Der schmerzlose Weg

OneshotAngst, Tragödie / P16
Mama Isabella Ray
04.09.2020
04.09.2020
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Ray bemerkte zum ersten Mal die kleinen Details, die den Tunnel so definierten. Er war feucht, er war kalt, er war hässlich. Der Gang war lang, so lang, dass er der unbarmherzigen Schwärze verfiel, die sich am Ende breit machte. Der Boden war uneben und grau, die Ziegel an den Wänden versehen mit Kratzspuren oder Löchern.

Hier stirbt er.

Der Gedanke brachte ihn zum Lachen. So wollte er nicht enden. Ray wollte mit einem Knall gehen – lodernd, während Mama die letzten Häufchen Asche von ihm zusammenkehren müsste.

Aber das Benzin war fort.

Mama hatte es gefunden und ihm weggenommen. Ihr Blick hatte ihm keine Emotionen preisgegeben.

Und jetzt würde er sterben.

Mit einem lauten Stampfen trat ein Dämon ins Licht. Er hielt eine Liste in seinen Klauen. Ein weiterer erschien direkt neben ihm. Er war größer, breiter und sah mehr nach einem Tier aus. Ray blinzelte schweigend, während er die Monster mit denen aus seinen Erinnerungen verglich.  Sie sahen ihnen sehr ähnlich.

„81194“, las der Dämon laut von seiner Liste vor. Er sprach es gedehnt aus, als wäre er verwirrt, weshalb Ray nicht kreischend die Flucht zu ergreifen versuchte. Er stand einfach bloß da, in seinem lächerlichen Anzug, mit diesem bescheuerten Hut und seinem leeren Koffer.

„Ich bin 81194“, bestätigte Ray, seine Stimme klang abgehackt und dumpf.

„Premium Ware Nr. 2“, fuhr Isabella neben ihm fort, ihre Hand umschloss feste seine Schulter. Ray ekelte die Geste an. ‚Soll ich mich etwa dadurch besser fühlen? Oder fühlst du dich besser?‘

Der Dämon schien etwas auf der Liste zu überprüfen. Dann blickte er auf und nickte. Isabella ließ ruckartig von Ray ab und lächelte. „Auf Wiedersehen, Ray“, sagte sie. Für einen Moment starrte er wie gelähmt auf seine Mutter hinauf, die nichts weiter tat, als das Szenario zu belächeln. Es erfüllte ihn mit unbeschreiblich negativen Gefühlen. Und Ray wurde erst wieder aus seiner Starre gerissen, als er die schlurfenden Schritte des großen Monsters vernahm, die sich auf ihn zubewegten. Schon beinahe reflexartig ließ er seinen Koffer fallen und starrte seinem Ende entgegen.

Es war riesig, dunkel, hatte drei glubschende Augen, ein riesiges Maul mit messerscharfen Zähnen und einer langen Zunge, sie bereits sabbernd am Boden hing. Mit einem großen Schritt stolperte Ray nach hinten. Isabella sah ihn aufmunternd an.

„Nimm den kurzen und schmerzlosen Weg“, sagte sie – es klang wie ein Befehl.

Ray hatte keine Angst vor dem Tod. Er war bereit gewesen, sich umzubringen. Seine einzige Angst war, dass er nicht selbst in die Hand nehmen konnte, wie er verendet. Und genau das war gerade der Fall.

Das Monster packte ihn und hob ihn die Luft. In seiner Hand war eine ergraute, tote Blume, die er vorsichtig mit seinen Klauen an Ray näher heranbrachte. Dieser starrte nur gebannt auf die Situation.

Nimm den kurzen und schmerzlosen Weg.

Der Stiel kam näher. Der Speichel des Monsters triefte auf die Blume, auf Ray.

Nimm den kurzen und schmerzlosen Weg.

Ray dachte nach. Die Zahnräder in seinem Kopf begannen sich zu drehen.

„Der Tod dieser Kinder geschah in einem Wimpernschlag“, hörte er Isabella sagen. „Sie hatten ein glückliches Leben und einen kurzen, schmerzlosen Tod. Was will man denn bitte mehr?“

Kurz und schmerzlos.

Sie hat unrecht, dachte Ray, als der Stiel seinen Brustkorb berührte, diese Kinder hatten Angst. Sie hatten sich gewehrt. Widerstand geleistet. Und in genau dem Moment realisierte Ray, dass er sein Schicksal vielleicht doch noch in der Hand hatte. Mit einem Ruck zog er das Küchenmesser aus seiner Hosentasche und rammte es in die Hand des Monsters. Es stieß einen überraschten Schrei aus und ließ ihn auf den Boden fallen, während Ray sich direkt aufstemmte und bereit war, mit einem Kampf aus dem Leben zu gehen.

Der kleinere Dämon stürmte auf ihn zu, seine riesigen Klauen vorangestreckt. Ray wich aus, wurde dennoch von den Klauen erwischt und taumelte mit schmerzverzerrter Miene zur Seite. Als er sich an seine Brust fasste, bemerkte er das warme Blut, welches von dort hinablief.

Im genau selben Moment trampelte das große Monster auf ihn zu. Ray wollte erneut ausweichen, doch der andere Dämon packte ihn an seinen Armen und nagelte ihn am Boden fest. Mit großen Mühen versuchte sich der Zwölfjährige zu befreien, doch es war erfolglos. Ray spürte als nächstes nur, wie der große Dämon seine Beine zerstampfte. Er schrie und wand sich unter Tränen im Griff des anderen Monsters, doch es hielt ihn bloß unbekümmert fest, während sich eine Blutlache um Ray zu bilden begann. Das Gefühl der Schmerzen ebbte nicht ab, aber seine Beine fühlten sich taub und schwer zu bewegen an. Keuchend schnappte Ray nach Luft, versuchte zu erkennen, was gerade geschehen war und erkannte, wie verdreht und verkrüppelt seine Beine am Boden lagen. Seine Hose war vollkommen zerstört und einige Teile seines Körpers schienen nur noch rohes Fleisch zu sein, aus dem Blut sickerte. Die beiden Dämonen ließen von ihm ab, als würden sie auf mehr Widerstand warten, den sie leicht abblocken könnten. Und sie behielten Recht. Ray gab nicht auf. Zitternd hielt er sich am Auto hinter ihm fest und versuchte sich erneut aufzustemmen, doch es war zwecklos. Seine Beine spielten schon längst nicht mehr mit.

Tränen liefen seine Wange hinunter, als sich Isabella zu ihm hinunterbeugte und sprach: „Du hättest für mich den schmerzlosen Weg wählen können“

Ray ballte seine Hand zu einer Faust.  „Für dich…“, sagte er und begann zu lachen. Isabella bewegte sich nicht. „Willst du jetzt, dass ich mich für dich schlecht fühle?“, fuhr Ray lachend fort, inzwischen so stark, dass seine Lunge zu schmerzen begann.

„Tu nicht so, als seist du das Opfer hier!“, Rays Stimme hob sich und genau in diesem Moment rammte seine Mutter ihm die Blume in die Brust. Ein grässlicher Schmerz machte sich in seiner Brust breit, als würden Wurzeln anfangen, sich in ihm auszubreiten, während sie sein Blut einsogen.

Isabellas Blick war leblos und kalt, als Rays Sicht verschwamm.

„Der schmerzlose  Weg wäre gewesen, wenn du mich nie bekommen hättest“, sagte Ray abwesend, während sein Herzschlag leise abebbte, „Ich hoffe…“

Isabella richtete sich langsam auf.

„Ich hoffe du stirbst so langsam und qualvoll wie Conn…“

Wie schön, dachte Ray, es ist so ruhig.
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