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Das Paradies - DARK Fanfiktion

Kurzbeschreibung
OneshotMystery / P12 / Gen
02.09.2020
02.09.2020
1
838
 
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Das Paradies

Die Dunkelheit war frei von Schmerz und Leid. Alles, was die Bewohner von Adams und Evas Welt getan hatten, war vergessen, und jeder Schmerz, den sie empfunden hatten, ausgelöscht. Übrig blieben nur die schwachen Präsenzen derer, die Teil des Knotens waren; sie hatten in der Originalwelt nie existiert und würden dort auch nie existieren – und dennoch blieb etwas von ihnen zurück, wie leise Erinnerungen. Für die Menschen kam es einer Erlösung gleich, von ihrem irdischen Leben befreit zu sein, das für viele von ihnen aufgrund der Verwirrungen des Knotens von so viel Leid erfüllt war und niemals hätte existieren dürfen.

Noah war bei Elisabeth, als die Welt zu Ende ging. Sie lagen gemeinsam in dem großen Bett in ihrem Haus, das trotz seiner trostlosen Umgebung im postapokalyptischen Winden eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlte. Noah hielt Elisabeth im Arm, eine Hand auf ihrem Bauch, in dem ihr erstes gemeinsames Kind heranwuchs, als sie beide plötzlich ein seltsames Kribbeln verspürten. Es war kein unangenehmes Gefühl, aber anders als alles, was sie jemals zuvor gespürt hatten. Elisabeth drehte sich zu Noah um. Gerade wollte sie die Hände heben, um etwas zu gebärden, als sie sah, dass diese dabei waren, sich in winzige, helle Partikel aufzulösen. Erschrocken sah sie sich im Raum um und bemerkte, dass alles um sie herum das gleiche tat. Langsam, aber stetig verwandelte sich die Welt in ein Farbenspiel aus Licht. Elisabeth und Noah sahen sich an und begriffen es im selben Augenblick. Da Elisabeth ihre Hände nicht mehr zum Kommunizieren verwenden konnte, formte sie die Worte mit den Lippen: „Das Paradies“. Noah nickte, ein Lächeln auf dem Gesicht. Er zog sie an sich zu einem letzten Kuss – und das war auch das letzte, was er fühlte, und das er nun für immer fühlen sollte, die Umarmung seiner Frau und zwischen ihnen ihr ungeborenes Kind. Nach dem Licht kam die Dunkelheit, die allumfassend war, und damit der endgültige Frieden. Es mochte nicht exakt das Paradies sein, das sie sich vorgestellt hatten, doch es war gut.

***

Für Ulrich war das Verschwinden eine Erlösung. In dem Moment, als seine Umgebung – die trostlosen Räumlichkeiten der psychiatrischen Einrichtung Winden, in der er nun schon seit über dreißig Jahren sein Dasein fristete – bagann, sich aufzulösen, wusste er aus irgendeinem Grund sofort, dass dies das Ende der Welt war. Ulrich breitete die Arme aus und gab sich dem Gefühl hin, das ihn durchströmte. Als er die Augen schloss, erfüllte ihn die Gewissheit, dass es nun vorbei war, dass alles, was er getan hatte, keine Rolle mehr spielte und nichts mehr von Bedeutung war. Er konnte all sein Leiden und die Fehler, die er gemacht hatte, nun hinter sich lassen. Und in der endlosen Dunkelheit, die auf das Licht folgte, war ihm, als wäre er wieder mit seiner Familie vereint; als wäre das, wofür er jahrelang vergeblich gekämpft hatte, nun endlich Wirklichkeit geworden.

***

Michael Kahnwald stand am Fenster im Dachgeschoss des Hauses, das er mit seiner Familie bewohnte – mit seiner neuen Familie. Seine andere Familie lebte einige Häuser weiter, nur dass diese nichts davon wusste. In all den Jahren, die vergangen waren, seitdem er als Kind in die 80er Jahre gereist war und nicht zurückkonnte, hatte er sich nicht vollkommen an den Gedanken gewöhnen können; vor Allem jetzt, da sein altes Leben in so greifbarer Nähe schien, und doch unerreichbar war. Als er das erste Schimmern wahrnahm und sah, dass die Welt um ihn herum begann, sich aufzulösen, wusste er nicht, wie ihm geschah. Eine Weile lang sah er fasziniert seiner Umgebung beim Verschwinden zu, bis er an sich selbst herunterblickte und bemerkte, dass auch er sich in helle Partikel verwandelte. Komischerweise verspürte er keine Angst, fast so als wüsste er, dass alles seine Richtigkeit hatte. Anders als die meisten anderen hielt er seine Augen bis zum Schluss geöffnet und nahm den wundersamen Anblick der verschwindenden Welt in sich auf, bis alles dunkel wurde. In der Dunkelheit existierte für ihn kein Michael Kahnwald. Hier konnte er wieder Mikkel sein, ohne alles, was nach seiner Zeitreise geschehen war; übrig blieben nur seine Erinnerungen an eine glückliche Kindheit.

***                                                                                                                                                    

Adam war bereit. Er war bereit für das Ende der Welt, für sein Paradies. Stumm stand er neben Eva, die seine Hand umschlossen hielt, und in diesen letzten Minuten erinnerten sie sich beide wieder daran, wer sie einst gewesen waren – Jonas und Martha, Tante und Neffe, Liebende. Eine Liebe, die in ihren beiden Welten keine Chance gehabt hatte. Und als die Welt um sie herum zu zerfallen begann, bekamen sie endlich den Frieden, für den sie so endlose Jahre lang gekämpft hatten.
 
 
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