Berlin Blues

von Levy
GeschichteHumor, Romanze / P16
02.09.2020
25.09.2020
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16.09.2020 2.298
 
Zwei Wochen waren seit der Hecken-Geschichte vergangen und Jessie hatte Kitt seither nicht wieder gesehen. Manchmal ertappte sie sich bei der Frage, was er wohl gerade tat. Und manchmal hoffte sie sogar, er würde nachts vor ihrem Haus mit einer Zigarette auf und ab gehen, sie durch die Hecke hindurch beobachten, ihr tagsüber folgen und eines unerwarteten Augenblicks plötzlich vor ihr auftauchen. Doch sie wusste, dass das nicht geschehen würde. Und damit bestätigte sich, was sie insgeheim schon lange wusste: Es hatte 'Puff!' für sie gemacht. Vermutlich hatte dieser schöne Junge längst eine andere in seine Schattenwelt entführt und mit ehrlichen Küssen und falschen Liebesschwüren betört.
   In ihrem Haus war seitdem kein Wort mehr über ihre Verfehlungen gefallen – man versuchte die unschöne Sache totzuschweigen und zu verdrängen. Dennoch spürte sie noch immer den stillen Zorn ihres Vaters. Und das, obwohl Jessie in dieser Zeit die beste Tochter, Schwester, Freundin und Verlobte war, die man sich nur vorstellen konnte. Wie keine andere hatte sie sich an den Vorbereitungen zum anstehenden Reinheitsball beteiligt, hatte ihrer Schwester mit den Tanzschritten und der Auswahl ihres Kleides geholfen, war der Mutter beim Backen der unzähligen Torten und Kuchen zur Hand gegangen. Außerdem war sie täglich darum bemüht, Luke nun nicht mehr als ihren kleinen Bruder, sondern als Mann und Stellvertreter ihres Vaters zu behandeln. Ihrem Vater stand sie bei der notwendigen Bibelarbeit für die sonntäglichen Predigten ebenfalls zur Seite. Und was Jakob anging, so hatte sie ihn ständig zu sich eingeladen, etwa, wenn sie am Freitag Zuhause Spieleabend hielten, oder wenn Jessie den jüngeren Gemeindekindern aus der Bibel vorlas. Sie hatte ihn nicht nur ihren Freundinnen, sondern allen Gemeindemitgliedern als Zukünftigen persönlich vorgestellt. Außerdem war sie jeden zweiten Tag in der Kaserne erschienen, hatte Jakob ein selbstgekochtes Mittagessen gebracht und ihn auch abends vor Sonnenuntergang oft besucht – nur, um ihn dabei zu beobachten, wie er als kommandierender Ausbilder junge Rekruten im Kasernenhof mit Achtung heischender Stimme antrieb und das Letzte aus ihnen herausholte. Jakob war ein geborener Anführer, ein Alphatier, zu dem die jungen Soldaten respektvoll aufblickten. Oft war er knallhart und arg fordernd, doch nie, fand Jessie, war er ungerecht oder machte jemanden grundlos zur Schnecke. Eines Tages, dachte sie, würde er einen strengen, fordernden, aber immerzu fairen Vater für ihre gemeinsamen Kinder abgeben.
   Jessie war froh, als sich diese anstrengenden zwei Wochen nun endlich dem ersehnten Höhepunkt näherten. Zum Vorabendgottesdienst des anstehenden Reinheitsballs war die Evangelische Freikirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Man hatte sogar zusätzliche Stühle anschaffen müssen, um einem jeden Mitglied eine Sitzgelegenheit bieten zu können. Passend zum morgigen Ball drehte sich die Predigt heute um ein Thema, das sich speziell an die heranwachsenden Töchter der Gemeinde richtete.
   „... und wenn die Schlange euch wieder ins Ohr säuselt, dann seid standhafter als Eva es war und sagt entschieden: Nein!“, dröhnte die Stimme ihres Vaters durch den Gemeindesaal.
   Und die Mädchen im Raum erwiderten laut: „Nein!“
   „Und wenn gottlose Männer unanständige Dinge von euch verlangen, dann stellt euch schützend hinter euren Herrgott und sagt mit aller Kraft: Nein!“
   Wieder erklang ein lautes „Nein!“ auf Seiten der Mädchen.
   Pastor Havlock sah sich im Raum um und betrachtete jedes angesprochene Mädchen einzeln. „Denn wenn ihr nicht 'Nein' sagt, liebe Töchter, wenn ihr euren Begierden und Lüsten frönt, dann entfernt ihr euch von eurem Herrn und Heiland Jesus Christus, und es werden sich die Tore der Hölle unter euren Füßen öffnen und euch bis in alle Ewigkeit verschlingen! Ich frage euch: Wollt ihr das?“
   Neben den angesprochenen Mädchen erhoben sich jetzt auch viele der älteren von ihren Plätzen, die ihren Reinheitsball bereits hinter sich hatten. Im Chor riefen sie gemeinsam ein vehementes, lautes „NEIN!“, das im Innern lange widerhallte. Obwohl Jessie ihre Schwester herzlich umarmt hatte und ebenfalls in den antwortenden Ruf der anderen mit eingefallen war, war sie am heutigen Tag doch nicht ganz bei der Sache. Sie schob es auf die Anstrengungen der vergangenen Tage. Doch als Jakob ihre Hand in die seine nahm, verdrängte sie all das, was seit Tagen in ihr im Verborgenen rumorte und zur Oberfläche drängte.
   „Ich hole dich morgen gegen Mittag ab, dann fahren wir gemeinsam zum Ball“, flüsterte Jakob zärtlich in Jessies Ohr, als sie sich nach einem langen Tag an der Veranda voneinander verabschiedeten. Jessie drückte ihn sehnlich an sich und Jakob erwiderte ihre Zärtlichkeit mit einem abschließenden Handkuss. Es wurde inzwischen immer schwerer, sich von ihr zu trennen und die Nächte allein in seiner leblosen Junggesellenwohnung in Berlin-Charlottenburg zu verbringen. Er sehnte sich so sehr danach, ihr endlich nahe zu sein, ihren Körper zu fühlen, ihn zu erforschen und mit ihr in seinen Armen gemeinsam einzuschlafen – für den Rest seines Lebens. Ob es ihr genauso erging? Manchmal hatte Jakob das Gefühl, dass sie in seltenen Momenten, wenn er sich ihr ganz und innig hingab, ganz woanders war – an einem Ort, an dem er ihr nicht zu folgen vermochte. Jakob verdrängte seine Sorgen. Ihr Vater hatte ihn persönlich als Schwiegersohn auserwählt und sie selbst hatte ihm das Jawort gegeben. Das war alles, was zählte, dachte er tröstlich.
   Jakob entfernte sich aus der Einfahrt und bog mit einem Lächeln auf den Lippen um die Hecke, wo sein Range Rover im Schein einer Straßenlaterne stand. Verdutzt stellte er fest, dass eine rauchende Gestalt auf der Motorhaube seines Wagens saß, eine Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, mit dunkler Sonnenbrille. Obwohl es einige Wochen her war, erkannte Jakob ihn sofort. Es war ganz eindeutig dieser dilettantische Straßenmusiker, der ihm das Portemonnaie geklaut hatte. Jakob ballte seine Fäuste und beschleunigte seine Schritte. Der Bursche aber schien die Ruhe selbst. Obwohl Jakob vor Zorn brodelte, lächelte der verdammte Kerl nur vergnügt bei seinem Anblick.
   „Na“, sagte er, „ausgeschmust?“
   „Runter von meinem Wagen.“ Jakobs Stimme war leise und eiskalt. Hätte ein Rekrut in der Kaserne ihn so erlebt, er hätte schnellstens das Weite gesucht. Doch nicht dieser Typ.
   „Dacht ich mir doch, dass der Schlitten dir gehört“, sagte Kitt und drückte seinen abgebrannten Zigarettenstängel vor Jakobs Augen auf der Motorhaube aus. „Wie für Kriegshelden gemacht.“
   Jakob musste sich förmlich dazu zwingen, die Beherrschung dieses Mal nicht zu verlieren und stattdessen Ruhe zu bewahren. „Was willst du, Parasit?“, sagte er ganz sachlich.
   „Parasit?“, der Dreckskerl johlte wie ein toller Köter. „Du weißt ja gar nicht, wie recht du hast. Und jetzt rate doch mal, an wem ich gerade wie eine Zecke klebe?“ Jakob ging nicht darauf ein und schwieg, also fuhr Kitt fort. „Wie langweilig ihr Gottesanbeter seid.“
   Kitt fischte aus seiner Jackentasche drei zerknitterte Fotos und schmiss sie vor Jakobs Füße. Falls dieser Bastard dachte, er würde vor ihm auf die Knie gehen und die Bilder aufsammeln, so hatte er sich ordentlich getäuscht. Der Wind drohte schon, die Bilder mit sich zu reißen, doch Jakob blieb regungslos.
   Sarkastisch sagte Kitt: „Ich wäre auch so cool, wenn es um meine Verlobte geht.“
   Jakob blinzelte nach unten. Ihm stockte der Atem, als er Jessica auf den Bildern erkannte. Sofort bückte er sich und sammelte sie auf. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er die Fotos nacheinander betrachtete. Das erste zeigte seine Verlobte auf einem Jahrmarkt vor einem erleuchteten Riesenrad; sie trug das weiße Sommerkleid, das Jakob so mochte, und lächelte mit ihrem zuckersüßen, unschuldigen Lächeln in die Kamera. Das zweite Bild war ein völliger Kontrast zum ersten. Es war ein Selfie von Jessie und... diesem Typen da. Es sah aus, als ob es in einer heruntergekommenen Kneipe entstanden war. Zusammen saßen die beiden auf einem alten Musikkasten. Jessies schönes Kleid war mit Cocktailspritzern befleckt und ihr Blick hatte nichts mehr von jener Unschuld des ersten Bildes – im Gegenteil, sie strahlte darauf etwas aus, das Jakob fast unheimlich war: Eine Art unsittlicher Verruchtheit, die er ihr niemals zugetraut hätte. Vielleicht aber, dachte er, ging dieses Teuflische auch von diesem Bastard aus, der über ihrem Nacken die Vampirfratze machte und dabei herausfordernd in die Kamera schielte, so als hätte er schon an jenem Abend gewusst, dass Jakob dieses Bild einmal zu Gesicht bekommen würde. Mit zitternden Händen und bangem Herzen besah er sich das letzte. Es war jenes Foto von Jakob und Jessie, das sich in seinem Geldbeutel befunden hatte, jenes ihm so heilige Bild, das in der ersten Woche ihres Kennenlernens im Garten entstanden war. Es war Jakob deswegen so heilig, weil er sich an jenem Tag Hals über Kopf in Jessie verliebt hatte.
   Jetzt war das Bild zerknittert und hatte einen tiefen Riss.
   „Dreh es um“, hörte er wie von ganz weit weg die Stimme des Straßenjungen.
   Ganz benommen tat er wie geheißen. Auf der Rückseite ihres gemeinsamen Bildes war ein fettes, mit Edding aufgemaltes Fragezeichen.
   „Keine Ahnung, wie du das eingefädelt hast“, sagte Jakob cooler als er war, „aber Jessica würde sich niemals so erniedrigen.“
   Zu Jakobs wachsendem Zorn grinste der Junge fies. „So ein Lächeln“, er meinte das erste Bild, „schenkst du nicht irgendwem. Aber keine Sorge, Jac, noch hält dein Mäuschen die Stellung. Aber nur weil ich traditionelle Werte vertrete. Die verlangen nämlich von mir, dass ich mir erst den Segen des Verlobten hole, bevor ich ihr die Unschuld raube.“
   Jetzt geschah es doch. All die angestaute Wut auf diesen Dreckskerl suchte sich ein Ventil. Mit einem Satz war Jakob bei Kitt, packte ihn am Kragen, schleuderte ihn wie einen Reissack auf den nassen Asphalt und drückte ihn fest zu Boden.
   „Willst du dich echt nochmal mit mir anlegen?“, zischte Jakob. „Hat dir das letzte Mal nicht gereicht?“
   Kühl sah Kitt zu ihm auf. „Seitdem hat sich einiges geändert – dein Mädchen ist nämlich dabei, die Seiten zu wechseln.“
   „Was willst du?“, fragte Jakob.
   „Nur was mir zusteht. Eintausend–“
   „Schläge? Kannst du haben.“
   „Euro“, sagte Kitt humorlos. „Und nochmals tausend für meine kaputte Gitarre.“
   „Soll das ein Witz sein?“
   Kitt befreite sich aus seinem Griff und rappelte sich auf. Wie für eine Katze, die der Maus in ihren Tatzen überdrüssig war, war das Spiel für ihn vorbei – jetzt ging’s ans Eigentliche.
   „Zweitausend auf die Hand und du siehst mich nie wieder. Ich lass dein Mädl an der Leine. Sie wird weiter nach eurer männlichen Pfeife tanzen, dich heiraten und dir irgendwann viele kleine Kriegshelden schenken.“ Kitts Stimme bekam einen drohenden Unterton. „Gib mir nur einen verdammten Cent weniger und ich erzähl ihr, wo du dich nachts nach Feierabend mit deinen Kameraden so rumtreibst. Sie wird aufwachen und mit mir durchbrennen. Du weißt ja, wie die jungen Dinger sind.“ Kitt streckte Jakob feierlich seine Hand entgegen. „Komm schon, Jac, gib dir einen Ruck und schlag ein.“
   Jakob starrte ihn voller Hass an. Nie hatte ihn jemand so respektlos und forsch behandelt. Und nie hatte er selbst einen anderen Menschen so innig gehasst und einen grausamen Tod gewünscht. Trotzdem schlug er ein. Zu Kitts Unmut aber ließ Jakob seine Hand nicht los, sondern drückte im Gegenteil noch fester zu, bis Kitts Fingerknochen schon knirschten und sich sein Grinsen in eine stille Leidensmaske verwandelte. Mit der anderen Hand griff Jakob unvermittelt in seinen langen Mantel und zog seinen Colt M1911 hervor. Noch immer mit festem Händedruck richtete er den Lauf der Waffe gegen Kitts Brust – da wo bei normalen Menschen das Herz saß.
   „Weißt du, was das ist?“, fragte Jakob leise.
   „Ne Wumme, würd ich sagen“, presste Kitt zwischen seinen Zähnen hervor.
   „Sein Name ist Frank“, fuhr Jakob drohend fort. „Ein Ungläubiger musste schon dran glauben, weil er sich mit uns angelegt hat.“ Jakob entriegelte zu Kitts Entsetzen die Waffe. „Du bekommst dein Geld. Nach der Hochzeit. Aber wenn ich dich noch einmal mit meiner Verlobten erwische, dann...“
   Jakob bohrte den Lauf der Waffe tiefer in Kitts Brust, bis dieser vor Schmerz aufstöhnte. Dann endlich ließ er Kitts Hand los, verstaute die Waffe zurück in seiner Manteltasche, stieg ohne ein weiteres Wort in seinen Range Rover und fuhr davon.
   Kitt sah ihm nach, während er sich die taub gewordene Hand massierte. Der Kriegsheld war durchtriebener als gedacht. Er sollte es nicht übertreiben. Andererseits war er schon schlimmeren Scheißkerlen gegenüber gestanden; und der Anblick einer auf ihn gerichteten Waffe war ihm auch nicht ganz unvertraut.
   Kitt warf einen letzten Blick auf die imposante Vorstadtvilla. In Jessies Zimmer brannte noch Licht. Er sah eine schmale Silhouette dahinter, die im Zimmer stand und sich die Haare kämmte. Ja, er war ein Mistkerl, aber sie war nicht viel besser. Fast hätte er den Fehler gemacht, sich wieder auf ein Weibsbild einzulassen. Mit Gefühlen und allem, was dazu gehörte. Ha, dachte Kitt, er sollte ihr danken, dass es soweit gar nicht erst gekommen war und sie sich für 'Major Tom' entschieden hatte. So konnte er in aller Ruhe Rache nehmen, nebenbei noch Geld verdienen und sich eine Verliebtheit, die seiner Erfahrung nach immer mit einem gebrochenen Herzen endete, ersparen. Im Grunde also eine Win-Win-Win Situation.
   Kitt spuckte kräftig zu Boden und nahm Abschied von Jessie, ihrer gemeinsamen Zeit und den Zärtlichkeiten an jenem Sonntag Morgen vor zwei Wochen, die für wenige Augenblicke die Barriere zwischen ihren beiden so unterschiedlichen Welten eingerissen hatten. Für einen Wolf wie ihn gab es genügend Rehe in Berlin, ja die ganze verdammte Stadt war ein einziges Wildgehege prachtvollster Rehlein, die nur darauf warteten, gerissen, verdaut und wieder ausgespuckt zu werden. Was kümmerte ihn also dieses Eine? Zum Teufel mit ihr, dachte Kitt, und verschwand in der vertrauten Dunkelheit einer nasskalten Herbstnacht.
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