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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 Slash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
2
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40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.10.2020 3.199
 
Hallo ihr Lieben!



Nachdem ich gestern den ganzen Tag bis heute Morgen auf einer Hochzeit war, hat es leider ein wenig länger gedauert, Kapitel 15 noch einmal Korrektur zu lesen. Ich hoffe, ihr seht es mir nach. ;-)

Dieses Kapitel gehört zu meinen Lieblingen, auch wenn das Thema an sich schwierig und widerlich ist, liebe ich es, wie Winston und Monty in dem Moment damit – und vor allem mit dem jeweils anderen – damit umgehen.

Auch möchte ich diese Stelle nutzen, um mich mal wieder sehr für eure Reviews zu danken. Ich freue mich immer total über jede einzelne Rückmeldung. :-)

Ich habe nun Gott sei Dank eine Woche Urlaub, in der ich zwar auch Dinge unternehmen werde, in der ich aber auch endlich nochmal mehr Zeit fürs Übersetzen haben werde. Ich habe das erste Kapitel der Fortsetzung von SWRU schon fertig und werde mich in den nächsten Tagen so oft es geht mit den anderen beschäftigen. :-)

Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen und noch einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße

eure Anja

_________________________________________


Kapitel 15: Salziges Essen und Tränen


Ich glaube, ich habe nicht einmal eine Sekunde geschlafen.

Ich habe es wirklich versucht, habe es aber einfach nicht geschafft.

Die Luft im Zimmer ist erstickend und Winn hat sich die ganze Zeit an mich gekuschelt, um mir das Atmen noch schwerer zu machen.

Mitten in der Nacht habe ich aufgegeben, bin aufgestanden und habe das Fenster geöffnet. Dann habe ich am Fenster gesessen, während ich ihn eine Zeit lang beim Schlafen beobachtet habe. Aber dann hat er irgendwas davon gemurmelt, dass ihm kalt wäre, und ich habe das Fenster wieder schließen und zurück ins Bett gehen müssen, bevor er ganz aufgewacht wäre.

Jetzt ist es Morgen, vielleicht sogar Nachmittag, und ich verhungere.

Winn hat letzte Nacht sein ganzes Essen aufgegessen und es dann im Gästebad ausgekotzt, während ich ihm auf den Rücken geklopft und ihm gesagt habe, dass alles gut werden würde. Darum habe ich ihm anschließend mein Essen gegeben; er hat es mehr gebraucht als ich.

Ich weiß, dass Scott und Charlie schon seit einer Weile wach sind. Ich habe gehört, wie sie vielleicht vor einer halben Stunde die Treppe runtergegangen sind und leise gelacht haben. Ich bin froh, dass sie gut gelaunt sind. Ich bin mir sicher, gehört zu haben, wie sie letzte Nacht gestritten haben. So ist es eine ganze Zeit lang gegangen. Ich hoffe, dass es nicht um mich ging.

Winn hält mich gefangen. Seine Hände sind unter meinem Shirt und berühren meinen Rücken. Er zieht mich eng an sich, als wolle er nicht, dass ich weggehe. Ich rühre mich und er versucht, mich noch näher zu ziehen.

Ich habe die ganze Nacht damit verbracht, über alles nachzudenken, und trotzdem ist mir keine vernünftige Erklärung eingefallen.

Er hat nicht gewollt, dass ich ihn anfasse, aber es war in Ordnung, dass er mich berührt. Er hat keinen Sex gewollt, aber es war für ihn in Ordnung, mir einen zu blasen. Es gefällt mir wirklich nicht, wohin meine Gedanken mich führen.

Ich wehre mich in dem Versuch, mich aus seinem Griff zu befreien, und es ist irgendwie niedlich, wie er mich nicht gehen lassen will.

„Verdammt, Winn“, stöhne ich und versuche, seine Hände von mir zu lösen.

„Hör auf, dich zu bewegen“, sagt er und schmiegt seine Nase in meine Halsbeuge.

Scheiße. Was er mir nicht alles antut.

„Ich muss gehen“, sage ich und zerzause sein Haar mit einer Hand, aber er ist immer noch nicht überzeugt. „Badezimmer.“

„Na schön“, seufzt er und nimmt endlich die Hände von mir.

Ich gehe ins Badezimmer, lasse die Tür aber leicht offen. Ich warte, bis ich ihn wieder leise schnarchen hören kann, und dann laufe ich auf Zehenspitzen am Bett vorbei und gehe aus dem Zimmer.

Von da an ist es leicht.

Ich kann Stimmen hören, die aus der Küche kommen, während ich die Treppe runtergehe. Ich halte inne und versuche zu verstehen, worüber sie sich unterhalten.

Aber die Küchentür ist geschlossen und ich kann nur gedämpfte Stimmen hören. Ich denke aber, ich kann erraten, was ihr Gesprächsthema ist.

Ich betrete die Küche und sie hören fast schlagartig auf zu reden.

„Was?“, sage ich und schaue zuerst Scott und dann Charlie an.

Die Küche ist ein Schlachtfeld. Schmutziges Geschirr und Pfannen stapeln sich in der Spüle, der ganze Boden ist mit Mehl übersäht und es riecht nach verbrannten Eiern. Charlie hat einen Kehrbesen in der Hand und kehrt den Boden, während Scott eine Pfanne über den Mülleimer hält und ihre letzten Überbleibsel reinwirft.

„Was zum –“

„Wir haben versucht, Pancakes zu machen“, erzählt Charlie mir und deutet auf den mehlbedeckten Boden.

„Von Grund auf“, fügt Scott hinzu, damit ich nicht annehme, sie seien komplette Volltrottel, die nicht einmal die Anweisungen auf der Rückseite einer Pancake-Backmischung befolgen können.

„Richtig…“, sage ich, als würde das das Chaos rechtfertigen. Wissen sie denn nicht, wie man Mehl in eine Schüssel schüttet?

Charlie fährt fort, den Boden zu kehren und Scott stellt die immer noch heiße Pfanne auf den Berg Geschirr in der Spüle. Charlies Eltern werden nicht erfreut sein.

„Gut geschlafen?“, fragt Scott mich und er versucht so sehr, ein ausdrucksloses Gesicht beizubehalten. Aber dann trifft sein Blick auf Charlies und beide schnauben.

„Idioten“, murmle ich vor mich hin. Ich habe die ganze Nacht damit verbracht, mir um Winn Sorgen zu machen und mir Erklärungen dafür zu überlegen, warum er sich so seltsam verhalten hat, aber das erzähle ich ihnen nicht. Sie können denken, was sie wollen.

Mein Magen knurrt und ich erinnere mich, warum ich überhaupt hier bin. „Gibt es irgendwelche essbaren Reste?“

Scott und Charlie tauschen einen Blick und zucken mit den Schultern. „Wir können was bestellen?“

Ich will wirklich nicht wissen, was aus all dem anderen Essen aus Charlies Kühlschrank geworden ist, aber ich hoffe sehr für sie, dass sie nicht die Milchschokolade angerührt haben.

***


„Was ist das überhaupt für eine Frage?“, will ich wissen und bin nicht sicher, ob sie mich überhaupt verstehen können. Ich habe den Mund voll mit Essen und bin so hungrig, dass ich vollkommen zufrieden damit wäre, schweigend zu essen. Aber Charlie findet einfach jeden Tag neue Möglichkeiten, mich zu nerven.

Selbst Scott scheint empört zu sein. „Was meinst du damit, du würdest nicht für die Patriots spielen wollen?“

Charlie zuckt mit den Achseln, er ist ganz klar in der Unterzahl, aber er steht trotzdem zu seiner beschissenen Meinung. „Ich meine ja nur. Früher waren sie gut– “

Er schafft es nicht mehr, den Satz zu beenden, weil ich von der Couch aufstehe, ihn packe und zu Boden ringe. Ich lasse nicht zu, dass er so über die Patriots spricht.

„Sie waren früher gut?“, frage ich ihn, sobald ich ihn im Schwitzkasten habe, und Scott lacht so sehr, dass er es kaum schafft, sein Essen im Mund zu behalten.

„Okay, okay, okay“, sagt Charlie schnell und ich lockere meinen Griff. „Na schön, ich würde für die – Oh. Hey Winston.“

Ich lasse Charlies Kopf fast augenblicklich los, als ich aufblicke und ihn im Türrahmen stehen sehe.

Er sieht okay aus, definitiv besser als letzte Nacht. Er trägt das Shirt, das er auf der Party getragen hat, aber auch ein Paar Shorts, die Charlie ihm letzte Nacht zum Schlafen gegeben hat. Ich bin ziemlich sicher, dass er sie in der Mittelstufe getragen hat.

Ich schubse Charlie von mir runter und bin unsicher, was ich jetzt machen soll. Soll ich mich zurück auf die Couch setzen oder zu Winn rübergehen?

Seine Haare sind ein einziges Chaos und stehen in alle Richtungen ab, aber er schafft es immer noch, gut auszusehen. Er lächelt uns an – mich – und ich sitze auf dem Boden und starre zurück.

Scott sieht von mir zu Winston und grinst Winn dann an. „Komm und frühstücke mit uns, wir haben Thailändisch bestellt. Monty meinte, das hast du am liebsten.“

War der letzte Teil wirklich notwendig? Ich funkele Scott an, während ich langsam vom Boden aufstehe, aber er behält sein Grinsen bei.

Winston setzt sich auf meinen Platz, weshalb ich mich in Bewegung setze, um mich neben Charlie zu setzen, aber Scott springt rasch auf.

„Komm schon, Monty. Was für ein Freund wäre ich, wenn ich dich davon abhalten würde, neben deinem Freund zu sitzen?“, zieht er mich auf und setzt sich neben Charlie, ehe ich überhaupt reagieren kann.

Mistkerl. Verdammter Mistkerl.

An diesem Punkt wäre es mir lieber, wenn er sich mir gegenüber homophob verhalten würde. Zumindest wüsste ich dann, wie ich reagieren sollte.

Winston kichert über Scotts Kommentar und ich verstehe nicht, warum es mich so nervös macht, neben ihm zu sitzen. Ich habe die ganze Nacht wortwörtlich mit ihm zusammengeklebt verbracht und jetzt ist es mir peinlich, neben ihm zu sitzen? Es liegt daran, dass wir nicht allein sind und Scott und Charlie uns beobachten.

Ich setze mich auf den Rand der Couch und mein Herz hämmert in meiner Brust. Ich muss mit ihm über… die Sache reden. Aber nicht vor diesen zwei Idioten.

Charlie sieht Winn beim Essen zu, als wäre er das Faszinierendste, das er jemals gesehen hat. Um ehrlich zu sein, mache ich ihm da keinen Vorwurf.

Ich glaube, ich habe meinen Appetit verloren. Ich sitze nur an der Seite und verfolge aufmerksam, was vor mir passiert. Winn isst; er nimmt nur kleine Bissen von seinem Essen, aber es ist besser als nichts. Charlie starrt Winston und mich auf gruselige Weise an, während Scott tatsächlich versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

Ich bin froh, dass zumindest Scott richtig zu funktionieren scheint und nicht über Winn und mich redet.

Aber das hält nicht lange an.

„Also, wie habt ihr zwei euch kennengelernt?“, will Scott dann wie aus dem Nichts wissen und schenkt mir ein breites Grinsen. Naja, das wird schnell unangenehm werden.

Winston hält beim Kauen inne und dreht langsam den Kopf, um mich anzusehen. Ich habe keine Ahnung, wie viele Male ich mich für diese Nacht entschuldigt habe. Ich habe aufgehört zu zählen.

Ich glaube, Scott hat gerade ein paar schlimme Erinnerungen wieder hochgeholt und ich schwöre, ich schlage ihn hier und jetzt zusammen.

Aber dann grinst Winston mich an und ich entspanne mich ein wenig.

Wir… ähm“, sagt er und kratzt sich am Hinterkopf. „Wir haben uns auf einer Party kennengelernt.“

Ich seufze erleichtert darüber auf, dass er die Details auslässt, aber Scott runzelt die Stirn. „Komm schon, ich will die ganze Geschichte hören.“

Ich verdrehe die Augen, aber Winn lacht. Ich bin froh, dass nur einem von uns Scotts Fragen unangenehm sind.

„Du musst ihn entschuldigen“, sage ich zu Winn, sehe dabei aber in Wirklichkeit Scott an. „Er ist seit der neunten Klasse mit keinem Mädchen mehr zusammen gewesen, deshalb schnüffelt er im Liebensleben aller anderen herum.“

Ich erwarte, dass sie lachen und das Thema fallen lassen, aber Charlies Grinsen verschwindet und er wechselt einen Blick mit Scott. Und dann ist der Moment im Sekundenbruchteil vorbei. Und sie fangen an zu lachen, als wäre nichts gewesen.

Ich will echt nicht wissen, was zur Hölle das gerade war.

***


Charlie deutet an, dass wir vermutlich die Küche aufräumen sollten, bevor seine Eltern nach Hause kommen. Daher erzähle ich ihnen, dass ich müde bin, und obwohl Scott aufstöhnt und sich beschwert, lässt Charlie mich nach oben ins Gästezimmer gehen.

Ich schlafe allerdings nicht. Ich liege auf der Bettdecke und starre an die Decke, während ich an die Tatsache denke, dass mein Gespräch mit Winn nun unausweichlich ist.

Ich höre das Geräusch seiner Schritte draußen vor der Tür und er zögert, ehe er diese langsam öffnet.

Ich setze mich auf, um zu sehen, wie er seinen Kopf durch die Tür steckt. „Oh. Ich dachte, du wärst mittlerweile eingeschlafen.“

Ich erwidere nichts und starre wieder an die Decke.

Er schließt die Tür hinter sich und geht hinüber zum Bett. Erneut zögert er, aber dann krabbelt er aufs Bett und legt sich neben mich.

„Freund, hm?“, fragt er mit einem leisen Lachen am Ende.

Ich kann fühlen, wie ich rot werde und mein Herzschlag sich beschleunigt.

Ich zucke mit den Schultern. „Ich wollte nicht… ich meine… ich– “

Ich weiß nicht einmal, was ich sagen soll und Winston lacht leise über mich.

Wenn ich es jetzt nicht herausbekomme, werde ich es niemals.

„Was ich letzte Nacht passiert?“, frage ich und er hört auf zu lachen.

Er kommt nicht hier raus, bis er es mir gesagt hat. Ich will ihn nicht dazu drängen, mir irgendwas zu erzählen, was er nicht will, aber ich will auch nicht, dass er Geheimnisse vor mir hat.

„Ich weiß nicht, was du–“

„Komm mir nicht mit dem Scheiß“, sage ich und setze mich auf dem Bett auf. Er schafft es, etwa zwei Sekunden lang meinem Blick standzuhalten, und dann sieht er weg. „Du weißt, wovon ich spreche.“

Er seufzt und bedeckt sein Gesicht mit den Händen, als wolle er nicht, dass ich ihn ansehe.

Das ist schwieriger, als ich gedacht habe. „Was auch immer es ist… du kannst es mir sagen“, sage ich und kann nicht glauben, dass diese Worte aus meinem Mund kommen. „Am Dienstag meintest du, dass du mit mir reden müsstest und dann–“

„Ich habe dir Freitag abgesagt, weil ich einen Streit mit meinen Eltern hatte“, sagt er langsam und setzt sich ebenfalls auf. Er rutscht auf dem Bett hoch, bis sein Rücken gegen das Kopfbrett lehnt und schlingt die Arme um seine Knie.

„Einen Streit?“, frage ich nach und er nickt.

Einen Streit? Er ist nicht gekommen, weil er einen Streit hatte?

Okay…? Und was hat das mit dem zu tun, was am Dienstag und danach passiert ist?

„Ich meine… als meine Eltern mir sagten, dass die ganze Familie meinen Großvater besuchen würde…“, sagt er und hält inne, als er sein Kinn auf seinem Knie ablegt. „Ich habe nicht angenommen, dass sie damit die ganze Familie meinten.“

Ich bin nicht wirklich sicher, worauf er damit hinauswill, aber ich unterbreche ihn nicht und warte, bis er bereit ist, mir den nächsten Teil der Geschichte zu erzählen.

„Am Freitag… ähm… habe ich herausgefunden, dass einer meiner älteren Cousins – Chester – auch dort sein würde“, berichtet er mir. „Und ich hatte einen riesigen Wutanfall, weil ich nicht dorthin fahren wollte… Ich war zu aufgebracht, um dich zu sehen.“

Seine Stimme verliert sich und er blickt mich aus dem Augenwinkel an. Vermutlich sollte ich etwas sagen.

„Warum wolltest du nicht hinfahren?“, frage ich, weil es jetzt nicht wirklich wichtig ist, dass er mich am Freitag nicht sehen konnte.

„Chester und ich… Als ich klein war… ähm… hat er mich gezwungen, diese Spiele mit ihm zu spielen“, erzählt er und mir dreht sich der Magen um. Es gefällt mir nicht, worauf das hinausläuft. „Ich… ähm–“

Und dann fällt sein Gesicht in sich zusammen, seine Unterlippe bebt und Tränen laufen aus seinen Augen. Er versucht, sein Gesicht zu verbergen, indem er sein Kinn an die Brust drückt, und ich höre das Geräusch gedämpfter Schluchzer.

Mein erster Instinkt ist, meine Arme um ihn zu legen, aber ich bin nicht sicher, ob das gerade so eine gute Idee ist.

Er schaut nicht auf, aber das Geräusch seiner Schluchzer wird leiser und er beginnt wieder zu sprechen. „Ich dachte damals, dass es normal wäre. Er hat mir gesagt, dass es das wäre. Er war… sechzehn damals, glaube ich?“, sagt er und mir wird schlecht. Ich muss meine Hände zu Fäusten ballen oder ich laufe Gefahr, etwas zu zerbrechen. „Ich war neun.“

Und das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich grabe meine Zähne in meine Unterlippe in dem Versuch, mich zu kontrollieren. Aber ich glaube nicht, dass ich das kann. Ich kann verdammt nochmal nicht richtig atmen. Scheiße, ich glaube nicht, dass ich überhaupt atme.

„Jedes Mal, wenn ich zu ihm nach Hause kam, wollte er „Doktor“ spielen“, fährt Winston fort, sich überhaupt nicht bewusst, dass ich so kurz davor bin, seinen Cousin und jeden, der daran beteiligt war, umzubringen. „Meine Eltern waren ständig unterwegs, also haben sie mich bei ihm zuhause abgesetzt. Er sollte auf mich aufpassen.“

Und ich dachte, ich hätte ein schlimmes Los gezogen. Ich werde mich verflucht nochmal nie wieder über meine Familie beschweren. Ich glaube nicht, dass ich das noch weiter ertragen kann. Ich will, dass er mir so einen Mist erzählen kann, aber ich denke nicht, dass ich ihm noch weiter zuhören kann.

Aber dann sieht er auf und lächelt und für den Bruchteil einer Sekunde geht es mir gut. Er blickt hinab, sieht meine zu Fäusten geballten Hände und schluckt schwer. „Monty…“, setzt er an und versucht, nach meiner Hand zu greifen, aber ich ziehe sie vor ihm weg.

Also schaut er wieder weg und räuspert sich. „Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen, nicht seitdem wir hierhergezogen sind – weg von meinem Großvater. Aber dann habe ich ihn Samstag getroffen und er… er hat mir diesen Blick zugeworfen. Und all die Erinnerungen, die ich in mir begraben hatte… sie kamen einfach alle zurück.“

Er sieht zu mir auf und ich versuche, meine Atmung wieder zu normalisieren. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, ihn zu umarmen. Ich muss aufhören, an mich zu denken, und mich auf ihn konzentrieren. Wütend zu sein, wird uns in diesem Moment nicht helfen.

Langsam löse ich meine geballten Hände und strecke ihm einen Arm entgegen. „Darf ich…“

Aber ich muss gar nichts mehr sagen, weil er sich nach vorne lehnt und seine Arme um meine Mitte schlingt. Ich atme sein Shampoo ein und schlinge meine Arme fest um ihn. Ich will ihn nie wieder loslassen.

„Sonntagnacht konnte ich nicht schlafen und ich habe meinen Eltern am Montag erzählt, dass ich zu krank wäre, um zur Schule zu gehen“, murmelte er gegen meine Brust. Ich halte ihn so fest, dass er buchstäblich zerdrückt wird. „Monty, ich kann nicht atmen.“

Er lacht und ich lasse zu, dass ich mich einen Augenblick lang entspanne.

Er schafft es, sich von mir zurückzuziehen, und sieht zu mir auf. Seine Hand beginnt, zärtlich meine Wange zu streicheln und dann legt er seine Stirn gegen meine. „Ich wollte es dir am Dienstag erzählen, aber dann habe ich… habe ich gekniffen. Und wegen dem, was gestern passiert ist… es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verärgern oder–“

„Halt verdammt nochmal den Mund“, sage ich leise und ich ziehe meinen Kopf ein bisschen zurück, sodass seine Stirn meine nicht mehr berührt. „Du kannst mich so oft verärgern, wie du willst. Ich will nur, dass es dir gut geht.“

Eine Sekunde lang sieht er erschrocken aus, dann erscheint ein riesiges Grinsen auf seinem Gesicht. „Ja? Okay… Freund.“

Ich schüttle den Kopf über ihn, aber ich kann nicht aufhören zu lächeln. Dann beugt er sich vor und überbrückt den Abstand zwischen uns, indem er seine Lippen auf meine drückt.

Mit einer Hand reibe ich über seinen Rücken, während er mich küsst und ich seinen Kuss erwidere. Er schubst mich nicht von sich, zuckt nicht zusammen und sagt mir nicht, dass ich ihn nicht anfassen soll.

Er schmeckt nach Tränen und thailändischem Essen, aber es macht mir nichts aus. Es ist nur wichtig, dass ich ihn küsse und er mir gehört. Weil kein anderer ihn so küssen darf, wie ich es tue. Kein anderer darf seine Geschichte erfahren und kein anderer darf ihn festhalten, nachdem er geweint hat.

Und ich wünschte, es könnte für immer so bleiben.
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