Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

You can come to me and breathe out

von Kicky
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
OC (Own Character) Samu Haber
30.08.2020
11.04.2021
8
21.808
3
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
30.08.2020 2.460
 
~Jessica~

„Hey Süße, ich hoffe, ich störe dich nicht beim Lernen, aber da die Mailbox sofort drangegangen ist, gehe ich davon aus, dass du dein Handy sowieso ausgeschaltet hast. Manchmal bin ich echt schlau, was?“
Samu lachte leicht und Jessica musste lächeln. Sie liebte dieses leise Lachen von ihm nach wie vor.
„Ich wollte dir nur viel Erfolg und viel Glück für deine letzten Prüfungen wünschen, obwohl es sicher nicht nötig ist. Ich weiß, dass du die Prüfungen mit links schaffen wirst. Vielleicht hörst du diese Nachricht ja noch, bevor du zur Hochschule musst. Schade, dass du morgen Abend nicht beim ersten Konzert der Tour dabei sein kannst.“
Samu seufzte tief und schwieg einen Moment.
„Du weißt ja, dass ich da ein richtiges Nervenbündel sein kann und ein bißchen Ablenkung gebrauchen könnte.“
Samu schwieg wieder einige Momente, ehe er mit gedämpfter Stimme weitersprach, aus der Jessica Niedergeschlagenheit heraushören konnte.
„Aber das ist nicht der Hauptgrund, weshalb ich dich hier haben möchte. Ich vermisse dich wahnsinnig und würde dich so gerne wieder in meinen Armen halten. Es ist einfach schon zu lange her seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Eine gefühlte halbe Ewigkeit. Ich weiß, du wirst in ein paar Tagen hier sein und ich kann es kaum erwarten. Trotzdem vermisse ich dich gerade so wahnsinnig und würde den Tourstart gerne mit dir zusammen erleben, weil es immer etwas Besonderes für mich ist. Es..“
Samu unterbrach sich und lachte wieder leicht.
„Sorry, das weißt du ja schon alles. Naja, jedenfalls vermisse ich dich und freue mich schon wahnsinnig darauf, dich wieder bei mir zu haben. Ruf mich an, wenn du mit den Prüfungen fertig bist. Minä rakastan sinua.“
Jessica hörte Samus leisen Atem, ehe er nach einigen Sekunden endgültig auflegte. Sie lauschte noch einige Augenblicke der Stille, die auf seine Mailbox-Nachricht folgte, ehe sie auch auflegte.
In ihrem Inneren spürte sie den schon vertrauten, leichten Schmerz, weil sie Samu ebenfalls wahnsinnig vermisste. Dieser Schmerz als wenn sich eine Hand um ihr Herz schloss und langsam zudrückte. Eigentlich hatte sie gedacht, dass es mit der Zeit besser werden würde. Dass sie Samu zwar nach wie vor vermissen würde, aber dass dieser Schmerz irgendwann verschwinden würde. Doch wie konnte er verschwinden, wenn sich ein Teil von ihr tausende von Kilometer von ihr entfernt befand? Natürlich tat das weh. Jessica seufzte, blickte auf ihr Handy und überlegte, ob sie ihn anrufen sollte. Sie entschied sich jedoch dagegen, was ihr unendlich schwer fiel, und verstaute das Handy in ihrer Tasche. Sie würde ihn eh in ein paar Stunden wiedersehen.
Schmunzelnd sah sie auf und blickte sich in der Abflughalle des Düsseldorfer Flughafens um, wo sie die Sicherheits- und Passkontrolle schon lange hinter sich gebracht hatte und auf das Boarding wartete. Ja, sie hatte Samu da wohl ein wenig angeschwindelt, als sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie nicht beim ersten Konzert der Tour in Helsinki dabei sein konnte wegen ihrer Prüfungen. Okay, es war nicht ganz geschwindelt gewesen. Jessica hatte am Vormittag tatsächlich noch drei letzte Klausuren schreiben müssen. Samu hatte sie allerdings erzählt, dass eine dieser Klausuren auf den späten Nachmittag fiel, sodass sie nicht mehr am gleichen Tag nach Helsinki fliegen konnte. Ein bißchen hatte sie das schlechte Gewissen geplagt, da sie ihm seine Enttäuschung angehört hatte und sie seinen enttäuschten Gesichtsausdruck förmlich hatte vor sich sehen können, doch sie hatte sich nunmal in den Kopf gesetzt, ihn zu überraschen und da war eine kleine Schwindelei völlig okay, fand sie.
Riku wusste natürlich darüber Bescheid und Jessica hoffte, dass er dieses Geheimnis für sich behalten konnte. Sie vertraute Riku, keine Frage. Jedoch wusste sie nicht, wie er reagierte, wenn er Samu niedergeschlagen und enttäuscht herumlaufen sah. Er war immerhin sein bester Freund. Naja, Jessica hoffte einfach, dass ihr die Überraschung gelingen würde. So oder so.
Am Flughafen würde Leena sie abholen und direkt mit ihr zur Location fahren, wo das Konzert stattfinden sollte. Wenn alles gut lief und der Flieger keine Verspätung hatte, hätten sie und Samu noch etwa 3 Stunden für sich, bevor er auf die Bühne musste. Die meiste Zeit wäre er vermutlich mit dem Soundcheck beschäftigt, aber sie sah ihm gerne dabei zu.
Jessica nahm ihr Handy aus der Tasche und hörte nochmal Samus Nachricht ab, die er ihr hinterlassen hatte. Einfach nur, um seine Stimme zu hören und sein Lachen. Die Nachricht selbst kannte sie schon in- und auswendig. Kein Wunder. Sie hatte sie sicher schon 20mal abgehört. Nachdem sie wieder aufgelegt hatte, sah sie, dass sie eine Nachricht von Leena bekommen hatte.
„Hey, wie sieht es aus? Bleibt es bei der Ankunft um 16:25 Uhr?“
Jessica tippte gerade die Nachricht, dass sie nicht wisse, ob der Flieger pünktlich in Düsseldorf starten würde, als die Durchsage kam, dass das Boarding für den Flug nach Helsinki nun beginnen würde. Schnell löschte sie, was sie bisher geschrieben hatte, und schrieb Leena, dass sie pünktlich da sein würde.
Zwanzig Minuten später saß sie auf ihrem Platz im Flugzeug, einem Fensterplatz, und versuchte vergeblich, das vorfreudige Kribbeln in ihrem Bauch zu ignorieren, was natürlich nicht möglich war. Sie hatte Gefühl, die komplette Kontrolle über die Schmetterlinge in ihrem Bauch verloren zu haben, sodass sie sich immer mehr in ihrem ganzen Körper ausbreiteten. Aber hatte man überhaupt Kontrolle über Schmetterlinge im Bauch bzw. sollte man Kontrolle haben? Wohl eher nicht. Das war ja der eigentliche Sinn des Verliebtseins, oder nicht? Es einfach zu genießen und den Schmetterlingen freien Flug zu lassen. Dennoch hatte Jessica den Eindruck, dass sie, wenn es so weiterging, kein Flugzeug brauchen würde, um nach Finnland zu kommen, da sie die Schmetterlinge ganz allein hintragen würden.
Dabei war sie froh, sich dieses Ticket nach Helsinki überhaupt leisten zu können.
Klar, Samu hatte ihr gesagt, dass er es bezahlen würde, aber damit war sie nach wie vor nicht einverstanden, egal wie sehr er darauf bestand und egal wie oft er ihr versicherte, dass es völlig okay war und es ihr nicht unangenehm sein sollte. Abgesehen von der Tatsache, dass es ihr immer unangenehm sein würde, wenn Samu irgendwas für sie bezahlte, wollte sie einfach nicht von jemand anders abhängig sein. Weder finanziell noch sonst irgendwie. Was lustig war, denn während ihres Studium war sie gezwungenermaßen finanziell abhängig vom Staat, der ihr das Bafög zahlte. Doch das war etwas völlig anderes. Immerhin ging es dabei um ihre Weiterbildung und ihre berufliche Zukunft, damit sie irgendwann nicht mehr finanziell von anderen abhängig war.
Wobei sich ihre finanzielle Situation in den vergangenen Monaten erheblich gebessert hatte. Da sie in den ersten drei Semestern ihres Studium richtig rangeklotzt hatte und viele der vorgeschriebenen Module bereits (erfolgreich) hinter sich gebracht hatte, hatte sie im vierten Semester nur noch wenig Zeit in der Hochschule verbracht und sie hatte sich einen zweiten Job suchen können.
Den Job in der Bar am Wochenende hatte sie natürlich immer noch. Die Trinkgelder konnte sie gut gebrauchen und er machte ihr nach wie vor Spaß, auch wenn er anstrengend war. Ihr anderer Job in der Stadtbibliothek war dagegen relativ ruhig und ereignislos. Sie arbeitete an drei Tagen jeweils 4 Stunden dort, was ihr genügend Zeit für die Hochschule und das Lernen ließ. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Bücher, in denen die Besucher gelesen hatten, wieder richtig in die Regale einzusortieren und die Bücher, die geliehen und zurückgebracht wurden, im System zu registrieren. Da das Lesen leider eher zu den aussterbenden Hobbies der Menschen gehörte, hatte sie jede Menge Zeit, in Büchern, die sie interessierten, zu stöbern und sich außerdem Recherchen für Hausarbeiten zu widmen. Die Bezahlung war nicht übermäßig gut, aber okay. Gemeinsam mit dem Bafög und dem Geld, das sie bei Sandra in der Bar verdiente, kam sie nun sehr viel besser über die Runden und sie hatte sich das Ticket nach Finnland schnell zusammensparen können.
Mit der dazugewonnenen freien Zeit war es ihr nun sogar möglich, mindestens 3x die Woche für anderthalb Stunden ins Fitnessstudio zu gehen, wohingegen sie es vorher höchstens 1x in der Woche geschafft hatte. Wenn überhaupt. Als sie Samu davon erzählt hatte, hatte er nur geseufzt und gesagt, dass sie das nicht nötig hatte. Das war ihr durchaus klar. Er hatte es ihr, als sie das erste Mal in Finnland gewesen war, immerhin fast täglich gesagt, aber es ging nicht darum, ob sie es nötig hatte oder nicht. Sie fühlte sich einfach besser, wenn sie sich ab und zu mal richtig auspowern konnte. Das hielt sie als Ausgleich für unbedingt notwendig, da sie aufgrund ihres Studiums und dem Job in der Bibliothek nicht allzu viel Bewegung hatte.
Na gut, sie musste selbst zugeben, dass es nicht der alleinige Grund war, weshalb sie sich vermehrt im Fitnessstudio aufhielt. Eventuell war ein gewisses blondes, finnisches Model mit dem Namen Vivianne auch ein Grund.
Jessica war sich bewusst, dass es im Grunde völliger Blödsinn war und dass sie eh nie eine solch zierliche Figur wie Vivianne haben würde, aber dennoch hatte die Begegnung mit ihr irgendwas in ihr ausgelöst. Sie wußte selbst nicht genau, was es war. Eifersucht? Vielleicht. Angst, dass Samu es sich doch noch anders überlegen würde und sich lieber mit einem Model in der Öffentlichkeit zeigte? Das schon eher. Auch das war selbstverständlich vollkommener Blödsinn. Das wusste sie. Samu liebte sie, Jessica, und sie konnte mittlerweile nicht mehr an 2 Händen abzählen, wie oft er ihr gesagt hatte, dass er völlig verrückt nach ihr war, und noch öfter hatte er es ihr gezeigt.
Jessica merkte erst, dass das Flugzeug sich bereits in der Luft befand, als sie für einen kurzen Augenblick dieses schwerelose Gefühl in ihrem ganzen Körper spürte, das immer in dem Moment auftrat, wenn das Flugzeug vom Boden abhob. Sie sah sich kurz um. Die Sicherheitsanweisungen vom Bordpersonal hatte sie überhaupt nicht mitbekommen, so vertieft war sie in ihre Grübeleien gewesen. Die Grübeleien, die so schön mit den Schmetterlingen in ihrem Bauch angefangen hatten und dann unweigerlich bei Vivianne gelandet waren. Das taten sie immer und Jessica nervte es selbst, dass sie so unsicher war.
Samu hatte ihr so oft gesagt, dass Vivianne nur eine Freundin, eher wie eine Schwester, für ihn war. Genauso oft hatte Riku ihr das Gleiche versichert, wenn sie ihn mal wieder angerufen hatte, weil sie sich gedankentechnisch wieder in der Vivianne-Sackgasse verfahren hatte. Samu hatte sogar sämtliche Fotos von sich und Vivianne von seinem Facebook- und Instagram-Profil gelöscht, obwohl es aus ihrer Sicht gar nicht nötig gewesen wäre, aber sie verstand natürlich, was Samu ihr damit sagen wollte. Es wäre ihr auch nie in den Sinn gekommen, Samu darum zu bitten, Vivianne nie wieder zu sehen. Das wäre der totale Wahnsinn gewesen. Sie waren schon ewig befreundet und das, was da zwischen ihnen gewesen war, war mindestens genauso lang vorbei. Aber genau das war der Knackpunkt.
Da war etwas zwischen ihnen gewesen. Samu hatte mit Vivianne geschlafen. Das war nunmal ein Fakt, auch wenn es ihm nichts bedeutet hatte und es nur passiert war, weil er sich zu diesem Zeitpunkt mitten im schlimmsten Liebeskummer seines Lebens befunden hatte. Das allein war ja nicht schlimm. Nur war Vivianne, verständlicherweise, in ihn verliebt gewesen und wer sagte ihr, dass sie es nicht immer noch war? Dass sie einen Freund hatte, spielte da so gar keine Rolle. Wer sagte ihr, dass Vivianne nicht irgendwann versuchen würde, Samu für sich zu gewinnen? Na gut, um fair zu sein, hatte Jessica von ihr nicht den Eindruck gehabt, dass Vivianne zu solchen hinterhältigen Sachen fähig war. Als sie sich in der Eishalle kennengelernt hatten, hatte sie, zu Jessicas Verzweiflung, einen sehr netten Eindruck gemacht, aber das konnte natürlich täuschen. Eine halbe Stunde mit jemanden zu reden, mehr oder weniger, hieß nicht, dass man diese Person in- und auswendig kannte. Auch wenn Jessica von sich behauptete, gute Menschenkenntnis zu besitzen.
Jessica stieß genervt die Luft aus und schloß ihre Augen. Sie konnte nicht glauben, dass sie auf dem Weg zu dem Mann war, in den sie bis über beide Ohren verliebt war, und sich den Kopf über seine Ex-irgendwas zerbrach, anstatt sich darüber zu freuen, ihn endlich nach drei Monaten wiederzusehen. Sie griff schon in ihre Tasche, um sich Samus Nachricht auf ihrer Mailbox noch einmal anzuhören, als sie sich daran erinnerte, dass es im Flugzeug überhaupt nicht erlaubt war, das Handy zu benutzen. Sie lachte kurz auf. Das wäre so typisch sie gewesen, wenn sie mit ihrem Handy das Flugzeug kurz vor Helsinki zum Absturz gebracht hätte. Oder was auch immer passierte, wenn man ein Handy im Flugzeug benutzte.
Herausfinden wollte sie es jedoch nicht unbedingt. Stattdessen griff sie nach ihrem Buch, das sie sich für den Flug eingepackt hatte und zwischen dessen Seiten ein Bild von ihr und Samu als Lesezeichen steckte.
Eins, das er gemacht hatte, als er ihr Helsinki gezeigt hatte. Genauer gesagt war es eines der vielen Bilder, die er mit ihr gemacht hatte, als auf den Treppen vom Dom gestanden hatten. Einen Arm hatte er ihr um die Schulter gelegt, während er den anderen mit ihrer Kamera von sich gestreckt und ihr einen Kuss auf die Schläfe gedrückt hatte. Es war eins ihrer Lieblingsbilder von diesem Tag und wenn sie das Bild ansah, konnte sie fast seine Lippen auf ihrer Haut spüren. Jetzt, wo sie das Bild ansah, konnte sie absolut nicht mehr nachvollziehen, dass sie zu dem Zeitpunkt, als das Bild gemacht worden war, noch geglaubt hatte, Samu und sie würden für immer nur Freunde sein und dass sie nie eine Chance bei ihm haben würde. Alles an Samu in diesem Bild, und auch in den anderen, sprach dafür, dass er da schon in sie verliebt gewesen war. Wie er sie an sich gedrückt hatte und ihr den Kuss auf die Schläfe gedrückt hatte, sein leichtes Lächeln auf seinen Lippen und überhaupt, wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte. Kaum zu glauben, dass sie das alles erst begriffen hatte, nachdem Samu ihr ins Gesicht gesagt hatte, dass er in sie verliebt war, und selbst dann hatte sie noch gedacht, sie hätte es sich eingebildet oder es geträumt. Ja, sie war manchmal einfach extrem schwer von Begriff. Daher war Jessica ganz zuversichtlich, dass sie auch irgendwann endgültig verstehen würde, dass Vivianne keine Gefahr für sie darstellte. Oh Mann. Jessica verdrehte die Augen. Da war sie wieder. Vivianne. Grr. Sie steckte das Bild wieder zurück in das Buch, klappte es zu und verstaute es wieder in ihrer Tasche. Sie würde sich unmöglich auf den neuesten Roman von Stephen King konzentrieren können, wenn sie nur noch wenige Zeit von Samu entfernt war und Vivianne in ihrem Kopf herumspukte, wie ein Geist, der nicht verstand, dass er auf das Licht zugehen sollte.
Jessica nahm ihren iPod und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren, ehe sie ihn einschaltete und sie sich von Samus Stimme davontragen ließ.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast