Berlin Blues

von Levy
GeschichteHumor, Romanze / P16
02.09.2020
30.09.2020
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15.09.2020 4.086
 
Ein panischer Blick auf die Küchenuhr sagte ihr, dass es bereits später Nachmittag war. An diesem Sonntag Abend wollten ihre Eltern zurückkehren. Doch so wie Jessie ihren Vater kannte, könnte jeden Augenblick der Familienwagen in der Einfahrt erscheinen. Sie hatte nicht mehr viel Zeit, klar Schiff zu machen und ein weiteres Mal um den Block zu ziehen und nach ihrer vermissten Katze zu suchen. Trotz Übelkeit, Ermüdungserscheinungen und Kopfschmerzen säuberte Jessie wie eine Verrückte den Wohnbereich, akribisch darauf bedacht, alle Indizien der Junggesellinnenfeier verschwinden zu lassen. Auf Knien schrubbte sie den Boden, säuberte den Teppich, polierte die Tische, Stühle und Armaturen - so als wolle sie sich nicht nur vom Schmutz im Hause, sondern auch von der angestauten Schuld im Herzen befreien.
   So viele Gedanken und Bilder schossen ihr ungebeten durch den verwirrten Geist. Verdrängte Eindrücke ihrer ersten durchzechten Nacht, die jetzt ungeordnet zurück ins Bewusstsein drangen – etwa wie sie mit Anton und Kitt eine Art Trinkspiel begann, auf der Jukebox tanzte, Antons Schnupftabak probierte und sich an einer nach Fisch stinkenden Mauer übergab. Und immer wieder blitzte das Gesicht von Kitt in ihrem Geist auf. Mit großer Scham und noch größerer Schuld ertappte sie sich dabei, wie ihr beim Gedanken an ihren allerersten Kuss ganz heiß wurde...
   Je mehr sie schrubbte und putzte und fegte, desto stärker drängten sich die unerwünschten Gedanken in ihr Bewusstsein. Ihr Putzwahn endete erst, als etwas unerwartet aus ihrer Jackentasche zu Boden fiel. Es war ein alter MP3- Player, den sie nie zuvor gesehen hatte. Erstaunt blickte sie an sich herab und stellte verwundert fest, dass sie ja noch immer Kitts Klamotten trug.
   Oben in ihrem Zimmer schloss sie den Mp3-Player neugierig an Moes Subwoofer an. Und während Track 1 abgespielt wurde, betrachtete Jessie ihr Spiegelbild: Das offene Haar, ungekämmt und abstehend – so wild wie die Nacht, die hinter ihr lag. Dunkle, halbmondförmige Augenringe zeichneten ihre Lider. Und da war auch eine kleine Schramme auf der Stirn – aber Jessie wusste beim besten Willen nicht, woher diese stammte. War sie gestürzt? Hatte sie sich gerauft? Komisch, dachte sie und drehte sich vorm Spiegel um die eigene Achse. In Kitts Klamotten sah sie aus wie ein anderer Mensch und hatte mit der gewöhnlichen Jessie nicht mehr viel gemeinsam. Ein Außenstehender hätte sie wohl für zwei verschiedene Menschen gehalten, so groß war die Veränderung.
   Jessie lächelte. Ihr gefiel, was sie sah.
   Langsam bewegte sie sich zu den ungewohnten Tönen von David Bowies 'Rebel Rebel' und betrachtete weiter ihr Spiegelbild mit einer neugierigen Distanz, so als sei dies nicht wirklich sie, sondern... ja, wer eigentlich? Ihre Bewegungen wurden vor ihrem eigenen Auge freier, sexier, die Tanzschritte größer, die Hemmungen kleiner.
   So vertieft in die laute Musik und in ihren eigenen Tanz hörte sie nicht, wie draußen ein Wagen in die Einfahrt fuhr und vor der Garage zum Stehen kam. Es war natürlich der Mercedes ihres Vaters. Die hintere Tür sprang sofort auf und Sarah stieg mit einem prall gefüllten Korb selbstgepflückter Äpfel als Erstes aus. Ihr Bruder Lukas folgte etwas umständlich; er trug einen waschechten Ritterhelm mit hochgeklapptem Visier und dazu noch ein bronzenes Einhandschwert - beides Zeichen seiner Initiation vom Jungen zum Mann. Herr und Frau Havlock folgten als Letztes. Auf der Veranda stutzten sie verblüfft.
   Eine zerlumpte und zerzauste Miss Muppets saß maunzend vor der Haustüre und bat um Einlass. Sarah nahm die Hauskatze sogleich auf den Arm. Ihr Fell war über und über bedeckt mit Disteln und kleinen, grünen Kugeln, die fest an ihr klebten. Herr Havlock tauschte einen besorgten Blick mit seiner Frau - was war hier geschehen? Als sie die Türe öffneten, drang abgedämpft durch die Zimmerdecke laute Musik zu ihnen. Alle sahen nach oben...
   ... nach oben, wo David Bowies Stimme weiter auf voller Lautstärke aus dem Subwoofer dröhnte:
   „Rebel Rebel, your face is a mess!“
   Jessie verwandelte ihr Zimmer mehr und mehr in eine Bühne, auf der sie wie ein Rockstar frei und ungezügelt herumwirbelte. Sie ließ ihre Mähne fliegen, warf die Arme um sich, bangte ihren Kopf zum Beat und sang lauthals das Ende des Refrains mit:
   „Hot Tramp, I love you so!“
   Mit ausgestreckten Armen und einem irren Lachen wirbelte sie so lange um die eigene Achse, bis sich alles um sie herum drehte und die gewohnte Umgebung unscharf wurde und fast gänzlich verschwamm. Wie frei sie sich fühlte! Und wie gut! Sie hätte Stunden, Tage, Wochen so weiter machen können...
   Plötzlich verstummte die Musik. Jessie erschrak sich heftig ob der unerwarteten Stille. Noch ganz perplex wandte sie sich um und bemerkte schockiert, dass ihre Familie im Türrahmen stand und die Hand ihres Vaters am Subwoofer ruhte. Jessie wollte einen Schritt auf sie zu machen, doch der Nacheffekt der eben vollführten Spirale ließ sie das Gleichgewicht verlieren, stolpern und gegen den Wandspiegel prallen.
   Durch die Kollision fiel das Holzkreuz mit Jesusfigur zu Boden.

Kitt schob Moses, der im Rollstuhl saß und eine Decke über seinem Intimbereich liegen hatte, mit gewagten, kindlichen Manövern über den Parkplatz des St. Hedwig-Krankenhauses. Dort wartete Julie schon in voller Bikermontur auf einem roten Motorrad mit Beiwagen, Modell Ural T.
   Sie klappte das Visier ihres Helms hoch und zwinkerte Kitt und Moe zu: „Bereit, Jungs?“
   Wenig später rauschte ihr Feuerstuhl über Berlins Straßen. Kitt saß mit seiner umgeschnallten Gitarre hinter Julie und klammerte sich überall fest, nur nicht an ihrem Babybauch. Anstelle eines Helms trug er eine schwarze Baumwollmütze mit weißer 'Fuck off'-Aufschrift. Moe lag wie ein Toter im Beiwagen und stöhnte theatralisch laut bei jedem Holperer der Straße.
   Kitt war am heutigen Tag in ungewohnt guter Stimmung. Nachdem die Kleine aus seinem Appartement verschwunden war, hatte ihn aus dem Nichts die Muse gepackt und er hatte innerhalb von zwei Stunden einen neuen Song geschrieben – aus einem Guss, ohne Korrekturen oder Prokrastination, einfach frei raus, perfekt. Auf dem Weg zum Stripclub hatte er ihn ständig vor sich her gesummt und konnte es kaum erwarten, ihn das erste Mal vor Publikum zu spielen. Nachdem er sich von Eve das Geld für seinen Probearbeitstag abgeholt und einen befristeten Arbeitsvertrag unterzeichnet hatte, war er gleich zu Willi geeilt, der einen Block weiter in einer Maisonette-Wohnung hauste. Ein Nazi in einer verdammten Maisonette- Wohnung - das gibt's nur in Berlin! Nachdem Willi den Arbeitsvertrag mit Lupe genauestens untersucht und zur Absicherung noch Kitts neue Arbeitgeberin angerufen hatte, um nachzufragen, ob es hier auch mit rechten (!) Dinge zugehe, hatte er Kitt die verdammte Hand geschüttelt und ihm einen satten Aufschub um zwei Monate erteilt. Flocke und Torte hatten natürlich ganz schön blöd geguckt, als Kitt seinen Flachbild zurückverlangt und zu seiner eigenen Überraschung auf einen Wink von Willi auch bekommen hatte.
   Kitt war in so guter Laune, dass er sich heute sogar ernsthaft Mühe gab, Julies Geplapper zu verfolgen.
   „... dachte ja an Marlene. Das ist ein so eleganter, femininer, aber zugleich starker Name, findet ihr nicht?“, sagte sie und fügte, ohne eine Antwort von ihnen abzuwarten, selbstsicher hinzu: „Doch, doch.“
   Kitt fand Marlene als Namen ungefähr genauso grässlich wie die anderen Vorschläge, die er sich seit Stunden anhören musste: Darunter waren so garstige Kindesnamen wie etwa Ronja, Sybille, Meryl, Lydia und Barbara.
   Julie warf einen Blick auf ihren Verlobten. „Momo findet ja Alexa so schön, nicht Darling? Damit könnte sie dann direkt in Daddys Fußstapfen treten und an der Stange ihr Geld verdie–“
   „Kannst du mich in Grunewald absetzen?“, unterbrach Kitt sie, dem plötzlich ein Gedanke gekommen war.
   „Was willst du denn in Grunewald?“, fragte Julie skeptisch.
   „Na, mein Mädchen besuchen.“
   „Aber Nadja wohnt doch in Mitte“, sagte Julie überrascht, doch dann erinnerte sie sich an das Mädchen im Krankenhaus. „Du meinst deine Neue, oder? Das Blondchen?“
   „Scheiße, ja! Das ist vielleicht ne Katze, oder?“, schrie Kitt über den Autolärm hinweg in Julies Ohr. „Eine richtige scheiß Katze ist das!“
   „Charmant“, entgegnete Julie sarkastisch. „Sie ist übrigens verlobt.“
   „Ja“, sagte Kitt nur, „scheint grad Mode zu sein. Früher hieß es noch 'Willst du mit mir gehn'?“
   „Irgendwann erwischt’s dich auch.“
   Kitt lachte laut. „Das bezweifle ich. Ich bin nämlich nicht so blöd wie unser Mogli hier“, sagte Kitt und klapste Moses auf die Schulter. „Ein Augenaufschlag und zwei Brüste locken mich nicht aus dem Paradies.“
   Julie zog die Augenbrauen nach oben. „Also bleibst du für immer und ewig bei Papabär im Dschungel?“
   Kitt nickte. „Darauf kannst du einen lassen. Also, was ist jetzt mit Grunewald?“
   „Lass mich überlegen...“, sagte Julie und tat einen Moment lang so, als ob sie dies tatsächlich in Erwägung ziehe. „Nein.“
   „Ist doch gleich um die scheiß Ecke!“, sagte Kitt und biss sich sogleich auf die Lippen, denn Julie hatte ihm verboten, in ihrer Gegenwart zu fluchen – es könnte ja das verdammte Baby negativ beeinflussen. Scheinbar wollte sie nicht, dass es allzu viel von Kitts marodem Charakter mitbekam. Das ließ auch seine Chancen, Patenonkel des Kindes zu werden, gegen Null sinken. Trotz eines Abkommens mit Moses, das vor einigen Jahren im Suff entstanden war.
   „Um die Ecke?“, sagte Julie kopfschüttelnd. „Dein Freund hat Schmerzen und du willst, dass ich dich ans andere Ende der Stadt fahre, damit du einem unschuldigen Mädchen das Leben zerstören kannst? Schätzchen, weißt du, was ein Narzisst ist?“
   „Schon mal gehört...“, murmelte Kitt.
   „Dann zeig endlich mal Verantwortung in deinem Leben und denk über dich selbst hinaus. Das Mädchen wird heiraten, Himmel! Was willst du eigentlich von ihr?“
   Was er von ihr wollte, würde sie sowieso nicht verstehen. Also sagte er vage: „Ich will ihr nur was geben und so.“
   „Versprichst du mir, dass du sie nicht angräbst?“
   „Hoch und heilig, bei meiner verdammten Ehre!“, schwor Kitt sofort.
   „Kitt!“, sagte Julie und blickte sogleich voller Sorge auf ihren Bauch.
   „Sorry. Ich schwöre feierlich, dass ich sie weder anmachen werde, noch ihr die Unschuld raube oder das Herz irgendwie breche.“
   „Lügner“, sagte Moe mit geschlossenen Augen.
   Kitt schenkte Moe einen bitterbösen Blick. Dann erinnerte er sich an etwas und musste laut lachen.
   „Jules, weißt du, was ich dem Vater deines Kind da versprechen musste, als er dachte, dass man ihm den Schniedel stutzt?“

Auf einem Gehsteig mitten im Nirgendwo stand Kitt mit dem im abgekoppelten Beiwagen sich befindlichen Moe. Sie sahen Julie nach, die auf ihrem Motorrad davon sauste und die beiden Männer in der Berliner Pampa stehen ließ. Erziehungsmaßnahmen hatte sie es genannt. Sie sollten beide einmal bei einem langen Spaziergang durch die Stadt über ihre Sicht auf das andere Geschlecht nachdenken. Kitt hatte geflucht, bis ihm die scheiß Wörter ausgegangen waren. Doch es hatte alles nichts gebracht. Julie hatte ihm eine gescheuert und war dann auf und davon.
   „Toll“, sagte Moe ironisch zu Kitt. „Gut gemacht. Kannst du nicht einmal deine verdammte Schnauze halten?“ Kitt zündete sich eine Zigarette an und schwieg. Moe seufzte. „Schieb mich bitte zur nächsten S-Bahn-Halte und dann lass mich verdammt nochmal in Frieden.“
   Vorsichtig fragte Kitt: „Können wir vorher noch nach Grunewald?“

Jessie saß neben ihrer Mutter auf einer Holzbank im Garten, die nahe der mannshohen Hecke unter einer ausufernden Trauerweide stand und sie verschleierte. Um sie herum befand sich ein Meer aus Blumen, Sträuchern und Zierpflanzen aller Art. Jessies linke Wange war rot. Verdientermaßen rot, wie sie sich selbst eingestehen musste. Trotzdem war sie nach der Ohrfeige des Vaters mit tränennassem Gesicht in den Garten hinaus gerannt. Ihre Mutter war ihr gefolgt. Jetzt saßen sie schon über eine Stunde unter dem Schutzmantel der Weide und Jessie hatte ihr alles gebeichtet – nun gut, fast alles. Den Kuss hatte sie verschwiegen.
   Frau Havlock hatte ihrer Tochter genau zugehört und sie ausreden lassen. Nun, da Jessie fertig war mit ihrer Beichte, ergriff sie das Wort. „Es war richtig von dir, mir das mitzuteilen“, sagte sie und berührte Jessie mitfühlend an der Schulter.
   „Du bist mir also nicht böse?“, fragte Jessie und sah ängstlich zu ihr auf.
   Ihre Mutter lächelte sanft, streckte ihre Hände nach Jessies wildem Haar aus und begann dieses langsam zu bändigen und zu flechten.
   „Im Leben eines jeden Mädchens“, sagte sie, „gibt es diesen einen Jungen, der es auf die Probe stellt. Oh, sie sind schön, verführerisch, wild. Nur zu gerne würden wir ihnen unsere Blüte schenken.“
   Jessie schloss ihre Augen. War es möglich, dass ihre Mutter sie tatsächlich verstand? Sie hatte Recht, mit dem was sie sagte. Kitt war schön, war verführerisch, war–
   „Aber sie sind das Werkzeug des Teufels“, fuhr ihre Mutter vehement fort. „Sie kommen in schöner Verkleidung und mit süßen Worten, um dich vom Licht Gottes in die Schatten zu locken. Jetzt ist der Moment für dich gekommen, deine Liebe zu Gott unter Beweis zu stellen. Widerstehe diesen körperlichen Gelüsten, bete zu Jesus Christus, dann bleiben die Tricks des Teufels wirkungslos.“
   Jessie nestelte an einer Blume herum, zog ihr eine Blüte nach der anderen aus.
   „Es ist nur, ach, ich weiß auch nicht...“, sagte Jessie.
   „Hat er dieses besondere Etwas? Das Funkeln in den Augen, den schelmischen Blick? Fühlst du Zuneigung, vielleicht sogar so etwas wie Verliebtheit?“
   Jessie musste nicht lange darüber nachdenken. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, stärker, als sie es je für möglich gehalten hätte. Schwach nickte sie.
   „Dann glaube mir, was ich jetzt zu dir sage, Jessica. Er ist es: der Verführer. Aber du musst mir in dieser Sache vertrauen. Das, was du jetzt für ihn empfindest, ist nichts als eine bloße Laune deines Körpers – heute alles, morgen schon nicht mehr. Wenn sie vorüber ist, weißt du, dass ich Recht hatte. Wahre Liebe gedeiht mit jedem Tag, sie ist ein Geschenk unseres Herrn und kein Nachgeben körperlicher Lust. Okay?“
   Jessie nickte schwach, war jedoch in Gedanken woanders.
   „Mam?“, sagte sie leise.
   „Ja, mein Schatz?“
   „Wer war es bei dir? Wer hat dich auf die Probe gestellt?“
   „Ach, er war niemand, Schätzchen“, sagte ihre Mutter ausweichend. „Ich weiß kaum noch wie er aussah, und seinen Namen habe ich auch längst vergessen. Sieh mal, wer da kommt.“
   Ihre Mutter deutete durch das herabhängende Blätterwerk zur Terrasse. Dort erschien Jakob und trat, als er Jessie und Frau Havlock sah, über den Rasen zu ihnen. Sein rechter Arm befand sich in einer Schlinge. Jessies Herz schlug schneller. Sie hatte Angst vor seiner Reaktion – wie viel wusste er von ihren Eskapaden? Doch als Jakob unter der Trauerweide hindurchging und Jessie erblickte, erhellte sich sein Gesicht und strahlte sie an. Jessie konnte nicht anders, als ebenfalls breit zu lächeln. Das war der Mann, dem sie sich versprochen hatte. Und er war schön und freundlich und ehrenhaft und erbarmungsvoll – er war ein Glücksfang, ein Geschenk Gottes. Sie sprang auf und warf sich ihm in die Arme, ehe er ihre Tränen bemerken konnte. Jakob war überrascht ob ihrer Reaktion, freute sich aber, küsste ihren Haarschopf und erwiderte die Umarmung herzlich. Jessie schwor sich noch in dieser einen Umarmung, keinen Gedanken mehr an den Verführer Kitt zu verschwenden. Sie war verlobt. Sie würde heiraten. Sie würde glücklich werden.
   „Was ist denn mit deinem Arm passiert?“, fragte Jessie, nachdem sie sich voneinander gelöst hatten.
   „Du wirst es nicht glauben: Ich bin vom Pferd gefallen“, sagte Jakob und lachte laut über sich selbst.
   Frau Havlock legte eine Hand auf Jakobs Schulter. „Dein Verlobter ist zu bescheiden. Die Männer sagen, er habe sich während der Jagd vom Pferd aus auf ein Wild geschmissen und es mit seinen eigenen Händen erlegt.“
   Jessie sah fragend zu ihm auf, „Ist das wahr?“
   Jakob zuckte bescheiden wie er war nur mit den Schultern und sagte: „Ich hatte keine Munition mehr – es war trotzdem dumm.“
   Frau Havlock tat etwas, das sonst eigentlich tabu war. Sie verabschiedete sich von den beiden und ließ sie alleine im Garten zurück.
   „Möchtest du dich setzen?“, fragte Jakob, und Jessie nickte. Sie kuschelte sich an Jakobs starke Schulter und fuhr mit ihren Fingerspitzen zärtlich über die Schlinge.
   „Tut es noch sehr weh?“, fragte sie liebevoll.
   „Jetzt gerade? Nein.“ Jakob sah sie an, sie waren sich zum ersten Mal körperlich sehr nahe. „Du hast mir gefehlt.“
   „Du mir auch“, sagte Jessie und meinte es vollkommen ernst. Erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen und so umarmte sie Jakob abermals. Plötzlich riss sie vor Schreck die Augen auf. Durch eine Lücke in der Hecke, die den Garten von der Straße trennte, erblickte sie Kitts Gesicht, das sie seinerseits mit einem seltsamen Ausdruck anstarrte.

Hinter der Hecke schritt Kitt den Gehweg auf und ab, auf und ab, auf und... Zwei Zigaretten steckten zwischen seinen Lippen, an denen er wie ein Nager kaute. Er konnte noch immer nicht fassen, was er soeben im Garten der Havlocks erblickt hatte. Wie sie in seinen garstigen Armen lag! Heute morgen noch hatte sie sich wie eine Ertrinkende auf ihn gestürzt, hatte sich nach ihm verzehrt, ihn förmlich wund geküsst – und jetzt? Kitt ignorierte Moe, der auf der anderen Straßenseite mühevoll und stöhnend vom abgekoppelten Beiwagen in seinen seit Tagen dort geparkten BMW zu klettern versuchte.
   Endlich hörte er, wie die Haustüre sich öffnete. Jessie stahl sich geschwind aus der Einfahrt um die Hecke, wo Kitt seit über zehn Minuten auf sie wartete.
   „Bist du verrückt?“, zischte sie sofort bei seinem Anblick. „Du kannst nicht einfach so hier auftauchen! Was, wenn dich jemand sieht?“
   „Liebst du ihn?“, blaffte Kitt sie an und biss dabei versehentlich die Filter ab, sodass beide Zigarettenstängel am Asphalt landeten.
   Jessie wich seinem Blick aus. „Liebe ist etwas, das erst mit Gottes Segen entstehen kann“, sagte sie wie aus dem Lehrbuch.
   Kitt lachte und Jessie machte 'Schhhh' und sah besorgt um die Hecke herum zum Hauseingang.
   „Glaubst du das wirklich“, sagte Kitt mit kaum gedämpfter Stimme, „oder haben dir das deine werten Eltern eingetrichtert?“
   „Was weißt du schon von Liebe! Für dich bin ich doch nur eine weitere, die schnell wieder verpufft.“
   „Ja, mag sein“, sagte Kitt achselzuckend. „Und?“
   Jessie sah ihn halb enttäuscht, halb beeindruckt ob seiner kalten Ehrlichkeit an. „Du bist ein wahrer Romantiker, oder?“
   „Wenn’s um solche Dinge geht, weiß ich besser Bescheid als du oder dein Jakob. Und ich verrate dir jetzt mal was: Den Einen, von dem dir deine Eltern wahrscheinlich seit deiner Kindheit in romantischen Erzählungen berichten, der auf einem weißen Schimmel eines Tages daherkommt, dein von Jesus gesandter Märchenprinz, der dich aus der Höhle des bösen Drachen befreit – den gibt’s nicht und den hat’s nie gegeben!“
   „Jesus hat ihn mir schon lange geschickt“, sagte Jessie und vergaß jetzt selbst die Stimme zu senken, so aufgebracht war sie. „Und im Gegensatz zu dir behandelt mich Jakob wie eine Prinzessin.“
   Kitt sah sie mit seinen wie üblich spöttisch blickenden Augen durchdringend an.
   „Wenn er dich wirklich wie eine Prinzessin behandelt, warum hast du dann deinen ersten Kuss an mich verschwendet?“, sagte er durchtrieben und beugte sich zu ihr vor. „Oder bereust du’s und willst ihn zurück?“
   Kitt berührte sanft ihre Lippen, doch Jessie entzog sich ihm sogleich. „Hör auf“, sagte sie. „Ich war betrunken, ich war nicht ich selbst, ich–“
   „Im Gegenteil!“, schrie Kitt. „Du bist endlich mal aus deinem kleinen Schlummer erwacht. Und das macht dir Angst. Aber weißt du was? So ist das eben anfangs mit der Freiheit.“
   Ihre Augen blickten Kitt unverwandt an, doch ihre Stimme änderte sich – eine kühle Bestimmtheit lag jetzt darin, die selbst Kitt nicht entging. „Das heute war ein Fehler, und es wird nicht wieder vorkommen.“ Sie deutete durch die Hecke auf ihr Familienhaus. „Das ist meine Welt.“
   Kitt konnte es nicht fassen. Dieses dumme, indoktrinierte, naive Mädchen!
   „Und was ist das für ne Welt?“, fragte er so laut, dass selbst Moe, der inzwischen halb im BMW saß, zu ihnen rüber schielte. „Eine, in der du wie ’n Köter an der Leine hängst und nicht tun darfst, wonach deine Natur strebt? Das ist keine Welt, das ist ein Gefängnis! Und alles, was du durch deine kleine Heirat erreichst, ist vom einen ins andere zu hüpfen. Das Einzige, was sich ändern wird, ist, dass dein Daddy die Zügel an deinen Verlobten übergibt.“ Kitt hielt inne, denn er bemerkte, dass ihre Augen feucht wurden. Er verfluchte sich selbst für seine harten Worte, verfluchte sich, dass er dieses schöne Kind wiedermal zum Weinen brachte. Etwas sanfter fuhr er fort. „Jessie, sieh mich an.“     Sie tat es, und Kitt legte seine Hände behutsam um ihre Hüfte. „Du bist eine erwachsene Frau. Du entscheidest selbst über dein Leben. Manchmal wirst du dabei voll auf die Schnauze fallen und deine Entscheidungen bereuen, aber du wirst aus jeder einzelnen lernen und stärker werden – für alles, was man sich entscheidet, gibt es einen Grund.“
   Behutsam zog er sie zu sich heran. Sie ließ es zu seiner eigenen Überraschung geschehen. Ihre Lippen waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt und die Anziehung dazwischen war unausweichlich stark. Als Kitt schon die Augen in freudiger Erwartung eines Kusses schloss, drang die laute Stimme von Jessies Vater von der Veranda des Hauses zu ihnen durch die Hecke: „Jessica! Wo steckst du?“
   Jessie erschrak sich heftig. Für einen Moment hatte sie ganz vergessen, wo sie war und welche Lippen sie im Begriff war, zu küssen. Hastig befreite sie sich aus seiner Umklammerung. „Es tut mir Leid, Kitt. Wirklich. Unter anderen Umständen, aber...“ Rückwärts, ihn immer noch betrachtend, entfernte sie sich von ihm.
   „Warte“, sagte Kitt und hasste die Brüchigkeit, die mit einem Mal in seiner Stimme lag.
   „Ich kann nicht, bitte.“
   Sie machte auf dem Absatz kehrt, wollte gerade aus dem Schutz der Hecke aufs Grundstück schreiten, da sagte Kitt etwas, das sie zum Stehenbleiben veranlasste: „Ich hab 'n Lied über dich geschrieben. Willst du’s hören?“
   „Über mich?“, fragte sie verdutzt.
   „Über dich“, sagte Kitt.
   Jessie rang mit einer Entscheidung. Dann bedeutete sie Kitt, einen kurzen Moment zu warten. In Richtung ihres Hauses schrie sie: „Ich komme gleich, Papa!“ Dann schenkte sie ihre ganze Aufmerksamkeit Kitt.
   „Darf ich es hören?“, fragte sie und fügte hinzu: „Leise?“
   „Ja“, sagte Kitt. Er griff nach seiner Gitarre am Rücken, doch irgendetwas ließ ihn innehalten. Stattdessen wanderten seine Hände in einer fließenden Bewegung weiter in die Jackentasche. Enttäuscht stellte sie fest, dass er eine neue Zigarette daraus hervorzog. Während er sie anzündete, sagte er, ohne sie anzusehen: „Eigentlich ist es total langweilig.“ Jessie schwieg und er fuhr fort. „Es hat gerade mal zwei einfache Akkorde. Takt und Versmaß hab ich aus dem Gesangbuch deiner Eltern geklaut.“ Kitt nahm einen ersten kräftigen Zug seiner Kippe. „Um’s richtig zu spielen“, sagte er und stieß eine Rauchwolke aus, „muss man jede Saite vorher falsch stimmen.“
   „Warum tust du das?“, sagte Jessie mit verletzter Stimme.
   Doch Kitt fuhr unbeirrt fort. „Und die Lyrics erst! Auf den Punkt! Verse von großer Feigheit und Verblendung mit einer kleinen Prise ach so geliebter Opferhaltung. Willst du mal ne Zeile hören?“
   Jessie warf ihm einen tief verletzten Blick zu, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand um die Hecke. Kitt schleuderte ihr vor Wut schäumend sein Beanie nach, das sie knapp verfehlte und mit Aufschrift 'Fuck off' nach oben am kurzgetrimmten Rasen landete.
   Grimmig schritt er über die Straße auf den BMW zu. Er hatte erst drei, vier Züge seiner Zigarette inhaliert und doch schnippte er sie wütend weg. Sie schmeckte ihm gerade nicht. Moe saß inzwischen mehr schlecht als recht hinterm Steuer im Wagen.
   „Und, Romeo?“, sagte er, als Kitt den Wagen erreichte. „Habt ihr euch beide vergiftet? Können wir jetzt endlich los?“
   Zur Antwort knallte ihm Kitt die Fahrertür ins Gesicht.
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