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Wenn Narben verheilen

GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
31.08.2020
21.12.2020
17
17.721
4
Alle Kapitel
38 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
14.12.2020 911
 
Hey :D
Das Kapitel ist wieder eher kurz geworden (~750 Wörter), aber ich fand den Schluss so schön. Wen es interessiert: Gestern kam zum dritten Advent wieder ein Teil des  Weihnachtsspecials raus, das weit über tausend Wörter hat.
Danke noch an Samirana und Federhalter02 für eure Reviews und dann geht's los mit dem Kapitel!



Plötzlich kam mir ein Tipp in den Sinn, den ich mal in einem Buch gelesen hatte. Die Hauptperson musste von einem Erlebnis erzählen, das ihr peinlich war und deshalb hatte sie sich vorgestellt, dass das, was sie erzählen sollte, nicht ihr passiert wäre, sondern einer Figur aus einem Film und das Ganze sozusagen neutral von außen betrachtet. Das war sicher auch für mich hilfreich.
Ich bemerkte Emmas ungeduldigen Blick und atmete einmal tief durch, um Ruhe zu bewahren oder zumindest so auszusehen, denn mein Herz schlug angesichts der bevorstehenden Erzählung wie verrückt.
Stockend begann ich: „Es war letzten Winter, etwa zwei Wochen vor Weihnachten. Ich war mit meinem Opa in der Stadt, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Es war schön in der Stadt gewesen, nur ziemlich kalt, wir hatten Minusgrade. Auf dem Rückweg fühlte ich mich dann schon richtig weihnachtlich und freute mich auf die Plätzchen zuhause. Aber dann, auf der Schnellstraße –“
Ich hielt inne. Da waren sie wieder, die Bilder. Wie ein Wasserfall strömten sie auf mich ein und ich schaffte es nicht länger, der Zuschauer vor dem Fernseher zu sein. Ich war wieder mittendrin im Geschehen. Im Unfall. Vor meinem inneren Auge sah ich die glatteisbedeckte Straße, über die wir schlitterten, die Leitplanke, in die wir krachten, meinem Opa neben mir, der entsetzt den Straßenrand anstarrte, unfähig, etwas zu tun. Mein Herz raste, als wollte es aus meiner Brust springen und mein Atem wurde schnell und heftig.
„Äh, Celina?“ Emmas Stimme holte mich wieder in die Gegenwart zurück.
Ich besann mich darauf, die Gedanken in meinem Kopf beiseite zu drängen und wieder der Person im Film zuzuschauen. Ich musste das Emma jetzt erzählen. Sie musste es erfahren, um mich zu verstehen.
„Auf der Schnellstraße war Glatteis.“ Meine Stimme zitterte, aber ich zwang mich, weiterzureden. „Wir hatten es nicht gesehen, es war schon dunkel, als wir heimfuhren und wir waren gut gelaunt. Wir haben schlichtweg nicht damit gerechnet. Und plötzlich ist das Heck des Autos ausgebrochen.“ Die Bilder kamen wieder, aber ich kämpfte sie beharrlich nieder.
„Wir sind auf die Leitplanke zugeschlittert, ohne dass mein Opa etwas hätte tun können. Und dann … habe ich das Bewusstsein verloren.“ Ich senkte den Kopf. „Mein Opa hat den Unfall nicht überlebt“, fügte ich leise hinzu.
Ein paar Sekunden war es komplett still. Dann hob ich den Kopf und warf einen vorsichtigen Seitenblick auf Emma. Diese stand mit erschütterter Miene neben mir.
„Oh Gott“, sagte sie schließlich, „ich war so ungerecht zu dir! Celina, es tut mir so leid, ich dachte wirklich nicht – und du hast – es tut mir so leid!“
Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schien den Tränen nahe. Dann ging sie plötzlich einen Schritt auf mich zu und legte die Arme um mich.
„Ich war so dumm“, murmelte sie dabei. „Ich hätte wirklich daraufkommen können … deine Narben, das Mobbing, dass du nicht ins Auto konntest … es tut mir so leid, Celina! Verzeihst du mir?“
Ihre Stimme klang beinahe ängstlich, aber ich hatte ihr schon längst vergeben. Immerhin war ich diejenige gewesen, die befürchtet hatte, dass es mit unserer Freundschaft vorbei war.
„Natürlich verzeihe ich dir, Emma. Ich bin wirklich froh, dass ich dich als Freundin zurückhabe!“
Emma seufzte erleichtert auf. „Danke“, sagte sie warm.
Eine Weile schwiegen wir, bis Emma sich schließlich aus der Umarmung löste, um mich anzusehen.
„Was ist danach passiert?“, fragte sie vorsichtig, als wüsste sie nicht, wie weit sie gehen durfte.
„Ich kam ins Krankenhaus“, antwortete ich. „Für mehrere Wochen. Die Seitenscheibe ist zerbrochen, daher kommen die Narben in meinem Gesicht. Ich bin seither in kein Auto mehr gestiegen.“ Ich zögerte kurz, dann fügte ich hinzu: „Ich träume jede zweite Nacht vom Unfall.“
Statt einer Antwort nahm Emma mich nur noch einmal in den Arm. Es wirkte unsagbar tröstlich und ich hatte das Gefühl, als wäre ich das erste Mal seit dem Unfall vollkommen frei, als hätte Emma damit, dass sie mir zugehört hatte und Trost spendete, einen Stein von meinem Herzen genommen. Ich hatte diesen Satz schon so oft in Büchern gelesen und mir bisher nie wirklich etwas darunter vorstellen können. Doch jetzt konnte ich das Gefühl nachvollziehen. Ich war so glücklich, dass ich Emma wieder an meiner Seite hatte, dass es mir plötzlich egal war, dass ich Narben im Gesicht hatte, dass mir immer noch viele aus dem Weg gingen, dass die ganze Klasse über das Mobbing Bescheid wusste und dass ich zu einem Psychologen sollte. Es zählte nur, dass ich in Emma jemanden gefunden hatte, dem ich – das wusste ich jetzt – zu hundert Prozent vertrauen konnte.


Zum Schluss noch etwas: (Sorry, falls ich hiermit die Stimmung kaputtmache) Eventuell ist das hier schon das letzte Kapitel der Geschichte und es kommt nur noch ein Epilog. Ich kann es noch nicht sicher sagen, aber es ist schon wahrscheinlich. Der Epilog wird aber auf jeden Fall länger als der Prolog, also macht euch darum keine Sorgen ;).
WICHTIG: Falls euch noch etwas einfällt, das unbedingt in die Geschichte hinein muss, weil sonst wichtige Informationen fehlen oder etwas ungeklärt ist, schreibt das gerne in ein Review.
Dann wünsche ich euch eine schöne Woche und bis zum nächsten Mal!
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