Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Scheinspur

Kurzbeschreibung
OneshotAngst / P16 / Gen
02.09.2020
02.09.2020
1
1.733
5
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
02.09.2020 1.733
 
A/N: Hier ist ein Beitrag meinerseits zum Thema „Inspiration durch Bilder“, das die liebe Farringdon ins Leben gerufen hat. Nicht wundern, selbst schöne Umgebungen können absurde Hintergründe haben und auch, wenn ich hierfür wohl etwas weit ausholen, hoffe ich, ihm Rahmen zu bleiben. Hier also Nummer 72!
________________________________________________________________________________________


S C H E I N S P U R


Der Atem hetzt heiß über die Lippen, schnell und ungleichmäßig, weil die Stufen endlos erscheinen und die Angst jede Zelle deines Körpers unangenehm anspannt. Das Poltern des Holzes hinterlässt ein unangenehmes Echo in den Sinnen, verzehrt die Wahrnehmung, die bereits in Bruchstücken holprige Bahnen zieht. Hinter dir dringt ein Scheppern durch die Wände, jemand brüllt, Glas splittert. Es gleich einem Irrenhaus in den ersten Sekunden eines Morgens, an dem die Sonne gerade erst angefangen hat aufzugehen, um den Sand vor dem Haus angenehm zu wärmen.
Die letzte Stufe überspringst du, rutschst mit nackten Füßen auf dem glatten Holzboden ab und verlierst das Gleichgewicht. Mit den Armen rudernd, versucht ein Teil von dir den Stand zu bewahren, der schon lange nicht mehr existiert. Der Fall ist kurz, doch der Schreck über einen Fall von Sekunden lässt dich unbewusst die Luft anhalten, bis der pochende Schmerz elektrisierend durch das Steißbein fährt und den Atem scharf durch die Lungen jagt. Dann bricht Stille ein.
Das dimme Licht im Inneren dieses Ferienhauses vermittelt einen schläfrigen Schein, der in seinen Grundfesten nicht mehr ist, als die Auseinandersetzung hässlicher Konflikte zur falschen Zeit. Deine Schultern beben in Ehrfurcht vor dem, was am oberen Ende der Treppe wartet und obwohl du weißt, dass du gehen musst, so ist der Wunsch nach schlichter Ruhe stärker. Trotzdem kreisen die Gedanken in manischer Furcht, stellen Fragen und Antworten in einem, die nicht mehr als Fakten zurücklassen. Er hat dich gefunden.
Nach all den Jahren hat er dich endlich gefunden.
Weil du nicht geholfen hast, als er starb.

Ein Blick über die Schulter verrät, dass niemand mehr hinter dir lauert, obwohl die Anspannung zum Schneiden dick in der Umgebung liegt und die unangenehmen Sekunden wie Stunden durch das Haus ticken. Es sind Bruchstücke von dem, was dich Nachts verfolgt, Augenblicke, die damals schon viel zu schnell vergangen sind, als er seinen letzten Atemzug nahm.
„Wie süß, denkst du über mich nach?“
Blitzschnell schießt dein Blick zurück nach vorn zum Ausgang, der nur noch wenige Schritte weit entfernt liegt und dennoch unerreichbar bleibt. Im Rahmen lehnt eine Gestalt, deren Existenz man nur noch vage wahrnehmen kann. Sein Gesicht ist zu vernarbt, um die natürlichen Züge klar zu erkennen und die entzündeten Fleischwunden an den Beinen und Armen, konkurrieren unangenehm mit dem dunklen Riss seiner Bauchdecke. Er trägt noch immer dasselbe graue Shirt, dass er am Nachmittag vor zwei Jahren getragen hat und auch die dunkle, ausgewaschene Jeans ist nicht neu. Der metallisch-süße Geruch von Blut hängt bedrängend zwischen euch, genauso wie stickiger Rauch und verbranntes Plastik es tun. Alles davon ist dir bekannt, bleibt erdrückend an den Schultern haften und macht es unmöglich wieder auf die Beine zu kommen. Sie zittern zu sehr, als dass sie sich bewegen lassen würden.
Mehrmals versuchst du deine Gedanken zu sammeln, Worte zu finden, die ihm begreiflich machen, dass du keinen anderen Ausweg gesehen hast. Damals war die Angst stärker gewesen als der Trieb nach Heldentum.
„Hast du dir die Zunge abgebissen oder was?“ Schnaubend verschränkt er die schlaksigen Arme vor der Brust. In seinen Augen fehlt jegliches Leben und dennoch scheinen sie vor Wut zu funkeln. „Hast du nichts zu sagen?“
„I-Ich...ah...“ Da ist nur Luft in deiner Kehle, die unkontrolliert nach draußen rinnt und keine Worte trägt. Es scheint unmöglich den richtigen Punkt zu finden.
„Natürlich hast du nichts zu sagen“, faucht er, stößt sich vom Rahmen ab und reißt die Hände in die Luft. Er ist aufgebracht, doch auf eine ganz eigene Art beherrscht. „Was will man auch sagen, wenn der beste Freund einen zur Rede stellt, weil man ihn im Stich gelassen hat?“
„Du bist nicht echt.“ Ein schweres Schlucken kratzt deinen Hals entlang, als du die Hände faltest und fest zusammenpresst, um bei Sinnen zu bleiben. Nichts von alldem ist real, das ist Tatsache. Dein Psychiater hat es dir mehr als einmal erklärt, als die Albträume schlimmer wurden und die Welt in Chaos versank. Dein Gegenüber ist nicht mehr als ein Hirngespinst. Ein Abbild dessen, was dich seit dem Autounfall verfolgt.

Dein Gegenüber sieht das anders, kommt näher und lässt den stechenden Geruch von verbranntem Fleisch übel in deiner Nase aufsteigen. Du siehst ihn jedoch einfach nur an. Er kann dir nichts tun, ist nur ein Spiel deiner Gedanken, das zusammenbricht, als er nach dir greift. Im ersten Moment willst du daran glauben, dass seine knochigen Finger blass durch dich durchreichen, doch die Wirklichkeit lässt seinen Griff unangenehm fest auf deinem Oberarm verweilen. Schmerz beißt sich durch die Nerven, lässt dich nach Luft schnappen, weil er niemals realer gewesen ist, als in diesem Augenblick. Die Gewissheit schürt Angst, Sorge darum, was die Wirklichkeit wirklich aus den Fugen reißt, während der Druck auf deinem Arm zunimmt. Gelassen beugt er sich zu dir herunter, ein selbstgefälliges, schiefes Grinsen auf den Lippen, das seine Narben nur weiter verzieht und das Gesicht unnatürlich verschiebt.
„Fühlt sich echter an, als es sein sollte, oder?“ Amüsiert hebt er eine Braue. „Genauso wie damals im Auto, nicht wahr?“
Tränen brennen in den Augen, machen die Sicht unscharf und das Luftholen noch schwerer. Es ist tatsächlich wie damals, als alles den Anfang vom Ende dargestellt hat. Diese Minuten, in denen ihr vom Einkaufen nach Hause gefahren seid, begleitet von einer hitzigen Diskussion über deinen mittlerweile Ex-Freund. Damals hattest du nicht einsehen wollen, dass der Mann, mit dem du zusammen warst, schlecht für dich war. Du verwechseltest seine Gewalt mit Liebe und sein Brüllen mit Zuneigung. Dein bester Freund hatte dich nur warnen wollen und du hattest nicht zugehört. Stattdessen brach Streit aus, während im Hintergrund San Francisco von Scott McKenzie lief und der örtliche Strand in herrlicher Pracht an euch vorbeizog. Ihr bekamt davon nicht viel mit. Ihr wart zu sehr auf euch fokussiert, konntet einander nicht akzeptieren und als er dich am Oberarm griff, um dir Verstand einzurütteln, konntest du nicht anders, als dich loszureißen. So heftig, dass er für einen Augenblick die Kontrolle über das Lenkrad verlor und mit zu viel Schwung gegen die seitlich angebrachte Trennmauer kam. Der Wagen geriet ins Schwanken, überschlug sich letztlich mehrere Male und während die Einkäufe auf der Rückbank klirrten, entfuhr dir ein erstickter Schrei.
Danach ging alles ganz schnell. Dein bester Freund blutete, hatte sich das Bein gebrochen und das Glas der Fensterscheibe in den Bauch gerammt. Flecken bildeten sich rot auf seinem Shirt, während sein Atem mehrere Worte formte, die du nicht hören konntest. Der Geschmack von Rauch lag auf deiner Zunge, Schwaden, die sich nebelartig von Außen an die Karosserie schmiegten. Eine Stichflamme loderte aus dem Motorraum empor, fraß sich haltlos durch seine Umgebung und die Urangst in deinem Inneren keimte explosionsartig auf. Du musstest raus.

Sein Blick hängt noch immer an dir, urteilend und erzürnt über alles, was du falsch gemacht hast. „Abgehauen bist du. Raus aus dem Wagen, um mehrere Meter Abstand zu nehmen und einen Krankenwagen anzurufen. Mehr nicht.“
„Ich hatte Angst“, gestehst du dünn, robbst etwas von ihm weg, als er den Griff von deinem Oberarm löst. „Ich...war gelähmt vor Angst.“
„Wärst du gelähmt gewesen, wärst du mit mir gestorben. Stattdessen hast du dabei zugesehen, wie ich verbrenne“, spuckt er aus, schlägt dann einmal kraftvoll gegen die Wand. „Warum hast du mich nicht mitgenommen?“
Du weißt es nicht, kannst dich nur zurück auf die wackeligen Beine hieven und erstarren, als er ein Streichholz zieht. „Dieses Mal gehen wir zusammen.“
Ungläubig machst du einen Schritt zurück, bemerkst auf einmal, dass der Boden nicht glatt, sondern feucht ist und auch deine Kleidung bereits mit stechendem Benzin getränkt hat. Es ist echt, stinkt und lässt dich verzweifelt nach Antworten suchen. Doch es entstehen nur mehr Fragen, als du die kleine Flamme auf dem Streichholzkopf entdeckst, der zwischen deinen Fingern verweilt. Du willst es nicht glauben, nicht verstehen und dennoch ist da diese Gewissheit, dass loslassen alles ist, was du tun musst, damit die Albträume enden. Um endlich schlafen zu können. Wann hast du das letzte Mal ein Auge zugetan und bist nicht in Schweiß und Tränen wieder aufgewacht?
Es ist schon viel zu lange her.

Als das Feuer mit dem Benzin in Berührung kommt, kannst du die brennende Hitze spüren, wahrnehmen, wie die Flammen deine Kleidung entlangzüngeln und einen Teil verbrennen. Es tut weh, legt einen Schrei in deinen Hals, den du nicht ausstoßen kannst, weil deine Sinne taub sind. Sie wollen aufgeben, raus aus dem Horror doch dein Körper steigert sich in einen ungewollten Überlebenskampf.
Schmerzlich finden die Beine in Bewegung, leiten dich zum Ausgang, den du mit einem unterdrückten Husten aufreißt, um die erste Rauchschwade nach draußen ziehen zu lassen. Es ist schwer zu erkennen, welcher Teil des Hauses nicht brennt. Du hörst nur das Knistern von Holz und nimmst die Hitze in deinem Körper wahr. Die Hände sind gerötet, der Duft von verbrannter Haut vermengt sich mit versenkten Haaren und Schweiß juckt auf den Armen. Dennoch stolperst du raus, weg von dem Feuer, das eine weitere Erinnerung verschlingt, als sei sie Papier.
Die wenigen Stufen zum Eingang rauf, stolperst du ungeniert herunter, bis Sand deine Fußsohlen reizt. Das Rauschen des Meeres kommt einer Sendepause gleich, füllt deinen Kopf mit nichts anderem, als raschelnder Stille. Es zieht deine Schritte etwas näher zum kühlen Wasser, das immer wieder auf Land schwappt und den Sand feucht, doch weich macht. Außer dir ist niemand an diesem Strand, der sich an einigen Häusern entlangzieht, die manchmal schier verlassen wirken. Und deine Schritte werden ungleichmäßiger.
Du schwankst, erst zur einen Seite, dann zur anderen, während das Sonnenlicht grell auf dem Meeresspiegel glitzert und die Ränder der Wellen spickt. Es ist dieselbe Schönheit, die ihr damals ignoriert habt, als San Francisco im Radio lief und niemand zugehört hat. Jetzt kannst du die Melodie summen, dich an die kleinen Bilder erinnern, die einst so unbedeutend gewesen waren. Du kannst die Trauer im Lied vernehmen, die Reise dahinter und für einen Wimpernschlag willst du daran glauben, dass auch du diese Reise machen kannst.
Du und er.
In unterschiedlichen Welten.
Am Strand einer endlosen Zukunft, die Spuren im Sand der Zeit hinterlässt.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast