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Moral

von Myera
OneshotFreundschaft / P12 / Gen
Abby Anderson Lev
03.09.2020
03.09.2020
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1.797
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Moral




Sie verließen das Theater, und Lev wusste nicht, ob er Abby noch mochte.

Sie stapfte an ihm vorbei in den strömenden Regen, die Schultern aufrecht und ein grimmiges Gesicht aufgesetzt. Das ließ sie älter wirken. Irgendwie besiegt, auch wenn sie es war, die gewonnen hatte.

„Wir sollten verschwinden“, sagte sie, ohne ihn anzusehen, aber Lev wusste, er konnte keinen Schritt mehr gehen, ohne sie zu fragen.

„Hast du das ernst gemeint?“, fragte er.

Abby hielt inne. Sie standen vor dem Theater, die Tür hinter sich noch halb offen, und Lev sah, dass sie Angst hatte. Ihr Blick flackerte zu dem Eingang. „Muss das ausgerechnet jetzt sein? Sie könnten uns jederzeit hinterher kommen.“

Abby machte Anstalten zu gehen, aber Lev bewegte sich keinen Zentimeter. Er wusste nicht, warum das jetzt so wichtig war; warum er nicht mit ihr gehen wollte. Vielleicht, weil er gedacht hatte, dass Abby ein guter Mensch war. Und auch wenn sie am Schluss aufgehört hatte, hatte sie für einen Moment so ausgesehen, als wolle sie das Mädchen töten, das schwanger war. Etwas, das aus Levs Sicht unverzeihlich war. Denn das Mädchen hatte nur ihre Freundin beschützen wollen und war bereits außer Gefecht gesetzt gewesen. Das, was Abby vorgehabt hatte, war einzig und allein dem Zweck geschuldet gewesen, Ellie wehzutun.

„Lev, verdammt noch mal“, fluchte Abby. „Hier können jederzeit Infizierte oder andere auftauchen!“ Lev hörte, was sie nicht sagte: Wolfs oder Scars. Sie hatte schon eine Weile aufgehört, sie Scars in seiner Gegenwart zu nennen, aber er wusste, dass sie sie immer noch nicht mochte. Und natürlich wäre es ungünstig, von ihnen erwischt zu werden: Abby war genauso wie er in Ungnade gefallen. Sie hatten beide Gruppen zum Feind. Und natürlich hätten sie die Beine in die Hand nehmen und die Stadt verlassen sollen, denn jetzt gab es für sie beide nichts mehr hier, was sie hielt.

Lev verspürte einen Stich, als er an Yara dachte.

„Dann lass uns in dem Laden da drüben reden“, sagte er mit blitzenden Augen. Er würde Abby nicht davonkommen lassen.

Abby sah ihn mit einem leidenden Gesichtsausdruck an, ergab sich dann aber ihrem Schicksal und stapfte durch den Regen. Sie sah abgehärmt aus, und müde, bemerkte Lev, aber das war nicht verwunderlich. Es war ein langer Tag gewesen.

Er folgte ihr vorsichtig, sah sich um und sie stiegen durch das Fenster. Eine Treppe führte nach oben. Sie kletterten über ein paar Möbel, die als Barrikade aufgetürmt worden waren. Dann stiegen sie weiter nach oben, bis sie zu einer Art Büroraum kamen. Abby untersuchte den Raum und gab dann Entwarnung. „Alles sauber.“

Sie drehte sich zu Lev. „Also, was willst du?“ Ihre Stimme klang bissig.

„Hast du es ernst gemeint, als du vorhattest, das schwangere Mädchen zu ermorden?“, wiederholte Lev seine Frage sehr ruhig, auch wenn gegen Ende seine Stimme anfing zu zittern. Von ihrer Antwort hing ab, ob er von jetzt allein unterwegs sein würde oder nicht. Ob er ihr weiter vertrauen konnte.

Abby starrte ihn an. Ihre Augen wirkten sehr dunkel in dem schummrigen Licht. „Vielleicht“, sagte sie emotionslos. „Was spielt es für eine Rolle?“

Lev schwieg.

Abby verlagerte ihr Gewicht. Sie wirkte, als wolle sie alles, nur nicht darüber sprechen. Als sie sprach, klang ihre Stimme fast sanft. „Ja, ich hätte sie getötet. Ich bin kein guter Mensch, Lev.“

„Gut genug, um mich zu retten. Gut genug, um Yara zu retten“, widersprach er und fragte sich, warum er es nicht einfach akzeptieren konnte, dass er Abby verlassen musste.

Abby schüttelte den Kopf. „Das wiegt es nicht auf“, sagte sie, als wäre sie diejenige, die sich anklagte. „Das wiegt nicht alles auf.“ Sie lächelte bitter. „Selbst jetzt noch überlege ich, zurück zu gehen und sie beide zu töten. Ich habe Angst, dass sie uns verfolgen, so wie Ellie das getan hat. Du hast keine Ahnung, was ich durch sie verloren habe.“

Lev hatte eine Ahnung davon, natürlich hatte er das, auch wenn er nicht wusste, wie eng Abbys Verhältnis mit den anderen gewesen war. Mit Mel hatte sie sich scheinbar nicht gut verstanden. Also warum hatte sie dann Mels Tod so persönlich genommen?

Abby sah aus dem Fenster. Ein Blitz erhellte die Umgebung und tauchte alles helles Licht. Lev schloss geblendet die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, wie Abby sich verstohlen eine Träne wegwischte. Es wurde ihm ein wenig leichter ums Herz. Es hätte ihn sehr getroffen, wenn er Abby komplett falsch eingeschätzt hätte.

„Dann erklär es mir“, sagte er vorsichtig. Bitte, dachte er, denn wenn du es nicht tust, muss ich gehen und dich zurücklassen. Und ich weiß nicht, ob ich das verkraften würde.
Abby starrte noch immer aus dem Fenster, wie um ihn nicht ansehen zu müssen.

„Es ist meine Schuld“, flüsterte sie schließlich. „Alle sind tot, Lev. Und das nur, weil ich meinen Vater rächen wollte.“ Sie fuhr sich durch die Haare. „Mel wollte nicht einmal wirklich mitmachen. Es war ihr zu brutal. Und Owen? Er hat sich dafür eingesetzt, dass wir das Mädchen am Leben lassen.“ Ihr Kiefer verkrampfte sich. „Es ist alles meine Schuld. Hätte ich nicht…“ Sie brach ab.

Lev hatte noch Abbys Worte im Ohr. „Wir haben euch am Leben gelassen und es war alles umsonst!“

„Und du glaubst, eine andere Schwangere umzubringen macht es besser?“, entgegnete Lev schärfer als beabsichtigt. Aber Schwangere waren heilig. Ein ungeborenes Leben zu nehmen wog so viel schwerer als alles andere. Auch wenn Lev kein Teil der Gemeinschaft mehr war, an die Glaubensgrundsätze würde er sich immer halten. Sie waren das, was ihm Halt gab.  

Abby schluckte. „Ich war so wütend, Lev“, hauchte sie so leise, dass ihre Worte fast in dem Donnergrollen untergingen.

Lev wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Rechtfertigte Wut wirklich eine solche Tat? Er hatte zwar gesehen, wie fertig sie nach Owens Tod gewesen war, aber sie hatte Mel kaum eines Blickes gewürdigt. Ihm war klar, dass sie und Owen etwas füreinander empfunden hatten, aber wie konnte sie behaupten, dass der Tod einer Schwangeren seinen Tod aufwiegen würde? Denn um Mel konnte es ihr nicht gegangen sein, oder? Es machte alles keinen Sinn. Abby hatte keinen Grund, Mel zu rächen, zu glauben, dass das irgendetwas besser machen würde. Vielleicht meinte sie damit, dass Ellie etwas Geliebtes verlieren würde, so wie Abby ihren Geliebten verloren hatte? Und dass die Schwangerschaft ein Ausgleich dafür war, dass Mels Kind wegen Abby gestorben war? Ein Kind, das nichts dafür konnte, was Abby angerichtet, wen sie gegen sich aufgebracht hatte. Mels Kind war wegen Abby gestorben. Ellie mochte die sein, die sie getötet hatte, aber Abby war der Grund dafür. Vielleicht lag es daran. Allerdings änderte das nichts daran, dass es einfach falsch war.

„Es ist nicht richtig“, sagte er deswegen entschieden. „Egal aus welchem Grund.“

Abby sah ihn lange an. „Ich dachte mir, dass du das so sehen würdest. Es tut mir leid.“ Sie klang wieder so sanft. „In dem Moment erschien es mir gerechtfertigt. Sehr sogar. Mir ist klar, dass ich dadurch genau so schlimm wie sie wäre. Aber Tatsache ist auch, dass ich bereits einmal schlimmer war. Ich habe jemanden mit einem Golfschläger zu Tode geprügelt, ohne zu zögern.“ Sie lächelte schmerzlich. „Jetzt weißt du, was ich wirklich für eine Person bin.“

Wusste er das wirklich? Er dachte daran, wie er sie gefragt hatte, ob sie schon mal gefoltert hatte und sie der Frage ausgewichen war. Es war kein gutes Zeichen. Aber dann musste er daran denken, wie sie für Yara in dieses Krankenhaus gegangen war, wie sie für Yara ihre Höhenangst überwunden hatte; wie vorsichtig sie ihm die Maske angelegt hatte in dem verseuchten Hochhaus. Dass sie für ihn in sein Heimatdorf gegangen war. Wie passte das zusammen mit dem, was er erlebt und sie ihm erzählt hatte?

Nur konnte er ihren Gesichtsausdruck nicht vergessen, wie lauernd und eiskalt berechnend sie „Gut!“ gesagt hatte, als Ellie ihr gesagt hatte, dass das Mädchen schwanger war. In diesem Moment hätte Lev ihr alles zugetraut.

Lev haderte mit sich selbst. Er wollte bei Abby bleiben, unbedingt, aber das, was sie getan – oder fast getan hätte – war so nah an der Grenze zur Unmenschlichkeit, die er sonst nur von den Wolfs kannte, dass es schwer hinnehmbar war. Natürlich war Abby eine von ihnen gewesen, aber Lev hatte sich eingebildet, dass sie anders war – weniger verbohrt, weniger brutal.  

Menschlicher.

Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob sie es bereute, mit ihm gegangen zu sein. Sie hatte ihre Gruppe aufgegeben – für ihn. Für Yara. Auch wenn Yara längst tot war, Abby hatte versucht, sie zu retten, und das nicht nur einmal. Vielleicht war das das Problem. Denn nach allem war Abby trotzdem nur ein Mensch. Ein Mensch, der gerade alles verloren hatte, was ihm etwas bedeutet hatte. Konnte er von ihr erwarten, sich immer richtig zu verhalten?

„Ich verstehe dich nicht“, sagte Lev schließlich frustriert und etwas hilflos.

Abby lachte auf. „Da bist du nicht der einzige.“ Sie kam näher und reichte ihm die Hand. „Ich werde versuchen, besser zu werden“, sagte sie, und in ihren Augen lag eine Aufrichtigkeit, die er nicht anzweifeln konnte. Für dich, hörte er zwischen den Zeilen. „Ich werde versuchen, ein besserer Mensch zu sein… Aber du musst Geduld mit mir haben. Mir sagen, wann ich mich falsch verhalte. Kannst du das akzeptieren? Kannst du akzeptieren, dass ich manchmal nicht weiß, was das Richtige ist, weil ich es nie gelernt habe?“

Sie hatte Recht, stellte Lev fest. Er selbst hatte seinen Glauben, der ihn leitete, aber was hatte Abby? Nur eine Handvoll tote Freunde und keine Verbündeten mehr außer ihm. Sie war ganz allein in einer Welt, die langsam zerfiel.

Lev dachte an die Prophetin und wie sie predigte, Sündern eine Chance auf Vergebung zu bieten. Auch das war von den Radikalen ignoriert worden, aber Lev glaubte daran. Es war nicht an ihm, Abby zu verurteilen. Er musste ihr eine Chance geben, so wie sie ihm eine Chance gegeben hatte.

Es war seine Pflicht, sie zu leiten. Abby würde ihn am Leben erhalten und er würde ihre Moral beschützen. Es gab Hoffnung für sie. Sie hatte das Mädchen verschont. Und das zwar vielleicht nur, weil er etwas gesagt hatte, aber das änderte nichts daran, dass sie sie verschont hatte. Taten zählten. Und Abby hatte bewiesen, dass sie sich zurückhalten konnte. Sie hatte bewiesen, dass sie kein Wolf war, der blind mordete. Sie hatte ihn und Yara beschützt, und das, obwohl sie ihre Feinde gewesen waren. Sie war nicht verloren. Sie war fähig, sich zu bessern. Abby war ein guter Mensch.

Er reichte ihr seine Hand. Es hatte etwas seltsam Endgültiges, sie zu schütteln. Als würden sie einen Vertrag besiegeln, der schon lange unausweichlich geworden war. Sie würden füreinander da sein. Jetzt und vielleicht für immer. Ein schönes Gefühl.

Er lächelte.

„Lass uns gehen.“
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