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Wenn Narben verheilen

GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
31.08.2020
21.12.2020
17
17.721
5
Alle Kapitel
38 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
06.09.2020 900
 
Hey, ich bin's wieder :D
Ich habe spontan beschlossen, die nächsten Tage je ein Kapitel pro Tag hochzuladen, so weit, wie ich schon geschrieben habe (das sind momentan insgesamt 7 Kapitel). Danach werde ich ein neues Kapitel immer dann hochladen, wenn es fertig ist. Irgendwie mag ich es lieber, wenn ich dann direkt Feedback bekomme. Außerdem können Ideen, die mir geschrieben werden, gleich in die Geschichte mit einbezogen werden.
Also jetzt nicht wundern, wenn erst so schnell neue Kapitel kommen und es dann wieder länger dauert.
Übrigens danke für eine Empfehlung und danke an Frelldy DA für den Review!
Aber jetzt viel Spaß mit dem zweiten Kapitel!


Kaum 5 Sekunden nachdem ich geklingelt hatte, öffnete ein lächelndes Mädchen in etwa meinem Alter die Tür. Sie sah nett aus, hatte lange, dunkelblonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, viele Sommersprossen im Gesicht und trug ein hellblaues T-Shirt und Hotpants.
„Hallo!“, begrüßte sie mich freundlich.
„Hallo!“, erwiderte ich. „Ich wohne nebenan und wollte einen Begrüßungskuchen vorbeibringen. Du bist gestern hier eingezogen, stimmt‘s?“
„Ja, stimmt!“, antwortete sie. „Das ist ja echt nett von dir und deiner Familie, dass ihr extra einen Kuchen gebacken habt. Vielen Dank!“
„Keine Ursache!“ Ich sah, wie ihr Blick, der bisher auf den Kuchen gerichtet war, zu meinem Gesicht und den Narben wanderte und stöhnte innerlich. Ich kannte das schon. Gleich würde die Frage kommen, was ich mit meinem Gesicht gemacht hätte oder woher ich die Narben hätte. Ich würde schweigen und von da an würde sie mich nicht mehr beachten.
Doch zu meiner Überraschung sagte sie nichts dergleichen. Ich gab ihr den Kuchen, den ich noch in der Hand hatte und stellte mich vor:
„Ich bin Celina. Und du?“
„Ich heiße Emma!“ Daraufhin trat ein peinliches Schweigen ein und so beschloss ich schließlich, zu gehen.
„Also dann, wir sehen uns“, verabschiedete ich mich.
„Okay, bis bald! Und nochmal danke für den Kuchen!“, rief sie mir hinterher.
Wieder zu Hause, zerbrach ich mir den Kopf darüber, weshalb Emma mich nicht nach meinen Narben gefragt hatte. Je länger ich darüber nachdachte, desto seltsamer kam es mir vor. Jeder, den ich seit dem Unfall kennengelernt hatte, hatte mich gleich bei der ersten Begegnung danach gefragt. Warum hatte Emma es nicht getan? Warum hatte sie nicht irgendeine Bemerkung geäußert?
Nachdem ich eine geschlagene Stunde darüber nachgedacht hatte, kam ich zu dem Schluss, dass ich diese Frage nicht beantworten konnte und ging die Treppe hoch in mein Zimmer, um die Hausaufgaben zu erledigen. Als ich gerade versuchte, mir zu merken, dass Ananas auf englisch pineapple heißt, hörte ich unten die Tür aufgehen. Schnell verschob ich die restlichen Vokabeln auf nachher und lief nach unten. Papa stand im Flur und zog sich gerade die Schuhe aus.
„Hallo, Papa!“, rief ich.
Papa drehte sich um und lächelte mich an. „Hallo, mein Schatz! Hattest du einen schönen Tag?“
Ich dachte an den Zettel in der Mathestunde und zuckte mit den Schultern. „Na ja, hätte besser sein können. Und bei dir?“
Ich quatschte noch ein bisschen mit Papa und zog mich dann in mein Zimmer zurück, um weiter Vokabeln zu lernen.
Als ich dann endlich fertig war, zeigte mein Wecker schon fünf Uhr nachmittags. Ich beschloss, noch ein bisschen zu lesen, schnappte mir mein Buch und setzte mich aufs Bett.
Ich liebe Bücher. Am liebsten mag ich Fantasyromane. Wenn ich ein Buch lese und in die Welt von Drachen, Zauberei und Parallelwelten eintauche, kann ich für eine Zeit vergessen, wie die Wirklichkeit aussieht. Ich lerne Freunde kennen in den Büchern und wenn eine Buchreihe zu Ende geht, fühlt es sich an, als ob ich einen Teil von mir selbst verloren hätte. Ich fühle mit den Figuren Freude und Trauer und manchmal verwechsle ich sogar Buch und Wirklichkeit.

Irgendwann rief Papa zum Abendessen. Ich hatte völlig das Zeitgefühl verloren und brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, dass ich in meinem Zimmer war und nicht der gruseligen Höhle, in der es von Vampiren nur so wimmelte. Ich legte mein Buch mit Bedauern beiseite und ging die Treppe hinunter zum Abendessen. Papa hatte nur für zwei gedeckt.
„Wo sind Mama und Felix?“, fragte ich Papa.
Felix war mein drei Jahre älterer Bruder. Er machte nächstes Jahr seinen Schulabschluss und wollte danach an der Fachhochschule studieren. Wir kamen normalerweise gut miteinander aus und hatten nur selten Streit.
„Mama hat heute Spätschicht, sie kommt erst um zehn Uhr und isst dann allein was. Und Felix übernachtet heute bei einem Freund“, antwortete Papa. Er häufte mir Lasagne auf den Teller, eines meiner Lieblingsgerichte. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch. Eine Weile aßen wir schweigend.
Dann fragte Papa mich plötzlich vorsichtig: „Hast du … Freunde gefunden in der Schule?“
Ich verschluckte mich fast an meiner Lasagne. Was sollte ich darauf antworten? ‚Nein, natürlich nicht‘? Oder sollte ich lügen und einfach ja sagen? Papa schaute mich an, als ob er die Wahrheit schon kennen würde und es nur noch einmal aus meinem Mund hören wollte, sozusagen als Bestätigung. In meinem Kopf ratterte es. Mein Verstand sagte mir, ich solle lügen und ja sagen, mein Herz sagte mir, ich solle mit der Wahrheit herausrücken. Mein Verstand siegte. Noch ehe ich meine Antwort noch einmal überdenken konnte, hörte ich mich selbst sagen:
„Ja, ich hab ein nettes Mädchen kennengelernt.“
„Das freut mich für dich, mein Schatz!“, sagte Papa. „Mit Freunden ist alles halb so schlimm und doppelt so schön.“
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