Sir Aziraphale und das Pferd

von Varjo
KurzgeschichteHumor / P6
Anthony J. Crowley Erziraphael
02.09.2020
23.09.2020
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Es war schwer, etwas an dieser Situation zu finden, das Crowley nicht gehasst hätte.
Er hasste es, in ein verschlafenes Städtchen am Rande dessen geschickt zu werden, was er als Zivilisation auffassen würde.
Er hasste es, von Beelzebub in ein verschlafenes Städtchen am Rande dessen geschickt zu werden, was er als Zivilisation auffassen würde – besonders, weil er wusste, dass sie keine Weigerung dulden würde.
Er hasste es, ein Pferd für die Reise mieten zu müssen.
Er hasste den Gedanken, auf das Tier klettern zu müssen und so zu reisen, mit einem unberechenbaren, durchtriebenen Klepper zwischen den Knien, dessen Ideen und Flausen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Zwar hatte er von Berufs wegen durchaus nichts gegen unberechenbare, durchtriebene Geschöpfe – mit denen ließ sich wenigstens Spaß haben – aber es war weniger witzig, wenn die Unversehrtheit des eigenen Körpers davon abhing, sich auf dem Rücken ebenjenes Geschöpfes zu halten.
Er hasste den Blick, den der Pferdeknecht ihm zugeworfen hatte, als er gemurmelt hatte, er habe für diesen Kunden genau das Richtige – irgendwie ebenso durchtrieben.
Und am Ende hasste er auch den Blick in den großen, kugelrunden und ach so unschuldigen Augen des Tieres, das der Stallknecht am Halfter heranführte. Er hasste jeden eleganten Schritt, den das Pferd tat, das Klicken der Hufe auf dem harten Boden, hasste das Nicken seines schmalen, edlen Kopfes und wie es ihm ebenjenen entgegenstreckte, schnüffelnd und prustend, neugierig oder einfach nur gierig – Crowley mochte noch einmal verdammt sein, wenn er es wüsste.

Es war ein ziemlich zierliches Tier – hätte der Knecht, der so etwas wissen musste, ihm nicht versichert, dass es in der Lage wäre, Crowley samt Sattel und Gepäck zu tragen, der Dämon hätte es ihm niemals zugetraut. Sein Fell war rötlichbraun und glänzte wie frisch poliertes Kupfer, Mähne (nach links fallend) und Schweif waren heller, fein und halblang, und die Hufe waren verhältnismäßig klein und formvollendet oval. Die Schnauze, die das Pferd Crowley vor die Brust drückte, war dafür nahezu schwarz, hatte aber ein kleines weißes Fleckchen, und auf der Stirn fand sich ein zweites, längeres weißes Fleckchen.
Crowley hatte das Pferd auf der Weide gesehen, mit einigen anderen, und es hatte sich ziemlich ungestüm gebärdet. Gesprungen, geschlagen, nach den anderen Pferden gebissen, Seite an Seite mit ihnen galoppiert. Es hatte durchaus unkontrollierbar ausgesehen. Doch sollte er deswegen ein anderes verlangen? Sein Stolz spießte sich dagegen. Und was sollte denn auch sein? Es war nur ein Pferd. Nur ein verfluchtes Pferd. Was sollte schon passieren, schlimmeres als dass er fiele? Er hatte in seinem Dasein beileibe schon anderes mitgemacht als die Hinterhältigkeit auf vier Hufen.

„Sie ist eine Stute“, erklärte der Knecht, dem Pferd mit der flachen Hand unter die Mähne klopfend, sodass es staubte, „Wir nennen sie Rouge“ – in einer erbarmungswürdigen Parodie des französischen Wortes – „weil das Fell fast rot ist, und Rouge ist das französische Wort für rot. Clever, nicht?“. Crowley zwang sich zu einem Grinsen, als er halbherzig nickte; der Pferdeknecht beachtete ihn überhaupt nicht. „Gutes Pferd. Hart. Ausdauernd. Schnell. Ein bisschen verfressen und ganz schön unverschämt, aber damit weiß ein Mann doch umzugehen“. Er lachte knirschend. „Wenn Sie lange unterwegs sind, kann ich Ihnen kein Besseres…“.
Crowley unterbrach den Knecht, bevor er noch längere Lobeshymnen auf seine Rouge singen konnte, und bezahlte einige Münzen extra, damit sie ihm das Pferd sattelten und zäumten. Er ging inzwischen hinaus, starrte in den Himmel auf und versuchte, sich geistig und körperlich vorzubereiten.

Nur wenige Minuten später wurde Rouge von demselben Knecht wieder herausgebracht, fröhlich ausschreitend, anscheinend nicht im Geringsten eingeengt von dem Zaumzeug oder dem schweren Packsattel. Ihr Gesicht war immer noch freundlich und fragend, ihre Augen groß und glänzend und unschuldig, ihr Kopf nickte aufgeregt mit der Bewegung, die Ohren spielten, und wieder streckte sie tastend Nase und Oberlippe vor, als sie in Crowleys Nähe gekommen war. Der schob die Stute irritiert weg – er verstand nicht, warum sie so zutraulich war. Sonst waren Tiere eher misstrauisch in seiner Nähe.

Dann musste es jetzt also losgehen.

Crowley nahm die Zügel aus der Hand des Knechtes, dankte ihm geistesabwesend und wartete, bis er wieder im Stall verschwunden war, bevor er das gesattelte Tier an einen Felsen heranführte, hoch genug, dass er mühelos aufsteigen konnte. Sofort, als er den Sattel unter sich spürte und die Füße in die Steigbügel hinein tastete, fühlte er elementares Unwohlsein in sich aufkeimen. Crowley hasste es, zu reiten. Es fühlte sich fürchterlich an in der Leiste. Viel zu oft war er gefallen… und doch schien niemand etwas erfinden zu wollen, dass diese gottgesegnete Reiterei endlich in Vergessenheit geraten würde. Für den Moment jedoch konnte er es nicht umgehen, und er beherrschte die Grundlagen. So krampfte er die Hände um die Zügel – was genau nichts bedeutete, da sie spannungslos durchhingen – und presste die Waden zusammen.
Rouge trat augenblicklich an, eifrig und zackig, und streckte dabei den Kopf nach unten.
Crowley erlaubte sich ein Durchatmen. Das begann ja ganz annehmbar.

Rouges Bewegung war ähnlich wie sie: klein und eckig und übereifrig. Immer wieder musste Crowley, indem er zischend die Zügel an sich zog, verhindern, dass die Stute von sich aus in eine schnellere Gangart wechseln würde; wenn sie in ihrem Schritt so weitermarschierte, würde er sein Ziel erreichen, bevor ein normaler Mensch auf einem dicken, schweren Klepper im Trab oder eine gleichmäßig trabende Kutsche es könnte. Ständig mit den Ohren spielend, sah sich das Tier im Gehen nach links und rechts um, schnofelte hier und riss dort ein Grasbüschel oder ein Blättchen ab, während ihr Reiter stocksteif im Sattel saß. Crowley erlaubte sich kaum, ordentlich zu atmen; bloß so wenig wie möglich bewegen auf dem Gaul, was wusste man, wie das Tier es verstehen würde? Crowleys Liste an Missverständnissen mit Pferden war lang, und er hatte keine Lust, sie zu erweitern.

Und dann passierte es.

Crowley und Rouge waren keine drei Stunden unterwegs gewesen, zielstrebig gen Nordnordosten reitend, als sie eine saftige Wiese betraten und das Pferd entschloss, dass nun Mittagszeit war. Crowley hatte eben behutsam den Gedanken an sich herangelassen, dass alles gut gehen könnte – dass er sich vielleicht gar nicht mehr so sorgen müsste – und nun das.
„Komm schon“, murmelte Crowley und zupfte an den Zügeln, um den Kopf der Stute aus dem Gras zu heben. „Komm schon, Kleines, wir müssen weiter“.
Keine Reaktion.
„Ich versprech dir, sobald wir da sind, bekommst du so viel Hafer, wie in deinen dürren Bauch passt“.
Mampf, mampf.
„Jetzt komm schon!“. Ein etwas kräftigeres Ziehen an den Zügeln, Beine zu, Fersen in den Pferdebauch.
Rouge trat irritiert mit den Hinterbeinen einen schwammigen Halbkreis und schüttelte den Kopf, doch von ihrer Mahlzeit war sie nicht abzubringen. Crowleys Sitz geriet außer Form, er konnte sich nur mit knapper Not und fest geschlossenen Knien im Sattel halten. Wie er es hasste, zu Pferde zu reisen!

„Das hat dir nicht gefallen, was?“. Langsam redete sich der Dämon in Wut. Vielleicht sollte er sich überlegen, Rouge an den nächsten Schlachter zu verhökern, rein als Strafe – da war er ja zu Fuß schneller am Ziel, oder wenn er seine Wunderenergie für die Reise aufwenden würde. „Wenn du nicht bald weitergehst, kriegst du davon noch mehr, glaub mir das!“.
Die Stute schlug mit ihrem Schweif nach Insekten, die sie umschwirrten, und schüttelte ein weiteres Mal den Kopf. Doch die Zähne hörten nicht auf, Gras zu rupfen und zu zerkauen.

Hilfesuchend blickte der Dämon sich um – doch da war nichts zu sehen als Wiese, Himmel und Bäume. Klar, was hatte er sich auch vorgestellt? Damit musste er – wieder einmal – vollkommen alleine zurechtkommen. Doch sollte er es auf die menschliche oder die Dämonenart versuchen?

Missmutig griff er die Zügel kürzer – Rouge war nicht dazu zu bewegen, den Kopf höher zu nehmen – und stählte sich für das, was geschehen würde. Normalerweise griff er auf derart Methoden nicht zurück, weil er nicht wissen konnte, was für Launen es in dem Pferdeschädel heraufbeschwören könnte, doch was sein musste, musste sein, und er hatte sich sagen lassen, dass es nichts Schlimmeres gab, als einem Gaul nicht klarzumachen, wer der Boss war.
Sich an Zügeln und Sattel festklammernd, holte Crowley mit den Beinen aus und ließ sie beidseitig an Rouges Bauch klatschen.

Die Reaktion war unverzögert und jedes Bisschen so heftig, wie der Dämon sie sich vorgestellt hatte.

Die kleine Stute quietschte und machte einen Kraftsatz nach vorne, den Kopf zwischen die Beine streckend und den Rücken aufwärts wölbend. Crowley verlor vollkommen das Gleichgewicht, die Steigbügel, den Griff um die Zügel und seinen Sitz in der beruhigenden Sattelfläche; nur Rouges schmaler Hals, an dem er sich festklammerte wie ein verzweifelter Nichtschwimmer, rettete ihn davor, schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Erdboden zu machen.
Rouge hingegen lief nun. Ungelenkt, ungezügelt und in vollem Galopp, den Kopf hochgehoben und die Flanken pulsierend, rannte sie kopflos in die Landschaft hinein. Crowley sah nicht, wo sie hinrannte, und es kümmerte ihn für den Moment auch nicht; alles, was ihn kümmerte, war dieses fellige Stück Fleisch, an dem er sich anklammerte, um nicht zu fallen. Der Pferdekörper bewegte sich, das wenigstens, in regelmäßigen Wogen und Sprüngen, auf-ab-vor, auf-ab-vor…

Stopp, dachte er mit gebleckten Zähnen, während der Pferdekörper, dem er auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, unaufhaltsam arbeitete. Stopp, du Untier, bleib stehen, halt, jetzt so-fort!

Und aus irgendeinem Grund klappte es.

Zitternd und bebend, schwer atmend und mit hochgerissenem Kopf, blieb Rouge stehen.

Hatte der Dämon instinktiv ein Wunder gewirkt?

Wie dem auch sei; er nahm sich die Zeit, sich zu sammeln, zurückzusetzen und fahrig durch die Haare zu streichen, bevor er wieder Kontakt mit dem Tier aufnahm. „Das hast du jetzt gehasst, was?“, fragte er und verachtete sich ein wenig selbst für die wacklige dünne Nervosität in seiner Stimme. „Ich weiß, dass du das gehasst hast. Ich nämlich auch. Also, wie wäre es, wenn wir uns das in Zukunft ersparen und du mich einfach ans Ziel bringst und wir uns dann… nie wiedersehen? Ja?“.
Rouge schnaubte. Ihre Haltung normalisierte sich wieder ein bisschen, und sie schüttelte schnaubend Kopf und Hals aus.
„Ist das ein Ja? Einverstanden?“.
Rouge senkte den Kopf und kaute auf der Trense herum. Crowley war gesagt worden, dass das ein gutes Zeichen war; trotzdem war er unruhig, als er durchschnaufte und der Fuchsstute nun mit den Waden das Losgehsignal erteilte. Rouge honorierte es und trat vorsichtiger an – und es dauerte einige Weile, bis sie wieder so ungerührt und fröhlich ausschritt wie zu Beginn. Doch sie hatten dies nun ausdiskutiert, darin war sich der Dämon nun zumindest sicher.

Die Stute war wieder ungebührlich fröhlich und unerklärlich anhänglich, als Crowley am Zielort von ihrem Rücken kletterte und sie abgab – seine Beine zitterten und der Unterleib pochte dumpf, und doch konnte er nicht anders, als zaghaft Rouges Nase zu streicheln, als sie sie ihm schnuppernd entgegenschob. Es tut mir leid, dachte er, bevor er sich recht anders besinnen konnte – nächstes Mal machen wir es anders. Besser.

Nächstes Mal? Als ob es ein nächstes Mal gäbe…

Kurz gesagt: Es gab ein nächstes Mal. Viele nächste Male. So viele, in der Tat, dass Crowley fast wähnte, dass sie Rouge speziell für ihn zurückhielten. Crowley sah mit der Zeit ein, dass es einen Vorteil und Sinn hatte, größtenteils dasselbe Tier zu reiten, und bevor er es sich versah, hatte sich zwischen Rouge und ihm ein Geben und Nehmen, ein ausverhandeltes Einverständnis herausgebildet, das er noch vor jenem Ritt für unmöglich gehalten hätte.
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