Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Namenlose Nacht

von Liskaya
GeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P18 / Het
OC (Own Character)
01.09.2020
20.11.2020
8
17.332
9
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
05.09.2020 1.421
 
Eine schmale Gestalt, gehüllt in feines, mehrlagiges Seidenkleid aus roten, weißem und gelbem Stoff, dass ihr etwa bis zu den Knien reichte. Lange, fein bestickte Ärmel bedeckten ihre Arme bis hin zu den Handgelenken, an denen sie geschmackvollen, goldenen Schmuck trug. Hübsche Schnürschuhe aus hellem Leder standen neben dem Platz, auf dem sie sich niedergelassen hatte. Goldblondes Haar fiel ihr wallend über die Schultern bis weit auf den Rücken, ein kleiner Teil davon war zu einem anmutigen Zopf geflochten, was sich zeigte, als sie kurz den Kopf zur Seite drehte und zu einem kleinen Singvogel hinübersah, der aufgeregt in einem Käfig umherflatterte, welcher von der Decke des Raumes herabhing. In dieser Haarpracht – wohl eine Perücke, aber eine meisterhaft gefertigte – fand sich ebenso goldener Schmuck in Form eines feinen Haarstabes. Eine kunstvoll gefertigte Maske in Form eines filigranen Sonnenluchsgesichtes bedeckte ihr Gesicht bis knapp über die Nase, sogar Schnurrhaare und die typischen Ohrbüschel waren daran angebracht. Eine Kette mit einem gewiss sehr wertvollen Bernsteinanhänger rundete das Bild ab, ebenso ein stilisiertes Sonnenszepter am fein geflochtenen Seidengürtel der stilisierten Robe, das wohl ebenso unecht war wie die Waffen aller anderer Kostüme auf dieser Feier, dennoch aber eine sehr gute Replik abgab. Die kleine, momentan zusammengerollte Peitsche aus hellem Leder auf einem Kissen neben ihr holte Felian wieder aus seiner intensiven Beobachtung in die Wirklichkeit zurück. Das Kostüm war wahrhaft meisterlich gefertigt, alles perfekt aufeinander abgestimmt.

Sie war nicht der einzige Gast, der sich als Geweihter der Zwölfe verkleidet hatte – Felian selbst hätte auch das Gewand eines Rondrianers als Tarnung wählen können, doch das wäre ihm einfach zu viel gewesen. Einige Gäste hatten sich als Geweihte der Rahja verkleidet – und dementsprechend trugen sie wenig – und auch einen recht klischeehaften Phexgeweihten hatte er schon gesehen. Der freche Kerl in sehr knappem Ornat, der stolz als falscher Praiot einen Dildo aus Bernstein mit sich herumtrug, tat gut daran, Felian nicht in die Quere zu kommen... doch diese Person mimte nicht nur eine Geweihte des Götterfürsten inmitten einer Orgie, sie kopierte eine Frau, die Felian kannte. Als hätte er sich nicht ganz zufällig eben erst an Livia erinnert... die Art, wie diese Unbekannte ihre Haare trug, war ganz genau so, wie er die junge Geweihte aus dem Hause te Ghune in Erinnerung hatte.

Es war nicht unüblich, auf Feiern wie diesen die Oberschicht der Stadt und des Reiches zu imitieren und sich durch eigene zeitweilige Dekadenz über deren Dekadenz offensichtlich lustig zu machen. Felian hatte schon bei mancher Kaiserin auf dieser Feier mit den Zähnen geknirscht und sich innerlich ermahnt, er habe ehrenwerte Gründe, hier zu sein und ein jeder würde gewiss irgendwann seine Abrechnung bekommen, spätestens vor der Seelenwage des Herrn Boron. Doch dieser Anblick ließ ihn kurz die Fäuste ballen, sodass er sich auf die Zunge beißen und für einige Momente abwenden musste, um die Beherrschung zurück zu erlangen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass zwei der Diener, die soeben leere Gläser und Teller einsammelten, ihn durch die halboffene Tür beobachteten. Er fiel zweifelsohne auf inmitten all der Gäste, gab er sich doch seltsam wenig all den Freuden hin, zu denen nur diese kleine, exklusive Anzahl an Menschen eingeladen worden war. Er musste seine Tarnung aufrecht erhalten. Die einzige aktuelle Chance dazu wähnte Felian unweit von ihm lesend auf den Kissen, und als er seinen Zorn über diese Blasphemie wieder in den Griff bekommen hatte, wagte er sich nach vorn und näherte sich langsam der lesenden Frau. Diese schien ihn nicht bemerkt zu haben und hob auch nicht den Kopf, als er nur noch wenige Schritt entfernt war.

„Verzeiht die Störung... ist Euch nach ein wenig Gesellschaft?“, fragte Felian leise und höflich.

Wenngleich er auch früh das Schwert anstelle von höfischem Geplänkel gewählt hatte, manches verlernte man nie. Und noch immer musste er seiner Familie entsprechend auftreten, auch wenn als Pilger und nicht mehr im Heeresdienst oder am Hofe. Und die Maske, die er nun trug, war wahrlich eine Rettung. Denn sonst hatte man ihm doch zumeist doch irgendwann am Gesicht ablesen können, was er wahrhaft dachte oder fühlte.

Nun hob die Frau den Kopf, sah ihn über den Rand des Buches hinweg musternd an. Er konnte ihre Augen durch die Schlitze der Maske nicht erkennen, zu schummrig war das Licht. Die Kerze neben ihr warf gerade genug Licht auf das Buch. Felian wartete geduldig, hielt der Musterung stand. Er war ähnlich wie sie für eine Orgie noch recht viel bekleidet, der Waffenrock zeigte ein buntes Fantasiewappen, das keinerlei Rückschlüsse auf seine wahre Identität zuließ.

„Durchaus, edler Ritter“, gab sie schließlich zurück und hob elegant die rechte Hand. Felian verstand und beugte sich vor, um sie vorsichtig zu ergreifen und einen Kuss auf den goldenen Ring zu hauchen, der einen hübsch eingefassten Bernstein trug. Immerhin kein Siegelring der Kirche... nicht mal der Versuch einer frechen Fälschung, wie bei manchen anderen Gästen.

Die sinnlichen Lippen der Frau wurden von einem schmalen Lächeln umspielt, als er sich auf das Spiel einließ. Dann zog sie die Hand langsam wieder zurück und deutete auf ein paar Kissen, die neben ihr noch frei waren. Felian würde etwas unter ihr sitzen, ließe er sich dort nieder, doch das machte ihm nichts. Kurz hielt er inne, als er glaubte, an ihrem rechten Unterarm etwas Auffälliges zu sehen, doch der lange Ärmel des Gewandes verdeckten es rasch wieder als sie die Hand zurückzog, und es mochte vielleicht auch nur eine Täuschung aufgrund des spärlichen Lichtes sein.

„Darf ich mich vorstellen... Ritter Voltan vom Windberg. Und Ihr seid?“, setzte Felian das oberflächliche Geplänkel fort und ließ sich möglichst elegant auf dem ihm zugewiesen Platz nieder. Ein kleines Spiel mit seinem echten Namen, doch er war nicht allzu bekannt in Gareth, als dass er damit rechnen müsste, sofort erkannt zu werden.

„Euer Gnaden dürfte vorerst genügen“, kam die Antwort recht rasch, und in ihrem Unterton lag ein Funken Arroganz, der sich auch in ihrer Haltung und ihrem Blick fortsetzte. Felian nickte, fast schon demütig, und kämpfte erneut kurz aufkommenden Ärger nieder. Er hatte einen Auftrag, und persönlicher Stolz hatte ihm nicht in die Quere zu kommen. Wenn dies jene Tarnung war, auf die er sich einlassen musste, um nicht noch weiter aufzufallen, dann war es eben so.

„Wie Ihr wünscht“, antwortete er leise und erhaschte dann einen Blick auf das Buch, in dem sie bis eben gelesen hatte. Es war tatsächlich ein Buch über zwölfgöttliche Legenden! Um diese Lektüre würde sie sich gewiss nicht streiten müssen an diesem Abend, das Kapitel über Rahja ausgenommen... Dann fiel sein Blick auf ein leeres Weinglas, das neben ihr stand, und in seinem Kopf formierte sich ein Plan.

„Darf ich Euch mit neuem Wein und vielleicht auch einigen ausgewählten Naschereien versorgen, Euer Gnaden?“, setzte Felian nach einer kurzen Pause wieder an, wobei er bemerkte, dass er nun ebenfalls gemustert wurde. Doch sie verriet kaum etwas über die wenige Mimik, die er erkennen konnte, und ihre Haltung blieb entspannt und dennoch herrschaftlich wie bisher.

„Gewiss, sehr aufmerksam. Nur keinen Fisch.“ Die Anweisungen kamen in ähnlichem Ton wie zuvor, doch nun glaubte er, etwas Neues in ihrem Blick erkennen zu können. Es war Neugierde, und offenbar war er ansprechend und höflich genug, um nicht sogleich fortgeschickt zu werden.

Felian erhob sich langsam und verbeugte sich galant, was ihm ein wohlwollendes Nicken einbrachte, ehe er – dem höfischen Verhalten gemäß – ein paar Schritte rückwärts ging und sich erst dann umwandte. Unter anderen Umständen hätte ihm ein solches Spielchen vielleicht Spaß gemacht, und er hatte keine Scheu vor rahjanischen Experimenten, ganz im Gegenteil. Doch das hier war anders, und trotz all dem Ärger über die Kopie einer ihm bekannten Person erkannte Felian die Herausforderung, die sich darin verbarg. Vielleicht würde es ihm sogar bei seiner Suche helfen... denn auf dieser Festlichkeit schien es durchaus von Vorteil zu sein, die richtigen Leute sowie ihre Vorlieben zu kennen und sich vielleicht ein paar Gefallen erarbeiten zu können.

So ging er nach draußen, vorbei an eng umschlungenen Paaren im Liebesspiel oder jenen, die mehr Lust im Zuschauen fanden, erreichte das Buffet und machte sich daran, einige Häppchen auf einem Teller zu sammeln. Einer der Diener, der dafür zuständig war die Speisen in Ordnung zu halten und stets rasch auffüllte, wenn etwas leer wurde, eilte sogleich an seine Seite und erklärte ihm die vielen Köstlichkeiten, sodass am Ende sicher kein Fisch auf den Teller kam. Ein Becher feinster Wein aus dem Yaquirtal rundete das Ganze ab, und so konnte der Ritter vom Windberg rasch zurück zur Geweihten des Götterfürsten gehen, die noch immer in der Bibliothek residierte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast