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2020 08 31: Der ganz normale Wahnsinn [by Akaya Yosa]

OneshotAbenteuer, Humor / P12 / Gen
31.08.2020
31.08.2020
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2.183
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31.08.2020 2.183
 
Tag der Veröffentlichung: 31. August
Zitat:  "Falls du auf den richtigen Augenblick gewartet hast - das war er." - Fluch der Karibik
Titel der Geschichte: Der ganz normale Wahnsinn
Autor: Akaya Yosa
Hauptcharaktere: Leo und Cayden (OCs)
Nebencharaktere: OCs
Pairings: /
Kommentar des Autors: /



Der ganz normale Wahnsinn

Leo saß an einen Stuhl gefesselt in einem großen Lagerhaus. Um sie herum nichts als Container, voll mit billiger Deko und dahinter versteckten Paletten mit Falschgeld, ein verwaister Schreibtisch und ein paar stinkende Pfützen – und natürlich die Fälscher, die sie mit äußerst schlagkräftigen Argumenten dazu gebracht hatten sich fesseln zu lassen. Obwohl, wenn Leo es richtig bedachte, konnte man die Gewehre wohl kaum als schlagfertige Argumente bezeichnen. Wie auch immer, sowohl Verbrecher als auch Waffen schienen äußerst geladen zu sein.
Gut, sie wäre sicher auch nicht erfreut, wenn jemand sie bei etwas nicht so wirklich legalem filmen würde. Sie konnte die Männer also durchaus verstehen. Aber musste man ihr deswegen ein Gewehr über den Schädel ziehen? Und wo sie schon einmal dabei war - wie zum Teufel schaffte sie es, sich immer in solch lebensbedrohliche Situationen zu bringen?
Gut, meistens war sie einfach unvorsichtig (wie das eine Mal, als sie in Dienstkleidung bei einer Familienfeier aufgeschlagen war. Seitdem war Leo sich sicher – ihre erzkonservative Verwandtschaft konnte Punks nicht ausstehen, aber was sollte man machen, wenn man undercover in der Szene arbeitete?). Dieses Mal war Leo sich sicher, kein unnötiges Risiko eingegangen zu sein. Sie hatte sogar extra ihr Handy abgestellt, bevor sie sich in das Lagerhaus geschlichen hatte. Und die Schuhe hatte sie auch draußen stehen gelassen, damit sie sich nicht wie bei ihrer letzten Beschattung durch einen unbedachten Schritt verriet (in Lagerhäusern hallte so etwas schrecklich gut). Aber, wenn sie genauer darüber nachdachte … Es war vielleicht doch nicht ihre beste Idee gewesen, sich in das Gebäude zu schleichen, wo sie doch nur wusste, dass die Verbrecher samt Blüten darin waren, aber nicht, ob sie Waffen hatten, wie viele es genau waren und ob sie nicht gerade zwischen den Paletten herumstromerten und sie dadurch leichter entdecken konnten.
Gut, sie wusste wie sie in diese Lage geraten war. Leo schüttelte den Kopf. Langsam sollte sie sich so etwas doch denken können, nach zehn Jahren im Dienst. Wie sagte man so schön? Aus Fehlern lernt man. Sie schien nur eine Ausnahme dieser Regel zu sein, eine verdammt große sogar. Andererseits … sie hätte jetzt wohl kaum so kalte Füße, wenn sie nicht versuchen würde, es besser zu machen.
Frustriert von ihren eigenen Gedanken konzentrierte Leo sich lieber wieder darauf, wie sie diesmal aus der Klemme kommen konnte. Als sie das letzte Mal an einen Stuhl gefesselt gewesen war, was hatte sie da gemacht?
Gedanklich schlug sie sich mit der Hand gegen die Stirn. Ihr Federmesser!
Extra für solche Situationen hatte sie es immer in ihrer Hosentasche. Vorsichtig tastete sie nach der Klinge. Sie war nicht sehr scharf, aber für das bisschen Klebeband würde das schon gehen. Da, ihre Fingerspitzen streiften das Messer. Was sie gemacht hätte, wäre die Lehne des Stuhles durchgehend gewesen, wollte sie sich lieber nicht vorstellen. Stück für Stück fingerte sie ihre Rettung hervor, dabei behielt sie die Männer vor ihr genau im Auge, um sicher zu gehen, dass sie nichts bemerkten. Sie hatte nur diesen einen Versuch, das wusste Leo nur zu genau.
Noch immer berieten sie sich lautstark auf Spanisch. Leo verstand kein Wort, aber anhand der wütenden Blicke, die sie gelegentlich trafen und der aggressiven Gesten in ihre Richtung vermutete sie stark, dass über ihr Schicksal debattiert wurde. Dabei ging es wohl nicht mehr darum, ob sie am Leben gelassen werden würde, sondern eher darum, wie ihr Ableben gestaltet werden sollte.
Leo vermutete, dass einige dafür waren, sie auf der Stelle zu erschießen, andere es wie einen Unfall aussehen lassen wollten und wieder andere sie einfach sang und klanglos verschwinden lassen wollten.
Ein stechender Schmerz an ihrem Handgelenk brachte sie dazu, ihre Aufmerksamkeit erneut dem Durchtrennen des Klebebandes zu widmen. Allerdings wurde ihr Vorhaben jetzt durch das Blut erschwert, dass ihr über die Finger rann und den Griff des Federmessers rutschig machte.
Als sie das Band erst zur Hälfte durchtrennt hatte, wandten sich die Männer ihr zu. Der Anführer der Bande schien ein Machtwort gesprochen zu haben.
Bedrohlich baute sich der breitschultrige Hüne vor Leo auf. Dabei verkörperte er das Hollywood-Klischee eines richtig harten, bösen Kerles so gut, dass Leo sich ein hysterisches Lachen verkneifen musste.
Stumm und mit vor der Brust verschränkten Armen musterte er sie.
„Du bist wahrscheinlich entweder die dümmste oder leichtsinnigste Polizistin, die mir je begegnet ist. Hast-“
„Dann hast du wohl noch nicht viele getroffen. Denkst du wirklich, ich hätte meine Kollegen nicht verständigt?“, fragte Leo, obwohl sie genau das nicht getan hatte. Aber sie musste Zeit gewinnen, um ihre Fesseln zu durchtrennen.
„Genau das glaube ich. Hättest du nicht auf eigene Faust gehandelt, wäre die Halle schon längst umzingelt.“
„Wer sagt denn, dass das nicht der Fall ist?“
Genervt schnaubte er. „Ich muss mich korrigieren, du bist ganz sicher die dämlichste Polizistin, die mir jemals begegnet ist.“
„Dann bist du der hirnloseste Möchtegern-Gangster, der mir jemals bege… - der mich jemals an einen Stuhl gefesselt hat. Ich kenne nicht mal deinen Namen, so unwichtig bist du.“
„Igor Trofimov“, knurrte der Riese und seine Miene wurde noch finsterer, wenn das überhaupt möglich war. „Mach so weiter, Kleine, und ich lege dich hier und jetzt um.“
„An Ihrer Stelle würde ich das nicht tun.“ Igor öffnete den Mund um ihr zu widersprechen, doch Leo redete einfach weiter. „Polizisten reagieren sehr empfindlich darauf, wenn ein Kollege umgebracht wird. Und glaubt mir: Wenn ihr erstmal die gesamte Polizei des Landes im Nacken sitzen habt, werdet ihr schneller eingebuchtet werden, als ihr eure Blüten in Umlauf bringen könnt.“
Nun hatte Leo diese Worte in äußerst freundlichem Ton gesprochen, doch genau deshalb jagte es den nicht ganz so Abgebrühten unter den Verbrechern einen Schauer über den Rücken. Das psychopatisch wirkende Grinsen auf Leos Lippen tat sein übrigens, sodass einer einzuwenden wagte: „Boss, vielleicht ist es wirklich keine gute Idee, sie umzubringen. Wir könnten sie doch einfach hierlassen und uns mit den Blüten ins Ausland absetzen und uns da ein schönes Leben machen … A-Aber wenn ich es recht bedenke …“ Igor hatte sich mit äußerst mörderischer Miene zu seinem Gefolgsmann umgedreht. „E-Es war n-nur so eine Idee, eine ganz, ganz dumme Idee … wir machen, was auch immer du für richtig hältst, Boss“, brachte er mit sich überschlagender Stimme heraus.
Nun war es an Leo leer zu schlucken, wobei das Grinsen nicht von ihren Lippen wich. Wenn seine Gefolgsleute solche Angst vor ihm hatten, konnte dieser Igor nicht so ungefährlich sein, wie sie bisher angenommen hatte. Die Gunst des Augenblickes nutzend, durchtrennte sie ihre Fessel, hielt ihre Hände aber weiterhin hinter ihrem Rücken. Keiner der Männer bemerkte den leichten Ruck, der dabei durch ihren Körper ging, zu gefesselt waren sie von der Auseinandersetzung ihrer Leute.
Igor schien endlich genug davon zu haben, seinen Mitverbrecher wütend anzustarren, denn er wandte sich Leo erneut zu. Ihr Grinsen kratzte an seiner Selbstbeherrschung. „Du wirst jetzt schön still hier sitzen bleiben, bis wir die Blüten verladen haben, dann wirst du mit uns einen kleinen Ausflug machen. Wir kennen da eine Stelle in den Bergen, an der die Straße sehr unübersichtlich ist. Wir werden deinen kleinen Freunden von deinem Handy eine Nachricht schreiben, in der du erklärst, dass du unser Versteck in den Bergen vermutest und hinfährst, um es zu suchen. Leider wirst du auf der Fahrt an der erwähnten Stelle von der Straße abkommen und mit deinem Auto in die Schlucht daneben stürzen. Ein tragischer Unfall, bei dem niemand uns etwas nachweisen kann.“
Äußerst selbstzufrieden drehte sich Igor von ihr weg und begann Befehle an seine Männer zu verteilen. Leo benötigte ein paar Augenblicke, bis sie ihrer Stimme wieder trauen konnte – sicher, sie geriet ständig in Schwierigkeiten, aber selten wurde ihr so eindrücklich erzählt, wie sie zu Tode kommen würde. Sie versuchte ein freches Grinsen und war, als es gelang, wieder einmal dankbar für die Theater-AG in der Schule (sie hatte drei Jahre lang mitgespielt und irgendwie hatte sie immer einen Psychopathen spielen müssen. Man verlernte so einen irren Gesichtsausdruck nicht einfach, wenn man damit drei Jahre lang fast zwei Stunden die Woche durch die Gegend laufen musste).
Unvermittelt meinte Leo: „Weißt du, was ich glaube?“ Igor drehte sich zu ihr herum. „Ich denke, du hast einfach nicht genug Mumm in den Knochen, um jemanden umzubringen, besonders eine kleine zerbrechliche Frau wie mich könntest du niemals erschießen.“ Seine Augen blitzten wütend, doch Leo fuhr unbeeindruckt fort. „Stattdessen willst du einen Unfall inszenieren lassen. Kein Wunder, dass du nur in so einem unwichtigen Provinznest für die Blüten zuständig bist. Für alles andere bist du zu feige!“ Die letzten Worte spuckte sie ihm wütend entgegen.
Ruhiger fuhr sie fort: „Aber falls du nur auf den richtigen Augenblick gewartet hast – das war er.“
Im nächsten Augenblick sprang sie auf und sprintete Richtung Ausgang. Dabei schnappte sie sich ihr Handy von einer herumstehenden Kiste. Im Zickzack zwischen den Containern hindurchzulaufen, die Tür zu öffnen und sie dann mit einer alten Eisenstange von außen zu blockieren, war das Werk von Sekunden. Länger hätte es aber auch nicht dauern dürfen, denn schon knallte jemand, dem wütenden Schrei nach zu urteilen, Igor, gegen die Tür, die jedoch nicht nachgab.
Leo verschwendete keine Zeit, sondern rannte fluchend – ihre Schuhe standen noch an der Hintertür – über den Vorplatz des Lagerhauses auf einen blauen Kombi zu. Fast in vollem Lauf prallte sie gegen die Beifahrertür, bevor sie sie aufriss.
„Fahr!“, wies sie den dunkelhaarigen Mann an, der sie bereits erwartet hatte.
„Willst du nicht noch deine Schuhe holen?“, wollte dieser belustigt, aber keineswegs über ihren Auftritt überrascht, wissen.
„Keine Zeit. Ich glaube, gerade ihr Anführer hat keine Hemmungen mehr, auf mich zu schießen.“
„Du hast ihn gereizt.“ Vorwurfsvoll sah er sie an.
„Möglicherweise.“ Sein Blick verriet, was er von ihrer Antwort hielt. „Okay, okay, ich habe ihn vielleicht ein bisschen … Ich habe ihn gereizt.“ Ein Blick aus dem Seitenfenster zeigte Leo, wie die Tür aufsprang. „Und jetzt drück endlich auf die Tube!“
„Wie Mylady wünschen.“ Leo schnaubte.
Eine Weile herrschte Stille im Wagen, ungefähr genauso lange, wie Leo brauchte, um festzustellen, dass sie nicht verfolgt wurden, obwohl die Autos ihrer neuen Freunde direkt vor der Lagerhalle gestanden hatten.
„Möchtest du mir nicht etwas erklären, Cayden?“, fragte Leo übertrieben freundlich.
„Nicht das ich wüsste, Leo“, gab er gespielt nachdenklich zurück.
„Vielleicht möchtest du mich darüber aufklären, wie du mich gefunden hast und warum uns kein schicker Sportwagen an der Heckstange klebt.“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Cayden Allan McPhee!“
„Leonora von Kruckenberg!“, erwiderte er im gleichen Tonfall.
„Ally“, konterte Leo mit einem überlegenen Grinsen. Ebenso wie Cayden wusste, dass sie ihren Vor- und Nachnamen hasste (Wer war schon begeistert, wenn er nach einer äußerst geizigen Tante benannt wurde, damit die eigene Mutter nicht enterbt wurde? Genau, nicht Leo.), wusste sie, dass er es nicht leiden konnte, Allan oder – noch schlimmer – Ally genannt zu werden. Nachdem er festgestellt hatte, dass Leo diesen Spitznamen äußerst ausdauernd gebrauchte, wenn er ihr nicht sagte, was sie wissen wollte, gab er nach, sobald sie ihn so nannte.
„Vielleicht habe ich dich mit Hilfe des Chips in deinem Arm geortet, obwohl ich es nicht sollte und vielleicht habe ich bei gewissen Autos die Reifen zerstochen.“ Cayden hielt inne, als ihnen Polizeiwagen entgegenkamen. „Und vielleicht habe ich der Polizei einen anonymen Hinweis gegeben.“
Leo stöhnte auf, das war mal wieder typisch für ihn!
„Ich schätze, ich sollte dir danken. Aber woher wusstest du eigentlich, dass ich in Schwierigkeiten war?“
„Ich habe ganz eventuell den Polizeifunk abgehört und mitbekommen, dass dir verboten wurde, das Lagerhaus zu betreten. Mir war klar, dass du dich – mal wieder – einem direkten Befehl widersetzen würdest und ich hatte das Gefühl, das du Hilfe gebrauchen könntest.“
„So oft widersetze ich mich Anweisungen gar nicht!“
„Dann wärst du nicht strafversetzt worden.“
„Ich geb‘s auf, du hast gewonnen. Aber danke.“
„Für dich immer, Mylady“, schmunzelte Cayden. „Wir sollten …“
Das Klingeln von Leos Handy, das sie soeben eingeschaltet hatte, unterbrach ihn.
„Unsere Chefin“, meinte Leo stirnrunzelnd, während sie die SMS überflog.
„Die gute Nachricht ist, meine Strafversetzung wurde aufgehoben. Die schlechte ist, dass wir uns den Urlaub nächsten Monat wohl abschminken können. Wir sollen ein Kartell in Mexiko infiltrieren. Die Infos gibt es wie immer auf dem Flug.“
„Dann auf zum nächsten Flughafen“, seufzte Cayden und vollführte eine schwungvolle 180-Grad-Wende. „Ich fürchte allerdings, dass wir unseren Sommerurlaub auch gleich an den Nagel hängen können, es sei denn, unsere baldigen Freunde vom Kartell geben uns welchen – wobei ich das irgendwie bezweifle.“
Jetzt war es an Leo zu seufzen. Das Leben war wahrlich kein Zuckerschlecken, wenn man für eine internationale, äußerst geheime Behörde arbeitete!





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine echt tolle und lustig-dramatische Geschichte, die sehr gut zum Zitat gepasst hat.
Warum gibt es eigentlich das Genre Action nicht?

Eure lula-chan
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