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Berlin Blues

von Levy
GeschichteHumor, Romanze / P16
02.09.2020
30.09.2020
24
60.894
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19.09.2020 2.786
 
Der große Tag war gekommen – zumindest für Jessies kleine Schwester. In einem pinken Kleidchen und mit hochgesteckter Frisur samt perlenbesetztem Diadem stolzierte Sarah die Treppe hinab in den Wohnraum, wo ihre Familie sie mit Glückwünschen und Umarmungen empfing. Sie alle waren dem heutigen Anlass entsprechend festlich gekleidet. Die Männer – Herr Havlock, Lukas und Jakob – trugen schwarze, maßgeschneiderte Smokings; Frau Havlock hatte sich nach langem Hin und Her für ihr bodenlanges, weinrotes Abendkleid entschieden, während Jessies Wahl auf ein ärmelloses Cocktailkleid aus dunkelblauem Chiffon gefallen war, das ihr goldenes Haar besonders gut zur Geltung brachte. Sie alle hatten viel Arbeit und Zeit investiert, um diesen wichtigen Tag für die dreizehnjährige Sarah zu etwas ganz Besonderem zu machen. Ihre Eltern hatten den Reinheitsball vor sieben Jahren zum ersten Mal organisiert, weil sie der festen Überzeugung waren, dass jedes Mädchen ihrer Gemeinde sich einmal im Leben wie eine wahre Prinzessin fühlen sollte – aber mehr noch ging es darum, den Mädchen ein Gefühl von Geborgenheit und Wertschätzung zu vermitteln, sodass sie mit gestärktem Glauben ihren weiteren Lebensweg beschreiten konnten. Jessies Erinnerungen an ihren Reinheitsball gehörten zu den wichtigsten in ihrem jungen Leben. Aus diesem Grund hatte sie sich dieses Jahr so sehr bei der Organisation des Balls ins Zeug gelegt. Sie wollte, dass ihre Schwester einen ebenso schönen Tag erlebte wie sie damals.
   „Meine Prinzessin!“, stieß Herr Havlock entzückt bei Sarahs Anblick aus und umarmte sie mit väterlicher Herzlichkeit. „Wie schön du bist.“
   „Fahren wir jetzt endlich, Papa?“, fragte Sarah ganz ungeduldig vor Vorfreude. Seit Tagen sprach sie von nichts anderem als dem Ball, dem Gelübde, dem Tanz und natürlich ihrem Ring, den sie heute bekommen würde.
   „Wir fahren“, sagte ihr Vater. Er wandte sich an den Rest der Familie. „Kommt.“
    Jessica wollte eben ihrer Mutter und ihrem Bruder folgen, als der Vater sagte: „Jessica, du fährst mit Jakob.“
   Keine Minute später waren sie aus dem Haus, während Jessie noch auf Jakob wartete, der sich auf der Toilette frisch machen wollte. Als er zu ihr zurückkam, zeichnete sich ein schwaches Lächeln auf seinem müden Gesicht ab. Jessie erwiderte es zaghaft – sie war verunsichert ob seiner Distanziertheit heute. Er wirkte, als hätte er die ganze Nacht kein Auge zugemacht; doch als Jessie ihn danach fragte, redete er sich nichtssagend heraus. Die dunklen Augenringe und sichtbaren Bartstoppel in seinem Gesicht aber sprachen Bände.
   Jessie räusperte sich. „Du bist so ruhig heute. Gefall ich dir nicht?“ Sie drehte sich um die eigene Achse, um ihrem Verlobten so vielleicht ein Kompliment zu entlocken.
   Jakob rieb sich die Augen, dann lächelte er angestrengt. „Du siehst umwerfend aus.“
   Jessie ging ernst auf ihn zu und drückte sich an ihn. „Magst du mich nicht mehr heiraten?“, fragte sie und offenbarte ihm damit ihre stille Sorge.
   „Was?“, stieß Jakob überrascht aus. „Nein! Ich meine, ja, natürlich möchte ich dich heiraten. Das ist es nicht... es ist wahrscheinlich gar nichts, aber...“
   „Du bist süß, wenn du so grübelst“, sagte Jessie neckend. „Du siehst dann aus wie ein großer, grübelnder Bär.“
   Sanft strich sie mit ihren Fingerspitzen über seinen struppigen Dreitagebart, den sie so zum ersten Mal an ihm sah. Es fühlte sich interessant an. So rau, so anders und männlich. Und ehe sie wusste, was sie tat, hatte sie sich schon auf die Zehenspitzen gestellt und sanft seine Wange geküsst. Ihre Lippen wanderten weiter, gierig darauf, die seinen zu kosten.
   Doch Jakob wich ihr aus und zog sich zurück. „Unser Gelübde“, sagte er nur.
   Jessie sah ihn gekränkt an. „Magst du nicht?“
   „Es wäre falsch.“
   „Nicht einmal probieren?“, säuselte sie und schmiegte sich liebkosend an ihn.
   „Hör auf, Jessie... Jessie, bitte...“, sagte Jakob wieder und wieder unter ihren gehauchten Küssen. Irgendwann war es zu viel für ihn. „Es reicht!“ Jakob wandte sich ab von ihr und sah nachdenklich aus dem Wohnzimmerfenster nach draußen.
   Jessie stand verunsichert hinter ihm und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
   Jakob fuhr zu ihr herum. „Hast du ihn auch geküsst?“
   Erschrocken sah Jessie auf. „Wie bitte?“
   „Diesen Straßenmusiker.“
   „Ich kenne keinen Straßenmusiker“, sagte Jessie wie aus der Pistole geschossen.
   Doch Jakob blieb unbeirrt. „Du hast dich mit ihm getroffen. Ich verzeihe dir, wir heiraten trotzdem. Ich möchte nur wissen, warum.“
   „Ich weiß wirklich nicht–“, stotterte Jessie.
   „Jetzt sag mir endlich die Wahrheit, verdammt!“, sagte Jakob mit donnernder Stimme. Als er die Furcht in ihren Augen bemerkte, ließ er die zur Faust geballten Hände wieder sinken und sagte etwas sanfter: „Verzeih mir. Ich wollte nicht schreien. Nein, hab keine Angst vor mir.“ Jakob nahm Jessie in seine starken Arme. Sie wirkte ganz verstört und zitterte am ganzen Leib. „Ist ja gut, alles ist gut. Er hat dich ausgenutzt, nicht wahr? Aber mach dir keine Sorgen, Liebling, er wird dich nicht wieder belästigen – dafür habe ich gesorgt.“
   „Hast du... hast du...“, sagte Jessie und konnte kaum sprechen, „... hast du ihm... wehgetan?“
   Jakob spürte, wie sich sein Magen krampfhaft zusammenzog und sich ein Gefühl von eisiger Benommenheit im ganzen Körper ausbreitete. Die Zeit stand still in jenem Moment, da er begriff, dass alles, was dieser Kerl ihm gestern an den Hals geworfen hatte, stimmte. Und jetzt wusste er auch über die Gefühle seiner Verlobten Bescheid.
   „Ich habe ihm klargemacht, dass du nicht zur Verfügung stehst“, sagte Jakob schließlich und klang dabei so bestimmt und unnachgiebig wie Jessies Vater.
   Jessie löste sich von ihm. Langsam fand sie ihre Stimme wieder.
   „Zur Verfügung?“ Sie sah ihn erschüttert an. „Was bin ich denn für dich? Ein Objekt, das man in seine kleine Schatulle sperrt?“
   „Nein, so war das nicht gemeint. Ich habe mich falsch ausgedrückt.“ Doch zu spät. Jessie war schon auf halbem Wege nach draußen. „Hey! Wohin willst du?“, rief Jakob ihr nach.
   Vor Wut schäumend, stoppte sie. „Ich gehe, wohin ich will, Jakob Wojczik! Du hast mir nichts zu verbieten. Noch nicht.“
   Jakob war vor ihr bei der Tür und versperrte ihr den Weg nach draußen. Mit seinen 1,88m und 90kg Körpergewicht war er für die schmächtige Jessie ein nahezu unüberwindbares Hindernis.
   „Willst du zu ihm?“, fragte er mit eisiger Stimme.
   „Das geht dich nichts an!“, schrie Jessie ihn an und spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten.
   „Doch, das tut es!“, schrie Jakob zurück und packte sie am Handgelenk. „Du bleibst bei mir! Wir fahren jetzt zum Ball, keine Widerrede.“
   „Ich gehe“, sagte Jessie trotzig, erstaunt über die Bestimmtheit in ihren Worten.
   Jakob baute sich vor ihr auf. „Das verbiete ich.“
   „Du verbietest es?“ Trotz ihrer Nervosität und Angst, entfuhr Jessie ein lautes Lachen. Er hatte recht gehabt, dachte sie, Kitt hatte mit allem recht gehabt. Von einem Gefängnis ins nächste, hatte er ihr gesagt. Ihr Lachen erstarb und als sie ihren Verlobten erneut ansah, hatte sich etwas in ihren Augen verändert. Eine Härte lag plötzlich darin.
   „Wir sehen uns am Ball“, sagte sie kühl, befreite sich aus seinem Griff und schritt an ihm vorbei. Halb rechnete sie damit, dass er sie gewaltsam aufhalten, vielleicht sogar schlagen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Jakob stand wie festgefroren auf der Stelle und sah ihr nach, wie sie verschwand.
   Ihre Augen, dachte er bestürzt, sie waren ohne Liebe für mich.

Jessie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Erst überlegte sie, eine ihrer Freundinnen aufzusuchen, um sich den Kummer von der Seele zu reden. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass diese sicherlich schon mit ihren Familien auf dem Weg zur Kirche waren. In ihrer Verzweiflung erwog sie sogar für einen Moment, nach Neukölln zu fahren, ehe sie auch den Gedanken schnell wieder verwarf. Kitt würde sich nicht für ihre Tränen erwärmen, im Gegenteil, wahrscheinlich würde er sie voll besserwisserischer Häme von sich weisen.
   Einsam und verlassen steuerte sie eine halbe Stunde später an den einen Ort, der ihr als letztes in Erinnerung gerufen wurde: Das 'Somnumbale' am Jahrmarkt. Selbst um diese frühe Uhrzeit waren viele Stühle und Tische mit Stammgästen und anderen einsamen Gestalten besetzt. Die Jukebox spielte R.E.M.’s 'Losing My Religion'. Sämtliche Blicke folgten ihr, als sie die Musikkneipe in ihrem auffallenden Abendkleid betrat. Am Tresen erkannte sie zu ihrer großen Erleichterung eine vertraute Person unter all den Fremden, die einen exotischen Cocktail vor sich stehen hatte und wie immer Tabak aus einer Dose schnupfte.
   „Solltest du nicht am Ball sein?“, sagte Anton, als Jessie neben ihm auf einem freien Barhocker Platz nahm.
   Jessie zuckte nur mit den Schultern und sagte: „Darf ich dich etwas fragen? Etwas persönliches?“ Anton grunzte nur. Jessie hielt das für ein Ja. „Glaubst du an Gott?“
   „An wen?“, fragte Anton, während er sich ein Häufchen Tabak genehmigte.
   „An Gott, den Herrn“, sagte Jessie wie selbstverständlich.
   Mit geschwärzter Nase sah er ihr ins Gesicht. „Ach, den Gott meinst du. Gott, der Herr“, sagte Anton und lachte hustend. „Das klingt aber sehr altmodisch, findest du nicht? Weißt du, ich hab’s nicht so mit Göttern, die einem in die Wiege gelegt werden. Nein... Gott ist nicht vererbbar. Man muss ihn immer wieder aufs Neue finden – jeder für sich allein.“ Anton musterte Jessie eindringlich. „Wo drückt’s, Kindchen?“
   „Ach, ich weiß auch nicht“, sagte Jessie und betrachtete ganz betrübt die beiden Ringe, die fest auf ihren Fingern saßen. „Ich fühle mich so schuldig. Ich habe mein Versprechen gegenüber Gott und meinen Eltern gebrochen.“ Sie schwieg.
   Anton sah sie mitfühlend von der Seite an. „Weißt du, ich kenne da einen Mann, vielleicht hast du von ihm gehört, der wurde nicht auf die Erde geschickt, um über uns zu richten, sondern uns aufzurichten. Also Kopf hoch, Mädchen, so schlimm kann’s schließlich nicht sein.“
   Doch das war es, dachte Jessie, was weißt du schon, alter Mann! Du bist vogelfrei, kannst tun und lassen, was du willst. Ich aber habe Verpflichtungen, Familie und einen Glauben.
   „Ich habe gesündigt, Anton“, sagte sie leise. „In Gedanken, Worten und Taten. Jetzt bin ich eine unreine, befleckte Sünderin, die den Heiligen Geist mit ihrer Unzucht betrübt und...“ Jessie versagte die Stimme vor Scham.
   „Reichst du mir die mal bitte?“, sagte Anton und deutete auf die Salzstangen am Tresen. Jessie gab sie ihm. Während Anton fröhlich vor sich hinknabberte, sprach er mit vollem Mund weiter zu Jessie: „Früher empfand ich mich wie du als wiedergeborener Christ. Die Bibel war das unfehlbare Wort Gottes, daran gab’s überhaupt keinen Zweifel. Und wie dein Vater predigte ich es Jahrzehnte lang meiner Gemeinde. Wort für Wort.“
   Also war es tatsächlich wahr, dachte Jessie, Anton war einmal ein Priester gewesen. Genau wie ihr Vater.
   „Was ist passiert?“, fragte sie neugierig und vergaß einen Moment lang ihre eigenen Sorgen.
   „Eine gute Frage, ja.“ Anton stopfte sich den Mund mit den restlichen Salzstangen voll, kaute heftig und schluckte alle auf einmal hinunter. Dann fuhr er fort: „Seit meiner Zeit in der Bibelschule hatte ich immer wieder diesen einen Traum. Eine mannsgroße giftige Schlange kam darin vor, die sich vor mir aufbäumte und mich zurück in ein dunkles Verlies drängen wollte. Sie öffnete ihr Maul und 'sagte', wenn ich nicht freiwillig ginge, würde sie Gewalt anwenden. Immer, wenn sie zubiss, erwachte ich schweißgebadet und mit schrecklich rasendem Herzen. Zwanzig lange Jahre. Und dann, eines Nachts, als die sprechende Schlange mir wiedermal den Weg versperrte und lispelnd drohte, mir wehzutun – da kam mir aus heiterem Himmel ein Gedanke. Und weißt du, was ich dann tat?“ Anton lächelte bei der Erinnerung. „Ich richtete mich auf und lachte ihr ohne Furcht ins Gesicht! Vor meinen Augen wurde sie kleiner und kleiner und verwandelte sich schließlich in einen goldenen Schlüssel. Ich ging im Traum eine Wendeltreppe nach oben, steckte den Schlüssel in ein rostiges Schloss und trat durch die Kerkertür ins Freie – vor mir breitete sich ein atemberaubendes Panorama aus! Ich war auf dem Gipfel eines Berges, der beinahe den Himmel küsste. Vor mir stand eine in Leinen gekleidete Gestalt, die mich mit ausgestreckten Armen lächelnd in Empfang nahm. Ganz überwältigt von Seinem Anblick, sank ich vor Jesus auf die Knie. Und weißt du, was Er da tat? Er lachte! Ich höre es noch heute, dieses Lachen der Ewigkeit. Jesus half mir auf und fragte mich mit glucksender, scherzhafter Stimme, wo ich denn so lange gewesen sei.“ Anton schloss einen Moment lang seine Augen, um sich das Bild Jesu Christi zu vergegenwärtigen. Lächelnd fuhr er fort: „Im selben Jahr noch legte ich mein Amt nieder und trat aus der bibeltreuen Gemeinde aus.“
   Jessie saß wie gebannt auf ihrem Hocker und betrachtete den alten, heruntergekommenen Greis neben sich, den ihre Freundinnen als gottlosen Spinner bezeichneten, den ihr Vater aufgrund seiner Lebens- und Glaubensansichten gefeuert hatte und der hier am Rummelplatz in einem der brüchigen Stände Nacht für Nacht schlief. Wie glücklich er schien, wie vergnügt und zufrieden mit sich und der Welt! Trotz seines hohen Alters ähnelte er bei genauem Betrachten mehr einem Kind als einem Erwachsenen. Anton summte vor sich hin, glücklich mit seiner kleinenTabakdose und dem Geschmack der Salzstangen. Und seine Erzählung, der Traum...
   „Was war das für ein Gedanke, der die Schlange vertrieb?“, fragte Jessie leise.
   „Oh, ein ebenso banaler wie genialer“, sagte Anton schlicht und sah ihr in die Augen. „Schlangen können nicht sprechen.“
   Verblüfft erwiderte sie seinen Blick. „Schlangen können nicht sprechen?“ Das war alles?, dachte sie ernüchtert.
   Anton nickte eifrig und wiederholte seine Worte langsam: „Schlangen können nicht sprechen.“
   Jessie war zugegebenermaßen enttäuscht. Sie hatte mit einer Art Erleuchtung gerechnet, doch nicht mit so etwas selbstverständlichem. „Aber Anton“, sagte sie bedrückt, „das weiß doch jedes Kind, dass Schlangen nicht... ich meine, das ist doch...“ Die Stimme versagte ihr, denn plötzlich dämmerte es ihr. Es war wie ein Blitzschlag, der sie von oben bis unten durchfuhr.
   „Oh“, sagte sie nur und fühlte sich von einem Moment auf den anderen ganz leer.
   Und während Anton gutmütig lachte und bei Barkeeper Cesare seine Rechnung bezahlte, ratterte es in Jessies Kopf. Erinnerungen aus ihrer Kindheit drangen ungefiltert in ihr Bewusstsein. Besonders eine überragte all die anderen...
   Jessie war gerade einmal fünf Jahre alt. Sie lag in ihrem kleinen Bettchen, während ihr die Eltern zum ersten Mal mit ganz ernsten Gesichtern aus der Bibel vorlasen. Das erste Buch Mose. Die Schöpfungsgeschichte. Mit bedeutungsschwerer Stimme berichtete ihr der Vater vom Sündenfall Evas. Die kleine Jessie lauschte gebannt, doch als es hieß, Eva sei von einer Schlange verführt worden, unterbrach sie ihren Vater mit kindlicher Schläue. „Aber Papa“, sagte sie. „So ein Quatsch! Tiere können doch gar nicht sprechen.“ Ihr Vater, der noch nie Unterbrechungen geschätzt hatte, wurde auf einen Schlag sehr ernst. Wie ein Geschichtsprofessor sagte er ihr mit einer Hand auf der Bibel, dass alles, was darin stand, das persönliche Wort Gottes war und somit der absoluten Wahrheit entsprach. Und wenn Gott sagte, dass eine Schlange sprach, dann war dem so. Punkt. Sei es, weil Satan in ihren Leib geschlüpft war oder aus sonst einem anderen Grund. Das brauche sie nicht weiter zu kümmern.
   Als Anton sich neben ihr erhob, klopfte er ihr freundschaftlich auf die Schulter.
   „Anton“, sagte Jessie mit entfernter Stimme. „Wie sah Jesus in deinem Traum aus?“
   Anton überlegte einen Moment. „Wie jemand, der genau weiß, was es heißt, ein Mensch zu sein.“
   „Meinst du, Er kann mir vergeben?“
   „Ach, Kindchen, weißt du’s nicht? Er hat dir schon längst alles vergeben. Wie auch immer du dich entscheidest“, sagte Anton und fügte augenzwinkernd hinzu: „Oder für wen.“
   Mit diesen Worten verließ er die Musikkneipe und ließ Jessie mit all ihren wiedergefundenen Kindheitserinnerungen zurück. Erst, als plötzlich ein riesengroßes Cosplay Schwert vor ihr am Tresen landete, wurde sie in die Realität zurückversetzt. Cesare sah auf sie herab. „Bring das deinem Kerl. Und wenn du schon dabei bist, schick ihn mir gleich mal rüber. Sein taubstummer Bruder liegt mit einer Nadel auf meiner Toilette.“
   „Sein Bruder? Er hat Geschwister?“, sagte Jessie verblüfft.
   „Nur den einen. Charlie. Hör mal, ich mag’s nicht besonders, wenn hier gedrückt wird. Normalerweise ruf ich da sofort die Bullen. Aber der Junge war immer freundlich zu mir – ganz im Gegensatz zu seinem großen Bruder.“
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