Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Abenteuer / SOLUM

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SOLUM

von SoraAmaya
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
03.09.2020
04.05.2021
53
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04.05.2021 1.873
 
Solum

Kapitel 53
Sorgen und Trauer – irgendwie vermischt

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Blechern klingeln die vereinzelten Regentropfen auf dem Metalldach der Werkstatt. Obwohl es regnet, ist es nicht kalt. Deshalb sind auch beide Tore des Gebäudes weit geöffnet, um die Drinnen angestaute Luft herauszulüften. Drinnen liegt Lyris mit dem Rücken auf einer fahrbaren Platte und verschwindet gerade unter dem Regan, der mit Hilfe einer Hebebühne in der Luft schwebt.

An der langen Wand neben ihm stapeln sich neben etlichen Regalen mit Einzelteilen auch alte Reifen übereinander. Zwischen das überschaubare Chaos hat Lyris das alte Sofa seiner Eltern gequetscht, das er vor Jahren seinem Vater abgeschwatzt hat.

Auf dem sitzt im Moment seine Freundin in einer zu großen Sweatjacke von ihm. Seit Minuten fixiert sie das Smartphone vor ihr auf der umgedrehten Holzkiste, die als Tisch fungiert, und versucht mit Gedankenkraft, es zum klingeln zu bewegen.

Wenn du nicht in den nächsten drei Minuten klingelst oder sonst einen Ton von dir gibst, gehe ich die Wand hoch?

„Ach komm, er wird sich schon wieder melden“, meint Lyris und lässt sich neben sie auf die abgewetzte Couch fallen. Robyn wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Du hast leicht reden! Caelan hat sich gestern Abend das letzte Mal gemeldet“, widerspricht sie, „Und er hat uns am Sonntag versprochen, dass er sich jeden Tag bei dir oder bei mir meldet. Bei dir hat er sich heute noch nicht angerufen, oder?“

Schmunzelnd schüttelt der Schwarzhaarige den Kopf und fährt sich durch die zerstrubbelte Frisur.

„Nein, hat er noch nicht, aber du sollst dir nicht so viele Sorgen machen“, meint er, „Vielleicht ist er im Fitnessstudio oder er ist ganz einfach eingeschlafen.“

Kaum hat er seinen Satz beendet, beginnt Robyns Handy eine fröhliche Melodie zu spielen und wandert durch die Vibration einige Millimeter über den Tisch.

Das ist er! Das muss er sein!

Blitzschnell greift die Besitzerin danach und hat es dann auch schon am Ohr.

„Ja?“, meldet sie sich atemlos, „Caelan?“

„Hast du neben dem Handy gecampt oder warum hab ich dich innerhalb einer Sekunde an der Strippe?“, wundert sich der.

Erleichtert stößt Robyn die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hat.

Dem Himmel sei dank!

Lyris wirft ihr einen wissenden Blick zu und widmet sich wieder seinem Wagen.

„Na? Wie geht’s dir?“

„Das frägst du mich jeden Tag“, lacht Caelan trocken, „Genauso wie gestern, aber seit heute Morgen kann ich wenigstens wieder etwas tun und das bremst mein Gedankenkarussell wenigstens etwas.“

„Und das wäre: Genau?“, will Robyn wissen.

„In der Früh war der Termin mit dem Beerdigungsinstitut.“

„Oh… Ähm, wenn du bei irgendwas Unterstützung brauchst...“

Robyn bricht ab, weil sie nicht weiß, wie sie den Satz zu Ende bringen soll.

Warum muss das alles so kompliziert sein? Ich will ihm doch nur helfen.

„Danke dafür“, lächelt Caelan, „Ich weiß nicht, aber könntest du morgen vielleicht mit zum nächsten Termin? Es geht um – den Sarg aussuchen und so…“

Robyn verspricht sofort: „Klar, kein Problem! Ich bin froh, wenn ich dir irgendwie unter die Arme greifen kann.“

„Danke dir.“

Ein Schmunzeln huscht über ihre Lippen.

„Jetzt hör auf, dich ständig für etwas selbstverständliches zu bedanken“, sagt sie, „Ich bin wirklich froh, dich unterstützen zu können. Wo und wann soll ich morgen sein?“



Der Fernseher erleuchtet das Zimmer mit buntem Flackerlicht und wirft ein unruhiges Spiel aus Licht und Schatten auf Lyrisˋ Gesicht. Das Rauschen, das bisher zum Teil den die Fernsehshow übertönte, stoppt und wenig später kommt Robyn aus dem kleinen Bad. Sie setzt sich im Schneidersitz neben ihren Freund und rubbelt sich die blonden Haare trocken.

„Soll ich dich morgen bei dem Termin mit Caelan absetzten? Ich muss mit Fosco ein paar Sachen für die Werkstatt besorgen“, frägt Lyris.

Nachdenklich hält Robyn in ihrem Tun inne.

„Ja, warum nicht“, meint sie dann, „Ich weiß zwar nicht, wie lange das dauern wird, aber ich ruf dich dann an.“

Zustimmend nickt der Schwarzhaarige. Einige Minuten verbringen sie schweigend vor dem Fernseher, dessen Geschehen jedoch keiner von beiden recht folgen kann.

„Glaubst du Caelan?“, will Lyris plötzlich wissen.

Erstaunt blickt Robyn zu ihm, begegnet aber nur einem fragenden Blick aus eisblauen Augen. Unentschlossen zuckt sie mit den Schulter.

„Es ist immer schwierig zu sagen, ob jemand gerade die Wahrheit sagt oder nicht. Besonders, wenn man frägt, wie es der Person grade geht“, murmelt die Blonde.

Sie dreht sich mit einem Schwung auf dem kleinen Sofa und legt sich mit dem Kopf auf seinen Oberschenkel. Keine Sekunde später spürt sie ein paar Finger in ihren noch feuchten Haaren, die langsam ihre Kopfhaut massieren.

„Es hilft Caelan auf jeden Fall, dass er mit uns jemanden zum Reden hat“, stellt sie Robyn fest, „So ganz alleine ist die Situation wahrscheinlich viel schwieriger zu bewältigen, als mit Unterstützung.“

„Es hört sich jetzt blöd an, aber vielleicht hat die Sache auch etwas Gutes für Caelan“, überlegt Lyris leise und streicht weiterhin durch ihre Haare, „Er ist jetzt frei von jedem Druck, den Aurell zuvor immer auf ihn ausgeübt hat. Er hat neue Möglichkeiten.“

„In gewisser Weise stimmt schon, was du sagst. Ich hab Cael in seinem Büroumfeld kennengelernt,  aber wirklich er selbst war er erst, als wir außerhalb dieser Blase von Novel City waren.“

Mit einem unterdrückten Gähnen fährt sich Lyris durch die schwarzen Haare, bevor er antwortet: „Ich bin so froh, dass die Gefahr vorüber ist. Endlich ist meine Familie und vor allem du wieder in Sicherheit. Ohne dass ich jede Sekunde auf der Hut bin, damit niemandem von euch etwas passiert.“

Robyn presst die Lippen zu einem dünnen strich zusammen, doch dann lächelt sie leicht.

„Aurell ist zwar tot, aber er war die ganze Zeit auf der Suche nach Rache für den Tod seiner großen Liebe“, sagt sie, „Vielleicht hat er dort, wo er jetzt ist, endlich seinen Frieden gefunden.“

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Am nächsten Tag hat sich das regnerische Wetter einigermaßen verzogen und Robyn kam trockenen Fußes zum verabredeten Treffpunkt mit Caelan.

Der Angestellte des Beerdigungsinstituts war diskret und höflich, genau wie es sein Beruf erfordert. Schneeweiße Lilien standen in einer großen Vase zwischen einem Dutzend Särge in den verschiedensten Holzarten und Ausführungen.

Bis auf wenige zustimmende oder ablehnende Worte sprach Caelan nicht viel die ganze Zeit über. Hauptsächlich beantwortet Robyn die Fragen des Mitarbeiters, die sie offensichtlich für die Freundin des Hunters hält. Sie berichtigt seine unausgesprochene Annahme nicht, da es so einfacher ist und ihnen verwunderte Blicke erspart.

Nach fast drei Stunden verlassen Caelan und die Blonde das Institut wieder und beide fühlen sich, als hätten sie einen Marathon hinter sich. Caelan verabschiedet genauso wortkarg, wie er schon die ganze Zeit war, doch Robyn nimmt es ihm nicht übel.

Als ob ich ihn nicht verstehen kann…

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Zwei Tage später sind es Connie und Lex, die mit bedrückten Mienen durch die Tür des gleichen Bestattungsunternehmens treten und ebenso taktvoll von einer Mitarbeiterin begrüßt werden.

Die beide haben am Tag zuvor einen Umschlag zugestellt bekommen, in dem stand, dass die Vierte Legion für alle Kosten der Bestattung und der Grabpflege aufkommen würde. Der kurze Brief war von einer Sekretärin im Auftrag unterschrieben worden und sie wissen nicht, dass Caelan das mit einem kurzen Anruf veranlasst hat.

Die beiliegende Visitenkarte hat das Paar nun hierhergeführt.

Wieder dauert es mehr als drei Stunden, bis sie die Räumlichkeiten wieder verlassen. Lex setzt sich hinter das Lenkrad seines dunkelroten Pick-Ups und sie fahren nach Hause.

Kaum hat sich die Haustüre hinter den beide geschlossen, rollen die ersten Tränen über Connies Gesicht.

Wortlos zieht Lex sie an sich und hält sie fest.

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Es wirkt wie eine Ironie des Himmels, dass am Tag von Sids Beerdigung die Sonne zwischen den weiß aufgebauschten Wolken hervorblitzte und die Illusion eines wunderschönen Sommertages heraufbeschwor.

Ein lauer Wind streicht durch die Baumkronen auf dem Friedhof in Humble Town und spielt auch mit dem Saum von Robyns schwarzem Kleid. Sie steht neben Lyris und schmuggelt ihre Hand in seine, als die Sids Urne vorbeigetragen wird. Zu der kleinen Gruppe gehörten außer ihnen noch Lex und Connie, die Levi auf dem Arm hat, sowie Fosco.

Zuvor ist in der Kapelle hinter ihnen von einem Trauerredner eine kurze Ansprache über Sid gehalten wurden, die mit ihren Worten nicht im geringsten ausdrücken konnte, was für ein Mensch Sid gewesen ist.

Ich hab ihn nicht lange gekannt, aber ich kann verstehen, wenn Lyris sagt, er war ein besonderer Mensch.

Aus einem Lautsprechersetzt nun eine Jazzstück ein und die Urne wird langsam in die kalte Erde hinabgelassen. Robyn sieht hinüber zu Connie. Sie hat zwar Tränen in den Augen, aber es liegt ein Lächeln auf ihren Lippen.

Während der Friedhofsmitarbeiter die Schaufel packt, lässt Robyn ihren Blick über die nähere Umgebung schweifen. Eine Bewegung hinter einem Baum erregt ihre Aufmerksamkeit.

Die Person, die sich hinter dem Stamm verbirgt, kann sie nicht sehen. Aber sie weiß genau, wem die dunkelblonden Haare gehören, die hervorschauen.

Caelan ist also doch gekommen… Ich hatte das Gefühl, dass er sich irgendwie verantwortlich fühlt, weil er Aurell nicht vorher stoppen konnte.

Als die letzte Schaufel Erde die Urne bedeckt, legt Lex einen Strauß aus bunten Wiesenblumen, wie sie um Humble Town herum wachsen, darauf nieder.

„Warum Wiesenblumen?“, frägt Robyn ihn, als sie später bei Lyris‘ Eltern auf der Veranda sitzen.

„Connie hat mich drum gebeten“, antwortet der Blonde, „In ihrer Kindheit stand im Sommer immer ein Strauß aus Wiesenblumen auf dem Küchentisch, die ihre Mutter pflückte. Später hat Connie Sid dann immer Wiesenblumen gebracht, als Erinnerung an ihre Mutter. Und genau so einen Strauß wollte sie ihm mit auf den Weg geben.“

Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Ich hoffe, dass die Erinnerungen an ihren Vater für Connie bald nicht mehr so schmerzhaft sind, sondern ihr ein Lächeln schenken.

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Am späten Abend sitzen Lyris und Robyn noch immer auf der Veranda und beobachten die Sonne, wie sie glutrot hinter der Skyline von Novel City versinkt.

„Wie fandest du Sids Beerdigung?“, will Robyn von dem Schwarzhaarigen wissen, der ihr gegenüber sitzt.

Abwartend nimmt sie einen großen Schluck von ihrem Tee und winkelt die Beine auf der Bank an.

„Sie war schön. Ich glaube, Sid hätte es genau so gewollt“, sagt er nach kurzem Überlegen.

„Kann ich mir gut vorstellen“, schmunzelt sie, „Weißt du wen ich heute auf dem Friedhof gesehen habe?“

Neugierig schüttelt Lyris den Kopf.

„Caelan! Er hat hinter einem Baum die Beerdigung verfolgt.“

Überrascht runzelt ihr Freund die Stirn und meint: „Ich hab ihn nicht gesehen, aber das hat er ja bezwecken wollen. Wundert mich nicht, dass er sich im Hintergrund gehalten hat.“

„Er wollte Connie und Lex nicht vor den Kopf stoßen, indem er einfach auftaucht und sich dazustellt“, stimmt Robyn ihm zu, „Caelan hat ja auch die gesamten Kosten der Beerdigung und des Grabsteins übernommen. Ich glaube, er hat wirklich ein schlechtes Gewissen.“

„Aber er kann nichts dafür, dass Aurell so auf seine Rache fixiert war, dass ihm alles andere egal war“, seufzt Lyris, „Das wird Caelan irgendwann hoffentlich merken.“

Energisch stellt er seine Teetasse auf den Verandatisch und dreht sich zu Robyn.

„Aber jetzt ist Schluss mit dem Grübeln und Trübsal“, grinst er, „Wir gehen jetzt rauf und du suchst dir eine DVD aus meiner Sammlung aus, dir wir anschauen, okay?“

Sofort beginnen ihre Augen zu funkeln und sie lacht.

„Hast du noch Mikrowellen-Popcorn?“

„Ich glaube schon… Dann gibt’s Popcorn dazu!“

„Yippie!“
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