Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
4
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.10.2020 3.139
 
Einen schönen Sonntag!



Es tut mir leid, dass das neue Kapitel heute ein bisschen später kommt. Das liegt daran, dass ich mich heute Morgen mit der festen Absicht an meinen Laptop gesetzt habe, das letzte Kapitel von SWRU zu übersetzen, und nicht aufhören wollte, bis es fertig ist, uuuuuund… ICH HABE ES GESCHAFFT! :-)

Ich bin so unfassbar stolz auf mich, dass ich es nach all den Jahren endlich noch einmal geschafft habe, eine Übersetzung zu Ende zu bringen. Das letzte Kapitel hat stolze 18 Seiten und 6690 Wörter. Ihr könnt euch auf jeden Fall drauf freuen.

Je nachdem, wie es meinen Handgelenken gleich nach dem stundenlangen Tippen geht, werde ich schon mit dem ersten Kapitel der Fortsetzung „Becoming The First Choice“ anfangen. Alle Updates dazu werdet ihr – genauso wie bei SWRU – auf meinem Profil finden.

So, jetzt wünsche ich euch erst mal viel Spaß mit Kapitel 12. :-)

Liebe Grüße

eure Anja

_______________________________________


Kapitel 12: Heimlichtuerei


Wir schaffen es nicht, uns am Freitag zu treffen.

Er hat mir buchstäblich in letzter Minute wegen irgendeiner beschissenen Ausrede darüber abgesagt, dass seine Eltern seine Hilfe bei irgendetwas bräuchten. Keinerlei Einzelheiten.

Zur Antwort habe ich ihm ein Daumen hoch-Emoji geschickt. Ich hoffe, dass er die Botschaft versteht.

„Was zum Teufel war das?“ Scott lacht mich aus und nutzt die Chance, um das Spiel zu pausieren und einen Schluck von seinem Bier zu nehmen.

„Selbst ich hätte den gekriegt“, meint Charlie zu mir und ich starre ihn finster an.

Charlies Haus ist neutraler Boden für uns alle. Es ist der Ort, an dem es unsere größte Sorge ist, wie viele man in einem Spiel umbringt. Naja, zumindest sollte er das sein.

Scott tut so, als hätte er uns die ganze Woche lang nicht hängen lassen. Wer gibt ihm das Recht, hier zu sitzen und mich auszulachen, als wären wir ach so gute Freunde?

Ich schätze, heutzutage verstellt sich jeder.

„Hat Natalie dich vom Spiel abgelenkt?“, zieht Scott mich auf und nimmt das Spiel wieder auf.

Ich befehle mir, mich zu konzentrieren und nicht umgebracht zu werden.

„Mhm“, mache ich als Antwort und Scott nickt, als würde er verstehen, aber in Wirklichkeit hat er seit Monaten kaum einmal mit einem Mädchen geredet.

Sie haben gewusst, dass ich mich heute mit „Natalie“ treffen wollte, aber stattdessen hänge ich mit ihnen ab, also können sie erraten, dass etwas passiert ist.

Wir spielen ein paar Minuten weiter, beleidigen uns und machen uns übereinander lustig, wenn einer von uns es verbockt – meistens bin ich das. Und dann unterbricht Charlie das Spiel.

„Was macht ihr an Halloween?“, erkundigt er sich und es ist genau die Frage, die man von ihm erwartet. Er kann nicht einfach auf einer Party auftauchen wie ein normaler Mensch. Er muss es planen und sicherstellen, dass er eine Gruppe von Freunden an seiner Seite hat. Ehrlich, es ist, als würde man mit einem Mädchen abhängen.

„Halloween? Das ist doch noch eine Ewigkeit hin“, sage ich und Scott sieht zu mir und hebt eine Augenbraue. „Was?“

„Es ist nächste Woche, du Dummkopf“, meint Scott zu mir und erschießt mich dann, weil er weiß, dass ich wieder abgelenkt bin.

„Fick dich“, sage ich und lege den Controller auf die Couch. „Du kannst jetzt mit Charlie spielen. Mal sehen, wie dir das gefällt.“

Charlie sieht beleidigt aus, aber wir wissen alle, wie scheiße er in Videospielen ist. Es macht keinen Spaß, mit ihm zu zocken. Er zieht dich runter und es macht keinen Spaß, gegen ihn zu spielen, weil er so einfach zu killen ist und nie wütend wird.

Er nimmt sich meinen Controller und ich hebe meine Füße hoch und lege sie auf dem Kaffeetisch ab, während ich zusehe, wie Scott ein paar Spieleinstellungen ändert.

„Da ist diese Party bei Bryce“, fährt Charlie fort und ich drehe meinen Kopf zu ihm. Charlie kennt Bryce nicht einmal. Er kennt die verherrlichte Version von ihm, die von Footballspieler zu Footballspieler weitergegeben wird.

„Und?“, sage ich. Bryce könnte genauso gut tot sein. Er hat für mich in der Minute aufgehört zu existieren, in der er sich entschiedet hat, all seine alten Freunde wegzuwerfen. Dieser verdammte Hillcrest-Junge denkt, dass er besser wäre, als alle anderen.

Charlie wirkt, als wäre ihm unwohl. Ich sehe, dass er an seinem Controller herumfummelt, als wäre er froh, dass er sich an etwas festhalten kann.

Scott sagt nichts, aber seine Lippen sind zu einer schmalen Linie verzogen. Scott hat Bryce nicht so gut gekannt wie ich, aber er hat einen genauso guten Grund, wütend auf ihn zu sein, wie ich. Er hat den Ruf unseres gesamten Teams ruiniert, uns unsere Saison gekostet und uns dann verlassen, damit wir das Chaos beseitigen.

„Ich dachte, es wäre nett, dort hinzugehen“, meint Charlie beiläufig, aber ich kann erkennen, dass er es bereut, die Party überhaupt angesprochen zu haben.

„Nett für wen?“, fragt Scott kalt und ich kann nicht anders, als anzunehmen, dass Bryce etwas getan haben muss, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass Scott nur wegen der letzten Saison so aufgebracht ist. Jeder andere? Ja. Scott? Niemals.

Charlie und ich wechseln einen Blick und ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Ruhig Scotty, es ist nur eine Party. Kein Grund, sich aufzuregen.“

Scott verdreht die Augen, sagt aber nichts mehr dazu. Ich höre, wie Charlie erleichtert aufseufzt. Ich habe ihn unterstützt. Er sollte besser dafür sorgen, dass ich es nicht bereue.

***


Winston taucht am Montag nicht zur Schule auf.

Ich hasse ihn.

Er schreibt mir nicht, um mir zu sagen, was los ist. Meine letzte Nachricht, den Daumen hoch-Emoji, hat er gelesen. Und seitdem hat er sich nicht mehr gemeldet.

Fast rechne ich damit, dass er während des Trainings auftaucht, um sich bei mir zu entschuldigen. Tut er aber nicht.

Dann hoffe ich, dass er nach dem Training auf dem Parkplatz auf mich wartet. Tut er aber nicht.

Und ich hasse ihn.

Ich hasse ihn dafür, dass ich mich so abhängig von ihm fühle. Es sollte mir nichts ausmachen, wenn ich ihn ein paar Tage nicht sehe, aber das tut es.

Weil wir uns Freitag auch schon nicht gesehen haben – so wie wir es geplant hatten – bin ich sogar noch wütender.

Ich bin bereit gewesen, ihn dorthin mitzunehmen, ihm alles darüber zu erzählen. Und dann hat er mir abgesagt.

Ich bin nicht abergläubisch oder so, verflucht nochmal… aber das erste Mal, als ich ihn dorthin mitnehmen wollte, hat man mich eine Schwuchtel genannt, und dieses Mal hat er mir abgesagt.

Ich kann nicht anders, als anzunehmen, dass es vielleicht einfach keine gute Idee ist, ihm diesen Ort zu zeigen.

Am Dienstag sehe ich ihn auch nicht in der Schule. Zumindest nicht bis zur Mittagspause.

„Ich sage euch, es wird gut“, versucht Charlie uns zu überreden. „Komm schon, Monty. Unterstütz mich hier mal.“

Und das scheint in letzter Zeit alles zu sein, das ich tue. Charlie unterstützen.

Ich denke, dass er es weiß. Ich habe gesehen, wie er an einem Tag in der Umkleide die Narben auf meinem Rücken gemustert hat und natürlich würde er wissen, wie Narben aussehen, die von einem Mann stammen. Er hat nichts gesagt, aber ich konnte sehen, dass er das wirklich wollte.

Ein Wort von ihm und die ganze Sache ist raus.

Aber ich kann ihn in dieser Sache nicht unterstützen.

„Zusammenpassende Halloweenkostüme?“, frage ich nach und kräusele meine Nase. „Wie alt bist du? Fünf?“

Scott lacht auf, als wäre er froh, dass wir auf der gleichen Seite sind. Es ist seit einer Ewigkeit die erste Mittagspause, die er mit uns verbringt. Es überrascht mich, dass er noch nicht abgehauen ist, um „auf die Toilette“ zu gehen.

„Ja, vielleicht sollten wir auch „Süßes oder Saures“ spielen gehen“, fügt Scott hinzu und Charlie errötet.

Wir haben zugestimmt, auf die Party zu gehen, das bedeutet aber nicht, dass wir uns lächerlich machen wollen.

„Es war nur ein Vorschlag“, sagt Charlie in dem Versuch, es herunterzuspielen und wir lachen über ihn.

Mein Handy vibriert in meiner Jeanstasche und ich blicke hinab. Ich halte mein Handy unter dem Tisch für den Fall, dass die Nachricht von dem ist, von dem ich es hoffe. Ich will nicht, dass Scott meine Nachrichten liest.

Ich muss mit dir reden.

Kannst du mich im Froschraum treffen?

Der Froschraum. Mein Herz setzt einen Schlag aus und ich hasse es, dass zwei einfache Worte so einen Einfluss auf mich haben können.

Plötzlich bemerke ich, dass weder Charlie noch Scott etwas sagen und als ich aufsehe, starren sie mich an.

„Natalie?“, will Charlie wie aus der Pistole geschossen wissen und ich schwöre, ich liebe ihn verdammt nochmal.

„Ähm… ja“, sage ich und verstecke mein Handy, ehe einer die Möglichkeit hat, auf den Bildschirm zu sehen. „Ich… ähm… muss los.“

Ich haue ab, bevor sie irgendwelche Kommentare oder Witze über Natalie und mich machen können. Ehrlicherweise habe ich das Mädchen seit Wochen nicht mehr gesehen. Soweit ich weiß, könnte sie tot sein.

Niemand hält mich auf oder beachtet mich, während ich die Cafeteria verlasse und den Flur entlang gehe. Wir sind uns in der Schule immer aus dem Weg gegangen, also muss es wichtig sein, wenn er hier mit mir sprechen will.

Zuerst sehe ich ihn nicht. Ich rechne damit, dass er vorne auf dem Tisch sitzt, genauso wie in der Nacht vom Homecoming. Aber er steht am Bücherregal in der Ecke und blättert durch ein paar Bücher.

„Hey“, sage ich und er dreht sich um, um mir ein kleines Lächeln zuzuwerfen.

Scheiße. Er sieht beschissen aus.

Seine Augen sind rot, als hätte er die ganze Nacht geweint, statt zu schlafen. Und die Säcke unter seinen Augen bestärken meinen Verdacht nur noch.

„Hey“, meint er, immer noch lächelnd. Er stellt das Buch zurück ins Regal und kommt langsam auf mich zu.

Ich bewege mich nicht. Wir sind in der Schule, um Himmels willen. Er kann das hier nicht tun.

Ich kann nicht glauben, dass ich wütend war, weil er mir nicht zurückgeschrieben hat. Und dann erinnere ich mich daran, womit er das letzte Wochenende verbracht hat.

„Ist dein Großvater…?“, erkundige ich mich und lecke über meine Lippen, weil sie so trocken sind, dass der Schnitt – der fast verheilt ist – anfängt zu brennen.

„Oh nein, ihm geht’s gut“, sagt Winston rasch und seufzt. Wenn es nicht das ist, was dann?

Wir stehen nicht nah beieinander. Wären wir in seinem Schlafzimmer, hätte ich wahrscheinlich mittlerweile schon die Arme um ihn geschlungen, mit meiner Nase in seinem Haar und seinem Kinn auf meiner Schulter. Aber wir sind in der Schule.

Ich räuspere mich. „Geht’s dir gut?“ Ich deute mit den Händen auf ihn, als würde das etwas bedeuten, aber ich will eigentlich nur sagen: „Warum siehst du so beschissen aus? Was ist passiert?“

Es gibt einen Grund, warum er mit ihr reden will.

Er holt tief Luft und im Bruchteil einer Sekunde fällt sein Gesicht in sich zusammen und er schüttelt den Kopf. Seine Lippe beginnt zu beben und er sieht aus, als würde er jeden Augenblick anfangen zu weinen.

Scheiße.

Und dann tut er es. Er fängt an, zu weinen. Zuerst ist es nur eine Träne und dann folgen mehr. Er presst eine Hand auf seinen Mund und dreht den Kopf weg, als die Tränen an seinen Wangen hinablaufen.

Ich weiß nicht wirklich, wie man Menschen tröstet. Nun, wo ich darüber nachdenke, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie einen Menschen getröstet.

Also stehe ich da wie ein Dummkopf und warte darauf, dass er aufhört zu weinen und mir erzählt, was nicht stimmt. Aber das tut er nicht.

Okay. Ich kann das.

Zuerst mache ich einen unsicheren Schritt. Und dann noch einen. Und noch einen. Ich gehe weiter, bis ich so nah vor ihm stehe, dass er die Hände nach mir ausstrecken kann. Ich will wirklich nicht derjenige sein, der zuerst die Hände ausstreckt.

Er hat den Kopf nach unten geneigt, als wolle er nicht, dass ich ihn weinen sehe. Aber ich bin schon viel zu sehr drin, um jetzt auszusteigen.

„Hey“, sage ich, aber er reagiert nicht. „Hey, sieh mich an.“

Also muss ich doch zuerst nach ihm greifen, weil er nicht auf mich hört. Ich lege meine Finger unter sein Kinn und neige seinen Kopf noch oben, aber er wendet den Blick ab. „Schau mich an.“

Er zögert. Aber ich habe ihn bereits gesehen – geschwollene rote Augen, rote Nase, geschwollene Lippen – und er sieht immer noch perfekt aus.

Er gibt ein Geräusch von sich, das entweder Schluchzen oder Lachen sein könnte und dann macht er einen Schritt nach vorne und schlingt die Arme um meine Mitte. Er presst seine Lippen in meine Schulter und ich höre, wie er versucht, ein Schluchzen zurückzuhalten.

Als der anfängliche Schock verflogen ist, schaffe ich es, meine Arme zu bewegen, und ich schlinge sie fest um seinen Bauch.

Und ich umarme ihn. Jeder könnte in diesem Moment reinkommen und uns so sehen. Charlie oder Scott könnten mir gefolgt sein und wenn sie uns so sehen würden…

Aber es ist in Ordnung. Ich habe einen weinenden Jungen hier gefunden. Jeder normale Mensch würde ihn trösten. Sie würden es verstehen.

Eine meiner Hände wandert nach oben an seinen Hinterkopf und ich halte mich an seinem Haar fest, während ich zuhöre, wie sich sein Atem beruhigt.

Mein Herz hämmert gegen meine Brust. Das fühlt sich zu… echt an.

Das sollte nicht passieren.

Ich könnte mir weiterhin einreden, dass es nur um Sex geht, aber was tue ich dann hier?

„Ich bin so fertig“, höre ich ihn gegen meine Schulter murmeln und dann fühlt es sich so an, als würde er mir dort einen Kuss aufdrücken.

Ich spüre, wie sich mein Körper versteift. Nein, das geht weit über Sex hinaus.

„Glaubst du?“, witzele ich und er kichert, obwohl es nicht lustig ist. Schweigen fällt über uns und er ist immer noch in meinen Armen. „Also… worüber wolltest du reden?“

Ich hoffe, dass er sich vielleicht von mir löst, aber er hält mich nur noch fester und ich seufze.

„Ist egal“, sagt er leise und ich schnaube.

„Win–“

„Das ist viel besser als zu reden“, unterbricht er mich und ich ziehe ihn noch näher an mich, meine Hand ist immer noch in seinem Haar vergraben. Gott, er riecht so verdammt gut.

„Mhm.“

Selbst lange, nachdem er sich beruhigt hat, halte ich ihn und niemand von uns sagt ein Wort.

***


Charlie und ich sind die letzten im Umkleideraum, aber das ist nichts Neues.

Charlie ist fast fertig angezogen und ich habe immer noch lediglich ein Handtuch um meine Taille geschlungen. Aber ich weiß, dass er auf mich warten wird.

Scott wartet nicht auf uns, weshalb ich mir all die Zeit nehmen kann, die ich brauche.

Ich habe fast zwanzig Minuten lang geduscht. Ich bin sicher, dass ich nach Winston gerochen habe und habe versucht, ihn zusammen mit dem Schweiß vom Training von mir zu waschen.

Ich suche in meiner Sportasche nach meinen Klamotten und Charlie räuspert sich.

„Also, wer ist es?“, fragt er beiläufig. Er steht mit verschränkten Armen gegen einen Spind gelehnt da und hat fragend eine Augenbraue hochgezogen. „Der Typ, den ich decke? „Natalie“?“

Ich halte inne und fühle, wie sich meine Eingeweide verknoten. Ich halte meine Augen auf meine Tasche gerichtet und versuche, meine Atmung zu beruhigen.

„Ich weiß nicht, wovon du redest.“

Meine Hände zittern mittlerweile und ich hebe mein Shirt hoch, um es zu überspielen.

Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, was in der Mittagspause passiert ist. Ich habe ihn nah bei mir gehalten und als ich ihn endlich losgelassen habe, hat es sich nicht richtig angeführt, ihn nicht mehr in meinen Armen zu halten. Ich weiß, dass ihn etwas aufgewühlt hat und ich habe immer noch fest vor, ihn dazu zu bringen, mit mir darüber zu reden. Ich hasse es, dass ich mir Sorgen mache. Ich sollte mir keine Gedanken darüber machen.

„Lass uns einfach verflucht nochmal darüber reden, okay?“, meint Charlie und ich verspüre den Drang, ihn hier und jetzt zu schlagen. Was glaubt er, wer er ist, dass er so mit mir spricht? „Ich habe so lange den Mund gehalten, aber können wir nicht einfach darüber reden? Bitte? Ich hasse es, zu sehen, wie du –“

„Über was reden?“, fauche ich ihn an und drehe mich um, um ihn anzusehen. „Hmm? Über scheiße nochmal was reden?“

Er sieht panisch aus, aber nur für eine Sekunde. Er weiß, dass ich ihn nicht schlagen würde. Ich könnte, aber ich werde es nicht.

„Weißt du was? Es ist mir egal, wer es ist, du musst es mir nicht erzählen“, korrigiert Charlie sich. „Aber lüg mich verdammt nochmal nicht an, okay? Friss es nicht in dich hinein.“

Ich presse meine Lippen aufeinander und kann spüren, wie meine Atmung immer schwerer wird. Fast genauso, wie sie es getan hat, als Charlie zum ersten Mal versucht hat, mir mit… darüber zu reden.

Aber ich fresse es nur in mich hinein. Ich habe nie jemanden gehabt, mit dem ich über all diese Scheiße hätte reden können.

„Ist er geoutet?“, fragt Charlie leise und ich blinzele.

„Wa – warum interessiert es dich?“, will ich wissen und muss wegsehen, weil ich indirekt zugegeben habe, dass er recht hat.

„Wenn er geoutet ist und bereit ist, für dich herumzuschleichen, solltest du besser verflucht dankbar sein“, sagt er. Ich glaube nicht, dass ich ihn jemals zuvor so oft fluchen gehört habe. „Selbst wenn es scheint, als würde er trotz deines ganzen homophobischen Scheiß‘ bei dir bleiben; niemand ist so geduldig.“

Er ist nicht wütend auf mich. Er sieht vielmehr so aus, als hätte er genug von mir und meinem Verhalten.

„Und du solltest besser die Kurve kriegen, Monty“, fügt er hinzu. „Weil niemand zurück in die Phase der Heimlichtuerei geschoben werden will. Es ist beschissen. Es ist verdammt beschissen, Mann.“

Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb, als wäre es kurz davor, zu explodieren. Vielleicht ist es das auch. Vielleicht habe ich einen Herzinfarkt.

„Ja. Du musst es wissen, oder?“, sage ich, weil ihn zu beleidigen das Einzige ist, das dafür sorgen wird, dass ich mich über mich selbst besser fühle. Aber es klingt nicht wie eine Beleidigung, meine Stimme zittert und es klingt eher wie ein verzweifelter Versuch, gemein zu sein.

Ich kann kaum schlucken wegen des riesigen Klumpens in meinem Hals, aber Charlie ist völlig ungerührt.

„Krieg die Kurve“, wiederholt er mit strenger Stimme. „Bevor es zu spät ist.“

Und damit drängelt er sich an mir vorbei und lässt mich in der Umkleide zurück. Ich trage nach wie vor nur das Handtuch um die Taille und bekomme Panik.

„Ich bin keine verfluchte Schwuchtel! Ich bin nicht wie du!“, brülle ich ihm hinterher und er hält an der Tür inne. Ich schätze, sogar Charlie kann nur eine bestimmte Menge von meinem Mist ertragen.

Ohne sich umzudrehen, sagt er: „Rede dir das ruhig ein, wenn er seine Nägel das nächste Mal in deinen Rücken gräbt.“

Mir wird übel.

Übel.

Ich ekele mich verfickt nochmal vor mir selbst.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast