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Wenn Narben verheilen

GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
31.08.2020
21.12.2020
17
17.721
4
Alle Kapitel
38 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
09.09.2020 1.405
 
Hey, ich bin's wieder :)
Ich möchte euch nicht lange aufhalten, also nur ein Danke an Frelldy DA für den Review und los geht's!


Das bevorstehende Gespräch ging mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Ob mir bis morgen eine glaubwürdige Ausrede einfallen würde, warum ich mich in der Klasse „nicht wohlfühlte“? Ich wusste, dass ich es nicht fertigbringen würde, Frau Eckert von dem Unfall zu erzählen. Darüber konnte ich nicht sprechen. Mit niemandem. Bisher hatte ich immer versucht, das Thema zu vermeiden und Fragen aus dem Weg zu gehen. Wenn mich doch jemand darauf ansprach, wechselte ich schnell das Gesprächsthema. Zum Glück passierte das sehr selten, da fast niemand außer meiner Familie mit mir redete.
Vielleicht konnte ich einfach so tun, als wäre ich krank, dann konnte ich mehr Zeit gewinnen. Aber wenn ich das täte, bräuchte ich eine Entschuldigung. Und die würde mir keiner meiner Eltern unterschreiben.
Selbst der neue Lesestoff aus der Bücherei, über den ich mich sonst so freute, konnte mich heute nicht glücklich machen.
Als ich abends ins Bett ging, war mir immer noch keine Idee gekommen. Es war zum Verzweifeln. Schließlich schlief ich ein, ohne dass ich wusste, was ich morgen sagen sollte.

Es ist Winter, kurz vor Weihnachten. Ich fahre gerade mit meinem Opa von der Stadt nach Hause, zwischen meinen Beinen eine Tüte mit Weihnachtsgeschenken für meine Familie. Voller Vorfreude denke ich an die selbstgebackenen Plätzchen, die mich zuhause erwarten und an den weihnachtlichen Geruch von Zimt in unserem Haus, den ich so liebe. Auf einmal spüre ich, wie das Auto zu schlingern beginnt. „Opa!“, schreie ich leicht panisch. Ich drehe den Kopf zu ihm und sehe seinen angestrengten Gesichtsausdruck, als er versucht, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Jetzt erst bemerke ich das Glatteis auf der Straße und ein entsetztes Keuchen kommt mir über die Lippen. Und plötzlich bricht das Heck des Autos aus und der Wagen schlittert quer über die Straße auf die Leitplanke zu. Ich erstarre vor Schreck, als ich den immer näher kommenden Straßenrand erblicke. Aus dem Augenwinkel sehe ich Opas weit aufgerissene Augen und seinen Mund, der zu einem stummen Schrei geöffnet ist. Ich habe Angst, riesengroße Angst. Und ich weiß, dass der Zusammenstoß mit der Leitplanke nicht zu verhindern ist. Und dann höre ich auf einmal ein lautes Krachen und alles wird schwarz.

Schweißgebadet wachte ich auf und setzte mich mit einem Ruck hin. Mein Herz schlug wie verrückt und ich atmete heftig.
„Du bist in deinem Bett, Celina!“, flüsterte ich zu mir, um mich zu beruhigen. „Du bist nicht im Auto. Dir kann nichts passieren!“ Es dauerte einige Minuten, bis ich mein Herzklopfen wieder unter Kontrolle hatte und ich wieder normal atmete. Ich sah auf meinen Wecker: Kurz vor drei. Es war mitten in der Nacht! Ich legte mich wieder hin und schloss die Augen. Doch sofort tauchten wieder Bilder in meinem Kopf auf: von der vereisten Straße, dem entsetzten Gesicht meines Opas und dem schlingernden Auto. Schnell machte ich die Augen wieder auf.
Ich hasste diesen Traum. Und ich fürchtete ihn. Und doch träumte ich ihn fast jede zweite Nacht. Jedes Mal wachte ich danach schlagartig auf und spürte mein Herz bis zum Hals klopfen. Und immer wieder erlebte ich diese Szene, immer dieselbe.
Bisher hatte ich noch niemandem davon erzählt – obwohl ich bereits zweimal kurz davor war, mit meinem Bruder Felix darüber zu sprechen. Doch irgendwie war der passende Moment immer genau dann verstrichen, wenn ich gerade zu einer Erzählung angesetzt hatte. Ich seufzte. Vielleicht sollte ich es doch noch einmal in Erwägung ziehen, mit Felix darüber zu reden. Und während ich darüber nachdachte, wie ich ein solches Gespräch einleiten sollte, nickte ich langsam wieder ein.

Mein Wecker riss mich pünktlich um 6:30 Uhr aus dem Schlaf. Gähnend richtete ich mich auf, streckte mich und ließ mich noch einmal in die Kissen zurückfallen. Heute war das Gespräch mit Frau Eckert. Nach der Schule. Und ich hatte immer noch keine Ausrede. Na toll! Unter Zeitdruck zu denken war mir schon immer schwergefallen. Ich sah mich schon vor Frau Eckert sitzen und herumstammeln, weil ich keine Ausrede parat hatte. Ich musste mir wirklich langsam etwas einfallen lassen, damit dieses Szenario nicht Wirklichkeit wurde! Aber jetzt war erst einmal Frühstück angesagt!

Zwei Stunden später saß ich neben Emma in der Deutschstunde bei Herrn Ziegler und versuchte verzweifelt, eine plausible Ausrede zu finden. Ich wusste nicht, wie viel meine Eltern von meiner Situation mitbekommen hatten und wie viel sie Frau Eckert erzählt hatten. Das machte es umso schwieriger, eine Erklärung zu finden, die sich mit dem deckte, was Frau Eckert bereits wusste. Wenn etwas nicht übereinstimmte, würde sie es sofort merken, da war ich mir sicher. Vielleicht –    
„Celina! Aufwachen!“ Ich schreckte auf. Herr Ziegler seufzte, aber sein Lächeln dabei machte diese Schauspielkunst vollkommen zunichte.
„Du hast die Frage nicht mitbekommen, oder?“, wollte er von mir wissen. Ich schüttelte zerknirscht den Kopf.
„Na gut. Paul, würdest du bitte für unsere Schlafmütze“ – er zwinkerte mir zu – „meine Frage wiederholen?“ Ich wusste, dass Herr Ziegler es mir nicht übel nahm, dass ich so in Gedanken vertieft gewesen war. Er war jung, hatte immer gute Laune, lachte viel und machte ab und zu kleine Späße über Schüler, wie bei mir gerade eben. Doch jeder wusste, dass er es nicht ernst meinte und selbst das Opfer seiner Witze lachte meist nach kurzer Zeit mit. Er war definitiv mein Lieblingslehrer.
Nach der Doppelstunde Deutsch bei Herrn Ziegler hatten wir erst eine Stunde Geschichte, dann Englisch, anschließend Chemie und schließlich eine Stunde Mathe bei Frau Eckert. Und mir war immer noch nichts eingefallen. Zum Glück schien sie mein gedankenversunkenes Schweigen nicht zu bemerken, vielleicht ließ sie mich aber auch deshalb in Ruhe, weil sie dachte, dass ich mir Worte für unser anschließendes Gespräch zurechtlegte, womit sie ja auch in gewisser Weise recht hätte. Nur, dass mir keine Idee kam, so sehr ich mich auch anstrengte. Ich war echt schlecht darin, Ausreden zu erfinden. Es war wirklich zum Verzweifeln.
Auch Emma hatte mich den ganzen Vormittag in Ruhe gelassen, vielleicht hatte sie gemerkt, wie gedankenversunken ich war und wollte mich nicht stören. Mir war es nur recht.
Am Ende der Stunde geriet ich regelrecht in Panik, weil ich immer noch keine Ausrede im Kopf hatte. Ich nahm mir für die Zukunft fest vor, früher mit so etwas anzufangen. Das half mir jetzt allerdings auch nichts. Als schließlich die Glocke zum Unterrichtsende läutete, spielte ich für einen Moment ernsthaft mit dem Gedanken, einfach nach Hause zu gehen und so zu tun, als ob ich das Gespräch vergessen hätte. Doch ich verwarf die Idee bald wieder, denn dann würde ich Frau Eckert spätestens in der nächsten Mathestunde Rede und Antwort stehen müssen. Und darauf hatte ich noch weniger Lust. Also packte ich schon mal meine Bücher und Hefte in die Schultasche und verabschiedete mich von Emma. Ich hatte ihr gestern nach der Physikstunde erzählt, dass ich heute ein Gespräch mit Frau Eckert hätte, ihr aber das Thema verschwiegen. Zum Glück hatte sie nicht nachgefragt.
Emma ging zur Tür, drehte sich dort noch einmal um und formte mit den Lippen „Viel Glück“ in meine Richtung. Ich lächelte sie dankbar an. Dann lief sie aus der Tür und war nicht mehr zu sehen.
Ich sah zu Frau Eckert hinüber und schluckte. Da musste ich jetzt durch.
„Selbst schuld, Celina, du hättest eben früher anfangen sollen, über eine Ausrede nachzudenken!“, schalt ich mich gedanklich. Jetzt war es zu spät. Ich ging zu meiner Lehrerin hinüber und setzte mich ihr gegenüber auf den Stuhl, den sie für mich gerichtet hatte. Ich fühlte mich ein bisschen, als wäre ich schuldig vor Gericht und Frau Eckert die Richterin. Und ich wäre in dem Moment überall auf der Welt lieber als hier. Es kam mir vor wie mein Todesurteil.
Doch dann schüttelte ich den Kopf. Ich machte mir viel zu viele Sorgen. Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass ich von dem Unfall erzählen musste. Ich war mir nicht sicher, ob ich das konnte. Aber ich würde es versuchen müssen, denn es war äußerst unwahrscheinlich, dass Frau Eckert nicht danach fragen würde.

Okay, wie, denkt ihr, wird das Gespräch ablaufen? Wird Frau Eckert nach dem Unfall fragen oder nicht? Und wie viel wird Celina ihr erzählen müssen? Schreibt mir das doch gerne, würde mich interessieren, was ihr so für Vorstellungen davon habt :)
Dann bye bye und bis morgen!
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