Stella

KurzgeschichteAllgemein / P12
01.09.2020
01.09.2020
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Das hier ist (wieder einmal) eine Geschichte, die ich ursprünglich für einen Wettbewerb verfasst habe, daraus wurde aber nichts. Viel Spaß beim Lesen!

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Stella



Ich kenne meine Schwester nicht.

Das heißt eigentlich, ich kenne sie nicht wirklich. Ich weiß, wie sie heißt (Stella), wie alt sie ist (vierzehn), was ihr Lieblingsessen ist (Spargelcremesuppe), welche Fächer sie in der Schule liebt (Kunst, Geographie, Sport) und hasst (Deutsch, Religion, Biologie) und wie sie zu mir gekommen ist. (Sie ist von unserem Vater und ihrer Mutter weggelaufen. Einfach so.)

Weil sie es nicht mehr ausgehalten hat, zuhause, wo sie behandelt wurde wie Luft und sowieso keiner mit ihr redet, weil ihre Mutter arbeitet, unser Vater schläft und ihre alte Nachbarin taub ist oder zumindest schwerhörig. Weil sie erfahren hat, dass es mich gibt, mich, die coole, ältere Schwester, die Skateboard fährt, Mädchen und Jungs gleichermaßen küsst, Schokokuchen bäckt, lauthals (und schief) Popsongs singt und weder raucht noch trinkt. Die coole, ältere Schwester, die mit ihren Freunden genauso oft abhängt wie mit ihrer kleinen Schwester, ihre feste Freundin nicht nur im Privaten trifft, wahnsinnig viel über die Mondlandung und Penelope Cruz weiß und dafür nichts über das Neue Testament oder Rihanna. Die coole, ältere Schwester, die Stella auf der Couch übernachten lässt, ihr einen neuen Wintermantel schenkt und die lacht, wenn Stella einen Witz erzählt, selbst, wenn er nicht lustig ist.
Weil sie mich kennenlernen wollte, anders kennenlernen, besser kennenlernen als von Fotos und aus Erzählungen. Also ist sie von zuhause weggerannt, einfach so, hat den alten Kontakt abgebrochen und neuen gesucht.
(Ich kenne meine Schwester nicht, nicht wirklich. Aber ich könnte sie kennenlernen.)


Es ist nicht so, dass ich Stella nicht höre, wenn sie weint. Ich höre es sogar ziemlich laut – wie ein verwundetes Tier liegt sie auf der Couch und schluchzt in ihr Kissen. Es ist nicht so, als würde es mich nicht kümmern. Das tut es sogar sehr – ich weiß nur nicht, wie ich sie trösten soll. Wie ich ihr sagen soll, dass ich mir sicher bin, dass unser Vater sie genau so wenig hasst wie ihre Mutter. Dass die beiden nur überfordert sind (weißt du, ich kenne deine Mutter ja nicht – aber unser Vater war noch nie gut im für-einen-da-sein. Es liegt nicht an dir, wirklich nicht. Er ist derjenige, der sich um dich kümmern sollte, der Preise gewinnen sollte für den-besten-Vater-der-Welt. Tut er aber nicht, und das liegt nicht an dir). Wie ich ihr sagen soll, dass sie jetzt mich hat und die beiden Erwachsenen in ihrem Leben sich niemals so erwachen und verantwortungsvoll benehmen könnten, wie ihre Schwester, die noch nicht mal achtzehn ist.
(Ich weiß es nicht, deswegen tue ich es nicht. Aber ich liege in meinem Bett und höre ihr zu, höre so lange zu, bis sie verstummt.)


„Ich habe den Mond kennengelernt“, sagt meine Schwester und wäscht sich an der Küchenspüle die Hände. Sie sieht mich nicht an, während sie das sagt, vermeidet den Augenkontakt so bewusst, dass ich mich frage, was denn bitte mit ihr los ist. Stella hat sich in den vergangenen Tagen immer mehr von mir zurückgezogen, ist in sich selbst hineingekrochen wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus. Zu gerne würde ich sie daraus hervorlocken, aber ich weiß nicht, wie.
,,Den Mond?“, frage ich deshalb nur, hüpfe von dem Fensterbrett, auf dem ich sitze, herunter, und gehe zu ihr. ,,Was meinst du damit?“
Stella zuckt kurz mit den Schultern, dann seufzt sie. Fast schon nervös spielen ihre Finger mit einer ihrer Locken. Ich runzle die Stirn. ,,Stella. Sprich mit mir.“ Sie hebt einmal kurz den Blick, blinzelt mich rasch an und fixiert dann wieder den Fußboden.
,,Dein Tagebuch“, nuschelt sie, und mir bleibt nicht einmal genug Zeit dafür, empört zu sein, dass sie es gelesen hat, denn sie spricht weiter, ,,du hast da drin geschrieben, du willst etwas Cooles erleben. Das hast du vielleicht nicht selbst erlebt, aber ich, und das muss ja auch irgendwo zählen, oder? Also. Ich habe den Mond kennengelernt. Früher, bei – na, bei denen drüben halt.“

Denen drüben. Stella nennt unseren Vater und ihre Mutter immer nur die drüben. Als wollte sie wirklich keinen Kontakt, als wollte sie vergessen, dass es sie gibt. Als wären es Fremde und nicht ihre Eltern. (Ich würde gerne sagen, Stella, das sind deine Eltern. Rede nicht so über sie. Aber das käme mir seltsam vor; auch für mich ist mein Vater ein Fremder.)
,,Ach, echt?“, mache ich nur, während ich uns eine Spargelcremesuppe koche, ganz, wie Stella sie mag. ,,Wie das denn?“ Stella grinst, hebt den Blick jetzt endgültig, ihrer trifft meinen. ,,Dort, wo die drüben leben, da gibt es eine Terrasse. Manchmal, wenn ich nicht schlafen konnte, dann bin ich raus und habe mich auf diese Terrasse gesetzt – hab dann einfach nur den Mond betrachtet. Und die Sterne. Aber vor allem den Mond. Habe mich ein bisschen mit ihm unterhalten. Angenehmer Zeitgenosse. Nur einsam ist er – genau wie ich…“, sie bricht ab, kurz ist ihr Blick irgendwie schutzlos. Ausgeliefert, unsicher. Verletzlich. Aber im Bruchteil einer Sekunde ist es wieder da, dieses Lächeln, das signalisieren soll, Es geht mir gut. Bevor ich irgendetwas sagen kann, fährt sie fort.

,,Jedenfalls hat meine Mutter mich eines Nachts erwischt als ich da draußen saß und einfach ein wenig mit dem Mond geplaudert habe. Wollte halt neue Kontakte knüpfen, weißt du, solche, von denen die drüben nichts wissen. Tja, daraus wurde nichts. Meine Mutter hat eigentlich nur geschrien, von wegen, was mache ich denn da, ich sollte doch schlafen, und überhaupt, was ist, wenn ich ausrutsche und runterfalle – ist ja nicht so, als wäre diese Terrasse abgesichert – und ich soll mir lieber richtige Freunde suchen, als mit dem Mond zu reden, er wird mir sowieso nicht antworten. Das alles hat sie rumgeschrien, du weißt ja vielleicht, wie Eltern manchmal schreien können. Das war, glaube ich, das einzige Mal, dass sie mir innerhalb von zehn Minuten nicht gesagt hat, ich soll sie in Ruhe lassen, sie muss arbeiten.“
Stella verstummt, rührt gedankenverloren mit dem Löffel in der mittlerweile fertigen Suppe. Sie ist noch heiß; Stella wird sich den Mund verbrennen, wenn sie nicht vorsichtig ist. Aber ich sage nichts, schweige nur.
Als mir klar ist, dass meine Schwester nicht weitererzählen wird, setze ich mich neben sie. ,,Tut mir leid, dass du so einsam warst. Aber hey. Jetzt hast du mich“, lächle ich. Sie nickt nur einmal knapp, aber auf dem Tisch sucht ihre Hand meine. Unsere Finger berühren sich nur kurz, aber ich weiß, für Stella ist das genug.
Ich esse ein paar Löffel Suppe, bevor mir ein Gedanke kommt. ,,Da du den Mond ja anscheinend so gern magst – soll ich dir ein wenig über die Mondlandung erzählen? Und heute Nacht gehen wir auf die Straße und sehen ihn uns gemeinsam an. Was sagst du dazu?“


Stella und ich stehen auf der Straße. Es ist kurz nach halb zwei nachts und wir haben morgen beide Schule, sollten also beide schlafen. Trotzdem. Dass mir Stella jetzt „ihren“ Mond zeigt, ist nicht nur ein kleiner Vertrauensbeweis, sondern auch eine Möglichkeit, sie vielleicht in wenig besser kennenzulernen. Ich weiß so wenig über sie, ist das nicht die perfekte Gelegenheit, mehr über sie zu erfahren?

Stella hat ihren Blick zum nächtlichen Himmel gerichtet, starrt auf dieses dunkelblaue Tuch und auf die Sichel, die zu sehen ist, ein bisschen so, als hätte man den Mond angenäht. Sie lächelt still und wirkt dabei so glücklich, wie ich sie seit Längerem nicht gesehen habe.
,,Das ist er also, dein Mond?“, frage ich im Flüsterton. Sie nickt und ich tue so, als wäre es nicht derselbe, den ich schon tausende Male gesehen habe. ,,Hallo, Mond“, murmle ich, aber – wie sollte es anders sein – er schweigt. Eine Weile starren wir wortlos beide zum blassgelben Mond hinauf, jede von uns mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Schließlich berührt meine Schwester mich ganz leicht am Ellbogen. ,,Ich hab ein bisschen mit ihm geredet, weißt du, aber nur in meinen Gedanken. Funktioniert irgendwie nicht so gut, wenn jemand neben mir steht. Ich konnte… ich konnte keinen richtigen Kontakt aufnehmen. Tut mir leid“, wispert sie.
Ich seufze innerlich, nicke aber. ,,Sollen wir zurück ins Haus?“.

Kurz, bevor Stella mir durch die Tür folgt, dreht sie sich noch ein letztes Mal um und sieht zum Mond. Jetzt wirkt ihr Lächeln wieder schmerzlich. ,,Gute Nacht – und danke“, flüstert sie und für einen kurzen Moment denke ich, dass der Mond antworten wird. Aber natürlich tut er das nicht.
Ich wende den Blick ab und gehe an ihr vorbei ins Haus.

Als ich schließlich höre, wie sie die Türe schließt, geht Stella nicht zur Couch. Stattdessen legt sie sich auf meinen Teppich, ganz nah neben mein Bett. Wenn ich die Hand ausstrecken würde, könnte ich sie berühren. Aber ich tue es nicht. Irgendetwas sagt mir, dass sie diesen Kontakt, diese doch allzu tröstliche Berührung, nicht schätzen würde.
(Ich schlafe und träume vom Mond und von Stellas Lächeln.)


In meiner Schreibtischschublade liegt ein Brief, von dem Stella nichts weiß. Adressiert ist er an meinen Vater.


Hallo, Vater.

Ich frage mich, ob dir überhaupt aufgefallen ist, dass Stella weg ist, oder ob deine Frau und du zu beschäftigt seid. Ich wünsche mir, dass ihr es bemerkt habt – aber wieso  sucht ihr sie dann nicht? Ich weiß, Vater, dass du weißt, dass sie bei mir ist.
Weißt du, irgendwie finde ich es schade, dass du nur am Rande präsent bist, in unser beider Leben nur ab und an vorkommst. Ich weiß, ich könnte das ändern. Du aber auch.
Stella hat mir den Mond gezeigt, den Mond, mit dem sie sich manchmal unterhält, weil deine Frau und du anscheinend kaum Zeit für sie habt. Sie hat Recht behalten; der Mond ist wirklich ein außerordentlich guter Zuhörer. Auch, wenn er nur schweigt und im Himmel hängt. Er ist still und fern und unerreichbar. Ein bisschen wie du, schätze ich.
Aber trotzdem. Wir knüpfen Kontakt, sie, der Mond und ich.
Kontakt, den du auch mit uns haben könntest.
Weißt du, ich kenne meine Schwester nicht, habe sie zumindest anfangs nicht richtig gekannt. Jetzt schon. Nur dich, dich kenne ich noch immer nicht.
~L.



Ich schicke den Brief nie ab.


Stella und ich, wir kennen uns nicht, nicht richtig. Noch immer nicht. Was uns verbindet, das sind Spargelcremesuppe und zu kurz gehaltener Augenkontakt und schlechte Witze und Shoppingtouren für Wintermäntel. Und der Mond, der auch, natürlich.
(Was uns verbindet, das sind all die nächtlichen Stunden, da unten auf der Straße, ihre Hand auf meinem Ellbogen, unsere Augen beide denselben Mond betrachtend, ganz unterschiedliche Konversationen mit ihm führend.)
Was uns verbindet, das ist Stellas Lächeln, eines Nachts, als wir ganz allein auf der Straße sind und vielleicht auch auf der ganzen Welt.

Was uns verbindet, das sind ihre Worte in dieser Nacht: ,,Hey, weißt du was? Du bist mein ganz persönlicher Mond, Luna.“
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