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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
3
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40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
09.10.2020 2.476
 
Guten Abend!



Ich hoffe, eure Woche war schöner und stressfreier als meine. Ich bin einfach nur froh, dass jetzt Wochenende ist und ich abschalten kann.

Wie immer bedanke ich mich für eure Reviews und Favoriteneinträge – ihr seid toll! :-)

Macht euch einen schönen Abend. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße

eure Anja

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Kapitel 11: Zurück zum Anfang


Ich könnte jetzt bei ihm sein.

Wir haben einen Deal gemacht: Ich schreibe meinen Englischaufsatz für morgen fertig und dann kann ich vorbeikommen.

Aber er hat gemeint, dass etwas mit Alex sei, und jetzt sitze ich auf meinem Bett und versuche zu verstehen, was so wichtig sein könnte, dass er mir hat absagen müssen.

Ich weiß, dass seit Samstag kaum vierundzwanzig Stunden vergangen sind, aber ich denke, es zählt etwas, das wir es noch nicht vermasselt haben.

Charlie und Scott scheinen nichts zu ahnen. Sie haben sich eher Sorgen um mich gemacht, weil ich so plötzlich abgehauen bin, als um sonst irgendwas.

Ich muss mich immer noch bei Natalie entschuldigen, aber sie ist gerade nicht meine Priorität.

Scheiße, ich sollte jetzt bei ihm sein.

Ich habe keine Ahnung, wann wir uns das nächste Mal treffen können, aber wir werden es uns überlegen. Das tun wir immer.

Ich denke nach wie vor über Alex und Winston nach, als sich meine Zimmertür öffnet und Estelas Kopf in meinem Sichtfeld auftaucht.

Schnell nehme ich meine Kopfhörer aus den Ohren und sehe sie an. In letzter Zeit verbringt sie immer mehr Zeit in meinem Zimmer, besonders jetzt, wo Dad wieder angefangen hat, übermäßig viel zu trinken. Irgendwas muss auf seiner Arbeit im Gange sein.

„Ich habe angeklopft“, sagt sie und deutet zurück auf die Tür, als sie eintritt und die Tür hinter sich schließt. Sie hat aber bereits meine Kopfhörer gesehen, sie weiß, dass ich sie nicht hören konnte.

Sie blickt sich in meinem Zimmer um, als wolle sie ein Gespräch anfangen, habe aber keinen Schimmer, wie sie es anstellen sollte. Sie geht hinüber zu meinem Schreibtisch und setzt sich auf die Ecke des Stuhls, der mit einer Mischung aus sauberen und dreckigen Klamotten übersät ist.

„Dad wieder?“, erkundige ich mich, während ich die Kopfhörer um meine Hand wickele und sie zur Seite lege.

Sie nickt und seufzt. „Er fragt Mom wegen fehlendem Geld aus“, sagt sie und in ihrer Stimme schwingt Verwirrung mit. Dad sorgt sich immer ums Geld, obwohl wir uns nie deswegen abstrampeln mussten. Ich erinnere mich an die Tage, an denen er jede einzelne Quittung meiner Mom aus den Supermärkten kontrolliert hat, um zu prüfen, ob die Summe, die verschwunden ist, auch stimmt.

Selbst wenn sie es tat, wurde üblicherweise trotzdem jemand geschlagen.

„Ich meine… er hat aus dem Nichts damit angefangen“, fährt Estela fort und ich sehe, dass ihre Hände nicht ruhig sind. Ich frage mich, wie lange sie überlegt hat, ob sie es mir erzählen soll oder nicht.

„Was hat er gemacht?“, will ich wisse. Ich setze mich auf und nicke zu ihren zitternden Händen, aber sie versteckt sie schnell.

„Es ist nichts, Monty“, sagt sie und sieht weg, als würde sie nicht einmal daran denken wollen.

Er hat Estela nie wehgetan. Zumindest nicht absichtlich. Manchmal ist sie in mitten in unsere Auseinandersetzungen und ins Kreuzfeuer geraten, aber sie ist nie richtig verletzt worden.

Er kann hässlichen Mist zu ihr sagen, aber er hat nie versucht, sie zu verletzen.

„Ich sagte, was zur Hölle hat er gemacht, ‘Stela?“, wiederhole ich und sie sieht panisch aus.

„Ich meine, ich weiß, dass ich im Weg war und–“

„Was. Hat. Er. Gemacht?“

Jetzt sitze ich vollkommen aufrecht da, meine Augen kleben an Estela, und ich schwöre, ich könnte den Bastard umbringen, wenn er auch nur versucht, ihr wehzutun.

Estela seufzt. „Er hat mich… nur zur Seite geschubst. Ich bin sicher, er hat es gar nicht gewollt–“

Und dann bricht sie abrupt ab, sobald ich auf meinen Beinen bin und zur Tür gehe.

„Geschubst“. Ja, ich weiß wie es ist, wenn Dad einen schubst. In der einen Sekunde stehst du noch auf den Beinen und in der nächsten fliegst du halb durch den Raum.

Er hat es nicht gewollt? Ja, klar.

Sie ist nicht schnell genug und ich bin durch die Tür, ehe sie mich aufhalten kann.

Als Dad mich zum ersten Mal geschlagen hat, hat er es auch nicht gewollt. Das habe ich mir immer wieder eingeredet. Aber dann hat er sich nicht entschuldigt und es ist wieder passiert. Und seitdem passiert es immer wieder.

Ich werde nicht zulassen, dass es Estela wieder passiert.

„Monty! Monty!“, ruft Estela mir nach, während ich die Treppe hinunterlaufe.

Aber sie kommt zu spät.

Als ich ins Wohnzimmer schaue, sehe ich, wie meine Mom mit verweintem Gesicht auf der Couch sitzt und verzweifelt zu meinem Dad aufsieht.

Er steht über ihr wie ein Falke. Viele Quittungen, die aussehen, als wären sie aus dem Mülleimer geholt worden, sind überall auf dem Tisch neben ihm verteilt. Eine hält er in seiner Hand und sieht sie an, als würde er versuchen, eine geheime Botschaft zu finden.

„Was zum Teufel denkst du, was du tust?“, brülle ich ihn an, die Worte verlassen meinen Mund, bevor ich es mich versehe.

Er sieht mich an, als hätte ich ihn geschlagen.

Jetzt gibt es keinen Weg zurück.

***


Selbstverständlich habe ich ihm die gekürzte Version erzählt. Die Version, in der nicht davon die Rede ist, dass ich meinen Dad mit einem Messer bedroht habe. Ich bin verdammt nochmal ausgerastet.

Gott allein weiß, wie oft er mir gegenüber ein Messer gezückt hat, aber meine Mom hat es geschafft, mich aufzuhalten, ehe ich irgendwas Dummes machen konnte.

Wir sollen uns eigentlich nicht bis zum nächsten Wochenende sehen, aber in dem Moment, in dem er am Montag mein Gesicht in der Schule gesehen hat, wusste ich, dass er bereit ist, eine Ausnahme zu machen.

Winston ist der nicht einzige, der mir merkwürdige Blicke zuwirft. Miss Lawrence versucht mich zu fragen, was passiert ist, als ich meinen Aufsatz abgebe, aber ich würge sie ab. Scott zuckt zusammen, als er mich sieht, fragt aber nicht nach. Allerdings hat er mich den ganzen Tag über wie ein Kind behandelt.

Ich weiß, wie ich aussehe: aufgeplatzte Lippe, blaue Wange, geschwollene Nase. Zumindest hat er mir nicht den Arm gebrochen, wie er es vor einer Weile getan hat.

Sanft fahren seine Finger den Schnitt in meiner Lippe nach und es macht mir nichts aus. Meine Augen sind geschlossen, weil es zu sehr wehtut, sie offen zu halten. Ich glaube nicht, dass ich letzte Nacht auch nur eine Sekunde geschlafen habe.

„Du kannst jetzt schlafen, wenn du willst“, sagt er.

Ich liege in seinem Bett und er liegt auf der Seite, eines seiner Beine hat er über meine Hüften geschlungen und meine Hand ruht auf seinem unteren Rücken.

Ich wünschte, ich wäre nicht so verflucht müde, weil ich nur wertvolle Zeit mit ihm verschwende.

„Ich bin nicht müde“, versuche ich ihn zu überzeugen, aber wenn er nicht hier wäre, wäre ich vermutlich schon vor langer Zeit eingeschlafen.

Seine Hand wandert nun zu meinem Kiefer und er fährt die Stelle nach, wo sich der verblassende Knutschfleck befindet, den er mir verpasst hat. Natalie hat die Schuld für ihn auf sich genommen.

Endlich schaffe ich es, meine Augen zu öffnen, und ich neige meinen Kopf so, dass ich zu ihm runtersehen kann. Er ist so klein, besonders, wenn er neben mir liegt.

„Wie war dein Sonntag?“, frage ich. Ich versuche gleichgültig zu klingen, als wäre ich nur neugierig, aber ich will echt wissen, was er und Alex getrieben haben, während ich zu Brei geschlagen wurde.

Er zuckt die Achseln. „Langweilig.“ Und dann bemerkt er, dass ich auf mehr warte, ein paar Einzelheiten wären nett. „Alex brauchte nur jemandem zum Reden.“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und drehe den Kopf auf die andere Seite, sodass ich ihn nicht mehr anschauen muss. „Und diese Person musstest ausgerechnet du sein?“

Ich kann nicht anders, als zu glauben, dass die Geschehnisse so vorbestimmt gewesen waren. Wäre ich bei Winston zuhause gewesen, während sich alles abgespielt hat, hätte sich Estela davon erholt, bevor ich wieder nach Hause gekommen wäre. Dann hätte sie es mir gegenüber nie erwähnt.

„Glaub es oder nicht, wir sind Freunde. Er ist nicht so übel, wie du denkst“, versucht Winston mir zu erklären, aber ich höre nicht zu. Ich erinnere mich immer noch an den Homecoming-Ball und wie Alex ihn angesehen hat. Vielleicht denkt Winston, dass sie Freunde sind, aber Alex will definitiv mehr.

Naja, das ist hart. Ich teile Winston nicht mit einem anderen, nicht mehr. Niemals.

Ich seufze und lasse zu, dass meine Zunge den Schnitt in meiner Lippe berührt. Es brennt verfickt nochmal. Ich muss darauf achten, meinen Mund nicht zu viel zu bewegen, sonst reißt der Schnitt wieder auf und der ganze Prozess fängt wieder von vorne an.

„Du bist nicht eifersüchtig… oder?“, will Winn wissen und er klingt amüsiert.

Ich sage nichts und er schnaubt. Es freut mich, dass wenigstens einer von uns das witzig findet.

Natürlich bin ich nicht eifersüchtig, warum sollte ich das auch sein? Es gibt nichts, auf das ich eifersüchtig sein könnte. Dann hat Alex halt einmal seine Hand berührt, es bedeutet nichts.

„Komm schon, sei nicht so“, sagt Winn und versucht, meinen Kopf zu drehen, damit ich ihn wieder ansehe, aber ich sträube mich.

Ich drehe den Kopf noch ein wenig weiter weg, nur um zu sehen, wie er reagiert, und er schnaubt erneut.

„Du bist so ein Kind“, meint er, bewegt sein Bein weiter an meiner Taille herab und setzt sich dann auf mich. Er muss mich nicht mehr zwingen, ihn anzuschauen.

„Was hast du vor?“, frage ich ihn leise lachend und bewege meine Hände zu seinen Oberschenkeln.

Wir haben uns kaum richtig geküsst. Als ich versucht habe, ihn zu küssen, hat er sich zurückgezogen, weil er dachte, er würde mir wehtun, wenn er den Schnitt in meiner Lippe auch nur ansieht. Es würde mir nichts ausmachen, wenn er es täte.

Er zuckt mit den Schultern und legt seine Hände auf meinen Oberkörper. Er sieht so unschuldig aus, wie seine Haare über seine Stirn fallen und seine Augen fast vollständig verbergen. Aber er ist alles andere als das.

„Küss mich“, sage ich und seine Augen wandern sofort zu meinen Lippen.

„Aber deine –“, setzt er protestierend an, aber ich unterbreche ich.

„Halt den Mund und küss mich.“

Er zögert und denkt immer noch, dass es keine so gute Idee ist, aber dann lehnt er sich vor und bewegt sein Gesicht näher an meines.

Seine Nasenspitze streicht über meine und auf meinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. Er ist der einzige Mensch, der mich irgendwie immer noch zum Lächeln bringen kann.

Sein Daumen streicht über meine Lippe vor und zurück, als könnte er den Schnitt so irgendwie verschwinden lassen, wenn er es nur genug versucht. Ich weiß, er wünscht sich, dass er es könnte.

Seine Lippen berühren meine und sein Daumen berührt den Bluterguss unter meinem Auge, wo mein Dad mich geschlagen hat.

Ich bin immer noch nicht an diese Küsse gewöhnt. Wie vorsichtig er seine Lippen über meine bewegt, sich Zeit nimmt, jede Sekunde wertzuschätzen, in der seine Lippen auf meinen sind. Und wie seine Hand nach oben greift, um mir das Haar wegzustreichen.

Es tut wirklich weh. Auch wenn er versucht sanft zu sein, allein die Berührung sorgt dafür, dass der Schnitt brennt.

Dann zieht er sich zurück und ich ächze protestierend. „Was machst du?“

Er lacht leise über mein Verhalten. Sogar ich bin überrascht darüber, wie anhänglich ich geworden bin.

„Ich werde dich vermissen“, sagt er leise und ich hebe eine Augenbraue. „Ich vermisse dich immer, sobald du gehst.“

Gut zu wissen. Jetzt hör auf, Zeit zu verschwenden, und küss mich.

Ich sage ihm nicht, dass ich ihn auch vermissen werde. Das werde ich zwar, aber die Worte wollen nicht aus meinem Mund kommen. Es klingt einfach zu verzweifelt.

Dann seufzt er auf und blickt weg. „Ich werde das Wochenende über nicht hier sein“, sagt er. Er weiß, dass Samstage und Sonntage die einzigen Tage sind, die wir wirklich für uns haben.

Ich runzele die Stirn. „Wohin gehst du?“

Er hebt eine Hand an seine Haare, als wäre ihm nicht wirklich wohl dabei, darüber zu sprechen. „Ich, ähm… mein Großvater. Er ist ziemlich krank und wir alle fahren zu ihm, um… du weißt schon.“

Ich weiß es nicht wirklich. Wollen sie nach ihm sehen? Wollen sie sichergehen, dass er glücklich ist, bevor er stirbt? Wollen sie bei ihm bleiben, bis es ihm besser geht?

Trotzdem nicke ich. Ich stelle keine weiteren Fragen, ich kann bereits sehen, wie unangenehm es ihm ist, es überhaupt angesprochen zu haben.

„Also, wann kann ich dich wiedersehen?“, frage ich ihn und lasse meine Hände hinabwandern, um sie auf seine Knie zu legen.

Ihn in der Schule zu sehen, ist Folter. Er weiß das und wir tun unser Bestes, uns gegenseitig aus dem Weg zu gehen, obwohl es oft nicht leicht ist.

Immer, wenn ich ihn sehe, kann ich nur daran denken, dass ich ihn gefickt, ihn geküsst und mit ihm gefrühstückt habe. Und auch wenn es niemand weiß, fühlt es sich an, als würde ich mich verraten, wenn ich ihn schon nur zu lange anschaue. Besonders jetzt, wo Charlie genau auf alles achtet, was ich tue.

Er denkt, er wäre clever, indem er mich nach meinen Plänen fragt, sich erkundigt, was ich Sonntag gemacht habe, ob ich in letzter Zeit bei Natalie zuhause gewesen wäre, etc. Er wird nichts herausfinden, nicht von mir.

Scott scheint es nicht einmal zu interessieren. Ich bekomme ihn fast gar nicht mehr zu Gesicht. Er verschwindet zwei Minuten vor der Mittagspause, um „zum Badezimmer zu gehen“ und taucht wahllos wieder auf, kurz bevor die Pause vorbei ist. Er macht niemandem etwas vor.

Aber er ist zu sehr damit beschäftigt, sein eigenes Geheimnis zu bewahren, um meine Lügen durchschauen zu können.

Winn zuckt mit den Achseln. „Vielleicht kann ich dich am Freitag sehen“, sagt er und er klingt verärgert, weil wir das Wochenende nicht für uns haben werden. Ich vermute, dass er kein großer Fan seines Großvaters ist.

„Aber nicht hier“, fügt er hinzu. „Meine Eltern werden zuhause sein und sich über alles aufregen. Es wird ihnen egal sein, wenn ich sie damit allein lasse. Also, wenn du dich woanders treffen möchtest…?“

Ich weiß, was er versucht. Ich habe ihn in der Nacht zu diesem Ort geschickt und bin dann nicht aufgetaucht. Vermutlich fragt er sich immer noch, warum ich ihn überhaupt erst dorthin mitnehmen wollte. Er wird nie dahinterkommen.

„Ich werde sehen, ob mir etwas einfällt“, sage ich vage, weil ich ihm keine Hoffnungen machen will. Und mir.

Herumzuschleichen macht solange Spaß, bis es keinen Spaß mehr macht. Bis er meine Hand in der Öffentlichkeit halten will. Bis er merkt, dass ich wahrscheinlich nie in der Lage sein werde, das zu tun.
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