Who Am I?

von Huelk
OneshotRomanze, Angst / P12 Slash
Antonio Giovinazzi Charles Leclerc Esteban Ocon Pierre Gasly
31.08.2020
31.08.2020
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31.08.2020 5.179
 
Kommentar: Hallo Ihr Lieben.
Ihr glaubt gar nicht, wie mir das Herz beim Hochladen geklopft hat. Ich war mir lange unsicher, ob ich diesen Oneshot hochladen soll, weil er ein verdammt sensibles Thema beinhaltet. Natürlich möchte ich nicht zu viel verraten, weil der Text dann einfach nicht mehr dieselbe Wirkung hätte. Allerdings war es seit dem vergangenen Jahr schon ein Bedürfnis, mal über dieses Thema zu schreiben und ich bin nun wirklich gespannt, was Ihr davon halten werdet. Ich kann verstehen, wenn es dem ein oder anderen vielleicht doch etwas zu weit geht, aber nichtsdestotrotz wollte ich diesen Text gerne mal mit Euch teilen.
Viel Spaß beim Lesen.

Disclaimer: Der Inhalt der Geschichte ist frei erfunden und entspringt lediglich meinen eigenen Gedanken. Ich kenne keine der hier beschriebenen Personen, verdiene kein Geld damit und möchte auch keinem zu nahetreten.

Hinweis: In diesem Oneshot habe ich einfach mal so getan, als wären Esteban und Pierre noch befreundet. Ich weiß, dass es wohl offensichtlich nicht mehr so ist, aber für diese Geschichte ließ Esteban sich eben nicht ausklammern und ich wollte keinen weiteren Konflikt in diesem Oneshot erschaffen.





Who Am I?


Barcelona, Spanien
9. Mai 2019


Für einen Wimpernschlag, war er wie im Himmel. So lange hatte er versucht, Pierre von sich und seiner Liebe zu überzeugen, ihm die ganzen Zweifel auszureden, dass das falsch war. Er war sich so lange sicher, dass der Franzose auch etwas für ihn empfinden musste, dass er seine Nähe suchte und ihn mit einem ganz besonderen Blick ansah, den er nicht jedem schenkte. Aber wann immer er versuchte, Pierre von seinen Gefühlen zu erzählen, blockte dieser ihn ab, sagte, dass es unmöglich war und ergriff die Flucht.
Diesmal hatte er ihn geküsst. Endlich seine weichen Lippen berührt und sah sich seinem Ziel endlich ganz nahe. Pierre wehrte sich nicht, gab unter seinem Kuss nach und für einen Moment war sich vollkommen sicher, dass der Jüngere diesmal verstand, wie ehrlich er es mit ihm meinte. Bis er sich mit einem Mal verspannte, ihn erneut von sich stieß und ihn so dermaßen erschrocken ansah, dass er sich sofort bei ihm entschuldigen wollte. Er hatte ihn doch zu nichts drängen wollen, aber die Signale, die Pierre ihm sendete... Er war doch nicht blind! Er wusste doch, dass er den Franzosen nicht kaltließ, dass auch etwas für ihn empfinden musste. Er wollte gerade den Mund öffnen, da schüttelte Pierre auch schon den Kopf.
Er hörte, wie er leise murmelte, dass das nicht richtig war, die Augen weit aufgerissen. Ihm stand nichts als Panik ins Gesicht geschrieben. Noch ehe er etwas zu ihm sagen konnte, lief er auch schon davon. Er wollte ihm nacheilen, aber war das richtig? Konnte er denn überhaupt irgendwas tun, um Pierre zu helfen? Womöglich war er ja der völlig falsche Ansprechpartner. Er fühlte sich schlecht, bereute, was er getan hatte, aber so oft er Pierre auch fragte, was los sei, er blieb ihm jede Antwort schuldig.

Ein Seufzen kam ihm über die Lippen. Er fuhr sich ratlos durchs Haar und überlegte, was er jetzt machen sollte. Etwas stimmte doch nicht mit Pierre. Wenn er nichts für ihn empfand, könnte er es ihm einfach sagen. Wieso ließ Pierre diese Situationen jedes Mal zu, wenn er am Ende doch wieder flüchtete? Das ergab doch keinen Sinn. Vielleicht sollte er es auch einfach lassen. Was immer der Franzose für ein Problem hatte, offensichtlich verhinderte es die Absicht, mit ihm zusammen zu sein.
Allerdings war ihm der Jüngere ja auch nicht egal. Er hatte das Gefühl, dass hinter dieser Reaktion mehr steckte. Waren seine Eltern womöglich dermaßen homophob, dass er so eine Angst vor seinen Gefühlen hatte? Wer wusste das schon? Er kannte seine Eltern nicht. Aber Pierre war ein erwachsener Mann. Der musste seine Eltern nicht mehr um Erlaubnis fragen und konnte lieben, wen er wollte. Oder war der Franzose womöglich selbst dermaßen religiös veranlagt, dass es ihm deshalb so zu schaffen machte? Auch den Eindruck machte Pierre auf ihn eigentlich nicht. Könnte es also sein, dass er damit einfach sehr schlechte Erfahrungen gemacht hatte? Aber wieso konnte der Jüngere ihm dann nicht wenigstens eine Chance geben, um es womöglich besser zu machen?
Wie er es auch drehen und wenden mochte... Es passte irgendwie nicht zusammen. Wie sollte er der Sache also auf den Grund gehen, wenn er überhaupt keine Anhaltspunkte hatte? Gab es vielleicht jemanden, den er um Rat fragen könnte? Charles oder Esteban? Die Zwei kannten ihn doch schon ziemlich lange. Ob einer von denen wusste, was mit Pierre los war oder ihm wenigstens einen Tipp geben könnte? Aber womit sollte er rechtfertigen, dass er sich Gedanken um den Franzosen machte?

Außerdem würden sie wohl beide wissen, dass er Pierre eigentlich nicht gut genug kannte, um ihm private Auskünfte zu geben, nur er musste es versuchen. Seine Gefühle für Pierre waren verdammt intensiv und da er sich so sicher war, dass der Jüngere ihn eigentlich auch wollte, konnte er nicht so leicht aufgeben. Wen sollte er also fragen? Im Grunde war es ihm ja längst klar. Esteban war ihm nicht gerade der sympathischste Fahrer. Auch, wenn der Pierre wirklich gut zu kennen schien, wusste er einfach nicht, was er von dem halten sollte. Natürlich sollte man nicht immer jedes Gerücht glauben, das man hörte, aber er wollte Esteban lieber mit Vorsicht genießen.
Charles erschien ihm da irgendwie deutlich aufgeschlossener zu sein. Vielleicht könnte er ihn ja irgendwie abpassen. Er wusste leider nicht, welches Hotelzimmer er hatte oder ob er überhaupt schon zurück war. Ob er das rausfinden könnte? Er wollte es wenigstens versuchen. Morgen mit dem Freien Trainings würde der Stress erst wieder so richtig losgehen und je weiter das Wochenende voranschritt, desto schwieriger würde es werden, Pierre noch einmal zu fassen zu bekommen. Wenn der Jüngere doch wenigstens mal mit sich reden ließe. Er war sich selbst ziemlich sicher, dass, was auch immer es war, nichts sein konnte, wofür er Pierre verurteilen würde.
Er seufzte innerlich. Vermutlich würde seine Suche eine ganze Weile dauern und womöglich hatte er nicht einmal Erfolg damit, nur musste er es wenigstens versuchen. Sinnlos umher zu rennen, würde vermutlich gar nicht helfen. Vielleicht sollte er sich einfach in die Lobby setzen und hoffen, dass Charles noch auf dem Weg zum Hotel war. Eine andere Idee hatte er nicht. Er konnte ja schlecht an jedes Hotelzimmer klopfen, in der Hoffnung, den Richtigen zu erwischen. Wenn sich das unter den Fahrern herumsprach, könnte er sich auch gleich ganz groß „Volltrottel“ auf die Stirn schreiben lassen. Er hoffte nur, dass dieser Plan aufgehen am Ende aufging.


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„Pierre?“
„Ich hab ein Problem. Wo sollte ich sonst hin?“ Er hatte den Mercedes Testpiloten ja nicht überfallen wollen, aber in seiner Panik hatte er leider keine Ahnung, wo er sonst hingehen sollte. So konnte es nicht weitergehen und ihm zitterten die Hände immer noch zu sehr, um überhaupt die Tür seines eigenen Zimmers aufzubekommen.
„Schon gut. Komm rein“, bot Esteban ihm an und trat einen Schritt zur Seite.
Mit einem leisen „Danke“, schob er sich an seinem Landsmann vorbei und in dessen Zimmer. Immer wieder beeindruckend, wie ordentlich er war. Er hatte schon immer ein bisschen befürchtet, der einzige Fahrer zu sein, auf den das zutraf und dass das auffällig sein könnte. Im Grunde machte er sich jedoch bloß dauernd zu viele Gedanken.

Esteban schloss die Tür hinter ihnen und folgte ihm dann ins Zimmer. „Setz dich“, forderte der Jüngere ihn schließlich auf, als er keine Anstalten machte, das von selbst zu tun. „Das kostet nichts extra. Willst du was trinken?“
Er schüttelte zwar den Kopf, aber Esteban kannte ihn besser, holte trotzdem zwei Gläser.
„Meine Güte, Pierre. Du bist ja total durch den Wind“, stellte Esteban fest, während er ihm eins der Gläser über den Tisch zuschob und ihn eindringlich musterte. Ein Blick, unter dem man sich unwohl fühlen konnte, sofern man nur die äußere Seite des Franzosen zu spüren bekommen hatte. „Erzählst du mir, was das kleine Häschen so verschreckt hat?“
Bei jedem anderen wäre er für den Spruch sofort rot angelaufen und im Erdboden versunken. Es hatte seine Zeit gebraucht, bis er mit dem Jüngeren richtig warm geworden war, bis er seinen speziellen Humor verstanden hatte, denn den besaß Esteban tatsächlich.
Er gehörte wohl zu den Wenigen, die wussten, dass es das Leben war, das Esteban zu werden ließ, dass ihm zu einer gewissen Härte verholfen hatte.

„Antonio...“, setzte er also an und Esteban verzog sofort das Gesicht. Er hatte Esteban bereits davon erzählt, dass der Italiener wohl ein Auge auf ihn geworfen hatte und dass es umgekehrt genauso war. Er hatte schon einige Abende mit Esteban verbracht und mit ihm darüber diskutiert, weshalb es die dümmste Idee auf Erden war, auch nur in Erwägung zu ziehen, den Älteren einzuweihen.
„Lass mich raten. Er hat dich geküsst“, trieb Esteban ihr Gespräch voran und konnte sich bei den Worten ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
„W-Woher weißt du-?“, setzte er an und brachte seinen Freund damit zum Lachen.
„Woher ich das weiß? Ernsthaft? Hast du mal in den Spiegel gesehen? Deine Lippen sind total geschwollen, also würde ich wetten, dass es dir gefallen hat“, fasste Esteban seine Beobachtungen zusammen und es ließ ihn jedes Mal erröten, wie selbstsicher der Jüngere auftrat und was er einem alles ansehen konnte. Auf dem Gebiet machte ihm eben niemand etwas vor.
„Okay, es hat mir gefallen“, räumte er ein, denn das hatte. Gio zu küssen, das war... Dafür hatte er nicht einmal Worte, die das auch nur ansatzweise beschreiben könnten. Aber... „Trotzdem... Du weißt, dass ich das nicht machen kann. Es ist einfach zu riskant.“

Er hörte Esteban seufzen, ehe er fragte: „Und jetzt hast du den Ärmsten einfach stehen lassen? Na, da wird er sich ja gar keine Sorgen machen, was mit dir los ist.“ Im Grunde kannte er Estebans Meinung dazu schon. Der Jüngere hatte ihm mehrfach dazu geraten, Antonio die Wahrheit zu sagen, es einfach zu riskieren, aber der hatte auch leicht reden...
Wenn das rauskam, würde es einen regelrechten Spießrutenlauf nach sich ziehen. Das wusste er jetzt schon. Er war sich immer sicher gewesen, dass es niemand erfahren musste, dass er sich auf seine Karriere konzentrieren konnte, seine beste Freundin prima als Alibi vorschieben konnte und die Welt würde das alles niemals erfahren. Er hatte doch nicht damit gerechnet, dass er ausgerechnet für einen anderen Fahrer Gefühle entwickeln würde.
Nun wusste er es besser und er könnte sich selbst eine reinhauen, für so viel Naivität, aber was hätte er denn sonst machen sollen? Er hatte diesen Traum schon immer gehabt und hätte er ihn aufgeben sollen, nur weil die Gesellschaft mit der Wahrheit nicht zurechtkäme? Dennoch war er sich ziemlich sicher, dass er es Gio nicht sagen konnte. „Versteh doch, wenn ich ihm das sage, wird er total angewidert von mir sein.“
„Blödsinn!“, platzte es sofort aus Esteban heraus. Er konnte wirklich harsch bei diesem Thema werden. „Hör endlich auf, das selber zu glauben.“ Und wieder hatte der Jüngere in ertappt. „An dir ist gar nichts widerlich und falls Gio auf den blöden Gedanken kommt, das echt so zu sehen, hat er dich doch überhaupt nicht verdient!“

Er senkte den Blick. Da war schon was dran, aber das Risiko war trotzdem zu hoch.
„Ja, aber... Wenn er das rumerzählt... Ich werde nirgendwo mehr ein Cockpit bekommen. Dann ist meine Karriere vorbei und wofür? Für den naiven Wunsch, dass er mich lieben könnte? Das wäre dumm“, beharrte er also weiter.
Esteban war selbst jemand, der immer rational dachte, der sich nicht den Illusionen hingab, dass alle Menschen gut und liebevoll waren. Er hatte selbst zu viele Abgründe gesehen, um vorbehaltlos an das Gute im Menschen zu glauben, daher begriff er nicht so recht, weshalb Esteban ihn nicht jedes Mal dazu ermahnte, bloß nicht schwach zu werden und sein Geheimnis um jeden Preis für sich zu behalten.
„Ja. Das wäre es. Aber du hast dich ja nun einmal verliebt und das alleine ist auch schon dumm. Und ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass Gio zu denen gehört, die einen Kollegen verraten würden“, versuchte Esteban ihm zu erklären.
„Er wird trotzdem schockiert sein und mich dann wegstoßen“, kam es ihm unglücklich über die Lippen. Er bemerkte, dass seine Stimme zu zittern begann.
„Das kann passieren“, blieb Esteban ehrlich mit ihm. „Aber weißt du, was ich sehe? Das du leidest und dass dein auserkorener Italiener das ganz genau bemerkt. Ich habe den Eindruck, dass er sich sehr viele Gedanken um dich macht. Seine Gefühle sind echt und ich finde, er verdient die Wahrheit und die Wahl, wie er damit umgehen möchte.“

Er ließ sich das Gehörte einen Moment durch den Kopf gehen. Da war schon was dran und irgendwie wünschte sich sein Herz ja auch verzweifelt, mit Antonio zu sprechen und dass er ihn vielleicht doch verstehen könnte. Seine Angst war dennoch schwer zu überwinden. Er würde dabei so viel mehr riskieren, als jeder andere, der versuchte ein Liebesgeständnis abzugeben. Er wusste nicht, ob er das konnte.
„Ich hab solche Angst davor.“ Inzwischen war er den Tränen nahe, was Esteban offenbar nicht verborgen blieb. Er kam nun zu ihm herüber, setzte sich an seine Seite und legte einen Arm um seine Schultern.
„Das würde mir nicht anders gehen.“ Worte, die aus Estebans Mund wirklich seltsam klangen. Man konnte sich kaum vorstellen, dass dieser selbstbewusste Mann vor irgendwas auf dieser Welt tatsächlich Angst hatte. „Aber so bist du doch auch unglücklich und ich versichere dir, sollte Antonio es sich einfallen lassen, blöd auf dein Geständnis zu reagieren, lernt der mich kennen!“
Sofort schnellte sein Kopf erschrocken hoch. „Nein, bitte! Tu ihm nichts an!“, platzte er sofort heraus, sorgte aber nur dafür, dass Esteban lachen musste. Verdammt, der schaffte es immer wieder, einen völlig aus dem Konzept zu bringen.

„Schon gut. Ich benehme mich“, behauptete Esteban und versuchte sich an einem unschuldigen Blick. Er musste ja schon irgendwie über den Jüngeren schmunzeln.
„Das solltest du mal so sagen, dass ich es dir auch glauben kann“, entgegnete er ihm.
„Aber du lächelst wieder. Meine Worte haben ihren Zweck also erfüllt“, antwortete Esteban und nun musste er wirklich ein bisschen lachen. „Na siehst du? War doch gar nicht so schlimm. Du wirst das schon hinbekommen. Du hast es mir doch auch anvertraut.“
„Ja schon...“ Er versuchte tief durchzuatmen, sich zu beruhigen. „Aber du hast es ja auch mehr oder weniger schon erraten gehabt.“
„Schon... Aber das ist doch unwichtig. Fakt ist, dass du den Mut schon einmal aufgebracht hast, also wirst du es noch einmal schaffen. Da bin ich mir sicher. Und du weißt, dass ich immer hinter dir stehe, also trau dich“, bestärkte Esteban ihn weiter.
„Hm...“, machte er nachdenklich. „Ich würde schon gerne wissen, ob Gio damit ein Problem hat oder ob ich einfach nur zu viel Angst habe.“
„Na also. Trau dich.“ Das sollte er möglicherweise tatsächlich tun. Nervös war er dennoch, denn er riskierte eine ganze Menge dafür. Aber diese Gefühle für Antonio konnte er nicht leugnen und der Kuss war bestimmt das Schönste gewesen, was er je erlebt hatte.

Er seufzte leise, nahm nun doch endlich mal einen Schluck Wasser. Seine Lippen waren schon ganz rau und trocken. Abschütteln konnte er seine Bedenken zwar nicht, nur er würde niemals rausfinden, ob die Sache mit Gio eine Chance hatte, wenn er es nicht versuchte. Falls er auf die Nase fiel, hatte er immer noch gute Freunde und eine liebevolle Familie, die ihn auffangen würden und das war gewiss mehr, als andere Menschen besaßen. Und sollte Antonio wirklich komplett überreagieren, konnte er sich darauf verlassen, dass Esteban ihm schon Bescheid stoßen würde.
Und wenn Esteban jemandem die Meinung sagte, konnte es echt ungemütlich werden. Er wusste es sehr zu schätzen, so einen Menschen an seiner Seite zu haben. Bei ihm hatte er damals ja auch nicht gedacht, dass er Verständnis für ihn zeigen würde, aber manchmal waren die Menschen eben auch nicht das, was man auf den ersten Blick in ihnen sah. Er hätte damals gewettet, dass Esteban sich nur über ihn lustig machen und ihn vor allen anderen Fahrern schlecht machen würde, aber das Gegenteil war passiert. Ob er so viel Glück bei Antonio auch noch mal haben würde?

Er hoffte es so sehr.


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„Charles!“, überfiel er den Ferrari-Piloten sofort, als er diesen in die Eingangshalle kommen sah. Eigentlich sollte sich das gar nicht so sehr nach einem Überfall anhören, aber seine Nerven waren bereits arg strapaziert.
Der Monegasse sah ihn zurecht etwas perplex an, hatte natürlich so gar nicht damit gerechnet. Wie sollte er auch?
„Ja?“ Die Irritation stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben und vielleicht war es ja auch etwas übertrieben, was er hier probierte, aber er machte sich eben wirklich Gedanken. Er kam sich zwar dumm und unbeholfen vor, aber Pierre war ihm diese Mühe definitiv wert.
„Hast du eine Minute Zeit?“ Irgendwie erschien ihm die Frage ganz schön blöd, aber Charles schien darüber schmunzeln zu können.
„Für dich sogar fünf. Was gibt’s denn?“, hakte der Jüngere interessiert nach. Im Grunde verstanden sie sich ja auch bestens. Er bedeutete Charles, sich zu ihm zu setzen, was dieser auch umgehend tat.

„Sag mal... du kennst doch Pierre ganz gut, oder?“, brachte er es direkt auf den Punkt. Er wollte nicht lange um den heißen Brei reden und lieber direkt rausfinden, ob Charles ihm überhaupt die Chance ließ, etwas über den Franzosen in Erfahrung zu bringen.
„Schon. Wieso?“, räumte Charles ein, sah aber nach wie vor nicht weniger verwundert aus. Er wollte sich ja gar nicht vorstellen, was dem Monegassen gerade vielleicht alles so durch den Kopf ging. Oder aber auch gar nichts. Das konnte er schließlich nicht wissen. Ein bisschen mulmig war ihm hierbei schon zumute, aber er wollte unbedingt wissen, wieso Pierre so verschlossen ihm gegenüber war.
Er ließ den Blick kurz schweifen, aber hier nahm niemand wirklich Notiz von ihnen. Die Stimme sengte er trotzdem, als er versuchte, sich dem Jüngeren gegenüber zu erklären. „Weißt du, ob... Naja, ob bei ihm mal irgendwas vorgefallen ist?“
„Inwiefern?“ Gute Frage. Wie sollte er das nun am besten beschreiben? Er wollte Pierre ja nicht vor Charles outen, falls er das noch nicht gemacht hatte. Das war eben alles etwas unüberlegt, aber er machte sich eben Sorgen.
„Naja... Irgendwas, weshalb er so... verschlossen ist?“ Er hob etwas hilflos die Schultern. „Ich hab das Gefühl, dass ihm irgendwas Angst macht, aber ich weiß nicht, was es ist oder wie ich mit ihm umgehen soll.“

Im Grunde gab er Charles gerade überhaupt keine Informationen, mit denen er irgendwas anfangen konnte, sollte Pierre sich nie geoutet haben. Trotzdem hatte er den Jüngeren zum Nachdenken gebracht.
„Keine Ahnung, vielleicht solltest du ihn mal fragen“, schlug Charles vor und irgendwie bekam er nun doch einen leisen Verdacht, dass der Monegasse im Bilde sein könnte, aber das ließ sich schlicht und ergreifend nicht mit Sicherheit sagen. Er musste verdammt vorsichtig sein. So ein Gespräch unter Kollegen konnte auch nach hinten los gehen.
„Das habe ich versucht, aber er lässt es gar nicht erst zu. Ich weiß leider überhaupt nicht, wie ich das anstellen soll. Meinst du, ich sollte mir Sorgen machen?“, wollte er also wissen und sah, wie Charles sich nun unbehaglich auf die Lippe biss.
Volltreffer. Charles wusste etwas, aber er war nicht bereit dazu, es ihm auch mitzuteilen. Das war irgendwie frustrierend. Sollte er komplett in die Offensive gehen? Nein, lieber nicht. Er konnte nur spekulieren und er wollte Pierre keine Probleme machen. Im Gegenteil.

Diesmal war es Charles, der sich kurz umsah, bevor er sich leicht nach vorne beugte und meinte: „194. Das ist Pierres Zimmernummer. Versuch halt dein Glück.“
Mehr war aus Charles gewiss nicht rauszubekommen. Er würde es auch nicht versuchen. Er bemerkte, dass es ihm nicht leichtgefallen war, ihm überhaupt diese Information zu geben, warum auch immer. Er nickte und bedankte sich, ehe Charles aufstand und sich zu den Aufzügen begab.
Er blieb noch einen Moment hier sitzen. Sollte er es wirklich wagen? Sollte er zu Pierre gehen und ihn fragen, warum er eben einfach davongelaufen war?
Zugegebenermaßen hatte er selbst ein bisschen Angst davor. Er wollte Pierre nicht bedrängen, aber er wollte nun einmal auch wissen, was mit ihm los war. Er würde es wohl ausprobieren müssen, sonst würde ihm das ewig durch den Kopf spuken.

Also richtete er sich auf, fest entschlossen, Pierre zu fragen, was mit ihm los war...


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„Gio?“
Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass der Italiener ihn heute noch aufsuchen würde. Zumal er sich nicht erinnern konnte, dass er ihm vorhin mitgeteilt hätte, auf welchem Zimmer er untergebracht war. Oder war das Estebans Werk? Nein, eigentlich hatten sie vorhin beschlossen, dass er das im Laufe des Wochenendes schon selber regeln würde.
„Hey... Ähm... Lässt du mich vielleicht kurz rein?“, fragte der Ältere und er sah wirklich mitgenommen aus. Kein Wunder, wenn man bedachte, wie er vorhin mit ihm umgesprungen war. Das hatte er einfach nicht verdient. Immerhin hatte ihm der Kuss doch gefallen und dann ließ er Antonio einfach stehen und suchte das Weite. Eigentlich konnte er sich glücklich schätzen, dass der Italiener ihn überhaupt noch sehen wollte.
„Klar...“, antwortete er ihm also mit wackeliger Stimme, trat aber einen Schritt zur Seite. Dabei klammerte er sich an der Tür fest, als sei sie alles, was ihn in diesem Moment noch aufrecht halten konnte. Sein Herz wummerte so heftig, dass er glaubte, es wolle seinen Brustkorb sprengen. Wie sollte er ein Gespräch mit Antonio bloß heile überstehen?

„Tut mir leid, wenn ich hier so einfach auftauche... Ich habe Charles nach dir gefragt. Ich hoffe du bist mir und ihm nicht böse. Ich wusste nur nicht, wen ich sonst fragen könnte“, versuchte der Ältere sich zu erklären, während er nun unschlüssig von einem Fuß auf den anderen trat.
Dass der Italiener angespannt war, konnte man unmöglich übersehen und bei Charles‘ Erwähnung rutschte ihm das Herz kurz in die Hose. Hoffentlich hatte der Monegasse dichtgehalten, aber was anderes konnte er sich schwerlich vorstellen. Esteban und Charles waren fast die einzigen Freunde, die er hatte, die sein Geheimnis schon lange kannten und eigentlich waren das schon gefährlich viele Mitwisser.
Antonio musterte ihn eine Weile, ehe ihm auffiel, dass sie hier immer noch blöd in der Gegend rumstanden. „Setz dich doch.“ Das hätte er ihm ja auch gleich mal sagen können. Von wegen höfliche Franzosen... Es kostete ihn alles an Überwindung, die inzwischen geschlossene Tür loszulassen und zu dem Älteren herüber zu kommen. Zögerlich setzte er sich ihm gegenüber und versuchte, sich innerlich irgendwie zu beruhigen.
„Weißt du...“, setzte der Italiener schließlich wieder an. „Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass dir der Kuss gefallen hatte und ich glaube auch, dass ich dir nicht egal bin.“
„Es tut mir leid“, platzte es nun aus ihm heraus. Es tat ihm weh, Gio so zu sehen. Er konnte die Selbstzweifel förmlich spüren und er wollte ja nicht, dass er sich schlecht fühlte. Er hatte mit dem Kuss schließlich nichts Falsches getan. „Ich wollte dir damit nicht weh tun und du... Du bist mir wirklich alles andere als egal, aber ich...“

Er unterbrach sich, biss sich auf die Zunge. Er wollte doch mutig sein, aber es war so verdammt schwer. Ihm kamen schon wieder die Tränen und der Drang, vor Antonio erneut davon zu laufen, war beinahe übermächtig. Er hatte eigentlich gedacht, dass er das Schlimmste längst überstanden hätte, aber er war mit allem doch deutlich häufiger konfrontiert, als er sich das vorgestellt hatte.
Dass er richtig angefangen hatte zu weinen, wurde ihm erst bewusst, als Antonio an seine Seite kam und ihn in seine Arme zog, ihn zu trösten versuchte. Das war aber auch alles blöd... Er wollte es ihm doch unbedingt sagen, nur wusste er nicht wie und da war immer noch diese wahnsinnige Angst vor seiner Reaktion. Wenn Antonio sich in ihn verliebt hatte, dann wusste der Italiener einfach nicht, worauf er sich da einließ. Er konnte dem Älteren eben nicht das geben, was er sich bei ihm vermutlich erhoffte.
„Ich weiß ja nicht, was schuld daran ist, dass es dir so geht“, hörte er Antonio leise zu ihm sagen, „aber was immer es ist, du kannst es mir sagen. Ich wäre gerne für dich da, würde gerne wissen, was dich so bedrückt. Diese Gefühle sind echt und ich möchte nicht, dass du unglücklich bist. Ich würde dir so gerne helfen, aber ich weiß leider nicht wie, weil ich nicht weiß, worüber du schweigst.“

Exakt so war es. Aber wie sollte er ihm sowas sagen können? Seine größte Sorge war, dass er ihn dann abstoßend finden und ihm das schonungslos an den Kopf werfen würde. Das wollte er auf keinen Fall riskieren. Andererseits konnte er sich nicht vorstellen, dass Antonio so reagieren würde. Wenn es eben nur nicht so ein heikles Thema wäre...
„Ich trau mich einfach nicht, es dir zu sagen“, gab er also ehrlich und auch ein bisschen hilflos zu. Er zweifelte wirklich nicht am Charakter des Italieners, aber es gab einfach Dinge, mit denen es sich sehr schwer arrangieren ließ. Wie sollte er es nur über sich bringen? Es wäre viel leichter, hätten sich da nicht diese dummen Gefühle entwickelt. Dann müssten sie darüber nicht reden. Denn ohne es Antonio zu sagen, wäre eine Beziehung ohnehin undenkbar.
„Weshalb? Ist es denn wirklich so schlimm?“ Der Ältere klang nicht so, als ob er sich das vorstellen könnte, aber wie sollte er auch? Es war ja schließlich nichts, womit man in seinem näheren Umfeld rechnen würde. Es war ja schon schwer genug, es unter den Umständen überhaupt bis hierhin zu schaffen. Hätte er nicht so eine wunderbare Familie und so tolle Freunde, könnte er das hier gleich vergessen.
„Du weißt eben nicht, wer ich bin.“ Das war herrlich nichtssagend. Das konnte man auf so viele Arten interpretieren, dass er Antonio damit nicht einmal einen Bruchteil eines Hinweises gab. Trotzdem wusste er sich nicht anders zu helfen, als sich langsam heran zu tasten. Er würde es so oder so aussprechen müssen, damit der Ältere die Chance bekam, es zu begreifen.

„Wie meinst du das?“, wurde er gefragt. Der Ältere schien es ernst zu meinen. Er wollte wissen, was mit ihm los war und er kam beinahe um, wenn er sich nur vorstelle, es offen anzusprechen. Gab es nicht irgendwo einen Knopf, mit dem man so ein Gespräch einfach überspringen konnte?
„Naja... Wenn du sagst, dass du Gefühle für mich hast, dann... Dann stellst du dir ja eine Beziehung mit einem Mann vor. Also mit allem, was eben dazu gehört...“, stammelte er und konnte Antonio dabei einfach nicht ansehen. Seine Wangen waren jetzt schon entsetzlich heiß. Es war ihm unangenehm, bloß war das eben ein wichtiger Teil von ihm, den er Gio nicht vorenthalten konnte und durfte.
„Das bist du doch auch“, kam es völlig zweifellos von dem Älteren zurück und da biss er sich direkt auf die Lippe. Er war ja froh, dass es eben von außen nicht zu erkennen war, nur machte es das eben nicht leichter, den Italiener aufzuklären.
„Nicht so ganz... Also...“ Er wollte am liebsten schon wieder in Tränen ausbrechen, nur glaubte er nicht so recht, dass ihm das weiterhelfen würde. „Das war ich nicht immer.“ Er wurde mit jedem Wort leiser und fragte sich, ob Antonio ihn überhaupt noch verstehen konnte. Zumindest konnte er den Blick des Älteren nun sehr deutlich auf sich spüren.

Er wollte davonlaufen. Er wollte gar nicht abwarten, was Antonio dazu sagte. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Sofort sprang er auf, wollte aus seinem eigenen Zimmer flüchten, doch der Italiener reagierte rechtzeitig, hielt ihn am Arm und zog ihn wieder zu sich.
„Was meinst du damit, dass du das nicht immer gewesen bist?“, wurde er gefragt und er presste ganz automatisch die Lippen aufeinander und wich dem Blick des Älteren aus. Das war ihm so unaussprechlich unangenehm und er wollte, er hätte es gar nicht gesagt. Hätte er sich nicht irgendeinen Grund ausdenken können, der harmloser war?
„Das... Also... Muss ich dir das wirklich haarklein erklären?“ Es war auch schwer mit Menschen darüber zu sprechen, die er kannte. Mit Menschen, die er weniger kannte, war es um ein Vielfaches schwieriger. Er richtete den Blick starr auf den Boden. Falls da Verachtung in Antonios Augen lag, wollte er sie nicht sehen. Sie ausblenden, so tun, als wäre noch alles in Ordnung, obwohl er gerade das Gefühl hatte, als würde alles auseinanderbrechen.
Eine Weile war es komplett still zwischen ihnen, bis er spürte, wie der Italiener wieder einen Arm um seine Schultern legte. Sein Gehirn konnte nicht verarbeiten, was in diesem Moment geschah, dass Antonio ihm tatsächlich wieder näherkam, statt ihn wegzustoßen.

„Das wusste ich nicht“, hörte er den Älteren irgendwann sagen. „Ich meine... Damit hätte ich nie gerechnet. Aber... Pierre, deswegen finde ich dich ganz sicher nicht abstoßend.“
„Was?“ Hatte er sich verhört? Endlich schaffte er es, Antonio wieder anzusehen. Er konnte nicht glauben, dass er ihm das gerade gesagt hatte. Er musste träumen! Aber der Italiener war immer noch hier. Er saß noch immer an seiner Seite und sah ihn eher besorgt, als entsetzt an. Vielleicht war ihm nur noch nicht klar, was er da so eben gehört hatte.
„Klar, ich verstehe schon, wieso du dir diese Sorgen machst. Keine Ahnung, ob ich das schon so ganz begriffen habe, aber... Aber du bist doch trotzdem Pierre, oder etwa nicht?“
Immer wieder wollte sein Verstand fragen, ob das wirklich passierte, ob das real war. Er war schlicht und ergreifend sprachlos. Doch so langsam wurde ihm klar, was gerade passiert war. Er hatte Antonio gerade sein größtes Geheimnis erzählt und seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich nicht bewahrheitet.

Plötzlich brach er schon wieder in Tränen aus. Diesmal war aber nicht die Anspannung schuld daran, sondern die Erleichterung. Darüber, dass Antonio ihn nicht ansah, als habe er irgendeine furchtbare Krankheit. Darüber, dass er ihn nicht beschimpfte und aus dem Zimmer türmte. Ob ihm schon bewusst war, was das alles in allem bedeutete? Aber das konnte er sich gerade nicht durch den Kopf gehen lassen, in dem gerade das reinste Chaos herrschte.
Er wollte ja gerne etwas sagen, aber das ging gerade nicht. Im Moment konnte er sich nur erleichtert an die Schulter des Italieners lehnen und die ganzen Emotionen erst einmal rauslassen. Da fiel so viel Anspannung von ihm ab. Dabei hatte Antonio sicherlich noch reichlich Fragen dazu im Kopf. Er würde sie ihm gewiss alle beantworten, nun, da er wusste, dass er vor ihm nichts zu befürchten hatte.
Ob die wohl zusammen sein konnten? Der Frage würden sie sich wohl später noch einmal widmen müssen. Vielleicht würde Antonio erst ein bisschen Zeit brauchen, um sich mit dem, was er über ihn erfahren hatte, auseinander zu setzen. Doch das war erst einmal alles nebensächlich. Antonio war hier und er konnte sich an ihn lehnen und seine Ängste endlich los werden, die ihn die ganze Zeit so aufgewühlt hatten.

Er sollte Esteban später wenigstens noch eine Nachricht schicken und sich bei ihm bedanken, genauso wie bei Charles.
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