Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Abenteuer / SOLUM

 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

SOLUM

von SoraAmaya
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Het
03.09.2020
16.05.2021
55
100.112
2
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
30.04.2021 1.473
 
Solum

Kapitel 52
Scherben am Boden

----------


Einer der beiden Polizisten sitzt ihm gegenüber am Esstisch und hat eine Tasse Kaffee vor sich, der andere steht hinter seinem Kollegen.

Als müsste er Wache halten, schießt Caelan durch den Kopf.

Noch immer misstrauisch beobachtet er die beiden Männer, wie sie nervöse Blicke tauschen. Schließlich wird es dem Blonden zu blöd und er stellt seine Tasse mit einem Knall ab, der die Stille zerreißt.

„Okay, was ist los?“, will Caelan wissen.

Er verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich abwartend zurück.

„Sie tauchen hier am Sonntagmorgen vor meiner Wohnung auf und ich weiß noch immer nicht, warum.“

Bedächtig faltet der jüngere der beiden Polizisten, der sich vorhin als Mr Brownes vorgestellt hat, die Hände. Caelan fühlt sich mehr und mehr in einen schlechten Kriminalfilm versetzt, umso länger er hier sitzt.

„Mr Eterna, wir müssen Ihnen mitteilen, dass heute Morgen vor einem Wohngebäude hier in der Stadt ein verstorbener Mann gefunden wurde“, sagt Mr Brownes, doch er unterbricht sich an der entscheidenden Stelle.

Langsam macht das Verhalten des Polizisten Caelan wütend. Ungeduldig lehnt er sich vor und verengt die Augen.

„Okay, und wie kann ich ihnen da weiterhelfen?“, will er mit hochgezogener Augenbraue wissen.

Mr Brownes fühlt sich in der momentanen Situation sichtlich unwohl, abermals tauscht er einen hilfesuchenden Blick mit seinem Kollegen, der ihm knapp zunickt.

„Bei dem Toten handelt es sich leider um Ihren Vater, Aurell Eterna.“

Eine Schockwelle jagt innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde eiskalt durch Caelans Körper. Als würde sich der Raum um ihn plötzlich auf ein Minimum zusammenziehen und ihm die Luft zum Atmen nehmen.

Bisher hat Caelan immer geglaubt, die Erzählungen von anderen Menschen, ein einziger Satz oder Augenblick hätte alles zusammenbrechen lassen, für reine Spinnerei gehalten.

Doch jetzt kommt es ihm vor, als würde der Erdboden unter ihm wegbröckeln wie eine brüchige Klippe und gleichzeitig der Himmel in sich zusammenstürzen. Zurück bleibt nur eine kalte, laute Leere.

----------


Caelan weiß nicht mehr genau, wann oder wie die beiden Polizisten wieder aus seiner Wohnung verschwunden sind. Es kann eine halbe Stunde gedauert haben oder zwei, er kann es wirklich nicht sagen. Auf dem Esstisch liegen noch eine Kopie des Polizeiberichts und zwei Visitenkarten – die eine von einem Krisenberater und die andere von einer Psychologin.

„Das ist eine außergewöhnliche Situation, in der Sie sich jetzt befinden, Mr Eterna. Wenn Sie mit jemandem über alles sprechen wollen, ist das vielleicht eine gute Anlaufstelle“, hat Mr Brownes gesagt und ihm die beiden Kärtchen mit einem bedachten Blick über den Tisch geschoben.

Scheiß auf deinen Psychologen! Als ob der was dranändern kann.

Wütend landen die Karten auf dem Boden und auch der Bericht verteilt sich in einzelnen Blättern im Raum.

Verdammte Scheiße!

Ein Zittern geht durch Caelans Körper und er stützt die Arme auf der Tischplatte ab. Seine Augen brennen, sein Kopf dröhnt und sein Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. Erst als er mit wässrig-verschwommenem Blick die kleinen Tropfen auf der Oberfläche des Tisches wahrnimmt, wird ihm bewusst, dass Tränen seine Wangen hinabrollen. Nur einen Herzschlag später kracht die leere Kaffeetasse gegen die Wand. Dutzende größere und kleinere Scherben klirren auf den Boden.

Caelan lässt sich mit einem Mal kraftlos gegen die Wand hinter ihm fallen und rutscht langsam daran hinunter, wo er den Kopf zwischen seinen Armen und Beinen vergräbt.

Vielleicht kann er so allem entfliehen. Ein stummes Schluchzen schüttelt seinen Körper.

Warum?! Warum machst du das?

Das nächste Schluchzen ist nicht mehr stumm.

----------


Scheiße, Caelan geht einfach nicht an sein Handy…

Frustriert legt Robyn auf und steckt ihr Smartphone wieder in die Jackentasche. Lyris sieht die fragend an, doch sie kann nur den Kopf schütteln.

„Ich hab ich wieder nicht erreicht“, seufzt sie und lässt sich neben ihm auf die Couch fallen.

„Langsam mache ich mir echt Sorgen. Wir haben es jetzt das achte Mal auf seinem Handy versucht, aber er war nie da – oder wollte nicht rangehen.“

Beruhigend streicht Lyris ihr durch die blonden Haare und Robyn lässt ihren Kopf auf seine Schulter fallen.

„Ich versteh dich, mir geht´s genauso“, gibt er zu, „Caelan sollte in dieser Situation nicht alleine sein.“

Das sollte niemand. Aber mich hat die Nachricht von Aurells Tod wirklich überrascht, damit hat niemand von uns gerechnet. Klar, wir hatten bei der Nachricht aus dem Radio ein komisches Gefühl, als wäre irgendwas schlimmes passiert, aber damit kann man einfach nicht rechnen. Umso heftiger muss die Nachricht auch Caelan getroffen haben, wir haben gestern ja noch zusammen mit Aurell gesprochen.

Obwohl Lyris alles versucht, um Robyn zu beruhigen, wandern ihre Hände weiterhin unruhig über den rauen Stoff ihrer dunkelblauen Jeans. Der Schwarzhaarige wirft einen langen Seitenblick auf seine Freundin und fasst einen Entschluss.

„Wir fahren jetzt zu Caelan“, erklärt er und zieht sie auf die Beine, „Du machst dir Sorgen und ich auch, also schauen wir nach.“

Ein zaghaftes Lächeln zupft an  Robyns Lippen. Sie nickt und folgt Lyris.

Ich bin froh, dass du in dieser Situation da bist und das machst, wozu ich gerade zu viel Angst habe. Was ist, wenn es wirklich Aurell ist?!

----------


Mit dem Navigationsprogramm lotst Robyn sie durch den Verkehr von Novel City zu Caelans Wohnung. Über ihre Zusammenarbeit bei den Werbeaufnahmen für die Vierte Legion hat sie von ihm mal die Adresse bekommen.

„Falls mal was ist“, hat Caelan damals gesagt.

Jetzt kriegt sie bei dem Gedanken an diesen Moment nur ein trauriges Mundwinkelzucken zustande.

Wenn ich da schon gewusst hätte, für was ich die Adresse mal brauche… Ich hasse das.

Schief stellt Lyris den Regan in einer freien Parklücke ab und beide lassen die Türen achtlos hinter sich zufallen. Fragend hebt der Hunter eine Augenbraue, als sie im Gebäude vor dem Aufzug stehen. Ohne viel zu sagen drückt Robyn auf die Taste für das richtige Stockwerk und lehnt sich an die metallene Wand des Aufzugs.

Angespannt huscht ihr Blick zu Lyris hinüber, dessen Schultern eine angespannte Linie ergeben. Das helle „Pling“ ertönt, die Schiebetüre öffnet sich zischend und sie treten auf den hell erleuchteten Gang. Zögernd blickt Robyn nach links und rechts, um schließlich in die linke Hälfte des Ganges zu gehen.

„Es muss die Wohnung am Ende sein, nach den Nummern der anderen Apartments“, meint sie und bleibt dann unschlüssig vor besagter Türe stehen.

Lyris nimmt ihr die Entscheidung – klingeln oder doch nicht – ab und betätigt den kleinen Knopf unter dem Namensschild. „Caelan Eterna“ steht in schmalen Lettern auf dem weißen Untergrund, der von mattem Plastik vor dem Vergilben geschützt wird.

Um sich von ihren eigenen, dunklen Gedanken abzulenken, unterzieht Robyn das Klingelschild einer eingehenden Betrachtung. Diese endet aber abrupt, als die Türe einen Spalt breit geöffnet wird und einen schmalen Blick auf Caelan freigibt, der dahinter steht. Ein winziger Funke Überraschung glimmt durch seine Augen, doch erlöscht sofort wieder.

„Ihr?“

Man kann nicht genau sagen, ob es eine Feststellung oder eine Frage war, dazu war seine Stimme viel zu leise.

„Caelan, wir…“, beginnt Robyn, wird jedoch von einer Handbewegung von ihm unterbrochen.

„Kommt rein…“

Der Dunkelblonde öffnet die Türe nun ganz und geht einfach zurück in die Küche. Besorgt tauscht Robyn einen Blick mit Lyris, während sie ihm folgen. Caelan sitzt mit angezogenen Beinen auf der Couch und starrt auf den bunt flimmernden Bildschirm des Fernsehers, der stumm geschaltet ist.

„Passt auf, da liegen Scherben am Boden“, warnt er sie mit ausdrucksloser Miene vor der zersprungenen Tasse auf dem Küchenboden.

Mit gerunzelter Stirn steigt Robyn darüber hinweg und setzt sich ihm schräg gegenüber auf die Armlehne der großen Couch. Lyris beobachtet sie eine Weile, wie sie neben dem Dunkelblonden sitzt und ihm eine Hand auf die Schulter legt, die Caelan jedoch gar nicht zu bemerken scheint.

Sieht so aus, als könnte ich gerade nicht viel machen… Außer Tee.

Mit geübten Handgriffen brüht er eine Kanne schwarzen Tee auf, gibt Zucker und einen Schuss Milch hinzu. Als er einige Minuten später wieder das Wohnzimmer betritt, gibt er Robyn die Tasse in die Hand, während er die für Caelan auf dem Couchtisch vor ihm abstellt.

Die Bewegung scheint den Hunter aus einer Art Trance zu holen, denn ein Ruck geht durch ihn und er greift nach der Tasse, nur um dann die Hand tatenlos wieder sinken zu lassen. Caelan legt seine andere Hand auf Robyns, die noch immer auf seiner Schulter verweilt, und drückt sie kurz. Die wahrscheinlich einzige Geste, zu der er gerade im Stande ist, um seine Dankbarkeit auszudrücken.

„Ihr habt wahrscheinlich irgendwas im Fernsehen oder Radio gehört und wollt jetzt nach mir sehen“, folgert Caelan. Stumm und für ihn nicht sichtbar nickt Robyn.

Er nimmt einen tiefen Atemzug, bevor er weiterspricht: „Was ihr euch zusammengereimt hat, stimmt...“

Eine einsame Träne überwindet die mühsam aufgebaute Mauer und rollt über seine Wange.

„Aurell ist…“

Ein unkontrolliertes Schluchzen bricht aus ihm heraus, schüttelt seinen Körper, zittrige Finger krallen sich in die dunkelblonden Haare und er krümmt sich zusammen.

„…tot.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast