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Just Polyester

KurzgeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Iwaizumi Hajime Oikawa Tooru
01.09.2020
01.09.2020
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Ahh, ich habe eine Woche an dieser FF gearbeitet, nur um sie beim erneuten Durchlesen nicht mehr gut zu finden. Ich habe mich dennoch dazu entschieden sie hochzuladen, um sie nicht zu verlieren.

Just polyester



Das klirrende Geräusch von aneinanderstoßenden Gläsern erfüllte den bereits sehr stickigen Raum, als Oikawa erneut sein Weinglas hob, um bei seiner Rede fortzufahren. Die Sonne war an diesem für zwei Personen so bedeutsamen Tag bereits untergegangen, weshalb das warme Licht der Lampen die einzige Lichtquelle bot. Man konnte beinahe bereits den Alkohol, der von all den Gästen konsumiert wurde, gemeinsam mit dem ekelhaften Geruch von Schweiß in der Luft riechen, aber dies schien niemanden zu stören, da es etwas viel Wichtigeres gab, um das sich die Anwesenden kümmern mussten. Die Leute im Raum – Freunde, Familie, vertraute Gesichter – blickten alle zu der einzig stehenden Person auf, die gerade den gesamten Saal unterheilt. Dies war nicht besonders überraschend, wenn man Oikawas natürlichen Charme und offene Persönlichkeit in Betracht zog. Natürlich spielte auch sein wirklich sehr gutes Aussehen eine Rolle, aber noch wichtiger war die Rede, die er gerade hielt und welche die Gäste zum Lachen und Grinsen brachte.

„Wisst ihr…“, fuhr der Braunhaarige fort, „Ich kenne Iwaizumi Hajime nun schon mein gesamtes Leben. Um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht mehr genau wann wir uns kennengelernt haben. Kannst du dich denn zufällig daran erinnern, Iwa-chan?“

Dies war eine Lüge, aber er war viel zu schüchtern, um dies zuzugeben. Was würden denn die Leute von ihm denken, wenn sie erfuhren, dass er sich an absolut jede Begegnung mit Hajime noch bis ins kleinste Detail erinnern konnte? Ihr erstes Treffen war nun schon so lange her und keine normale Person würde sich die Mühe machen diese und jede andere wichtige Begegnung im Geheimen in einem Buch niederzuschreiben, um sie niemals zu vergessen.

Niemand würde dies für nur einen Freund tun. Doch schmerzhafterweise hatte sich Oikawa Tooru bereits vor langer Zeit eingestehen müssen, dass der Mann, für den er gerade diese Rede hielt, so viel mehr war als nur sein bester Freund.

Oikawas schokoladenbrauner Blick traf auf stechendes grün, als Iwaizumi zu ihm blickte und lachend seinen Kopf schüttelte. Dieses Lachen. Wenn er komplett ehrlich war, so musste Oikawa zugeben, dass er es schon immer geliebt hatte. Schwer schluckend lockerte der Braunhaarige seine Krawatte, da es plötzlich noch heißer in dem sowieso schon stickigen Raum wurde. Natürlich erinnerte er sich nicht.

Er war immerhin nicht sie. Es gab absolut keinen Grund für Hajime sich weiterhin an die einzelnen Tage gemeinsam mit Oikawa zu erinnern, da er nicht die wichtigste Person in seinem Leben war und Erinnerungen eben sehr leicht zu zerbrechen waren. Doch obwohl es vielleicht aus Iwaizumis Erinnerungen verschwunden war, so lebte diese kostbare Begegnung doch in Oikawas Kopf weiter – und das würde sie auf Ewig.

„Autsch“, fluchte ein kleiner braunhaariger Junge, während er versuchte seinen Lieblingsball zu erreichen, welcher ihm beim Spielen ins Wasser gefallen war. Glücklicherweise wurde dieser nicht weiter von der starken Strömung mitgezogen, da ihn einige Äste aufgehalten hatten. Dies änderte jedoch immer noch nichts an der Tatsache, dass er ihn nun nicht mehr erreichen konnte. Oikawa war bereits einige Male an den Felsen abgerutscht, was dazu geführt hatte, dass er sich beide Hände und seine Knie aufgeschürft hatte. Seufzend blickte der Junge seinem vermutlich auf immer verlorenen Ball hinterher, bevor er seine Unterlippe vorschob, um zu schmollen. Das war einfach nur unfair! Er war viel zu klein, um die Chance zu bekommen das Spielzeug zu erreichen. Und noch dazu hatte seine Schwester ihm den Ball geschenkt. Sie würde ihn vermutlich umbringen, wenn sie davon erfuhr.

„Brauchst du Hilfe?“ Die helle Stimme hinter ihm riss Oikawa aus seinen Gedanken. Beinahe automatisch drehte er sich zu dem Besitzer von dieser um. Seine schokoladenbraunen Augen trafen zum ersten Mal auf stechend grüne, die ihm frech entgegenfunkelten. Die schwarzen Haare des Jungen ihm gegenüber standen wild von seinem Kopf ab. Das blaue Top mit Dinosaurieraufdruck, welches er trug, gab seinen Bauchnabel frei, da es anscheinend bereits etwas zu klein für das Kind war. Auffallend war auch der Kescher, den der Junge trug.

„Sind das etwa Aliens auf deinem Shirt und deinem Ball? Wie uncool“, beschwerte sich der Fremde mit einem breiten Grinsen weiter, bevor er auf Oikawa zuging und geschickt mit dem Kescher den Ball aus dem Wasser fischte, „Dinosaurier sind viel cooler. Aliens gibt es doch gar nicht. Vielleicht wollte dein Ball deshalb abhauen“

„Aliens sind nicht uncool!“, protestierte Oikawa sofort, „Wir sind sicher nicht die einzigen Lebewesen hier im Universum! Außerdem sieht die grüne Farbe total gefährlich aus!“

Der Schwarzhaarige lachte auf, während er den nassen Ball aus seinem Netz herausnahm.

„Dann willst du den sicher wiederhaben, oder? Der Ball ist genauso uncool wie du. Das passt super zusammen“

Oikawa schob seine Unterlippe für einen erneuten Schmollmund vor, bevor er beleidigt die Arme verschränkte. „Wer bist du denn überhaupt? Du glaubst, dass Beleidigen okay ist, aber eigentlich macht dich das total uncool! Wer will denn jemanden wie dich schon zum Freund haben? Du bist doof“

Der Junge vor ihm lachte nur erneut auf, bevor er ihn wieder einmal angrinste. „Ich bin Iwaizumi Hajime! Und ich denke, dass du mit mir befreundet sein musst, denn sonst bekommst du deinen Ball nicht mehr zurück! Komm, wir können dort drüben zusammen etwas spielen“

„Aww, wie schade! Iwa-chan hat wirklich ein sehr schlechtes Gedächtnis! Genau wie Godzilla. Kein Wunder, dass er die Filme so liebt!“, neckte Oikawa seinen besten Freund sofort, was ihm ein Lachen von seinem Publikum einbrachte. „Aber nun seien wir doch ehrlich. Diese junge Frau dort neben ihm hat ihn ganz schön verändert, was?“

Ein verständnisvolles Nicken von vielen Seiten war die Antwort auf Oikawas rhetorische Frage, die er offensichtlich an all die Gäste im Raum gerichtet hatte. Der Braunhaarige blickte zurück auf das Paar, das heute im Mittelpunkt der gesamten Feier stand – der Hochzeitsfeier, um genau zu sein, aber dieses Wort zu benutzen schmerzte ihn tief im Innersten immer noch. Das schöne Mädchen neben Iwaizumi hatte ebenfalls ein breites Lächeln auf ihren Lippen, während sie den Worten des Trauzeugen ihres Mannes lauschte. Ihre engelsblonden Haare waren heute hochgesteckt, aber ein paar ihrer geradezu natürlich perfekten Locken waren bereits aus dem Dutt herausgefallen, was nicht verwunderlich war. Immerhin hatte sich das Brautpaar vorhin auf der Tanzfläche bereits verausgabt. Ihre strahlend eisblauen Augen wurden heute von einem natürlichen Makeup noch mehr betont und das weiße Kleid, das in dem warmen Licht durch die einzelnen Steinchen funkelte, schmeichelte ihre sanduhrenförmigen Figur nur noch mehr. Sie war wirklich wunderschön, geradezu perfekt – und Oikawa hasste sie dafür.

Hassen war ein sehr extremes Wort und obwohl niemand eine so große Abscheu gegenüber einem so netten und hilfsbereiten Mädchen empfinden sollte, so tat Oikawa es dennoch. Er hatte kein Recht sich so zu fühlen.

Und er fühlte sich verdammt schlecht deswegen.

Es war nicht ihre Schuld, dass sie so perfekte auf die Welt gekommen war und dabei jedem einzelnen Jungen, dem sie begegnete, den Kopf verdrehte. Es war keine Überraschung, dass es dadurch auch Iwaizumi erwischt hatte, der sich bereits ab der ersten Sekunde Hals über Kopf in die Blonde verliebt hatte. Er hatte ihr gleich ab dem ersten Moment den Blick geschenkt, den Oikawa so sehr für sich selbst gesehen hätte, aber leider würde dem wohl offiziell wohl nie der Fall sein.

„Ich meine… seht ihn euch nur an! Ihr habt mir alle zugestimmt, also muss es wirklich stimmen. Schon von der ersten Sekunde an hat sie ihm den Kopf verdreht und komplett in ihren Bann gezogen! Aber ganz ehrlich. Die nächste Frage geht an alle Männer hier unter uns: wer würde sich denn nicht in sie verlieben? Hajime, du Bastard. Wie hast du das nur gemacht, wir sind alle eifersüchtig auf dich!“, fuhr er in seiner Rede fort, weshalb das Publikum in erneutes Gelächter ausbrach.

Nein, dies war eine erneute Lüge. Iwaizumi war nicht derjenige, auf den der Braunhaarige eifersüchtig war. Es war das hübsche blonde Mädchen an seiner Seite, welches er dafür verfluchte, dass sie das geschafft hatte was Oikawa all die Jahre über eigentlich erreichen wollte.

„Hey hey, Shittykawa“, unterbrach der Bräutigam seinen Trauzeugen für einen kurzen Moment, „Finger weg von meiner Frau. Bring mich nicht dazu die Volleybälle auszupacken“ Dieser Satz sorgte nur dafür, dass die Gäste noch lauter lachten als zuvor.

„Oh, sorry sorry, Iwa-chan. Sie gehört natürlich ganz dir“ Er wollte sie gar nicht, er wollte den Mann, der neben ihr saß und ihre Hand in seinem beschützenden Griff hielt. Er wollte diese Hand sein, die von ihm gehalten wollte. Er wollte derjenige sein, der den Blick geschenkt bekam, welchen er ihr gerade zuwarf.

Wieso war das nur so unfair?

Oikawa lachte erneut auf, um die Stimmung im Raum nicht mit seinen dunklen Gedanken zu trüben. „Nun, Iwa-chan. Du erinnerst dich aber noch sicher an dein erstes Treffen mit ihr, oder? Wenn du dich schon nicht an unsere erste Begegnung erinnerst – was mir übrigens sehr weh tut, Iwa-chan- dann solltest du dich wenigstens noch daran erinnern wie und wann du die Frau deiner Träume getroffen hast!“

Oikawas Herz wurde ein erneuter Stich versetzt, als Iwaizumi lächelnd nickte und einen Kuss auf die Wange der Frau neben ihm drückte. Wieso konnte er nicht derjenige sein, der das Privileg hatte diese bestimmt weichen Lippen auf seiner Haut zu fühlen?

Der Braunhaarige öffnete den ersten Knopf seines Hemdes, da es plötzlich noch etwas heißer im Raum wurde. Komischerweise schien er der einzige zu sein, der so empfand, da jeder andere im Raum immer noch stillsaß und keine Anzeichen machte auch nur ein Fenster öffnen zu wollen.

Oikawas Blick wanderte zurück zu dem Brautpaar, welches gerade ausgiebig von ihrem ersten Treffen berichtete. Das weiße Kleid der Braut schien ihn beinahe schon zu blenden, als er die Liebe der beiden ein weiteres Mal mit seinen eigenen Augen sehen musste. Das Kleid passte einfach so perfekt zu ihr. Doch Oikawa konnte nicht anders sich zu fragen wieso auch dieses Kleidungsstück, das nur aus einfachem Stoff bestand, so eine tiefe Bedeutung hatte.

Es war nur Stoff… Genau wie dieser eine Hoodie an diesem Tag nur ganz einfaches Polyester war.

Und dennoch hatte dieses verdammte Polyester eine so viel tiefere Bedeutung.

Es war der dritte Dezember. Oikawa und Iwaizumi waren gerade auf dem Weg zurück vom Volleyballtraining, als ein dunkler Regenschauer die beiden überraschte. Der sonst so wunderschön eisblaue Himmel wurde von grauen Wolken überzogen, bevor die dicken und eiskalten Regentropfen erbarmungslos auf die Erde niederprasselten. Es war erst vier Uhr nachmittags und dennoch war es schon ziemlich dunkel, was an der kalten Jahreszeit lag. Seufzend hatten Iwaizumi und Oikawa beschlossen in der Nähe eines Geschäfts Unterschlupf zu suchen, bis der Regen vorbei war. Keiner der beiden hatte einen Regenschirm dabei und auch nicht gerade besonders große Lust darauf sich zu erkälten und dadurch die nächsten Trainingseinheiten nicht nutzen zu können. Iwaizumi lehnte sich gegen die Wand des Geschäfts und blickte zu seinem besten Freund, der mal wieder in Gedanken versunken war.

„Hey Shittykawa. Mach dir nicht so viele Gedanken darum. Du wirst schon rechtzeitig zum Abendessen nach Hause kommen. Und selbst wenn… ich bin mir sicher, dass deine Mutter froh wäre, wenn sie mal etwas Ruhe am Tisch bekommen würde“, versprach er seinem besten Freund, welcher sich daraufhin zu ihm umdrehte. Oikawa war beinahe überrascht, als er das Funkeln in den stechend grünen Augen erblickte. Sofort begann sein Herz ein wenig höher zu schlagen, doch er versuchte es weiterhin zu ignorieren. Iwaizumi hatte an diesem Tag bereits gemerkt, dass Oikawa ihn genaustens dabei beobachtet hatte wie er seine Aufschläge trainiert hatte, er konnte sich dadurch nicht einen erneuten Fehltritt leisten.

Aww, Iwa-chan, wieso bist du denn nur so fies zu mir?“, meinte der Braunhaarige seufzend, bevor er versuchte sich selbst etwas zu wärmen, indem er seine Arme rieb, sie sich bereits so anfühlten als wären sie eingefroren. Während er sprach, bildete sich eine kleine Wolke vor seinem Mund, was ein weiteres Indiz dafür war, dass es ihm einfach viel zu kalt war. Er hasste die Tatsache, dass Iwaizumi ihn wie ein offenes Buch lesen konnte. Er sollte ihm nicht so nah stehen, es würde ihm nur so weh tun, wenn er dann eines Tages nicht mehr bei ihm sein konnte. Oikawa hatte in diesem Moment auch noch nicht gewusst, dass heute der Tag sein würde, vor dem er sich schon so lange gefürchtet hatte. Bereits seit der Mittelschule war ihm klar gewesen, dass Iwaizumi die Person war, mit der er den Rest seines Lebens verbringen würde, aber alles deutete darauf hin, dass sein bester Freund einfach nicht das gleiche für ihn empfand. Vor allem, wenn man bedachte, dass er nur von irgendwelchen Frauen sprach und Oikawa bei jeder Gelegenheit zurechtwies.

„Ich bin nicht fies, ich sage nur die Wahrheit“, entgegnete der Schwarzhaarige, der ebenfalls begann seine Arme zu reiben, „Verdammt, wieso ist es nur so kalt?“

Oikawa kicherte leicht, bevor er sich zu seinem besten Freund gesellte. „Nun, Iwa-chan. Es ist eben Winter. Ich finde es nur schade, dass wir noch keinen Schnee haben. Weißt du denn was Schnee heißt?“

„Dass es verdammt kalt ist und wir deshalb statt diesem beschissenen Regen eben Schnee bekommen“

„Oh nein, Iwa-chan! Das doch nicht! Es bedeutet, dass sich die Natur ausruhen kann und sich auf etwas vorbereiten kann! Denn wenn der Schnee schmilzt, dann wird es Frühling. Somit kann die Natur etwas Neues einleiten. Und dies geschieht jedes Jahr immer wieder. Selbst, wenn es uns eines Tages nicht mehr geben wird, wird dies weiterhin geschehen. Jeder Frühling bietet einen Neuanfang und die Chance etwas in seinem Leben zu verändern… Somit kann man es noch lebenswerter machen

Iwaizumi blieb still für eine Weile, um dem beruhigenden Geräusch des Regens zuzuhören, der erbarmungslos auf den Teer der Straße niederprasselte und dabei bereits Pfützen bildete, die dem Abhang hinunterrannen. Nach einer Minute, die sich beinahe wie eine Stunde für Oikawa anfühlte, räusperte er sich und meldete sich wieder zu Wort.

„Das ist absolut bescheuert, Shittykawa. Wo hast du das denn gelesen? Stehst du seit Neustem auf Gedichte oder was? Vielleicht kannst du ja damit endlich mal ein Mädchen beeindrucken. Wäre auf jeden Fall langsam mal Zeit. Dann hätte ich dich nicht immer den ganzen Tag an der Backe“

Auch wenn Oikawa wusste, dass dies nicht wirklich ernst gemeint war, so versetzte es ihm dennoch einen Stich in sein Herz. Er wollte niemanden finden, er wollte die Person neben ihm haben. Er wollte, dass Iwaizumi sein Frühling wurde. Sein Neuanfang, um endlich sicher gehen zu können, dass er nicht so eine schlechte Person war, für die ihn alle um ihn herum hielten. Er war keine schlechte Person…

Oikawa schüttelte seinen Kopf und kuschelte sich etwas mehr in den roten Schal, den er heute trug.

„Du bist so gemein. Da will ich einmal etwas Produktives sagen und du kommst mit so einer Antwort daher“

Er schob seine Unterlippe ein weites Mal hervor, um erneut zu schmollen, bevor er seine Arme verschränkte und seinen Kopf gegen die ebenfalls eiskalte Mauer hinter ihm lehnte.

Iwaizumi öffnete seinen Mund, um zu einer Antwort anzusetzen, aber die Klingel des Ladens unterbrach ihn. Ein schokobraunes und ein stechend grünes Augenpaar richtete sich automatisch auf die den Laden verlassende Person. Zur Überraschung der beiden trug die Person, ein Mädchen mit engelsblondem Haar und eisblauen Augen, nur ein einfaches T-Shirt. Sie fluchte, als sie bemerkte, dass es mittlerweile begonnen hatte zu schütten. Mit zitternden Fingern kramte sie ihr Handy aus ihrer Hosentasche, während sie versuchte mit ihren bereits eingefrorenen Fingern eine Nummer einzugeben. Oikawa und Iwaizumi tauschten einen kurzen Blick aus, bevor Iwaizumi einen Schritt nach vorne trat, um dem Mädchen näher zu kommen.

„Ist dir nicht kalt?“, fragte er sie, was natürlich eine ziemlich dumme Frage war, wenn man bedachte, dass sie gerade Minusgrade hatten.

Das Mädchen presste ihre Lippen zusammen, bevor sie nickte. „Ich wollte eigentlich nur kurz etwas besorgen… Der Laden schließt gleich und mein Vater wird wohl noch zwanzig Minuten brauchen, bis er hier ist… Ich bin so dumm, ich hätte mir eine Jacke mitnehmen sollen, es ist mitten im Winter“

„Das hättest du in der Tat. Aber du bist nicht dumm, sowas kann mal passieren“ Oikawa beobachtete die Art und Weise, in welcher Iwaizumi nach diesem Satz seinen Hinterkopf kratzte und danach beschämt zur Seite sah. Ohne es zu wollen, spürte Oikawa wie sich sein Herz bei diesem Anblick zusammenzog. Seine grünen Augen begannen hell zu funkeln und seine sonst stets geraden Mundwinkel zogen sich zu einem Lächeln nach oben. Nervös strich sich das Mädchen eine ihrer perfekt blonden Haarsträhnen hinter ihr Ohr und schenkte ihm ebenfalls ein Lächeln. Dieses schien beinahe schon zu strahlen, sodass es für einen Moment beinahe schon so war als wären die Wolken verschwunden und die Sonne zurückgekehrt.

Oikawa schluckte hart. Er hasste sie.

Er kannte noch nicht mal ihren Namen und hatte somit gar kein Recht über einen fremden Menschen zu urteilen, aber sie war ein richtiger Engel und dafür hasste er sie. Ebenso war es so einfach für sie Iwaizumi ein breites Lächeln und dieses Funkeln in seinen Augen, das er sonst nur bei Godzilla Filmen und frisch gemachtem Tofu bekam, entlocken konnte.

Iwa-chan hat Recht. So etwas kann man passieren“, stimmte Oikawa seinem Freund nun zu, um sich irgendwie in das Gespräch zu integrieren, aber er musste erneut hart schlucken, als Iwaizumi in seiner Trainingstasche kramte, um einen großen, dunkelblauen Hoodie herauszuziehen. Oikawa hatte das Gefühl als würde sein Hals plötzlich schließen und die Luft dabei davon abzuhalten in seine Lungen zu gelangen, als er das Kleidungsstück wiedererkannte. Er hatte ihm den Hoodie zum Geburtstag geschenkt und noch am selben Tag hatte Iwaizumi Oikawa diesen über den Kopf gezogen, als es abends kalt geworden war. Er konnte sich noch genau an die Worte erinnern, die er ihm dabei gesagt hatte.

„Du schenkst mir diesen Hoodie, obwohl er dir viel besser steht als mir. Das ist mal wieder typisch, Shittykawa. Du hast überhaupt keinen Klamottengeschmack. Er passt doch gar nicht zu mir“ Doch, er passte zu Iwaizumi und dies wusste der Ältere selbst ganz genau. Dies war auch der Grund wieso er ihn permanent trug und mit sich nahm. Irgendwie machte dies Oikawa glücklich, da es dadurch den Anschein machte als würde er ihn stets mit sich tragen. Zudem war der Hoodie ein Geschenk von ihm gewesen, das Iwaizumi ganz eindeutig mochte.

Aber nun schien sich jemand dazwischen zu drängen.

„Hier. Es ist zwar keine Jacke, aber er sollte dich zumindest etwas warmhalten, bis dein Vater dich abholen kommt“, sagte Iwaizumi, während er dem Mädchen den Hoodie bereits über den Kopf zog. Es war nur ein einfacher Hoodie, gemacht aus billigem Polyester, aber die Art und Weise, in der Iwaizumi dieses verdammte Mädchen ansah, während er ihr seinen Pulli anzog und sie danach anlächelte, sprach mehr als tausend Worte. Die Geste sagte mehr aus als tausend Worte.

Er mochte sie jetzt schon so viel mehr als er Oikawa jemals mögen würde. Der Größere der beiden beobachtete die beiden nur im Stillen, während sie begannen sich zu unterhalten. Das Mädchen nannte ihren Namen, woraufhin sich Iwaizumi ebenfalls vorstellte. Oikawa hörte ihnen nur halb dabei zu wie die begannen sich über die verschiedensten Themen auszutauschen.

Oikawa war normalerweise sehr gut darin sich mit Mädchen zu unterhalten und auch mit ihnen zu flirten, wieso war es dieses Mal nur so anders? Wieso hatte es dieses eine verdammte billige Stück Polyester geschafft ihn so aus der Bahn zu werfen?



Nur ein verdammtes Stück Polyester. Oder im Fall des weißen Kleides, welches die Braut trug, nur ein verdammtes Stück Stoff. Oikawa realisiert erst in diesem Moment, dass ein einfaches Material eine so viel tiefere Bedeutung haben konnte, wenn man nur etwas aus diesem machte. Er spürte deutlich wie sich sein Herz zusammenzog, als Iwaizumi erneut zu seiner Frau blickte.

„Ich erinnere mich noch daran, dass mir unser Shittykawa hier etwas ganz Dummes an diesem Tag gesagt hat. Er meinte „Weißt du denn was Schnee heißt? Es bedeutet, dass sich die Natur ausruhen kann und sich auf etwas vorbereiten kann! Denn wenn der Schnee schmilzt, dann wird es Frühling. Somit kann die Natur etwas Neues einleiten. Und dies geschieht jedes Jahr immer wieder. Selbst, wenn es uns eines Tages nicht mehr geben wird, wird dies weiterhin geschehen. Jeder Frühling bietet einen Neuanfang und die Chance etwas in seinem Leben zu verändern… Somit kann man es noch lebenswerter machen“. Ich habe zuerst nicht verstanden was er damit gemeint hat, aber als sie dann in mein Leben trat, war es so als würden sich all die Puzzleteile zusammenfügen. Es war beinahe so als wäre sie der Frühling gewesen, der ein neues und besseres Kapitel in meinem Leben eingeleitet hat. Und jedes Mal macht sie es noch viel besser. Genau deshalb stehen wir hier heute auch. Ich heirate endlich die Liebe meines Lebens… Meinen Frühling“, erklärte Iwaizumi den Gästen, die daraufhin anfingen zu schreien und zu klatschen. Einige hatten bereits die Taschentücher ausgepackt, um ihre Tränen trocknen zu können. Oikawa würde dies am Liebsten ebenfalls tun, aber aus einem ganz anderen Grund. Anders als die anderen Anwesenden hier wollte er nicht aufgrund dessen weinen, dass das Paar einfach füreinander gemacht war, sondern weil sie Iwaizumis Frühling war und nicht er.

Sie war der Frühling, der einen Neuanfang und eine bessere Aussicht auf die Zukunft für ihn bat. Er war stattdessen der Winter, den er hinter sich lassen musste und dessen Schnee zuerst schmelzen musste, damit der Frühling aufblühen konnte.

Und auch, wenn dem so war. Iwaizumi würde für immer…

„Aww, Iwa-chan. Wie süß, da kommen mir glatt die Tränen. Das hätte ich ja gar nicht besser sagen können. Es kommt mir beinahe so vor als müsste ich meine Rede gar nicht mehr weiterführen, nun da bereits alles gesagt worden ist, was es überhaupt zu sagen gibt und du uns dein Herz ausgeschüttet hast. Also…“ Oikawa stand wieder auf und hob sein Glas, um dieses dem Brautpaar entgegenzustrecken.

„Auf die Braut! Auf den Bräutigam! Und dass sie für immer zufrieden sein werden. Darauf, dass sie weiterhin sein Frühling sein wird, der ihn stets glücklich macht! Von…deinem besten Freund“ Oikawa schenkte dem Bräutigam eines seiner berühmten Grinsen, bevor er einen langen Schluck von seinem Glas nahm. Die restlichen Anwesenden taten es ihm gleich, bevor sie begannen zu klatschen und laut zu jubeln. Unter all dem Trubel konnte das Brautpaar ganz offensichtlich nicht anders als sich in die Arme zu fallen und einen langen Kuss zu teilen, der für einige Augenblicke verweilte.

Auf dass der Frühling ihn stets glücklich machen würde. Auf dass ein einfaches Stück Polyester für immer der Start seines Glücks sein würde.

Oikawa wandte seinen Blick von dem Kuss ab, um sich selbst nicht noch mehr verletzen zu müssen, bevor er sein Glas erneut auffüllte und dieses daraufhin in einem Zug trank. Er konnte nicht anders.

Schmerz verlangte manchmal unterdrückt zu werden, wenn er zu stark für den Körper wurde. Und genau dem war gerade der Fall.

Über die Kloschüssel gebeugt versuchte Oikawa endlich sich erneut zu übergeben, nachdem der Alkohol doch zu viel für seinen Körper geworden war. Doch überaschenderweise war dies nicht das einzige, das gerade zu viel für ihn geworden war. Immer und immer wieder landete eine einzelne Träne auf dem kalten Boden, auf welchem Oikawa saß. Einzelne Schluchzen verließen dabei seine Lippen, während er versuchte die Geschehnisse des Tages langsam zu verarbeiten.

Er hatte Iwaizumi nun offiziell für immer verloren. Er hatte es eigentlich schon vorher gewusst. Die Art, in der er sie ansah sagte eigentlich bereits mehr aus als tausend Worte. Doch irgendwie hatte er die Gedanken immer und immer wieder verdrängt in der Hoffnung sie dadurch gänzlich verschwinden zu lassen.

Wieso hatte er sich überhaupt noch Hoffnungen gemacht? Wieso sollte Iwaizumi ihn überhaupt jemals küssen? Er war nicht einmal halb so schön wie die Frau, die heute dieses unschuldige weiße Kleid gemacht aus verdammtem, einfachem Stoff trug. Er hasste sie so sehr und sich selbst hasste er dafür noch mehr, da es eigentlich gar keinen Grund gab ihr etwas Böses zu wünschen, wenn man bedachte, dass sie ihm eigentlich nichts getan hatte – zumindest nichts, von dem sie wissen konnte.

Sie hatte dafür gesorgt, dass ihm das Herz gebrochen wurde ohne davon wissen zu können.

Wer würde schon davon ausgehen, dass Oikawa Tooru, Frauenschwarm Nummer eins und professioneller Volleyballspieler, in Wahrheit in seinen besten Freund verliebt war, aber leider nicht den Mut dazu hatte ihm dies zu gestehen. Nachdem der Alkohol erneut ungewollt seinen Körper verlassen hatte, gab Oikawa einen angewiderten Laut von sich, von dem er sich nicht sicher war, ob es nun auf das Erbrochene oder auf sich selbst bezogen war. Denn in genau diesem Moment fühlte er sich für all seine Taten und Gedanken einfach nur absolut widerwärtig.

Wie konnte man nur so einem Engel wie der Braut den Tod wünschen? So etwas ekelhaftes würde nur eine absolut widerwärtige Person tun – und dennoch konnte er einfach nicht anders als diese Gedanken zu haben. Alles wäre so viel einfacher, wenn er in ihrem Körper stecken würde und nicht jeden Tag mit dem Gedanken leben zu müssen, dass die Liebe seines Lebens nun mit jemand anderen verheiratet war und vermutlich eine glückliche Familie gründen würde. Wieso konnte er nicht derjenige sein, der ihm heute den Ring an den Finger gesteckt hatte und danach mit einem Kuss ihre Liebe bestätigt hatte?

Oikawa fiel zurück gegen die Wand, bevor er seine Beine an seinen Körper zog und seinen Kopf auf diese platzierte, um sein lautes Schluchzen wenigstens ein wenig einzudämmen. Es interessierte ihn keinesfalls, dass dadurch der weiche Stoff seiner schwarzen Hose komplett durchnässt wurde.

Es war nur einfacher Stoff. Nicht mehr und nicht weniger, es war egal was damit geschah.

An dem heutigen Tag erst hatte er feststellen müssen, dass auch einfacher Stoff eine tiefere Bedeutung haben konnte, so wie auch alles andere auf der Welt. Es kam nur darauf an welche Erinnerungen mit diesen verbunden wurden.

Aufgrund seiner immer wieder aufkommenden Gedanken, die sogar den Tumult der Gäste außerhalb des Badezimmers übertonte, bemerkte er gar nicht, dass sich die Tür öffnete und eine Person durch diese blickte. Erst als er die Stimme hörte, die er so sehr liebte, erstarrte er augenblicklich.

„Oikawa?“, fragte die Stimme und schon bemerkte der Angesprochene wie das warme Licht der Badezimmerlampe von einem Körper blockiert wurde und Oikawa somit in einen Schatten drängte.

Wie passend. Genau so fühlte er sich gerade. Wie eine Person, die immer nur im Schatten einer anderer leben konnte, während diese ihr Glück bereits gefunden hatte.

„Du siehst ja noch schlimmer aus als sonst“, fuhr die Stimme fort, bevor sich dessen Besitzer hinkniete, um einen besseren Blick auf Oikawas Gesicht erhaschen zu können. „Hast du wieder zu viel getrunken? Du weißt doch, dass du immer sehr emotional wirst, wenn du es mit dem Alkohol übertreibst“

Das stimmt. Es war nicht das erste Mal, dass er in Tränen ausbrach, nachdem er getrunken hatte. Oikawa war einfach viel zu sehr daran gewöhnt seine Emotionen in seinem Inneren zu verschließen und aus einem ihm unbekannten Grund hatte Alkohol die Fähigkeit diese dort wieder herauszuholen. Iwaizumi hatte ihn schon des Öfteren gesagt, dass er nicht immer alles unterdrücken sollte.

„Was beschäftigt dich denn?“

Oikawa antwortete nicht auf die Frage, weshalb die Stille den Raum erneut einnahm. Einzig und allein die Gespräche und das Lachen der anderen Gäste konnte gedämpft wahrgenommen werden.  Der Braunhaarige wollte sich eigentlich wegdrehen, aber eine starke Hand legte sich plötzlich unter sein Kinn, um seinen Kopf nach oben zu drücken.  Schokoladenbraun traf erneut auf stechendes grün und der Braunhaarige konnte einfach nicht anders als sich für einen kurzen Moment in diesem intensiven Blick zu verlieren. Sein Herz schlug sofort einige Takte schneller, weshalb er versuchte seinen Kopf erneut wegzudrehen, aber Iwaizumi war leider schon immer stärker gewesen als er. Oikawa hasste es, wenn Iwaizumi ihn weinen sah. Er wollte nicht, dass sich der Anblick seiner geröteten Augen und seiner triefenden Nase in sein Gedächtnis einbrannten.

„Nichts“

„Lüg mich nicht an, Tooru“ Oikawa seufzte sofort auf, nachdem diese Worte Iwaizumis Lippen verlassen hatten. Er hasste die Tatsache, dass er ihn wie ein offenes Buch lesen konnte, aber es war mehr als offensichtlich, dass er ihm die Wahrheit keinesfalls sagen wollte. Er wollte ihm auf keinen Fall den Abend verderben, auch wenn er dies aufgrund seiner Heulerei wahrscheinlich bereits tat.

„Ich hab einfach nur getrunken“, antwortete er daher und schüttelte dabei seinen Kopf. Ihm war bewusst, dass Iwaizumi ihm dies nicht abkaufen würde, aber seine Gedanken waren zu benebelt, um nach einer guten Ausrede suchen zu können.

„Ich weiß, dass du keinen Alkohol verträgst, aber ich weiß auch, dass du nicht ohne Grund rumheulst“, erwiderte Iwaizumi sofort und sah an Oikawa hinunter, „Du hast schon dein ganzes Shirt versaut, das ist ekelhaft“

Seufzend stand der Ältere wieder auf, um kurz den Raum zu verlassen. Oikawa sah ihm etwas perplex hinterher, während er versuchte zu verstehen was gerade passiert war. Seine Hand wanderte beinahe automatisch zu der Stelle, an der Iwaizumi ihn gerade berührt hatte und schloss dabei für einen kurzen Moment seine Augen. Sein Freund wusste gar nicht wie viel ihm diese einfache Berührung eigentlich bedeutet hatte. Es mochte für viele selbstverständlich sein, aber nicht für Oikawa. Iwaizumi war nicht der Mensch, der andere gerne anfasste oder seine Gefühle offen zeigte, dies kam nur sehr selten vor. Genau deshalb bedeutete diese simple Berührung Oikawa mehr als sie vermutlich sollte.

Iwaizumi betrat nach fünf Minuten, die sich für Oikawa wie eine Ewigkeit anfühlten, wieder den Raum und schloss dabei die Tür hinter sich.

„Zieh das Hemd aus, das ist ekelhaft“, befahl er seinem Freund beinahe schon, weshalb Oikawas Hände beinahe automatisch zu den ersten Knöpfen wanderten, um diese nach und nach zu öffnen. Iwaizumi hatte Recht, sein Hemd war wirklich schon ziemlich ekelhaft, vor allem wenn man bedachte, dass er sich einige Male übergeben hatte.

Aber es war nur ein einfaches Stück Stoff ohne Bedeutung – ganz anders als das Kleidungsstück, das Iwaizumi ihm zuwarf, nachdem Oikawa das gelbe Hemd von seinen Schultern gestreift hatte. Der Braunhaarige erkannte das dunkelblau des vertrauten Hoodies sofort. Geschickt fing er das Kleidungsstück auf und verharrte für einen Moment, um das weiche Polyester unter seinen Fingern spüren zu können.

„Du hast ihn noch“, sagte er leise, während er den Hoodie wie in Trance betrachtete. Eine Welle an Erinnerungen überrannte ihn beinahe, als er sich das Kleidungsstück über den Kopf zog und sich daraufhin wieder zurücklehnte. Für einen Moment schien es noch so als wären sie die Kinder von damals, in deren Welt es außer Volleyball und ihrem besten Freund nichts gab. Für einen Moment war Iwaizumi wieder der Zweitklässler, der den Hoodie aus dem Geschenkpapier befreite und ihn Oikawa später gab, damit er nicht fror. Der Jüngere konnte nicht anders als für einen kurzen Augenblick zu lächeln, wurde aber aus den Gedanken gerissen, als sich Iwaizumi neben ihn setzte.

„Und du willst mir wirklich nicht sagen was los ist?“, fragte er nach, bevor er seine Arme verschränkte.

„Es ist besser, wenn ich es nicht tue“, antwortete Oikawa dieses Mal ohne zu überlegen, „Du wirst es schon noch erfahren, aber gerade…heute ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür“ Die einzige Antwort, die er darauf bekam, war ein Seufzen seitens Iwaizumis, der daraufhin kurz still blieb. Oikawa nutzte die Gelegenheit, um sich mit den viel zu großen Ärmeln des Hoodies die letzten Tränen von den Wangen zu wischen und es zu genießen von Iwaizumis bekannten Geruch eingehüllt zu sein. Er musste dies ausnutzen, solange er noch konnte. Vielleicht war dies das letzte Mal, dass er ein Kleidungsstück von seinem besten Freund tragen konnte, aber es würde definitiv eine niemals sterbende Erinnerung werden. Genau wie ihre erste Begegnung am See und der Tag des strömenden Regens, der alles veränderte. Oikawa wollte sie alle behalten. Gute und schlechte Erinnerungen mit Iwaizumi, auf die er immer zurückblicken konnte, um für einen Moment wieder zu spüren wie innig er den Mann neben sich eigentlich liebte – auch, wenn Iwaizumi dies vermutlich nie tun würde.

Oikawa wollte die langsam unerträgliche Stille unterbrechen, indem er zu einer erneuten Bemerkung ansetzte, aber Iwaizumi kam ihm zuvor, indem er plötzlich seine Arme um ihn schlang, um ihn in eine Umarmung zu ziehen. Der Braunhaarige gab einen kurzen, überraschten Laut von sich, vergrub aber danach sein Gesicht in der Halsbeuge des Kleineren, um die Gelegenheit zu nutzen seinen Geruch einzuatmen.

„Du bist ein verdammter Idiot. Immer willst du nur, dass jeder dein scheiß Grinsen sieht und nicht was alles dahintersteckt. Dir ist gar nicht bewusst, dass du mir wichtig bist, auch mit all deinen schlechten Seiten und wenn du Schmerzen hast. Schmerz verlangt nicht unterdrückt zu werden, Schmerz verlangt gespürt zu werden“, wies der Schwarzhaarige den Mann in seinen Armen zurecht, „Ich weiß was du denkst. Du denkst, dass du mich nun für immer verloren hast, nur weil ich jetzt geheiratet habe, aber das ist nicht wahr. Irgendjemand muss ja auf dich aufpassen, wenn du es schon nicht selbst tust. Und ich werde nicht zulassen, dass irgendjemand diesen Posten übernimmt, der gar keine Ahnung hat“

Iwaizumi holte einmal tief Luft, da er erst jetzt bemerkt hatte wie sehr er seinen Körper eigentlich angespannt hatte, bevor er begann sanft durch Oikawas Haare zu streichen. Er wusste ganz genau, dass sein bester Freund dies eigentlich nicht mochte, aber er konnte nicht anders. Es war einfach viel zu einladend.

„Also werde ich dich so lange nerven, bis du mir sagst was los ist. Damit ich dir helfen kann. Denn du musst nicht alles alleine machen“

Diese Worte waren genug, um erneut Tränen in Oikawas Augen zu erzeugen. Er klammerte sich an den Stoff von Iwaizumis Anzug und begann schließlich in diesen hinein zu schluchzen. Dieses mal war der Stoff nicht egal, immerhin handelte es sich hierbei um einen Hochzeitsanzug, aber weder Iwaizumi, noch Oikawa schien dies in diesem Augenblick zu interessieren.

„Du bist ein verdammter Idiot“ Iwaizumis Lachen sorgte dafür, dass Oikawas Kopf nach oben gedrückt wurde, aber das interessierte ihn nicht weiter. Er war genau da wo er hingehörte. Er trug den Hoodie des Älteren und befand sich in seinen Armen.

Und auch, wenn Iwaizumi dies nicht so sah, so war dies Oikawas persönlicher Frühling, der ihm jedes Mal wieder die Sonne brachte.

Und dies würde sich niemals ändern.

Iwaizumi konnte von dem in dieser Nacht noch nicht wissen, aber vermutlich verstand er es am nächsten Morgen endlich, als er statt wie erwartet nicht Oikawa, sondern nur den blauen Hoodie und ein Buch vorfand, in dem jede ihrer Begegnungen niedergeschrieben waren.

Was ihn aber am meisten verwunderte, war die Notiz, welche an dem Hoodie befestigt war.

Dieser Hoodie mag nur Polyester sein, aber für mich hat er eine viel tiefere Bedeutung. Ich hoffe, dass du das genau so siehst.
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