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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
3
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Dieses Kapitel
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16.10.2020 3.372
 
Guten Morgen ihr Lieben!



Endlich ist Freitag und damit mein letzter Arbeitstag vor meinem Urlaub. Eine Woche ausspannen und Kraft tanken, bis bei mir auf der Arbeit das Weihnachtsgeschäft langsam los geht.

Da ich heute lange arbeiten muss, bin ich extra ein wenig früher aufgestanden, damit ich euch das neue Kapitel noch vor der Arbeit hochladen kann. :-)

Ich hoffe sehr, dass es euch gefällt. Ich persönlich liebe die Freundschaft zwischen Monty, Charlie und Scott. <3 Geht es euch genauso? Ich finde es so schade, dass man davon in der Serie nicht so viel mitbekommen hat…

So, genug Geschwafel am frühen Morgen. Jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und einen guten Start ins Wochenende. :-)

Liebe Grüße

eure Anja

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Kapitel 14: Nüchterne Gedanken


Ich glaube nicht, dass ich jemals so lange nüchtern auf einer Party gewesen bin.

Scott zu suchen ist allerdings viel leichter, wenn man selber nicht besoffen ist.

„Ich kann ihn nirgendwo finden“, sagt Charlie. Wir haben ausgemacht, uns an der Treppe zu treffen, aber keiner von uns hat Scott gefunden.

„Hast du draußen nachgesehen?“, erkundige ich mich.

Es ist so untypisch für Scott, während einer Party zu verschwinden. Er ist der Einzige von uns, der eine Jacke mit Taschen mitgebracht hat, weshalb Charlie ihm seine Hausschlüssel gegeben hat, sodass wir sie nicht verlieren würden. Ziemlich dumm, wo ich jetzt so drüber nachdenke.

Scott reagiert nicht auf unsere Nachrichten und Charlie macht sich Sorgen, dass er mit seinen Hausschlüsseln abgehauen sein könnte.

Ja“, meint Charlie. Er ist total gestresst, weil seine Eltern für die Halloweennacht ausgegangen sind und er nicht zurück ins Haus kommen wird, wenn wir Scott nicht finden. „Wo hast du gesucht?“

„Küche, Wohnzimmer, etc. Hauptsächlich im Untergeschoss“, erwidere ich. Aber Scott ist nicht der Einzige, nach dem ich Ausschau halte. Er meinte, er würde herkommen, also wo steckt er?

„Auch in den Badezimmern?“, fragt Charlie nach und er geht aus dem Weg, um jemanden die Treppe hochgehen zu lassen.

Ich nicke. Ich habe alle, die frei waren, geprüft und an den belegten geklopft. Nirgendwo eine Spur von einem kotzenden Scott.

„Ich vermute, du weißt, was das bedeutet“, seufze ich und nicke zur Treppe.

Niemand will auf einer Party das Obergeschoss absuchen. Wer weiß, in was man versehentlich hineinplatzen könnte.

„Großartig“, meint Charlie ohne Begeisterung. Er macht einen Schritt auf die Treppe zu. „Treffen wir uns in 10 Minuten?“

Ich nicke.

An dieser Stelle wäre es ein Wunder, wenn wir ihn finden würden.

***


Charlie kontrolliert das Obergeschoss auf der einen Seite des Hauses und ich das auf der anderen. Ich gehe in offene Zimmer, klopfe an verschlossenen und stelle immer wieder die Frage: „Scotty, bist du da drin?“

Im Gegensatz zu Charlie habe ich einen Vorteil: Ich bin schon hier gewesen. Ich überprüfe Zimmer, die er wahrscheinlich nie gefunden hätte.

Ich checke die Schlafzimmer, die Bryce normalerweise abgeschlossen hält. Eines ist aufgeschlossen.

Aber als ich hineingehe, ist es leer. Vermutlich ist Bryce kurz vorher hier drin gewesen und hat vergessen, die Tür hinter sich abzuschließen.

Aber gerade, als ich mich wieder umdrehen will, höre ich, wie sich jemand im Badezimmer übergibt. Der einzige Eingang zu dem Badezimmer führt durch das Schlafzimmer und ich versuche mich zu erinnern, ob Scott dieses Zimmer hier kennt.

„Scotty?“, rufe ich, aber außer noch mehr würgenden Geräuschen erhalte ich keine Antwort.

Verdammt ekelhaft.

Aber wie der gute Freund, der ich bin, gehe ich hinüber zum Badezimmer. Die Tür ist nicht abgeschlossen, sie ist nicht einmal geschlossen, und ich sehe jemanden zusammengekauert vor der Toilettenschüssel hocken.

„Winn?“

Scharf dreht er mir den Kopf zu und ich sehe seine roten Augen und Wangen. Er sieht nicht gut aus. Seit er am Dienstag zurückgekommen ist, ist er total fertig.

„Was ist los mit dir?“, frage ich. Er öffnet den Mund, um zu antworten, aber dann dreht er den Kopf zurück zur Kloschüssel und kotzt erneut.

Ich habe früher schon beobachtet, wie Charlie einem kotzenden Scott geholfen hat, viele Male sogar. Aber ich habe das einfach immer Charlie überlassen, ich habe diesen Mist nie selber machen müssen.

Er hält einen Augenblick inne und spuckt dann in die Toilettenschüssel. „Diego hat mich gezwungen, bei seinem dummen Spiel mitzumachen“, stöhnt er und senkt den Kopf, um sein Kinn auf dem Toilettensitz abzulegen.

Wäre es jemand anderes, wäre ich schon längst wieder verschwunden. Ich kann das nur eine gewisse Zeit lang ertragen. Aber es ist nicht irgendwer. Es ist Winn.

„Wie viel hast du getrunken?“, erkundige ich mich und er kichert leicht.

Ich will, dass es ihm gut geht. Wir können später in seinem Schlafzimmer darüber reden, was passiert ist – für den Moment scheint das nicht wichtig zu sein. Ich muss mich nur um ihn kümmern.

„Nur ein bisschen“, murmelt er und ich verdrehe die Augen, weil das offensichtlich eine Lüge ist. Ich muss ihn hier rausbekommen. „Aber ich… ich habe auch ein paar Schmerztabletten genommen.“

Ich will ihn fragen, wie dumm er sein muss, um Alkohol zu trinken, wenn er Schmerztabletten genommen hat, aber ich tue es nicht. Das würde nicht helfen.

„Um Himmels willen“, murre ich leise vor mich hin. Ich bin nie so froh darüber gewesen, nüchtern auf einer Party zu sein. „Warte hier, ich hole jemanden.“

Es ist nicht so, als könnte er sich bewegen, aber ich sage es ihm, weil ich will, dass er weiß, dass ich wiederkomme.

„Lass mich hier nicht zurück“, protestiert er und dreht den Kopf, um mich wieder anzusehen. Er hat Speichel auf dem Kinn. Entzückend.

„Ich werde nur –“

„Bryce meinte, er wäre gleich zurück“, unterbricht er mich und ich halte inne und weiche von der Tür zurück.

„Bryce?“

Scheiße. Was, wenn er letzten Endes doch Bescheid weiß? Ich kann spüren, wie mein Blut und mein Körper – allein bei dem Gedanken, was Bryce tun könnte, wenn er es wüsste – langsam zu Eis gefrieren.

„Er sagte, ich würde nicht gut aussehen, und alle anderen Badezimmer waren belegt“, lallt er. Es klingt nicht einmal so, als wüsste er, was er sagt.

Ich muss mit Bryce sprechen. Und ich muss Scott finden. Aber ich kann Winston nicht einfach hier lassen.

Verflucht. Was soll ich tun? Was soll ich tun?

„Warte… einfach hier, in Ordnung?“, versuche ich es erneut. Charlie wird wissen, was zu tun ist. „Ich bin gleich zurück.“

Ich schließe die Badezimmertür und die Tür zum Schlafzimmer hinter mir. Charlie zu finden stellt sich als viel einfacher heraus, als Scott zu finden. Ich erblicke ihn fast sofort. Er läuft den Flur entlang und schaut sich um, als würde er etwas suchen. Verdammt, hat er Scott auch nicht gefunden?

„Hast du ihn gefunden?“, rufe ich Charlie zu und sofort begegnet sein Blick meinem.

Er beschleunigt seinen Schritt und nickt. Und dann nehme ich den Ausdruck auf seinem Gesicht wahr. Er wirkt erschüttert und ist weiß wie Papier.

„Was ist los mit dir?“, frage ich nach und wundere mich, wann ich die Mutter dieser Gruppe geworden bin. Auf andere aufzupassen ist nicht gerade meine Stärke.

„Ich… ähm…“, seine Stimme verliert sich und er sieht aus, als könnte er mir nicht in die Augen sehen.

„Also, wo ist Scott?“, erkundige ich mich und schaue an Charlie vorbei, um zu prüfen, ob Scott irgendwo dort ist und hinter ihm herläuft. Das ist aber nicht der Fall.

„Hör zu. Monty…“, beginnt Charlie und er sieht aus, als wüsste er nicht, wo er anfangen sollte.

Was könnte er womöglich gesehen haben, das ihn so –

„Hast du ihn… bei etwas erwischt?“, frage ich und kann nicht anders, als zu grinsen.

Charlie sieht mich an und nickt dann langsam. „Ja. Habe ich.“

„Naja, das erklärt alles.“ Scott geht es gut, Charlie geht es gut (ein wenig erschüttert, aber okay). Also gibt es nur noch einen Menschen, die noch auf der Liste steht.

„Monty, ich muss dir–“

„Ich habe Winston gefunden“, falle ich ihm ins Wort, weil es mich offen gesagt gerade nicht interessiert, was er muss.

Überrascht heben sich seine Augenbrauen. „Hast du?“

Er stellt keine dummen Fragen und verhält sich so, als wäre alles normal. Vielleicht ist es das sogar für ihn.

„Ich glaube nicht, dass es ihm gut geht“, berichte ich ihm und gehe langsam – mit Charlie dicht hinter mir – zurück zum Schlafzimmer. „Ich habe ihn gerade gefunden, als er sich übergeben hat. Er meint, er hätte Schmerztabletten genommen und ich –“

„Monty. Entspann dich“, befiehlt Charlie mir, als ich die Tür zum Schlafzimmer aufmache. Ich lasse ihn zuerst reingehen, um sicherzustellen, dass ich die Tür hinter uns abschließe, für den Fall, dass Bryce zurückkommen will.

„Ich… ich kann ihn nicht einfach hierlassen, weißt du?“, sage ich und Charlie öffnet die Tür zum Badezimmer.

Er hockt nicht mehr vor der Kloschüssel. Er liegt bewusstlos auf dem Boden, seine Wange berührt den gefliesten Boden und ein Arm liegt nach wie vor auf dem Toilettendeckel.

Scheiße. Scheiße. Scheiße.

Charlie reagiert als Erster. Er eilt zu Winston und versucht ihn aufzuwecken, während ich wie ein Idiot dastehe.

Ich hätte ihn nicht alleinlassen sollen.

„Was machst du?“, frage ich Charlie, weil Winston ohnmächtig ist und er versucht, ihn hochzuheben.

Charlie schlägt Winston auf die Wange, aber er rührt sich nicht. Also tut er es wieder, härter diesmal.

Ich weiß, dass er versucht zu helfen, aber er wird ihm wehtun, wenn er nicht aufhört.

„Hör auf, du tust ihm weh!“, brülle ich Charlie an, aber in diesem Moment öffnen sich Winstons Augen flatternd und er murmelt etwas.

„Du wirst wieder in Ordnung kommen“, sagt Charlie kurz angebunden zu ihm und ich bin froh, dass er hier ist, weil ich kaum denken, geschweige denn mich bewegen kann.

Erneut sagt Winston etwas, aber ich kann ihn nicht hören. Ich sehe nur, wie sich seine Lippen bewegen, dann schließt er die Augen wieder.

Charlie blickt zu mir auf und dann wieder zu Winston. „Ja, er ist hier. Monty ist hier“, erzählt er Winston und ich spüre, wie mein Herz einen doppelten Salto hinlegt.

Er hat nach mir gefragt.

„Also was machen wir jetzt?“, frage ich und versuche, so ruhig wie möglich zu klingen, aber ich kann nur daran denken, dass er nach mir gefragt hat.

Nach mir. Weil er mich braucht.

„Wir bringen ihn zu mir nach Hause.“

***


Scott ist für meinen Geschmack viel zu nüchtern. Er sieht aus, als hätte er nicht einmal einen Drink gehabt. Was hat er also die ganze Zeit getrieben und warum hat er unsere Nachrichten nicht beantwortet?

Er sagt zwar nicht, dass er nichts getrunken hat, aber er bietet an zu fahren, sodass es nicht so schwer ist, eins und eins zusammenzuzählen.

Er wirft einen Blick auf Winston, der neben mir auf der Rückbank sitzt, als er vorne einsteigt, sagt aber nichts. Mir wirft er einen fragenden Blick zu, aber ich schaue weg. Es ist mir völlig egal, was er denkt.

Die Stimmung im Auto ist sehr unangenehm, es ist totenstill. Ich merke, dass Charlie immer wieder zu Scott sieht – offenbar denkt er immer noch an das, wobei er ihn erwischt hat – und jedes Mal umfasst Scott das Lenkrad sogar noch fester.

Ich versuche, so weit von Winston entfernt wie möglich zu sitzen. Ich könnte Scott immer noch erzählen, dass er nur ein Freund ist und ich mir Sorgen um ihn mache, wenn er später fragt.

Aber Winston macht es mir wirklich schwer, diese „Nur Freunde“-Lüge weiterzuspinnen.

Zuerst legt er seinen Kopf auf meiner Schulter ab und dann landet seine Hand irgendwie auf meinem Knie. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn wegzuschubsen, aber ich halte auch nicht seine Hand.

Ich glaube nicht, dass ich schon bereit bin, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten.

Aber jetzt treibt er es zu weit. Sein Kopf ruht in meinem Schoß und ich muss ihn festhalten für den Fall, dass er herunterfällt oder so. Er ist nicht angeschnallt.

„Habe ich mich übergeben?“, fragt Winn mich gerade und Charlie wirft einen kurzen Blick zu uns nach hinten, aber er starrt nicht.

„Mhm.“

Winn seufzt und schließt die Augen. „Scheiße.“

Er sieht ziemlich verschwitzt aus und fühlt sich auch so an. Einige Haarsträhnen kleben an seiner Stirn und ich wünschte, ich könnte sie ihm wegstreichen. Aber das kann ich nicht, nicht vor Charlie und Scott.

„Wir können dir etwas zu essen besorgen, wenn wir bei Charlie zuhause sind, wenn du Hunger hast“, sagt Scott vom Fahrersitz aus. Er versucht, lässig zu klingen, aber er versucht es zu sehr. Es ist so verdammt unangenehm.

Winston schüttelt den Kopf, aber nur ich kann es sehen. „Keinen Hunger“, seufzt er.

Jetzt macht es ihm nichts aus, dass ich ihn berühre und ich bin so verwirrt. Was zum Teufel ist vorher passiert? Habe ich es mir nur eingebildet?

„Wie geht es dir jetzt?“, frage ich ihn und versuche, nicht zu besorgt zu klingen. Ich will nicht, dass Scott denkt, ich wäre weich.

Ich spüre, wie Winston seine Schultern zurück in meinen Schoß dreht, und er stöhnt. „Müde.“

Ja, das wäre ich auch. Er sieht so erschöpft aus, so verletzlich. Jemand muss anfangen, auf ihn aufzupassen.

Ich lasse meine Finger zu seiner Stirn wandern und streiche ihm ein paar Strähnen aus dem Gesicht. Er stöhnt leise, als würde er sich durch meine Berührung besser fühlen.

„Du kannst schlafen, sobald wir bei mir zuhause sind“, meint Charlie und sieht uns lächelnd an. Schnell ziehe ich meine Hand von Winston zurück und Charlie hebt eine Augenbraue, als wolle er sagen: „Ernsthaft?“ Er weiß bereits, dass ich viel mehr getan habe, als ihn nur zu berühren. Er wird mich nicht verurteilen.

Als wir bei Charlie zuhause ankommen, ist Winston eingeschlafen. Wir könnten ihn reintragen, aber ich weiß, dass er einen leichten Schlaf hat und ein Stups ihn aufwecken kann.

Er wacht erschrocken auf, als ich versuche, seinen Kopf von meinem Schoß zu heben.

„Es ist okay“, flüstere ich ihm zu und er scheint sich zu entspannen. „Wir sind gleich drinnen.“

Glücklicherweise schafft er es irgendwie immer noch, selber zu gehen. Er schwankt ein wenig, als wir an der Treppe ankommen, und ich muss mich hinter ihn stellen, falls er ausrutscht und fällt. Ich fange ihn auf, er muss sich keine Sorgen machen.

Scott steht zu seinem Wort. Er geht auf direktem Weg in die Küche und eine Minute oder zwei später höre ich das Geräusch der Mikrowelle. Wir könnten alle etwas Vernünftiges zu essen vertragen.

Charlie folgt Winston und mir die Treppe hoch. Ich führe ihn zu Charlies Schlafzimmer – den Raum, in dem wir üblicherweise alle schlafen – aber Charlie hält mich auf.

„Ich, ähm…“, setzt er an und fährt mit einer Hand durch sein Haar. „Ihr könnt das Gästezimmer nehmen. Ihr beide, meine ich.“

Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Soll ich ihm einfach danken? Soll ich ihm sagen, dass es in Ordnung ist und wir alle zusammen in seinem Zimmer schlafen können? Falls Scott es nicht bereits herausgefunden hat, wird er es bald.

„Sag… sag einfach „danke“. Bitte“, sagt Charlie, um die unangenehme Stille zwischen uns zu unterbrechen. Charlie um mich zu haben, macht das Ganze irgendwie viel weniger seltsam.

Ich nicke und lege dann eine Hand auf Winstons Schulter, um ihn weg- und in Richtung Gästezimmer zu lenken.

***


Ich überlasse es Charlie, sich um Winn zu kümmern. Er ist besser darin als ich und es fühlt sich einfach so unangenehm an, mit beiden gleichzeitig in einem Raum zu sein.

Scott ist immer noch in der Küche. Er hat vier Teller und vier Becher vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Ich stelle fest, dass er den Rest der Pizza, die wir gegessen haben, bevor wir zur Party aufgebrochen sind, in der Mikrowelle aufgewärmt und auf jeden Teller ein Stück gelegt hat.

Allerdings befinden sich auf einem Teller zusätzlich zwei Toastscheiben, ein paar Pommes und ein Apfel. Ich vermute, dass er für Winn ist.

Er steht gegen den Tresen gelehnt da und wartet darauf, dass der Wasserkocher aufhört zu kochen, als ich reinkomme.

„Wow“, sage ich und Scott macht beim Klang meiner Stimme fast einen Satz. Normalerweise ist Scott derjenige, auf den wir aufpassen müssen, nicht andersherum. Das ist mal eine nette Abwechslung.

Scott wendet sich vom Wasserkocher ab und lacht leise, als seine Augen auf den Tellern zur Ruhe kommen. „Ja… ich war nicht sicher, was er gerne möchte.“

Er stellt nicht die Frage, die ihm im Kopf herumschwirren muss, aber ich kann sehen, dass er das zu gerne würde.

Ich habe wirklich gedacht, dass er eine große Sache daraus machen würde, sich vielleicht überrascht oder sogar ein bisschen angewidert verhalten würde. Aber er tut nichts davon.

„Wird es ihm denn besser gehen?“, erkundigt sich Scott und wirft einen kurzen Blick auf den Wasserkocher.

Ich nicke. „Charlie ist gerade bei ihm, er wird sich um ihn kümmern.“

Dann folgt eine peinliche Stille, weil keiner von uns weiß, was er sagen soll.

Scott räuspert sich und sieht mir dann in die Augen. Jetzt kommt es. „Ist er, ähm… Ist er… dein fester Freund?“

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Fester Freund? Wir haben bisher nie davon gesprochen, in einer Beziehung zu sein, es war zu viel Druck. Über den Sommer haben wir es einfach gehalten und nie darüber geredet, dass wir uns auf irgendeine Art festlegen wollen.

„Nein“, lache ich. „Er ist nicht mein fester Freund.“

Aber er ist auch nicht nur ein einfacher Freund. Ich würde behaupten, dass er einfach irgendein Kerl ist, den ich ficke, aber darüber sind wir mittlerweile weit hinaus.

Ich habe ihn weinen gesehen und ihn gehalten, bis es ihm besser ging. Ich bin in seinem Bett aufgewacht und habe danach mit ihm gefrühstückt, während er mir von seiner Kindheit erzählt hat. Wir haben so viel andere Scheiße zusammen gemacht…

„Eigentlich“, korrigiere ich mich und Scott blickt zu mir auf. „Ja, das ist er irgendwie. Ich meine, ich glaube es? Wir haben nie wirklich…“

„Hey“, unterbricht Scott mich, ehe ich anfangen kann zu schwafeln. „Bin nur neugierig. Kein Stress.“

Der Wasserkocher hört endlich auf zu kochen und Scott dreht sich zu ihm um. Wir beide sind erleichtert, dass wir nicht mehr darüber reden müssen.

Ich will gerade die Küche verlassen und zurückgehen, um zu prüfen, ob Charlie Hilfe braucht, aber Scott dreht sich wieder zu mir um.

„Also, mag er eher Tee oder Kaffee?“ Es ist eine so normale Frage. Es ist, als würde es ihn überhaupt nicht kümmern, ob ich mich vielleicht mit einem Typen treffe.

Ich habe ihn nie etwas anderes als Milchschokolade trinken gesehen, naja, außer vielleicht Wasser.

„Nichts von beidem“, sage ich. Zu meinem Glück ist Charlie genauso ein Kind wie Winn und ich weiß, dass er irgendwo Milchschokolade haben muss.

Ich gehe hinüber zum Kühlschrank und durchforste seinen Inhalt, bis ich versteckt irgendwo hinten zwei Flaschen goldene Milchschokolade finde. Ich nehme eine heraus und zeige sie Scott, bevor ich die Tür wieder schließe.

Scott grinst. „Wow, hätte nie gedacht, dass ich einmal sehen würde, dass Monty de la Cruz sich so um jemanden kümmert. Du musst ihn wirklich mögen.“

Ich zucke mit den Schultern. Mögen.

Nur wenige Stunden zuvor hat Charlie genau das gleiche Wort benutzt, er hat die gleiche Antwort bekommen. Ein Schulterzucken.

Ich frage mich, was Winn sagen würde, wenn ich ihn fragen würde.

Ich sehe, dass Scott mich immer noch ansieht. „Was?“

„Ich…“ Er seufzt und leckt sich über die Lippen. „Ich denke nur an all das Zeug, das ich zu dir gesagt habe. Darüber, dass du Schwänze lutschen würdest und so.“

Ich lache. Das ist es, worüber er nachdenkt? Dass er homophob gewesen sein könnte? Ich habe nicht das Recht, ihn zu verurteilen; nicht nach all dem Scheiß, den ich gesagt und getan habe.

„Nur… es tut mir leid. Falls du dich wegen mir unwohl gefühlt hast oder so“, fängt er an zu schwafeln, aber ich unterbreche ich.

„Es ist Vergangenheit, ja?“, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter.

Scott nickt und lächelt. „Ja…“

Aber er klingt, als würde er noch über etwas anderes nachdenken. Ich frage nicht nach. Wir haben alle einen harten Tag hinter uns, da ist es verständlich, dass wir ein wenig neben der Spur sind.

„Ich sehe dich morgen früh“, sage ich und wende mich von ihm ab.

Und während ich aus der Küche gehe, kann ich nur daran denken, dass ich mit Winn an meiner Seite schlafen werde und meine Freunde nicht finden, dass daran irgendetwas seltsam ist.

Ich hätte niemals gedacht, dass das einmal möglich sein könnte.
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