Berlin Blues

von Levy
GeschichteHumor, Romanze / P16
02.09.2020
30.09.2020
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02.09.2020 1.753
 
„Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit an einem gar nicht mal so weit entfernten Ort, da verliebte sich ne Hündin an der Leine in eine Katze von der Straße.“


Acoustic Blues in Begleitung einer männlichen Stimme erfüllte in jener Nacht, da unsere Geschichte beginnt, die heruntergekommenen Straßen Ostberlins.
   Ein junger Straßenmusiker im androgynen Look eines 70er Jahre Punkrockers lehnte gegen die brüchige Außenfassade eines Stripclubs namens Eve’s Garden. In seinen Händen hielt er eine schwarzrote Westerngitarre, eine Baby Taylor BT2, in die der Name Betsie eingraviert war. Seine Augen lagen verborgen hinter einer undurchsichtigen Sonnenbrille. Niemand hatte Kitt – so nannte sich der Junge selbst – jemals ohne sein dunkles Accessoire gesehen.
   „Die Katze aber wollte nichts davon wissen, versteht ihr?“, sagte Kitt in seinem gewohnten Sprechgesang zu der kleinen Menschentraube, die um ihn herum versammelt stand und seiner Darbietung lauschte.
   „Warum?“, rief einer aus der Zuhörerschaft. „Ist sie schwul, oder was?“
   Einige lachten. Für gewöhnlich hasste Kitt Zwischenrufe aus dem Publikum - diesen aber war er gewillt, zu verzeihen. Mit einem schiefen Grinsen wandte Kitt sich an einen dunkelhäutigen, durchtrainierten Kerl, der lässig auf der Treppe vor Eve’s Stripclub saß und an einer Zigarette zog. Seine Name war Moses „Moe“ Valentine. Moe war nicht nur der beste Stripper des Kiezes, sondern auch Kitts einzig wahrer Freund.
   „Schwul, nicht schwul – ist doch egal! Die hing halt lieber rum, drehte Dinger und sang Lieder über Billy Boy und Bobby Blues und–“
   „Miezen ohne Mieder?“, unterbrach ihn Moe grinsend.
   Kitt, dem das gefiel, ging auf seiner Gitarre in ein improvisiertes Blues Solo über, das viele in der Menge zum Tanzen animierte. Ein heruntergekommener Mittdreißiger drängte sich währenddessen durch den Kreis der Zuhörerschaft, wobei er auf seinem Weg viele der Tanzenden aus Unachtsamkeit anrempelte und ein „Tschuldigung“ nach dem anderen nuschelte. Sein Name war Wiesel und jeder wusste, dass Wiesel nicht der Musik wegen hier war. Er war auf Schnitzeljagd nach Seelenfutter, wie er es selbst nannte. Und bei Kitt gab’s meistens ein klein wenig davon. Ohne den Straßenmusiker eines Blickes zu würdigen, ging Wiesel vor Kitts ausgebreitetem Gitarrenkoffer auf die Knie und wühlte sich mit seinen abgenagten, verdreckten Fingern durch den Inhalt. In einem versteckten Seitenfach schließlich fand er, wonach er so sehnsüchtig gesucht hatte: Dutzende CD-Hüllen mit Aufdruck Bobby Blues. Wiesel schnappte sich drei davon, kramte aus seiner Hosentasche ein zerknittertes Bündel Geldscheine hervor und ließ einen Fuffi in den Koffer fallen. Mit neuen Lebensgeistern erhob sich der gichtkranke Wiesel, applaudierte Kitt kurz übertrieben laut und den Takt missachtend zu, machte dann kehrt und verschwand wieder in der Nacht, um im angrenzenden, stillgelegten Industriegebiet seine süchtige Seele mit einer Prise Bobby Blues zu füttern.
   Kitt bekam davon freilich wenig mit. In jenen Momenten, da die Musik durch seinen Geist und Körper floss, verschwamm die Außenwelt zu einem traumähnlichen Gebilde, an das er sich später nur selten erinnerte.
   Eine der hier anschaffenden Prostituierten holte ihn mit einem ungeduldigen Zwischenruf zurück in die Realität. „Und was ist jetzt mit der Hündin?“, wollte sie wissen.
   Es dauerte ein, zwei Augenblicke, ehe Kitt begriff, von welcher verdammten Hündin sie da faselte. Dann aber erinnerte er sich vage wieder an die Lyrics, die er vor seinem Solo spontan erdichtet hatte.
   „Nun“, sagte Kitt, nach Worten suchend, „das arme Ding... das sehnte sich, ich weiß nicht wie, nach wahrer Lieb und Family!“
   Ja, das fetzt! dachte er.
   Doch es dauerte nicht lange, da folgte schon die nächste verbale Unterbrechung - diesmal von einer aufgetakelten Dicken, die wohl Teil einer Junggesellinnengruppe war, denn alle sieben trugen farbenfrohe Oberteile mit identischem Aufdruck („Hallo Welt, wir sind noch zu haben.“)
   „Gibt’s ein Happy End?“, fragte die Dicke und stupste blöde grinsend eine ihrer Kolleginnen an.
   „Bei der Katz?“, sagte Moe und sah arg zweifelnd zu Kitt.
   Kitt ignorierte seinen Kumpel und richtete sich stattdessen an die Junggesellinnen: „Ein Happy End wollt ihr? Ne Hochzeit? Kinder?“
   „Sie heiratet!“, sagte wieder die Dicke und deutete dabei begeistert auf die bald Vermählte neben sich, die als einzige ein weißes T-Shirt mit aufgedruckten Gitterstäben trug.
   Kitt verbeugte sich tief vor ihr. „Mein aufrichtiges Beileid“, sagte er. Die Zuhörer lachten und Kitt, dem es jetzt so langsam reichte mit dem ganzen Zwischengerufe, ergriff lauthals das Wort, um die Session für heute zu beenden. „So dann, ein kleiner Vorgeschmack aufs künftige Glück: Die Hündin klammerte und flennte, ja sie heulte ganze Nächte, bis unsere Katz – die Faxen dicke – sie traktierte mit der Tatz. Und sie küssten und sie schlugen sich, verfluchten und zerstörten sich, und zeugten so – wie’s sich gehört – Missgeburt auf Missgeburt, die sie erst küssten, bald drauf schlugen. Ja, und wenn sie nicht geschieden sind, dann zanken sie noch heute!“
   „Und die Moral von der Geschicht?“, fragte Moe.
   „Ne Katze bleibt ne Katz“, sprach Kitt ins Mikrofon. Und an die Vermählte: „Daran ändert auch die Ehe nix. Olé!“
   Ein letzter, harter Akkord, dann war die Mär beendet. Kitt verbeugte sich vor den Zuhörern. Mäßiger Applaus folgte, noch mäßigere Spenden. Die Menge löste sich bis auf Moe auf.
   „Kitt, du verlorener Sohn.“
   „Moses, Baby, schon Feierabend?“
   Moe gesellte sich in seinen schicken Cowboystiefeln zu Kitt und reichte ihm eine seiner Zigaretten, die er ihm freundlicherweise auch gleich entzündete.
   „Ich soll dir von Evie ausrichten, dass du woanders dealen sollst“, sagte Moe und warf einen angewiderten Blick auf Kitts Gitarrenkoffer. „Zuhälter und Bullen sind schlecht fürs Geschäft. Und du, mein Bester, ziehst leider beides an.“
   „Wer dealt hier?“, sagte Kitt mit perfektionierter Unschuldsmiene. „Gilt ein bisschen Straßenkunst jetzt schon als Verbrechen?“
   Ein weiterer Junkie schlurfte heran, legte wortlos einen Zwanziger in Kitts Koffer und verschwand mit einer Scheibe Bobby Blues.
   „Meine neue Platte ist der Hit“, sagte Kitt und nahm einen genüsslichen Zug der Kippe.
   „Hab ich gehört. Und der Zwerg wohl auch. Gerüchten nach ist der nicht gerade happy über deine – wie war das? – ach ja, Straßenkunst.“
   „Die Zuhälter hier interessieren mich einen Dreck“, erwiderte Kitt nur und spuckte dabei vor seine Füße.
   „Dumm nur, dass du sozusagen auf ihrer Bühne dein Bobby Blues vertickst“, sagte Moe und überblickte kurz den Straßenstrich, auf dem sie sich befanden und der mittlerweile zu einem zweiten Zuhause für sie geworden war.
   „Das ist ne öffentliche Straße, oder?“, sagte Kitt und schleuderte seinen abgebrannten Zigarettenstummel genervt auf den kalten Asphalt. „Wenn der Wichser ein Problem hat, soll er kommen - den mach ich alle.“
   Moe konnte sich bei der Vorstellung, dass sein schmächtiger Freund nicht die Saiten einer Gitarre, sondern die eigenen Fäuste zum Schwingen brachte, ein Grinsen nur schwer verkneifen. „Hast du seine Schlägertruppe vergessen?“
   „Ach was! Die prügel ich grün und blau – so! Und so! Und dann HAAAA!“, sagte Kitt und teilte wilde, selbstvertonte Lufthiebe gegen imaginäre Feinde aus, bis ihn seine Raucherlunge hustend in die Knie zwang.
   „Mein Gott“, sagte Moe kopfschüttelnd. „Wie wär’s, wenn du dir endlich mal einen anständigen Job zulegst?“
   Kitt zündete sich eine neue Zigarette an und schwieg. Sein halbes Leben lang hatte er sich diese oder ähnlich gut gemeinte Worte von allen möglichen Autoritäten und Quälgeistern anhören müssen. Dass jetzt auch noch sein bester Freund mit der Leier anfing, setzte dem Ganzen die verdammte Krone auf. Dabei wusste Moses ganz genau, dass Kitt zeitweise tatsächlich versucht hatte, in der bürgerlichen Welt Fuß zu fassen. Drei abgebrochene Studienfächer, dutzende kurzweilige Jobs und ein völlig verkorkstes Praktikum in der Musikbranche sollten wohl Beweis genug für seine ehrlichen Bemühungen sein. Er war nunmal kein Dutzend- und Herdentier.
   „Ich bin Künstler, Moe, kein Arbeitsklave“, sagte Kitt und überhörte Moes genervtes Seufzen. „Zu Goethes Zeiten hätten sich die Schirmherrn um mich und meine Rechnungen geprügelt, ja die hätten sich ein Bein nach dem anderen ausgerissen, um mich und meine Bets in ihrem Namen über den ganzen verdammten Globus schicken zu dürfen. Mein Dilemma ist, dass ich in einer verfluchten Dreckswelt lebe, die lieber in Kleingärten und Bausparer investiert als in wahre Kunst.“
   Moe, der Reden wie diese von Kitt schon öfters mit anhören musste, zog nur seine schön geschminkten, mit Glitzerstaub versehenen Augenbrauen nach oben. „Dein Dilemma ist, dass du vor lauter Faulheit dein Talent am Strich vergeudest. Da, guck mal.“ Moe deutete auf ein riesiges Werbeplakat, das auf der anderen Straßenseite an einem baufälligen Pub angebracht war.
   Kitt kniff die Augen zusammen und las die Aufschrift. New Talents Berlin. Eine lokale Talentshow für Sänger und Songwriter.
   „Ich soll also einmal kurz meine scheiß Seele verkaufen?“
   „Nein“, korrigierte ihn Moe und verpasste ihm einen freundschaftlichen Schlag gegen die Brust. „Du sollst einmal kurz deinen Arsch hochkriegen und was aus deiner verfluchten Kunst machen.“
   Kitt sah ihn voller Argwohn an. Schließlich sagte er: „Die suchen aber keine wahren Musiker, die suchen irgendwelche Vorzeigemarionetten, die die immer gleichen Lieder für sie singen.“
   „Na und?“, sagte Moe und zuckte mit den Schultern. „Dann geh einmal konform mit der Masse, kassier das Preisgeld ab und begleich damit ein paar deiner Schulden.“
   Doch Kitt wollte davon nichts hören.
   „Jetzt stell dir mal bitte vor, David Bowie oder Lou Reed hätten bei so einer Mainstream-Kacke mitgemacht... die wären keine Runde weitergekommen! Zwei der größten Musikikonen hätte man rausgeschmissen, nur weil irgend so ein Boygroup-Wichser zwei Oktaven höher singt.“
   „Überleg’s dir“, sagte Moe und klopfte Kitt zum Abschied auf die Schulter. Seine Raucherpause war vorbei, er musste zurück an die Stange. „In zwei Wochen sind die Auditions!“, rief er ihm noch über die Schulter hinweg zu, ehe er die Treppen zum Stripclub erklomm.
   „Hab ich schon!“, erwiderte Kitt sofort. „Willst du wissen, was ich von deiner glorreichen Idee halte?“ Kitt exte seine lauwarme Bierflasche und schleuderte sie dann mit aller Kraft der Fassade mit dem Plakat der Talent Show entgegen... traf aber stattdessen ein parkendes Auto, einen nagelneuen Audi RS7, dessen Hightech-Alarmanlage daraufhin lauthals losging.
   „Fuck“, murmelte Kitt, kramte schnell seine Sachen zusammen und machte sich schleunigst auf den Weg zur nächsten Kneipe, um dort für eine Weile unterzutauchen und bei einigen White Russian die Nacht ausklingen zu lassen.
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