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Newsies - die Zeitungsjungen: Family Is All We Have In The End

GeschichteDrama, Familie / P16
04.09.2020
04.09.2020
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Halli hallo und danke, dass ihr reingeklickt habt.
Also, ich habe den Disney Film "Newsies - die Zeitungsjungs' vor einigen Monaten entdeckt und mich sofort in die Charaktere verliebt. Und NUR in die Charaktere des Films. Das Musical kenne ich überhaupt nicht und werde es mir auch nie ansehen. Zu sehr gefällt mir Christian Bale als Jack Kelly und Bill Pullman als Bryan Denton, weswegen ich mich auch dazu entschlossen habe diese Story hier zuschreiben.
Ich würde mich über Reviews freuen und nun viel Spaß beim ersten Kapitel.

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Newsies - die Zeitungsjungen: Family Is All We Have In The End

~*°*~*°*~

1. Kapitel: Ein Reporter der New York Sun

New York 1899

Elisabeth wandte sich vollkommen automatisch - sie ging diesen Weg immerhin schon seit über fünf Jahren entlang und noch dazu so gut wie jeden Tag - nach rechts und bog somit in die Straße ein in der die unter Jacob Pulitzer gedruckten Zeitungen an die Newsboys ausgegeben wurden. Sie scheute eigentlich davor zurück sich unter das Getümmel der Menschen, dass fortwährend in dieser Gegend herrschte, zumischen. Aber genau dieses Getümmel bot einer jungen Frau wie ihr einen gewissen Schutz als, wenn sie ihren Heimweg durch die diversen Seitenstraßen abgekürzt hätte in denen zuweilen zwielichtige Gestalten hausten. Daher nahm sie lieber die Kopfschmerzen in Kauf, die sie hin und wieder heimsuchten, wenn der alltägliche Lärm New Yorks über sie hereinbrach, als von seltsamen Gesindel belästigt zu werden.

In Gedanken versunken ging sie an dem Metzger und der Schneiderei - die die besser betuchten New Yorker einkleidete - vorbei, an denen sie Tag ein und Tag aus vorbeikam, ohne sonderlich auf ihre Umgebung zu achten. Doch als sie das Restaurant passierte, blieb sie abrupt stehen als ihr mit einem Mal bewusst wurde, dass heute irgendwas ganz entschieden anders war als sonst. Sie hatte dieses ungute Gefühl schon den ganzen Morgen über gehabt. Nur hatte sie es nicht weiter beachtet, da es für sie nicht sonderlich neu war, wenn dieses Gefühl von Unruhe und Sorge sie beschlich. Was seit geraumer Zeit viel zu oft bei ihr geschah. Doch jetzt, war sie nicht nur innerlich beunruhigt. Sie hatte zudem das Gefühl auf der Hut sein zu müssen.

Ihre Augen wurden groß, als sie die Erkenntnis schließlich traf. Denn während sie ihren Blick hin und her schweifen ließ, erkannte sie, dass ein ganz wichtiger Teil des Tagesablauf - zumindest so weit es ihren eignen betraf - so gar nicht wie immer ablief. Sicher, auf der Straße und den Gehwegen tummelte es nach wie vor von Frauen mit ihrem Nachwuchs, die weiß Gott was miteinander unternahmen, von Männern, die sich mit ihren Geschäftspartnern oder Freunden unterhielten, von Dienstmädchen, die für ihre Herrschaften Botendienste verrichten und von Gouvernanten die mit ihren Zöglingen zusammen einkaufen gingen.

Die Newsboys!

Wo um alles auf der Welt steckten die Newsboys von New York?

Denn kein einziger Newsboy lief laut schreiend durch die Straßen um seine Zeitungen an den Mann oder an die Frau zubringen. Was für gewöhnlich einen ziemlichen Radau und extremen Lärm mit sich zog, wenn die Jungs in Scharren ausströmten und ihre Ware feil boten. Doch jetzt war es ungewöhnlich ruhig. ZU ruhig um genau zu sein und das alleine war schon mehr als ungewöhnlich und irgendwo auch beunruhigend für diese Gegend.
Zudem, und das beunruhigte sie mit am meisten, wäre sie mit absoluter Sicherheit irgendwann und vor allem aber auch irgendwo einmal ihren beiden Brüdern Davey und Les - die seit drei Tagen ebenfalls als Newsboys für Pulitzer tätig waren - sowie ihrem neuen Kumpel Jack über den Weg gelaufen. Wie es eben die letzten drei Tage zuvor auch schon gewesen war. Nein, irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht.

War sie denn tatsächlich wieder einmal so sehr in Gedanken über ihre aktuelle, schwierige Lage vertieft gewesen, dass ihr weder diese untypische Ruhe, noch die Tatsache aufgefallen war, dass sie nirgends ihre Brüder und Jack gesehen hatte, seit sich die vier hier vor den Toren von Pulitzers Zeitung voneinander verabschiedet hatten?

"Offensichtlich...", seufzte sie schwermütig und schüttelte betrübt den Kopf darüber, dass ihr mittlerer Bruder mit seiner Einschätzung absolut richtig lag, dass sie viel zu viele Sorgen mit sich selbst ausmachte, statt sie mit ihm zuteilen.

Aber, war das nicht die Pflicht eines Erwachsenen die Sorgen von den Kindern so weit wie möglich fernzuhalten und dafür Sorge zutragen, dass sie eine relativ unbeschwerte Kindheit verleben konnten? Oder kam das tatsächlich nur auf den Stand an, den man in der Gesellschaft einnahm, wie unbeschwert die Kinder aufwachsen konnten? Nun, für viele traf das sicherlich zu. Doch nicht für Elisabeth selbst. Und so hatte sie es sich zum Ziel gesetzt, dass ihre drei jüngeren Geschwister eine ganz normale Kindheit haben sollten. Allerdings war ihr Bruder Davey mit seinen fünfzehn Jahren - wie er nur zu gern betonte - längst kein Kind mehr und hatte daher nicht nur ein Recht darauf ebenfalls für seine Familie dazu sein, sondern auch von den Sorgen zu wissen, die seine große Schwester immerzu blagten.

**Ich muss wirklich lernen, mich ihm mehr anzuvertrauen, ehe ich tatsächlich noch daran kaputtgehen werde.**, nahm sie es sich fest in Gedanken vor und strich sich eine verirrte Haarlocke hinters Ohr, während gleichzeitig das Gefühl der Sorge zunahm und sie sich darüber hinaus zu fragen begann, wo denn dann die drei Jungs wohl stecken mochten.

"Streik! Streik! Streik!", erklang es plötzlich im Chor und ließen Elisabeth alarmiert - immerhin wusste sie um den Streik der Straßenbahner der vor drei Tagen, als ihre Brüder Jack kennengelernt hatten, nicht gerade sehr harmlos vonstattengegangen war - herumfahren.

Sie war sich zwar sicher, mit Jack an ihrer Seite würde ihren Brüdern nicht all zu schnell etwas, wenn gar absolut nichts passieren. Immerhin hatte er die beiden vor drei Tagen ebenfalls unbeschadet nach Hause gebracht. Aber es waren nun mal ihre Brüder und als deren Vormund  würde sie sich immerzu Sorgen um die beiden machen. Abgesehen davon, war immer irgendwann das erste Mal wo etwas schief ging.

**Nur bitte nicht heute!**, bat sie stumm und lauschte angestrengt, während sie sich zudem konzentriert umsah, damit sie die Richtung aus machen konnte, aus der die Streikrufe kamen. Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass die aufgebrachten Stimmen wohl aus der Richtung zukommen schienen, in der sich das sandfarbene Backsteinhaus von Pulitzer befand.

**Oh nein!**, schoss es ihr durch den Kopf und das beunruhigende Gefühl, dass ihren Brüdern und auch Jack - der ihr in dieser kurzen Zeit ziemlich rasch und wirklich sehr ans Herz gewachsen war - etwas passiert sein konnte, nagte jetzt noch etwas mehr an ihr.

Sie setzte sich wieder in Bewegung und ging raschen Schrittes auf das Backsteingebäude - in dem Pulitzer über sein Zeitungsimperium herrschte - zu. Nur um dann kurz darauf wieder stehenzubleiben als sie die Menge - die nur aus den Newsboys zu bestehen schien und die sie einen Augenblick zuvor so vermisst hatte - vor den Toren erblickte. Eine Menge, in der hin und wieder überdeutlich das Wort Streik fiel.

"Was zum...", entfuhr es ihr erstaunt und raffte in derselben Minute ihre Röcke zusammen, damit sie besser, schneller und vor allem ungehindert auf die andere Straßenseite gelangen konnte.

"Davey!? Les!?", rief sie nach ihren beiden Brüdern, während sie sich ihren Weg durch die Menge - unter der sich eine Handvoll neugieriger Erwachsene befanden - bahnte. Dabei ließ sie ihren Blick von links nach rechts schweifen in der Hoffnung, dass sie den dunklen lockigen Haarschopf ihres mittleren Bruders so schneller entdecken würde. Schließlich atmete sie eine Sekunde später erleichtert auf als sie ihn vorne an der Tür erblickte, wo er auf und abging, wie ein nervöses Tier im Käfig.

"Verzeihung, aber dürfte ich bitte mal durch?", wandte sie sich an einen jungen, hochgewachsenen Mann - der ganz vorne in der Reihe stand und das Geschehen neugierig im Auge behielt - und quetschte sich - ohne auf eine Reaktion seinerseits zu warten - prompt an ihn vorbei.

"Davey..." Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter als sie bei ihm angelangt war, um so seine Aufmerksamkeit auf sich zuziehen. "... wo steckt Les? Und was zum Kuckuck ist hier denn nur los?", stellte sie ihn zur Rede als er sich ihr zugewandt hatte und sah ihn teils besorgt, teils fragend an.

Davey blickte sie einen Augenblick überrascht an als hätte er mit allem gerechnet, nur nicht damit seine Schwester hier vorzufinden. Dann wurde sein Gesichtsausdruck schließlich ernster und öffnete den Mund um ihr zur antworten.

"Diese Antwort würde mich auch brennend interessieren.", erklang plötzlich eine unbekannte, männliche Stimme hinter ihr, sodass sie sich neugierig und auch ein klein wenig genervt darüber, dass er sich ungefragt in die Unterhaltung mit einbrachte, zu diesen jemand herumdrehte.

Vor ihr stand der junge, hochgewachsene und schlanke Mann, an dem sie sich kurz zuvor vorbeigedrängt hatte und der das Geschehen mit großem Interesse verfolgt hatte. Auf seinem Kopf saß eine dunkelbraune Melone unter der braunes Haar hervorspitzte und trug einen hellbraunen Tweedanzug mit dazu passender Weste. Seine Fliege wiederum passte farblich perfekt zur Melone, wodurch der junge Mann einen sehr gepflegten Eindruck machte.

Und dieser Eindruck ließ Elisabeth vorsichtiger werden. Denn die meisten Leuten, die so ordentlich und gepflegt waren - zumindest jenen, die sie in ihrem bisherigen Leben begegnet war - wollten ihr und ihrer Familie nie etwas Gutes. Mal abgesehen davon, dass sie es hasste, wenn sich außenstehende Leute ungefragt in die Gespräche zwischen ihr und ihren Geschwistern einmischten. Immerhin taten sie es meist nur dann um ihr gute Ratschläge darüber zu erteilen wie sie ihre Geschwister erziehen sollte, dass sie sich viel zu viel Verantwortung auf ihre junge Schultern lud und dass sie mit der allgemeinen Situation überfordert war. Oder - und das war für sie das Schlimmste von allen - man drohte ihr zuweilen sogar damit Les ins Heim zustecken.

Deswegen begann sie sich zufragen, warum er mit so viel Interesse dem Geschehen folgte und worin seine eigentliche Absicht bestand. Die meisten Erwachsene scherten sich jedenfalls so gut wie nie um das Wohlergehen der Kinder in dieser Stadt. Es sei denn, dass es darum ging, sie für Diebstähle dingfest zumachen, sie in die Besserungsanstalt oder gar ins Heim zustecken. Oder um ihnen Arbeiten aufzuhalsen, für die sie im Grunde die Kindern so gut wie gar nicht entlohnten. Kurzum, Erwachsene waren ihr einfach nicht geheuer.

Daher musterte sie den jungen Mann auch mit einer gewissen Vorsicht und zudem unverhohlen Argwohn, dass keinerlei Zweifel daran ließ, dass sie ihm nicht über den Weg traute. Während er sie dagegen jedoch mit einem freundlichen Lächeln bedachte, dass ihn ziemlich charmant, sympathisch und freundlich wirken ließ. Zumal sich sein Lächeln und die Freundlichkeit  auch in seinen Augen wieder spiegelte. Ein Umstand, der ihr bisher nur bei einem Erwachsenen aufgefallen war und dieser jemand war ihr Vater gewesen. Demnach war seine Freundlichkeit vielleicht doch ehrlich gemeint.

"Ich bin von der New York Sun." Er streckte ihr die Hand entgegen. "Bryan Denton."

Die Worte 'New York Sun' ließen sie - nachdem sein Lächeln und vor allem seine haselnussbraunen Augen sie etwas für ihn eingenommen hatten - aufhorchen und sie wurde ihm gegenüber wieder vorsichtiger. Das war also der Grund dafür, warum er ihnen gegenüber so freundlich auftrat. Nichts geschah ohne einen gewissen Hintergedanken.

**Natürlich, ein Reporter der eine Story wittert.**, dachte sie bei sich und sie fühlte wie ein kleiner Schauer der Enttäuschung über sie hinwegrollte.

Daher ergriff sie eher aus Höflichkeit als aus wirklicher Freude heraus seine Hand um diese zu schütteln. Dabei bedachte er sie nach wie vor mit einem freundlichen Lächeln aber fragenden Blick und hielt ihre Hand länger als unbedingt nötig in der seine.

"Oh, Verzeihung!", entfuhr es ihr als ihr bewusst wurde, dass er darauf wartete, dass sie sich ihrerseits vorstellte. Eigentlich widerstrebte es ihr ihm ihren Namen zusagen, aber ihre Eltern hatten großen Wert auf gute Erziehung gelegt und so sagte sie: "Elisabeth Jacobs."

Denton's Lächeln wurde breiter, während er es abermals seine Augen erreichte und schüttelte darauf hin nochmal ihre Hand. "Angenehm Ihre Bekanntschaft zumachen, Miss Jacobs." Dann richtete er seinen Blick auf ihren mittleren Bruder, der ihn seinerseits nicht minder argwöhnisch im Auge behielt und streckte ihm die Hand entgegen. "Du scheinst hier das Sagen zuhaben."

**Das Sagen zuhaben!?**, wiederholte Elisabeth in Gedanken und runzelte irritiert die Stirn darüber, während sie ihren Bruder ansah.

Davey's volle Aufmerksamkeit galt derweilen dem Reporter, dessen Geste er recht zögerlich   erwiderte und entgegnete schließlich knapp: "David."

"David.", wiederholte Denton langsam und lächelnd. "Wie in der Bibel. David und Goliath.", fügte er hinzu und warf einen Blick nach oben, während Davey über diesen Vergleich amüsiert lächelnd zur Seite blickte.

Elisabeth wiederum rollte nur genervt mit den Augen, ehe sie sich räusperte und das Wort an sich riss: "Schön,da wir nun diese Frage geklärt haben." Sie wandte sich nun direkt an ihren Bruder und kehrte Denton, als Zeichen dafür, dass er sich da nun besser raushalten sollte, den Rücken zu. "Hättest du nun die Güte mir zusagen was hier los ist? Und bei was du das Sagen hast, Davey?"

Ihr Bruder sah betreten zu Boden und schien nach den passenden Worten für eine Antwort auf ihre Frage zu suchen, daher ließ diese auf sich warten. Was ihren Geduldsfaden jedoch reißen ließ. Ihre Geduld war in den letzten Tagen nicht mehr all zu ausdauernd. Aber sie würde nicht laut werden, das tat sie nie.

"David!?", sagte sie ruhig und leise, aber dafür mit mehr Nachdruck und erzielte damit die erhoffte Wirkung.

Er zuckte prompt zusammen als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. Denn er war es nicht gewohnt, dass sie ihn David nannte. Bei ihr war er immer nur Davey, es sei denn er hatte was ausgefressen - was so gut wie nie vorkam - oder er hatte den Geduldsfaden seiner Schwester überspannt - was in letzter Zeit allerdings doch häufiger vorkam, wenngleich er es im guten Sinne tat - dann hieß er David. Ein sicheres Zeichen dafür, es lieber nicht noch mehr auszureizen.

Deswegen nahm Davey allen Mut zusammen und holte tief Luft, ehe er den Blick hob und schließlich leise antwortete: "Wir - die Newsboys - befinden uns seit heute im Streik."

"Das ist... warte!", unterbrach sie sich selbst als ihr die wahre Bedeutung klar wurde. "Ihr tut WAS!?", hakte sie nach und glaubte sich verhört zu haben. Nun, sie HOFFTE sich verhört zuhaben.

"Wir befinden uns im Streik, Beth.", wiederholte Davey, dieses Mal lauter und mit einem gewissen Stolz in seiner Stimme, der sich auch in seiner geraden Haltung bemerkbar machte.

Sie schloss die Augen und atmete tief durch um sich zu beruhigen, da dieser Satz für sie wie ein Schlag ins Gesicht war. Denn sie hatte ihm und Les nicht aufgetragen als Newsboys tätig zu werden, um an einem Streik teilzunehmen, sondern um ein paar Cent dazuzuverdienen, damit sie das bisschen Geld -, dass ihnen sowieso kaum noch zur Verfügung stand - aufbessern konnten.

Jedoch, dass musste sie zugeben, erfüllte es sie auch mit purem Stolz, dass ihr Bruder aus freien Stücken solch ein Unterfangen unterstützte. Deswegen konnte sie ihm es eigentlich nicht mal übel nehmen. Zumal es streng genommen sogar SEIN Vorschlag gewesen war sie mit dem Geld als Newsboy zu unterstützen. Gegen den sie sich bisher beharrlich ausgesprochen hatte. Allerdings, war etwas eingetreten, dass sie mit ihrem bescheidenen Lohn als Näherin allein nicht mehr händeln konnte und so hatte sie seinen Vorschlag vor drei Tagen schließlich doch angenommen. Daher verflog ihr anfänglicher Ärger ziemlich schnell wieder. Zumal sie wusste, dass ihr Bruder nicht grundlos so handelte wie er nun mal gehandelt hatte. Wenngleich sie nach wie vor den genauen Grund dafür nicht kannte.

"Und was ist der genaue Grund dafür, dass ihr Jungs streikt?", warf Denton die Frage ein als hätte er ihre Gedanken gelesen und ließ sie schuldbewusst zusammenfahren, da sie seine Anwesenheit vollkommen vergessen hatte.

"Pulitzer hat den Preis von 50 auf 60 für 100 Zeitungen erhöht. Und das wollen wir uns nicht bieten lassen.", antwortete ihr Bruder und dieses Mal war sie sich sicher, dass er von Stolz erfüllt war. "Beth, ich weiß...", setzte ihr Bruder kleinlaut an.

"Schon gut, Davey.", unterbrach sie ihn mit einem nachsichtigen Blick. "Ihr habt einen guten Grund für den Streik. Alles, was dazwischen kommt, werden wir schon irgendwie meistern." Sie verwuschelte ihm das dunkle, lockige Haar und schenkte ihm ein schwaches aber ehrliches Lächeln.

Er vergalt es ihr seinerseits mit diesem frechen Grinsen, dass er in letzter Zeit viel zu selten zeigte und versöhnte sie damit nicht nur, sondern erwärmte damit auch ihr Herz und bewies ihr zudem, dass sie vielleicht doch nicht alles so verkehrt machte.

"Aber Pulitzer kann doch nicht einfach so - ohne jede Vorankündigung - von heute auf morgen den Preis erhöhen!", tat sie ihren Unmut Luft und fügte, während sie sich zu Denton umwandte, etwas kleinlauter hinzu: "Oder etwa doch?"

"Nun, es tut mir leid das sagen zu müssen, Miss Jacobs..." Denton sah sie betroffen und mitfühlend zugleich an. "... aber da die Zeitung Pulitzer gehört, kann er damit tun und lassen was er will. Nichtsdestotrotz aber, haben die Jungs hier - wenngleich der Großteil von ihnen Ausreißer und Waisen sind - Rechte und die können auch sie einfordern. Wissen Sie, wie es sich mit dem Zeitungsverkauf verhält?", fragte er und legte den Kopf schief, während er sie unverwandt aber auch neugierig ansah.

Sein Blick war dabei so durchdringend und intensiv, dass es ihr einerseits nicht nur einen wohligen Schauer über den Rücken jagte, sondern es ihr auch andererseits schwerfiel diesem standzuhalten. Und so blickte sie stattdessen ihren Bruder an, ehe sie bestätigend nickte. "Natürlich. Die Jungs zahlen einen gewissen Betrag für eine gewisse Menge an Zeitungen und müssen diese dann komplett unter die Leute bringen. Wenn nicht, müssen sie für die Zeitungen, die übrig bleiben, selber aufkommen. Was bedeutet, dass es für die Newsboys so oder so schon schwer genug sein dürfte mit dem bisschen Geld, dass ihnen am Ende noch bleibt, über die Runden zukommen. Mit der Preiserhöhung könnten die Rechnung eins zu eins aufgehen. Was hieße, dass viele Jungs am Ende wieder auf der Straße oder gar..." Sie schluckte den unangenehmen Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals bei dem Wort, das ihr durch den Kopf schoss, gebildet hatte. "... in der Besserungsanstalt landen könnten."

Denton nickte zufrieden wie ein Lehrer, der die richtige Lösung für eine Matheaufgabe erhalten hatte. "Ein Streik in dieser Hinsicht ist schon lange überfällig. Und deswegen würde ich gerne..." Er wandte sich nun wieder an Davey. "... in der Sun über euren Streik berichten."

"Moment!", entfuhr es Elisabeth erschrocken als ihr sieden heiß einfiel, dass jemand fehlte und ihr Herz sackte nach unten. "Wo steckt überhaupt Les?"

"Les geht es gut, Beth. Er und Jack stellen gerade in diesem Moment unsere Forderungen an Pulitzer.", beruhigte er seine große Schwester und sie atmete erleichtert auf.

"Glaubt ihr wirklich, dass sich der alte Pulitzer eure Forderungen anhört?", griff Denton das Thema wieder auf.

"Nun, dass muss er.", erwiderte Davey voller Überzeugung als die Türen hinter ihnen plötzlich mit einem Rumpeln aufgingen und Jack fluchend auf die Straße hinaus gestolpert kam. Ihren kleinen Bruder Les dabei im Schlepptau.

"Du kannst mich mal!", rief Jack dem Mann zu, der die beiden im hohen Bogen vor die Tür gesetzt hatte. "Und bestell Pulitzer...", fuhr er fort, nachdem er das Gleichgewicht wieder erlangt hatte."... er braucht bald ein Termin bei mir!"

"Ja.", fiel Les zustimmend mit ein, ehe ihm die Türen vor der Nase zufielen.

"Jack...", riss Davey - nach dem er sich vom Schock erholt hatte - das Wort an sich. "... was ist passiert?"

Jack zog seine Weste glatt und strich sich sein Haar, dass ihm ins Gesicht gefallen war, zurück. "Nun, die...", setzte er an und brach - seinerseits überrascht als er Denton und Elisabeth erblickte - mitten im Satz ab. Schließlich nickte er der jungen Frau zu - die es mit einem Lächeln quittierte -, ehe er den jungen Mann genauer und argwöhnisch in Augenschein nahm. "Wer ist denn das?"

"Bryan Denton.", kam Davey dem Reporter zuvor. "Er ist Reporter bei der Sun und würde gern einen Artikel über unseren Streik veröffentlichen. Was unserer Sache ziemlich zuträglich wäre, Jack."

"Was haltet ihr davon, wenn wir rüber ins Restaurant gehen und dort alles über den Streik besprechen? Ich lade euch ein.", schlug Denton vor.

Elisabeth war von dem Vorschlag so gar nicht angetan. Mr Denton mochte einen netten Eindruck machen, aber das konnte auch nur Tarnung sein. Obwohl es ihr schwerfiel zu glauben, dass dieser Mann überhaupt irgendeinen bösen Hintergedanken hegte.

Jack, der Denton noch immer argwöhnisch ansah, schien einen Moment darüber nachzudenken, ehe er zustimmend erwiderte: "Klar, wieso nicht." Und steuerte schon auf das Restaurant an der Ecke zu. Womit auch bei Elisabeth die Entscheidung gefallen war. Jack war ein vorsichtiger Bursche und wenn er dazu bereit war diesem Reporter eine Chance zugeben, dann konnte sie das ein Stück weit auch.

"Einen Augenblick!", meldete sich Elisabeth zu Wort und packte ihren jüngsten Bruder Les an der Schulter, während Davey, Jack und sogar Denton innehielten und sich alle drei mit einem fragenden Blick zu ihr umdrehten. "Du nicht, Les. Wir gehen nach Hause, junger Mann."

"Was!? Das ist aber unfair.", protestierte Les sogleich und blickte enttäuscht zu seiner Schwester auf.

"Keine Widerrede! Das können die großen Jungs auch ganz gut ohne dich regeln. Außerdem, bist du noch viel zu jung dafür."

"Genau genommen, Miss Jacobs, betrifft es ihn genauso sehr wie auch den Rest der Jungs. Mal abgesehen davon, dass einige der Jungs sogar jünger sind als er.", mischte Denton sich abermals unaufgefordert ein.

Sie bedachte ihn mit einem missbilligenden Blick wegen seiner Hartnäckigkeit. Ihren Blick konterte er seinerseits mit einem herausfordernden Lächeln.

"Ich würde mich darüber hinaus sehr freuen, wenn Sie uns Gesellschaft leisten würden, Miss Jacobs.", fügte er hinzu als sie noch immer keine Anstalten dazu machte seine Einladung anzunehmen.

Sie konnte nicht anders, als über diese Hartnäckigkeit - die ihr aber eher sympathisch war als auf die Nerven ging - amüsiert den Kopf zu schütteln. "Das ist sehr nett von Ihnen, Mr Denton. Aber ich habe weder etwas mit dem Streik zutun, noch kenne ich mich damit aus. Des Weiteren, hat eine Frau bei solcherlei Dingen noch weniger verloren als kleine Jungs."

Jetzt war es an ihm fassungslos den Kopf zu schütteln. "Und genau aus diesem Grund sollten Sie erst Recht mitkommen. Es ist vollkommener Unsinn, wenn behauptet wird, dass einer Frau solcherlei Dinge nichts angingen oder dass sie davon nichts verstehen würden. Die Meinung einer Frau ist genauso wichtig und von Wert wie die eines Mannes. Immerhin sind es Ihre Brüder, die um ihre Rechte kämpfen, damit sie sich von ihrer Arbeit wenigstens ein bisschen was leisten können. Wie können Sie dann da behaupten, dass es Sie nichts anginge, Miss Jacobs?"

Er hatte einen Nerv getroffen. Denn sie schluckte schuldbewusst den Kloß hinunter, der sich bei seinen Worten gebildet hatte, da sie sich mit einem Mal wie ein schlechter Mensch fühlte, der nur an sich dachte. Und dabei tat sie doch alles in ihrer Macht stehende, um für ihre Geschwister da zu sein und stellte ihre eigenen Bedürfnisse seit Jahren hinten an.

"Mir gefällt der Kerl.", sagte Davey mehr zu Jack als an die allgemeinen Anwesenden. Und zog prompt den Kopf ein als seine Schwester ihn mit einem vernichtenden Blick bedachte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt, dass ihr Bruder für den Reporter statt für sie Partei ergriff.

"Danke David. Es freut mich zu hören, dass ich wenigstens einem von euch sympathisch bin.", sagte Denton und zwinkerte ihm lächelnd zu. "Ich beiße auch nicht. Versprochen, Miss Jacobs.", versicherte Denton als er sich der jungen Dame wieder zugewandt hatte und sah sie erwartungsvoll an.

Sie dachte darüber nach und während sie das tat, sag sie zunächst Davey und dann Jack fragend an, die zustimmend nickten. Sie mochte Denton nicht recht über den Weg trauen, doch die beiden Jungs schienen es zu tun. Und wenn sie ihnen beiden nicht vertraute, wem vertraute sie dann überhaupt noch?

"Da bin ich mir noch nicht ganz so sicher, Mr Denton.", erwiderte sie und ging erhobenen Hauptes - Les dabei an der Hand haltend - an ihm vorbei. "Was ist denn nun?", rief sie über ihre Schulter hinweg als Davey, Jack und Denton ihr nicht folgten. "Laden Sie uns nun ein, oder nicht?"

"Ist deine Schwester immer so?", wandte sich Denton an Davey, während er ihr mit einem überraschten Blick hinterher sah.

"Nur wenn es um Reporter geht.", erwiderte Davey grinsend und setzte sich in Bewegung, um zu seiner Schwester noch rechtzeitig aufschließen zu können.

"Gut zu wissen.", entgegnete Denton. "Gut zu wissen."
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