Unter Spannung

von Tsutsumi
GeschichteRomanze, Angst / P16 Slash
Fewjar Frodoapparat LeFloid Space Frogs
05.09.2020
17.10.2020
6
29.355
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17.10.2020 4.785
 
Das Klappern und Klimpern hallt im Hausflur wider.
Florian bewegt sich für einen Moment nicht, sondern richtet den Blick nach unten auf seine Füße. Genau dorthin, wo gerade unzählige kleine, bunte Plastikteile aus seinem Briefkasten fallen.

Er stößt einen angenervten Atem aus, hebt den Kopf und guckt Frodo an, der schon die Hand an der Haustürklinke hatte, bereit, ihm vorauszugehen.

„Wow“, sagt Frodo. „Sind dit allet...?“

„Jap. Autosicherungen.“

Florian fühlt mit den Fingern im Briefkasten nach, ob die Plastiksicherungen eventuelle Post unter sich begraben haben. Vielleicht liegt ja wieder einer der Notizbriefe bei.
Er findet nichts, schließt den Kasten wieder und bückt sich, um die Sicherungen aufzusammeln.

Frodo beugt sich dazu und hilft ihm.
„Also, langsam wird det lächerlich“, sagt er.
Florian fragt sich, ob Markus für seine neueste Pseudodrohgebärde absichtlich Sicherungen in allen möglichen Farben gewählt hat. Rot, Gelb, Blau, Grün, Lila, Rosa – Oder ob das nur wieder seine Outingparanoia ist.


Was diese Aktion Frodo ganz klar zeigen soll, ist: Ich weiß, dass du jetzt mehr oder weniger bei ihm wohnst. Ich weiß, wo du zu finden bist. Und das ist übel und ekelhaft, egal, wie sehr Frodo die Gefährlichkeit dieser Aktion herabwürdigt.

Es ist gerade mal eine knappe Woche her, seit Florian die Panikattacke hatte, in welcher er glaubte, sein Freund wäre wieder vom Erdboden verschluckt worden. Ist es denn zuviel verlangt, wenigstens mal eine kurze Pause von diesem ganzen Drama zu haben?

„Brauchst du Sicherungen für deine Karre?“, fragt er stattdessen wie beiläufig und Frodo schnaubt spöttisch.
„Soviel kann mir gar nich' kaputtgehen. Ich kenn' da jemand ander'n, dem offensichtlich alle Sicherungen durchgeknallt sind.“

„Ich wünsche mir langsam, dass der wirklich mal durchknallen würde“, entfährt es Florian, bevor er darüber nachdenken kann. „Dann hätte man wenigstens endlich mal 'nen Grund, ihn anzuzeigen oder so'nen Scheiß zu probieren wie 'ne einstweilige Verfügung.“

Er erwartet ein Schulternzucken oder eine Relativierung von Frodo, doch der hockt nur neben ihm und nickt.

Sie sammeln die Sicherungen ein, Frodo wirft sie in seine Tasche und sie verlassen das Haus. Draußen auf dem Gehweg sieht er sich vorsichtig um, dreht sich zum Gebäude und schaut nach oben, wo Florians Wohnung liegt.
„Was meinst'n?“, murmelt er nachdenklich. „Ob der spannert?“

„Würde mich nich' wundern“, brummt Florian. „Der fucking Creep.“

Frodo beäugt ihn und sieht dann wieder hoch.
„Na ja“, sagt er. „Eigentlich is' das auch wieder nich' möglich. Du hast Rollläden, zum Hinterhof kommt man nur mit'm Schlüssel und so. Trotzdem beschissen.“


Damit hat er Recht.
Das Ereignis mit den Sicherungen hat zur Folge, dass Florian sich in den Tagen danach wann immer er die Wohnung verlässt, verstohlen umsieht, ob da jemand in einer graugrünen Regenjacke steht und lurkt. Es macht, dass er eine Antipathie gegenüber Wegen, die er im Freien machen muss, entwickelt. Er kennt dieses Gefühl aus Zeiten, in denen seine Adresse geleakt wurde und Menschen ihm nachgestalkt sind, und er hasst es.
Auch wenn das hier anders ist. Er macht sich keine Sorgen um sich, sondern um jemand anders.


In manchen Moment wünscht er sich die gute alte Zeit zurück, in welcher er Typen, die seine damaligen Freundinnen dumm angemacht haben, noch eine reinhauen konnte. Wie simpel die Welt da noch war.

Nein, jetzt muss er sich mit Gewalt davon abhalten, zu einem überbeschützenden Idioten zu mutieren. Er will und kann Frodo jetzt nicht anfangen zu bevormunden, nur weil er seine Ängste (Scheiße, inzwischen ist klar, dass er ja doch welche hat) nicht unter Kontrolle bekommt.
Doch etwas in ihm sitzt noch immer zwischen den Windungen seiner Darmschlingen – etwas, was er jetzt so langsam als vermeintlich düstere Vorwarnung benennt. Beim letzten Mal endete die Geschichte mit einem Ausbruch, einer Verfolgungsjagd und einem explodierenden Umspannwerk.

Was wird es dieses Mal sein?

Er versucht, seine Befürchtungen erstmal für sich zu behalten. Was würde es auch bringen, vor Frodo den Teufel an die Wand zu malen, wo dieser sich doch solche Mühe gibt, betont ruhig und gechillt zu sein.

Florian versucht, sich davon etwas anstecken zu lassen, obwohl er weiß, dass Frodo eben auch nur zum Teil so tut. Weil es derzeit anscheinend keine Alternative gibt.
Einige Zeit klappt das auch gut, es verlangt ihm nur erstaunlich viel Energie ab.  


Und dann kommt der Tag, an dem ihm genau das zu seinem ganz persönlichen Verhängnis wird.


Es ist Montag und Frodo ist dabei, seine Sachen zusammenzuwerfen um wie immer ein klein wenig zu spät aus dem Büro und zur Bandprobe zu hetzen. Wieder einmal hat er sich viel zu lange an irgendetwas an seinem PC aufgehalten. Er pfeffert sein Handy in die Tasche, räumt zeitgleich irgendwelche Notizen auf und schaltet den Computer aus. Erst als er in seine Jacke schlüpft, bekommt Florian seine Eile so richtig mit, weil unter seinen Kopfhörern, mit denen er gerade arbeitet, die hohen Töne eventuell etwas zu laut sind.

Paul, der auf der anderen Seite sitzt und über etwas brütet, das ihm Stirnfalten beschert, hebt schon die Hand zum Abschied.

Florian will sich wieder seinem Projekt zuwenden, als er im Augenwinkel eine Bewegung wahrnimmt – Frodo, der mit sich bewegendem Mund vor ihm herumwedelt.
Florian zieht sich den Kopfhörer von den Ohren.
„Häh?“, macht er wenig eloquent.

„Ich hab gesagt“, setzt Frodo an und man hört ihm an, dass er den Text eben schon mal runtergerattert hat; „Dass du dich nich' wundern sollst, es könnte durchaus spät werden. Wir haben das Studio gebucht für Albumaufnahmen, das dauert immer ewig.“

Florian nickt.
„Okay, viel Erfolg!“

„Danke!“

„Und schreib mir, wenn es ewig ewig dauert.“

„Na klar!“, sagt Frodo. „Diesmal mit vollem Akku. Aber du weißt, dass ich's auf lautlos haben werde.“

„Du hast dein Handy immer auf lautlos, Frodo“, bemerkt Florian schnippisch. „Außer dieses eine Mal, als Fabi dir mitten in der Nacht fünfhundert Reddit-Links schicken musste, was du natürlich seelenruhig verpennt hast, während ich drei Mal von dem scheiß Vibrationsalarm aufgewacht bin. Mal ganz abgesehen von dem Leuchtkonzert auf deiner Seite vom Bett.“

Frodo sieht aus, als würde er grinsen wollen. Doch dann gefriert der Ausdruck in seinem Gesicht und seine Augen weiten sich.

Und dann fragt Paul in den Raum hinein: „Wie? Ihr schlaft im selben Bett?“

Der Moment bleibt stehen und Florian hört seinen immerwährenden inneren Erzähler sagen:
It was at this moment that he knew he fucked up.

Sein Blick fliegt zu Paul und dann wieder zu Frodo. Millisekunden, in denen sehr viele Blicke ausgetauscht werden und die ihn mit einem Mal vor eine Entscheidung stellen.
Er könnte sagen, dass die Schlafcouch im Wohnzimmer kaputtgegangen ist. Oder unbequem. Frodo kriegt da drauf Rückenschmerzen.

Oder aber er könnte die „Ich bin in meiner Männlichkeit sicher und gefestigt und habe selbstverständlich keine Angst, neben einem Freund zu schlafen“-Nummer bringen. Paul würde beides schlucken – aus dem einfachen Grund, dass Florian ihn nie anlügt.

Oh Gott.

Florian blinzelt und er guckt jetzt wieder Frodo an. Womöglich liegt etwas Hilfesuchendes in seinem Blick. Denn Frodo glättet sein Gesicht und hat mit einem Mal diesen weichen Ausdruck, den Florian sonst nur aus Momenten kennt, in denen sie zu zweit sind.

„Sorry“, sagt er fast schon sanft. „Ich muss los.“

Er schultert seine Tasche, hebt die Hand zum Gruß, sagt Tschüß und geht aus dem Raum. Florian begreift, dass Frodo ihm diese Entscheidung allein überlässt. Wieder. Noch immer. Er denkt an den Streit neulich und an seine schamvolle Entschuldigung und an Jako, der sagt Mach doch nich' so ein Theater drum.

Florian schluckt. Er legt seinen Kopfhörer auf dem Tisch neben der Tastatur ab und stellt die Musik aus.

Er ist nicht vorbereitet für diesen Augenblick. Er hat sich keine schmissige Rede vorbereitet, keinen Witz, keinen lockeren Spruch. Für einen kurzen Moment sitzt er da und hadert mit sich, fühlt, wie ihm der kalte Schweiß ausbricht. Nein, denkt er. Es ist nicht nichts. Aber es ist eben auch nicht alles.
Und Paul ist immer noch Paul: Gelassen und geduldig und verständnisvoll und vertrauenswürdig und einer seiner besten Freunde. Er sollte keine Angst vor Paul haben.

Dieser Augenblick hat aber nichts von Mut oder Entschlossenheit. Er ist wie aus einem Flugzeug springen und hoffen, dass der Fallschirm sich öffnen wird.

„Das...klang irgendwie zweideutig, oder?“, bringt Florian hervor und grinst unbeholfen.

„Ja“, entgegnet Paul und imitiert das Grinsen. „Irgendwie schon.“

„Das na ja...Das liegt daran, dass es ooch zweideutig is'.“ Florian spürt, wie er die Worte mit Gewalt herausbringen muss. Wer hätte gedacht, dass Reden so ein Kampf sein kann. „Die Sache is' die“, setzt er wieder an. „Frodo und ich... Also... Frodo und ich sind ein Ding irgendwie. Seit Dezember.“

Paul grinst immer noch. Dann blinzelt er und das Grinsen rutscht ihm aus dem Gesicht, ganz so, als hätte er es dort vergessen.

„Äh...Wie jetz'?“ Er dreht sich auf seinem Stuhl nun Florian direkt zu und rollt ihm etwas entgegen. „Was für'n Ding?“ Er sieht zur Zimmertür, durch welche Frodo gerade gegangen ist, ehe er sich zurückdreht. „Warte mal...mit Ding meinst du, ihr seid...ein Paar?“

Und da ist es – das ungläubige Gesicht und die aufgerissenen Augen und die zuckenden Mundwinkel, als würde Paul gleich anfangen zu lachen und sagen, dass Florian ihn nicht verarschen soll.

Florian hat keinen Schimmer, wie er gerade aussieht. Bleich vermutlich. Er sitzt in seinem Stuhl und würde sich gerne an etwas festhalten. Scheiße, es ist genauso Kacke, wie er es sich vorgestellt hat.

Er nickt und räuspert sich dann umständlich.
„Mega weird, ich weiß“, sagt er schulternzuckend. „Aber mach dir keine Sorgen, wir trennen das selbstverständlich von der Arbeit.“

„Seit Dezember?“, echot Paul, als wäre diese Info zeitversetzt erst jetzt richtig bei ihm angekommen. „Aber bist du nich'...Is' Frodo nich'...“

„Anscheinend nich'“, beantwortet Florian ihm die Frage, die gar nicht erst beendet werden muss. Der kalte Angstschweiß macht ihn jetzt fast frieren.

Paul guckt ihn mit offenem Mund an, bis er wohl selbst bemerkt, wie das wirken muss. Dann klappt er ihn zu und schiebt sich die Brille höher auf die Nase, blickt wieder zur Tür, als wäre Frodo noch da.
„Seit Dezember“, wiederholt er und klingt jetzt fast ein bisschen verloren.


„Wir wollten das nich' an die große Glocke hängen.“ Florian räuspert sich erneut. „Na ja, genau genommen wollten wir's an gar keine Glocke hängen.“

„Okay?“ Paul lehnt sich jetzt wieder in seinem Stuhl zurück. Er sieht immer noch ein klein wenig schockiert aus, aber es ist erkennbar, dass er die Geschichte gerade eifrig innerlich verarbeitet. „Und warum nich'?“

„Was is'n das für 'ne Frage?“

„Naja, ich meine nur... ich stell mir das super anstrengend vor, das zu verheimlichen.“  

„War's auch.“

„Ja aber... warum dann? Also, is' ja klar, dass man das nich' sofort in die ganze Welt rausposaunt, aber über ein halbes Jahr is' schon nich' ohne.“

Florian spürt, dass er mit den Knien hibbelt. Er steht auf und läuft zum Fenster, weil er sich irgendwie bewegen muss.

„Weil's so schon schwer genug war“, sagt er etwas unwirsch, was ihm sofort leid tut. „Das is' nich' einfach 'ne neue Freundin, die keiner kennt, es is'...es is'... Siehste, ich kann's nich' mal sagen! Das war das eine. Das andere is', dass ick einfach Manschetten hatte, es euch zu sagen. Dir. Olli. Überhaupt jemand anderem.“

Paul nickt ganz leicht und bedächtig. Er beugt sich vor und verschränkt die Finger ineinander.
„Kann ich verstehen“, sagt er langsam. „Oder sagen wir mal so, ich kann's mir zumindest ansatzweise vorstellen.“
Die Art, wie seine Stimme den gewohnten paul'schen Singsang vollzieht, ist merkwürdigerweise beruhigend.

„Okay?“, sagt Florian. Er dreht dem Fenster den Rücken zu. „Du findest also nich', dass ich komplett bescheuert bin?“

„Ach Quatsch“, sagt Paul. Er kann das Krachen nicht hören, mit welchem ein Felsbrocken von Florians Herzen fällt.

„Wobei“, fügt Paul hinzu; „Ich hätte ja eher damit gerechnet, dass du dich in mich verlieben würdest, wenn Typen eine Option wären. Immerhin haben wir uns mal geküsst, zählt das etwa gar nichts?“ Er zieht seinen Tonfall albern in die Höhe.

Nach schier minutenlangem Zittern ist da das Gefühl, endlich wieder richtig Luft zu kriegen. Florian hört sich lachen ohne es wirklich mitzuschneiden und dann steht Paul mit einem Mal vor ihm und umarmt ihn und alle restliche Anspannung fällt so plötzlich ab, dass er um ein Haar zusammensackt.


„Weißt du, was das Lustigste an der ganzen Sache is'?“, sagt Paul als sie mit Umarmen fertig sind. „Wir hätten vor ein paar Monaten fast Wetten abgeschlossen, ob da nich' was läuft bei euch.“

Er erntet ein entsetztes und ganz und gar nicht intelligentes Starren mit offenem Mund.

„Jupp. Da gab's immer mal wieder so Momente. Und die Atmosphäre war so anders zwischen euch. Dauernd hingt ihr aufeinander. Und dann so Sachen wie dass Frodo mit zu deinen Eltern fährt oder dass du ihn so betont beim Streamen aus der Gruppe genommen hast. Aber Olli hätte dagegen gewettet und ich dachte mir dann nachher, dass das eh Bullshit wär'. Verdammt, ich hätte gewinnen können!“

Florian betrachtet seinen Freund dabei, wie er eine Faust in die Luft haut.
„Aber mal abgesehen davon“, murmelt er. „Sorry, wenn's weird is'. Aber die Alternative wäre, euch anzulügen.“

Paul wiegt nachdenklich den Kopf hin und her.
„Merkwürdig isses schon“, sagt er. „Weil's ungewohnt is'. Is' doch klar.“ Er kratzt sich an der Nase, dann hält er inne;
„Wer weiß es denn sonst noch?“

„Bisher nur die Fewjars“, erwidert Florian. „Hat sich so ergeben.“

„Okay. Wollt ihr's den anderen sagen?“

„So langsam müssten wir's ja.“ Florian schnaubt leise lachend. „Wobei ich immer noch Schiss habe, dass die das alle nich' so cool aufnehmen wie du.“

Paul bedenkt ihn mit einem langen Blick. Florian kann sich an keinen Moment erinnern, in welchem er sich vor ihm so verletzlich gezeigt hat. Dabei haben sie so viele innige Augenblicke in ihrer gemeinsamen Geschichte. Verletzlich zu sein ist total in Ordnung, wenn man eben nicht verletzt wird, begreift er. Ironischerweise hätte er das wahrscheinlich nicht gelernt, wenn er Zeit seines Lebens nur mit Frauen zusammen gewesen wäre.

„Hab 'n bisschen Vertrauen“, sagt Paul und knufft ihn zärtlich in die Schulter. „Die sind doch alle deine Freunde.“


~


Seine Beine fühlen sich auch eine Stunde später noch an wie warme Schokolade.
Florian schickt Frodo eine Nachricht:
Paul weiß jetzt Bescheid.
Er rechnet nicht so schnell mit einer Antwort, weil sein Freund gerade vermutlich in einer akustisch gedämmten Kabine steht und in ein Mikrofon schreit. Doch keine fünf Minuten später bekommt er fünfzehn zusammenhangslose Emoji geschickt, die alles in allem offensichtlich überbordende Freude ausdrücken.
Es gibt ihm dieses seltene, aber unfassbar wohlige Kitzeln im Bauch.


Als er auf dem Weg nach unten zum Auto ist, fällt ihm Jakob wieder ein. Natürlich hat in erster Linie Frodo ihn dazu gebracht, endlich mit der Sprache rauszurücken. Aber eben nicht nur er.
Florian setzt sich in den Camaro und betrachtet lange sein Telefon, ehe er sich dazu entschließt, Jakos Nummer zu wählen.


Es klingelt so lange am anderen Ende, dass Florian schon denkt, wieder aufzulegen. Doch dann hört er das Klicken und Jako sagt: „Hi, Flo. Mit dir hätt' ich nich' gerechnet.“

„Ich weiß“, entgegnet er halb grinsend. „Stör ich grad' oder hast du kurz Zeit?“

„Du störst nich'.“ Im Hintergrund klappert irgendetwas. Es gibt einen Ruck in Jakos Atem, weil er sich wahrscheinlich gerade hinsetzt. „Erzähl mal.“

Florian ist schon halb dabei, mit der guten Neuigkeit loszulegen. Doch die Kraftlosigkeit in Jakos Stimme ist mit einem Mal so dominant, dass er innehält;
„Is' alles in Ordnung bei dir?“

„Hm? Klar. Bin nur'n bisschen müde.“
Und dann es mit einem Mal sehr deutlich zu hören – das Kratzige, Brüchige in Jakobs Worten. Die Vorstufe zu heiser, denkt Florian. Okay, vielleicht hat Jako einfach nur sehr viel, sehr lange gesungen. Kommt ja vor, wenn man Musiker ist. Doch die flache Intonation dazu, das Kraftlose in den Worten, das irritiert ihn.

„Also, ick will dir nich' zu nahetreten“, murmelt Florian ins Telefon. „Aber bist du sicher? Du klingst echt durch.“

Er bekommt ein tonloses, kurzes Lachen zur Antwort.
Lefloid“, sagt Jako mit schiefem Sarkasmus. „Immer noch genauso charming wie früher.“ Eine Pause entsteht, von der Florian sich wünschte, er würde sie persönlich beobachten können. Telefonische Ferndiagnosen sind nicht so sein Ding.

„Du wolltest mir doch was erzählen.“

„Wenn du mir erzählst, was nich' stimmt, mach ich das.“

„Willst du jetzt feilschen? Du hast mich doch angerufen!“

Florian schnauft defensiv. Was zum Fick.
„Ick wollte eigentlich nur sagen, dass ich's Paul erzählt hab. Das mit Frodo und mir.“

Jako sagt nichts, doch die Art, wie er überrascht die Luft durch die Nase einzieht, ist klar und deutlich zu vernehmen.

„Und du hattest Recht: Es war gar nich' so scheiße.“

„Siehste.“ Jetzt lächelt er, auch wenn Florian es nicht sehen kann. Eindeutig. „Fühlst du dich jetzt besser?“

„Ja. Doch, schon. Wobei ich keine Ahnung habe, wie die anderen das aufnehmen werden.“

„Das schaffst du auch noch.“

„Danke jedenfalls nochmal. Für die moralische Unterstützung und so.“

„Kein Ding, Flo.“

Sie schweigen sich kurz an. Es liegt ein Hauch von Zögern und awkward silence zwischen ihnen. Dinge, die Florian hasst, also räuspert er sich leise, beugt sich vor, juckt sich an der Stelle zwischen den Augenbrauen und stützt sich an seinem Lenkrad ab.
„Du weißt, du kannst mit mir über alles reden, oder?“ Das rutscht ihm eher raus als dass er es plant zu sagen. Plötzlich schweben diese Worte durch den Autoinnenraum.

„Kann ich das?“, entgegnet Jako verwirrt.

„Naja...du weeßt schon. Du hast mir geholfen, vielleicht kann ich dir auch helfen. Wir sind nich' super eng und manchmal bringt's schon was, wenn man mit jemanden über Dinge redet, in denen derjenige nich' drinsteckt.“

Er schweigt wieder kurz, doch diesmal übersetzt sich das nicht als unangenehm oder ratlos. Es sei denn, Florian bildet sich das nur ein.

„Alter“, brummt Jako wieder grinsend. „Wann bist'n du so feinfühlig geworden?“

Florian zuckt mit den Schultern;
„Vermutlich dann, als ich mit jemandem zu tun hatte, der unter Strom steht. Spätestens wenn man postelektrisiert im Krankenhaus zu sich kommt, is' man ein anderer Mensch.“


~


Der Tag ist schon viel zu lang, findet Florian.
Das absolute Wechselbad der Gefühle hat ihn ermüdet. Zuerst sein dummer Patzer, dann die Angst, dann Pauls Verständnis, dann Jakos...wasauchimmer.

Er schafft es zu Hause auf die Couch und schaltet sich ein Hörbuch an.

Das nächste, was er weiß, ist, dass er die Augen wieder aufschlägt und dass Frodo sich über ihn beugt, einen seiner kabellosen In-Ears an sein Ohr hält und flüstert: „Muss ja richtig spannend sein, die Geschichte, wenn du sie durchpennst.“

Auch er ist heiser. Florian bezweifelt nach den langen Sessions mit Tell You What Now, dass Frodo so richtig durch ist mit seiner Stimmbildung, denn ernsthaft, es kann nicht gut sein, wenn man danach so krächzt. Aber es sind nicht seine Stimmbänder und eigentlich hat er davon auch keine Ahnung.
Im Gegensatz zu Jako aber klingt Frodo so gut-draufig, dass man sich um ihn keine Sorgen machen muss.

Er schiebt sich neben Florian auf die Couch, streicht ihm die Haare zurecht und schmiegt sich an ihn.
„Los“, murmelt er wohlig. „Ick will jedes Detail über das Gespräch mit Paul wissen. Go!“

Florian zieht sich den anderen, jetzt sehr nutzlosen Kopfhörer aus dem Ohr, ordnet seine Gedanken und beginnt seinen Monolog. Der wird nur so lang, weil er sich besondere Mühe gibt, die Geschichte von heute Nachmittag so zu erzählen, dass sein Freund das Gefühl bekommt, selbst dabei gewesen zu sein. Frodo stützt sich neben ihm auf den aufgestellten Ellenbogen und betrachtet ihn mit seinen hellen Donneraugen, geradezu an seinen Lippen hängend (zwischendurch sogar im wahrsten Sinne des Wortes).

„Ick sage dir, das war alles unterbewusst“, sagt er am Ende von Florians Erzählung. „Ein Teil von dir wollte endlich raus damit.“

Florian grunzt unwillig;
„Dann hätten alle anderen Teile von mir aber nich' so'n Muffensausen haben sollen.“

Frodo grinst und aus dem Grinsen wird ein Schmunzeln.
„Ich bin jedenfalls stolz auf dich“, sagt er.

Oh. Da ist es wieder, dieses Kitzeln in Florians Bauch. Ein wenig wie ein elektrischer Impuls, nur dass Frodo das gänzlich ohne Strom macht.
Florian winkt ab und macht ein zischendes Geräusch dabei, aber das Kitzeln bleibt.

„Ich hab nur keene Ahnung, wie ich das Ganze unzählige Male nochmal machen soll.“

„Musst du doch nich'.“

„Nich'?“

Frodo stupst ihn an;
„Nee, weil's mich doch ooch noch gibt, du Held! Wir können uns die Leute aufteilen.“

Oh. Stimmt. Florian muss ein merkwürdiges Gesicht machen, denn Frodo schaut ihn mit einer Mischung aus Amüsement und Zärtlichkeit an, legt den linken Arm quer über seine Brust und streicht ihm über die Schläfe.
„Du bist ein Dödel, ey“, murmelt er.
Florian nimmt es schief grinsend hin. Als was auch immer er hier betitelt wird, es stimmt sicherlich. Arschloch, Angsthase, Dödel. Vielschichtigkeit bildet ja bekanntlich Charakter.

„Und, wie geht’s dir jetzt damit?“, will Frodo wissen.
Sein Arm bildet eine angenehme Schwere auf Florians Brust. Sie erdet ihn auf den Boden der Tatsachen.

„Abgesehen davon, dass mir der Arsch noch immer auf Grundeis geht: Besser. Unendlich erleichtert.“

Sein Freund nickt: „Gut.“

Er schmiegt sich wieder an ihn und sie verstummen für einen kleinen Moment in Feierabenderschöpfung. Florian denkt an seine weichen Knie und an Frodos heisere Stimme, an Paul und Jako.

„Ich muss dir noch ein paar Dinge erzählen“, sagt er.

„Okay?“

So richtig klar ist ihm nicht, warum sie in letzter Zeit weniger dazu kommen, einander zu updaten, obwohl sie fast 24/7 zusammenhängen. Wahrscheinlich liegt es auch am Streit oder daran, dass sie die Hälfte des Tages nur über die Arbeit reden. Doch eines hat die Geschichte mit Paul ihm heute wieder vor Augen geführt: Er sollte keine unnötigen Geheimnisse vor Menschen bewahren, die ihm am Herzen liegen. Schon gar nicht vor Frodo.

Also nutzt er den Flow des Ich gestehe Dinge, um ihm zu berichten, dass Markus am Tag der Gerichtsverhandlung um ihn herumgecreept ist. Er stellt das Ding nach, was man unter Umständen „Gespräch“ nennen könnte und eigentlich nichts anderes war als Angiften, erzählt von Markus' schweigendem Warten und von seinem eigenen Unwohlsein.

„Deswegen hast du mich also so schnell da weggezerrt“, bemerkt Frodo zwischendurch.
Zum Glück scheint er es Florian nicht übelzunehmen, dass dieser die Sache bislang für sich behalten hat. Es war ja auch gar keine Absicht, beteuert dieser schnell. Es passierten dann nur so viele Dinge auf einmal. Da war die Erleichterung nach der Verhandlung und sein Unwille, die einigermaßen nette Stimmung wieder zu kippen und kurz darauf war das Warnschild an Frodos Tür Thema.

„Ick hätt's dir erzählen sollen“, schließt Florian seinen Monolog zerknirscht ab. „Tut mir leid, dass ich's nich' getan hab.“

„Eine zweite Entschuldigung von ganz tief innen innerhalb einer Woche“, murmelt Frodo. „Das' ja mal'n Ding!“

Florian tut kurz so, als würde er seinen Freund von der Couch schieben, dann gluckst Frodo und klammert sich erst recht an ihn.

„Ich weiß, ich muss aufhör'n mit der Beschützernummer“, seufzt Florian und legt einen Arm um ihn. „Is' nur nich' so leicht.“

„Du arbeitest ja dran.“ Sein Freund zuckt mit den Schultern. „Is' schon okay. Würde mir genauso gehen. Außerdem war das ja jetz' keene Info, die super wichtig war. Dass Markus gerade Scheibe spielt, wusste ich ja schon.“

„Da is' noch was.“

„Wat? Noch mehr zu Markus?“

„Nee, nich' Markus.“ Florian seufzt wieder. Wenn er schon on a roll ist, dann richtig.
„Jako.“

Jako?“ Frodo hebt kurz den Kopf und die Augenbrauen.

„Ich mach mir Sorgen um den“, sagt Florian. „Sorry, ziemlicher Themensprung.“

Frodos Gesicht entspannt sich wieder;
„Aber wirklich. Alter, ich dachte gerade, Jako hätte auch Probleme mit Markus.“

„Nee...Oh Gott, ich hoffe nich'.“

Der Gedanke kommt Florian erst jetzt, da Frodo die Verbindung abgesteckt hat. Er treibt ihm eine Gänsehaut über die Arme.

„Irgendwas is' doch mit ihm, findest du nich'?“, will er wissen.

„Definitiv.“ Frodo legt seinen Kopf wieder ab und nickt gegen Florians Schulter. „Er sieht aus wie'n Drogenopfer, aber er will nich' darüber reden. Ich wollte mal vorsichtig bei Felix und Andre abklopfen, ob die wissen, was Phase is'.“

„Mach das mal.“ Florian blinzelt in das Dunkelwerden des Zimmers. „Meinst du, es is' Markus? Sinn würde es ergeben. Er war neulich dabei, als ich in der Charité war.“

„Ich würd's nich' ausschließen. Aber ich kann's mir eigentlich nich' vorstellen“, sagt Frodo.

„Stimmt auch wieder“, pflichtet Florian ihm bei. „Wenn Markus irgendwie emotionale Erpressung über eine andere Person versuchen würde, würde er mich nehmen.“

Jetzt hebt sein Freund nicht nur den Kopf. Nein, ein richtiger Ruck geht durch ihn und er setzt sich in einer abrupten, aber fließenden Bewegung auf und sieht ihn mit großen Augen an.
„Was soll'n das jetz' heißen?!“, presst er heraus.

„Ich hab doch eben erzählt, dass er, als wir vor dem Verhandlungsraum unser nettes Gespräch hatten, so komisch geguckt hat zwischendurch. Also wirklich komisch.“

„Ja! Aber...“ Frodos Mund bleibt offen hängen, „Warte mal, hab ich das falsch verstanden? Du meinst, er hat deine Erklärung von wegen wir wären beste Freunde, nicht geschluckt?“

Florian hasst ein bisschen, was er da machen muss. Aber wenn er schon auspackt, dann eben alles. Er hat das Themenschlingern, das er hier gerade veranstaltet, nicht geplant. Es ist scheiße unelegant, chaotisch und kräftezehrend. Aber sich Aussprechen ist nun mal manchmal so.

Er setzt sich nun auch auf und gegen die Rückenlehne der Couch und bemüht sich, Frodos Blick standzuhalten;
„Ganz ehrlich – ich fürchte, er weiß Bescheid.“

Frodo schließt schnaufend die Augen und drückt die Fingerspitzen gegen seine Brauen, wie so oft, wenn er frustriert oder fassungslos ist.
„Scheiße“, raspelt er. „Flo, das is' nich' gut.“


„Es wird egal sein“, beeilt Florian sich zu sagen. „Der Typ traut sich ja nich' mal eine wirkliche Konfrontation zu! Das hast du doch selbst gesagt. Alles, was der macht, is' Creepen und Briefe und Sicherungen schicken.“

„Ich weiß, dass ich das gesagt hab'“, erwidert Frodo und sieht ihn wieder an. „Aber wer garantiert uns das?! Ich meine... was weiß ich, vielleicht rastet er doch irgendwann aus!“

Florian bedenkt ihn mit einem langen Blick und zieht einen Mundwinkel hoch.
„Haste gemerkt?“, murmelt er jetzt. „Wenn's nich' mehr darum geht, dass du in Gefahr sein könntest, sondern jemand anders, siehst du die Sache nich' mehr so locker-flockig.“

„Das liegt daran, dass du nich' einfach jemand anders bist“, hält Frodo dagegen. „Mal davon abgesehen, dass du eben genau dasselbe gesagt hast wie ich neulich.“

Dem kann Florian nicht widersprechen. In manchen Dingen ähneln sie einander so sehr, dass es ihn fast erschreckt. Der Augenblick ist eigentlich rührselig, wenn nicht schon kitschig. Er ertappt sich dabei, wie er ihn sich am liebsten von der Schulter streifen möchte wie hängengebliebene Spinnweben. Kitsch ist nicht so sein Ding.

„Einigen wir uns einfach darauf“, sagt Frodo. „Ich pass' auf dich auf, du passt auf mich auf und wir machen uns nich' verrückt. Klingt dit gut?“

Florian zieht eine Schulter halb hoch, aber nickt dann.
Wir kriegen das hin, will er sagen. Es kann nicht schlimmer werden als letztes Jahr um diese Zeit. Es darf nicht schlimmer werden, weil ich kaputtgehe, wenn irgendjemand dich kaputtmacht.

Nichts davon spricht er aus.
Aber er legt die Arme um seinen Freund und zieht ihn an sich, bis sich ihre Stirnen sacht berühren. Wenn schon keine kitschigen Worte, dann eben eine kitschige Geste.

„Das machen wir doch eh schon“, murmelt er.


Fortsetzung folgt...






Zwei kleine Anmerkungen:

1.Ich habe bis zuletzt mit der Szene gehadert, in der Flo sich verplappert und von Ricks nächtlichen Reddit-Links erzählt, weil ich nicht sicher war, wie realistisch das ist.
Allerdings hat mir meine Freundin Maddle dann unter Androhung von Schlägen verboten, es noch zu ändern. (Tja, da kann man nichts machen.) Sie liest meine Fanfics nicht, aber ich bin ihr trotzdem zu Dank verpflichtet.


2.„Emoji“ kommt aus dem Japanischen und deswegen wird der Plural bei mir auch immer ohne deutsches Plural-S geschrieben. Ich übersehe beim Editieren ja leider viele Fehler, aber dieser gehört nicht dazu.

Danke für die Aufmerksamkeit!
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