicht zur Sprache. Wenn er darüber mit mir sprechen will, wird er es tun.

Wir bleiben für ein paar Minuten so liegen und ich merke, wie ich langsam einschlafe, als plötzlich das Geräusch einer sich öffnenden Eingangstür ertönt.

„Scheiße“, sage ich und muss Winn anstupsen, weil er auf mir eingeschlafen ist.

„Hm?“ Er schaut sich um, während ich aufstehe und zur Tür deute.

Schritte.

„Winston? Winnie, Süßer, könntest du –“

Aber ehe einer von uns reagieren kann, öffnet sich die Tür und eine Frau, die aussieht, als wäre sie in ihren Fünfzigern, betritt den Raum. Sie sieht wie die weibliche Version von Winn aus, nur älter.

Sie bemerkt zuerst Winn, der auf dem Bett liegt, dann wandern ihre Augen zu mir und ich erstarre.

Scheiße.

Winston reagiert als erster. Er gleitet vom Bett und geht hinüber, um sich vor seine Mom zu stellen. „Ja?“

Ich wünschte, ich könnte mich genauso lässig wie er verhalten. Aber dann schaut er zu mir zurück und ich erkenne, dass er überhaupt nicht entspannt ist. Er sieht sogar aus, als täte es ihm leid.

„Ich… Ich wollte nur sagen, dass ich Abendessen mitgebracht habe“, sagt Winns Mutter und sie klingt nicht beunruhigt. Wieso stört es sie nicht? Warum tut sie so, als wäre das normal? Vielleicht ist sie daran gewöhnt.

„Wollen du und dein Freund–“

„Er ist nicht mein Freund“, sagt Winston schnell und wirft mir einen besorgten Blick zu, als erwarte er, dass ich einfach weglaufen würde.

Aber das werde ich nicht.

„Noch nicht“, füge ich hinzu und bin nicht sicher, wer überraschter wirkt. Winn, seine Mom oder ich. „Ich muss aber langsam los. Aber, ähm, danke für die… Einladung.“

Ich bin so verdammt unbeholfen, aber es scheint ihnen nichts auszumachen.

Winston grinst von Ohr zu Ohr und seine Mutter nickt mir kurz zu. „Dann vielleicht beim nächsten Mal.“

„Ja“, sage ich, aber ich schaue Winn an. „Das würde mir gefallen.“

Seine Eltern kennenlernen? Dazu bin ich noch nicht bereit und ich glaube, er ist es auch noch nicht. Ich will nicht, dass wir es überstürzen.

Zuerst müssen wir einige Dinge klären. Besonders ich.
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