Namenlose Nacht

von Liskaya
GeschichteRomanze / P18
OC (Own Character)
01.09.2020
27.09.2020
4
6.230
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16.09.2020 1.359
 
Allerdings war sie dort nicht mehr allein. Zwei junge Frauen in äußerst ansprechenden Waldelfenkostümen hatten eine Ausgabe des Rahjasutras entdeckt und saßen kichernd in einer Ecke, wo sie das abgegriffene Werk neugierig durchblätterten. Und vor der Geweihten kniete momentan ein weiterer Gast, ein schlanker Mann im Kostüm eines verwegenden Piraten. Er schien eine Art Beichtspiel mit Ihrer Gnaden zu spielen und berichtete soeben von rahjanischen Gedanken und verruchten Taten, die sein Gewissen wohl sehr belasteten...

Felian blieb nahe der Tür mit Teller und Becher stehen und wartete ab. Er hatte den Entschluss gefasst, sich der falschen Geweihten ein wenig dienlich zu machen. Denn offenbar war diese Frau nicht nur gut genug situiert, um sich eine solch erstaunliche und exzellente Verkleidung leisten zu können, sie kannte wohl auch die Garether Oberschicht recht gut und kopierte vermutlich mit Absicht das Mitglied einer sehr einflussreichen Familie. Gewiss würde sie einiges an Informationen über manch anderen Gast der Feier haben und gab diese vielleicht preis, wenn Felian erst einmal herausgefunden hatte, was er ihr im Gegenzug bieten konnte.

Der Pirat, eine recht elegante Ausgabe des legendären El Hakir, beendete nun seine Beichte und kniete weiterhin demütig auf dem Boden, wagte nicht, den Blick zu heben. Die Geweihte setzte sich ein wenig auf, straffte die Schultern und sah auf ihn hernieder, als wäre sie der strafende Götterfürst höchstselbst. Ermahnende, strenge Worte ließen den räuberischen Sünder zusammenzucken, er beteuerte immer wieder seine Reue, was aber nicht ehrlich wirkte. Es war ein eigentümliches Spiel, doch Felian hatte das Gefühl, dass es dem Mann wohl genau um dieses Machtgefälle ging.

Die Unbekannte verstand es sehr gut, auch in Worten eine Geweihte des Praios zu mimen und nahm zuletzt ohne Vorwarnung die Lederpeitsche, um dem Beichtenden, als er zugab, auch jetzt noch unkeusche Gedanken zu hegen, einen gezielten Schlag auf die Hände zu geben, sodass er sie winselnd an seine Brust zog. Ein harscher Befehl brachte ihn dazu, sie wieder vor ihr auf eines der Kissen zu legen, und ein zweiter Schlag entließ einen weiteren erschrockenen Laut aus dem Mund des Mannes.

Felian beobachtete die Szene aufmerksam – obwohl er eigentlich im ersten Moment eher wegsehen wollte. Doch das Ganze faszinierte ihn auf eigenartige Art und Weise. Die Peitsche schien sehr weich zu sein, denn er konnte nicht erkennen, dass der Mann verletzt wäre. Doch nun zeigte sich die Präsenz der Frau, die ihre Rolle meisterhaft beherrschte. Erneut forderte sie den Piraten zur Abkehr von seinen dunklen Pfaden auf und schlug ein drittes Mal zu, was den Büßer dazu bewog, die zitternden Hände vors Gesicht zu ziehen und atemlos immer wieder um Vergebung zu bitten.

Kurz herrschte Stille, in der die Frau ruhig und gelassen abwartete, die Peitsche weiterhin locker in der Hand. Dann gab der Mann zu, nun ehrliche Reue in seinem Herzen zu tragen, er küsste unterwürfig die nackten Füße der Geweihten und erhielt dann schließlich die Erlaubnis, sich zu entfernen. Was er auch tat – schwer atmend, doch mit einem so glückseligen Lächeln auf den Lippen, welches Felian kurz stutzen ließ.

Dann jedoch wurde er bemerkt und heran gewunken. Die Peitsche wurde derweil wieder auf das Kissen gelegt und anschließend die Köstlichkeiten auf dem Teller aufmerksam gemustert. Felian nahm seinen vorherigen Platz wieder ein, reichte ihr den Wein und berichtete gewissenhaft über das, was auf dem Teller zu finden war. Offenbar traf er damit den richtigen Ton, denn erneut bekam er ein kurzes Lächeln geschenkt und die Meisten der Häppchen verschwanden nach und nach, wobei sie sich recht viel Zeit ließ und sehr genüsslich an ihnen knabberte. Die letzten zwei Stücke wurden ihm erlaubt zu essen, was er als gutes Zeichen verstand. So saßen sie eine Weile da, ab und an drang Kichern von den beiden Leserinnen des Rahjasutras aus der schummrigen Ecke, hin und wieder mischte sich auch ein Stöhnen darunter.

Felian beobachtete die falsche Geweihte genau. Sie ließ sich kaum etwas anmerken, doch es wirkte, als wäre sie nun etwas abwesend und in Gedanken.

„Wird der Halunke sich seine Strafe wirklich zu Herzen nehmen? Solches Gesindel dreht die Fahne der Moral doch stets nach dem günstigsten Wind“, versuchte es Felian dann mit einer Anknüpfung an die vorherige Szene. Wie sehr ihn diese mitgerissen hatte, bemerkte er erst jetzt. Vielleicht hatte es ihn sogar ein wenig erregt, doch er konnte und wollte es noch nicht recht zulassen.

Ein leises, zustimmendes Geräusch drang unter der Maske hervor, während die Geweihte noch einen Schluck Wein trank und einen kurzen Blick zu ihrer Peitsche warf, die wie eine friedlich zusammengerollte Schlange auf dem Kissen ruhend auf ihren nächsten Einsatz wartete.

„Vielleicht... vielleicht auch nicht. Das Licht mag dereinst Einzug in ein jedes Herz finden, doch mancher dieser Wege ist lang. Eine Chance zur Umkehr aber bietet sich für jede Seele.“ Diese Antwort kam mit einer unerwarteten Sanftheit, sodass Felian kurz ein Schauder über den Rücken lief.

Es waren Worte, die auch die echte Livia hätte sprechen können. Erneut wurde ihm bewusst, wie gerne er gewusst hätte, was aus ihr geworden war. Und ebenso gern hätte er weitere Gespräche mit ihr geführt. Vielleicht war dies hier ja eine Möglichkeit... mancher Gast brachte sicher geheimste Wünsche mit auf diese Feier, und vielleicht fanden sie, wie der Pirat vorhin, nur hier eine Chance, diesen Raum zu geben. Auch wenn er nicht aus diesem Grund hier war... aber vielleicht sollte er zumindest einen kurzen Gedanken an seine eigenen Sehnsüchte verschwenden.

„Mir scheint, der Rest der Feier sagt Euch nicht zu, Euer Gnaden? Gibt es eine Möglichkeit für mich, dies zu ändern?“, wagte Felian den nächsten Versuch. So sehr ihn dieses Spiel reizte, doch er durfte seinen Auftrag nicht aus den Augen verlieren.

„Mancher da draußen scheint nicht zu wissen, wie es sich geziemt, sich in Gegenwart einer Geweihten der Zwölfe zu verhalten“, kam die Antwort, während sie beiläufig ein paar ihrer falschen, blonden Haarsträhnen über die Schulter auf den Rücken schob.

Felian, der seine Chance erkannte, richtete sich ein wenig auf und blickte sie ehrlich und entschlossen an. „Da kann ich Abhilfe schaffen, Euer Gnaden. Sollte uns ein solcher Strolch begegnen, werde ich ihm unverzüglich Manieren beibringen.“

Nun ließ sie ein helles Lachen ertönen, von dem Felian ebenfalls eine Gänsehaut bekam – aber eine wohlige, denn irgendetwas in ihm schien darauf anzuspringen.

„Ihr kennt Euch gewiss mit Strolchen aus, mein edler Ritter vom Windberg... nun gut. Sehen wir uns ein wenig um, was für elende Sünder hier noch ihr Dasein fristen... doch vorher werdet Ihr mir mit den Schuhen helfen.“

Es war keine Bitte, sondern ein Befehl. Und Felian, der sonst eher Befehle gab als welche zu befolgen, ertappte sich dabei, sich sofort eifrig vor sie zu knien und die hübschen Sandaletten aufzuheben, um dann vorsichtig ihre Füße zu erfassen und ihr beide Schuhe mit größter Vorsicht anzuziehen. Wenn die anderen Ritter ihn sehen könnten... nun, vielleicht trieben sie ja gerade etwas Ähnliches?

Ihre Gnaden schien zufrieden mit seinem Tun – was nicht selbstverständlich war, denn eigentlich war Felian eher ein Grobmotoriker. Doch mit Aufmerksamkeit und Mühe ließ sich vieles erreichen. Elegant erhob sich die Frau schließlich, nachdem er ihr eine Hand gereicht hatte, nahm die Peitsche und eine kleine Umhängetasche, die Felian erst jetzt bemerkte, an sich und hakte sich höfisch korrekt bei ihm unter, als er ihr, ganz der Etikette gemäß, einen Arm anbot. Der Duft von feinem, dezentem Parfum, das ihn hauptsächlich an Arangen und Sandelholz erinnerte, ließen seine Gedanken kurz abschweifen, eher er sie wieder einfangen und sich den nächsten Schritten widmen konnte.

Erst jetzt bemerkte Felian, dass die Frau auch etwa die Größe Livias hatte – und vielleicht war dies auch ihr Grund gewesen, gerade diese Verkleidung zu wählen. Livia te Ghune hatte durchaus charakterliche Größe – doch körperlich war sie eher klein geraten, nur knapp 1,60 Schritt groß, wie er sich erinnerte. Dies war durchaus eine Herausforderung als Geweihte des Götterfürsten, wie sie ihm damals verraten hatte, denn man war nicht leicht eine Autorität, wenn man zu anderen doch aufschauen musste, während man sie zurechtwies. Wohlmöglich war dieser Adeligen, oder wer auch immer unter der Luchsmaske steckte, dieser Kontrast auch aufgefallen und sie hielt es für äußerst passend, ihre eigene eher geringe Körpergröße als Teil des Kostüms zu nutzen.
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