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Hinter deinen Lidern

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Het
Draco Malfoy Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Hermine Granger Ronald "Ron" Weasley
30.08.2020
12.08.2022
31
87.057
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06.08.2022 2.289
 

Little do you know
I'm still haunted by the memories




„Hier.“
Zögerlich schob Ginny die Teetasse in Malfoys Sichtfeld, ehe sie ihm gegenüber neben Harry Platz nahm. An dem Tisch der drei, in der Cafeteria des St. Mungos herrschte minutenlang betretenes Schweigen.

Während Draco noch damit beschäftigt war, seinen Körper, aber auch sein aufgewühltes Innerstes, zu beruhigen und zu verarbeiten, was vorgefallen war, hatten die beiden ehemaligen Gryffindors damit zu kämpfen, nicht jener Panik zum Opfer zu fallen, die Malfoy in der letzten halben Stunde so mühsam niedergerungen hatte. Wie so oft, ähnelte sich die Gedankenwelt der beiden und in ihnen brodelten die annähernd selben Sorgen, wenn auch nicht dieselben Emotionen.

Die Luft schien stickig und dick, mit all den Dingen, die man einander längst hätte sagen sollen.
‚Danke, dass du das für uns tust, Malfoy.‘
‚Das bin ich euch schließlich schuldig, nach allem was war, Potter.‘
Aber nicht bloß all das Ungesagte, sondern vor allem die Angst, wie es nun weitergehen würde, hing wie ein Damoklesschwert über ihnen.

Die heutige Sitzung war alles andere, als vielversprechend gelaufen und die Befürchtung Malfoy könnte endgültig von dem Deal abspringen, war schlimmer, als je zuvor. Denn diese Sitzung, die so katastrophal geendet hatte, war keine andere, als die zwanzigste gewesen. Ein bitteres Lächeln wollte sein Gesicht einnehmen, doch er hielt sich krampfhaft zurück. Natürlich war es die zwanzigste, dachte er.

Abmachungen, die magische Krankheiten, Flüche oder beides beinhalteten, wie jene, die sie miteinander eingegangen waren, hatten ein eher schwammiges Naturell. Denn man konnte kaum jemanden zwingen, eine magische Krankheit zu heilen, oder jemanden aus dem Koma zu erwecken – wenigstens nicht legal.

Stattdessen bediente man sich andere Parameter, für die Ausformulierung einer solchen Vereinbarung, wie etwa eine Mindestlaufzeit, einem Mini- beziehungsweise Maximum an aufzuwendenden, magischer Energie. Oder einer Mindestanzahl an Sitzungen.

Schweigend nahm Harry einen Schluck seines Tees und merkte erst, wie fest er die Kiefer aufeinander biss, als er Schwierigkeiten damit hatte, das Heißgetränk zu schlucken. Alles in ihm sträubte sich dagegen, etwas zu sich zu nehmen und er musste den Kräutertrunk mit Gewalt seine Kehle hinunter zwingen. Die Übelkeit, von der Malfoy vorhin geplagt worden war, schien nun von ihm Besitz ergriffen zu haben.

Zwanzig Sitzungen, dachte er resigniert. Von diesem Augenblick an, stand es dem ehemaligen Slytherin frei auszusteigen ohne, dass es die Modalitäten ihres Deals verletzte.

„Besser?“, fragte die Hexe neben ihm betreten, nachdem offenbar auch Malfoy einen Schluck Kräutertee hinuntergewürgt hatte. Seine Hand zitterte noch ein wenig und Harry sah, dass er versuchte es zu verbergen. Doch weder er noch Ginny gingen darauf ein.

Erst jetzt, wo sie ihr Schweigen gebrochen hatte, bemerkte Harry, dass seine Freundin nicht wie er und Malfoy in angespannte Starre verfallen war, sondern im Gegenteil nervös zappelig auf ihrem Stuhl herumrutschte. Während sie offenbar nach Worten rang, wippte ihr Bein so hastig und unaufhörlich neben dem seinen, der Zauberer meinte, sie vibriere.

„Du kannst jetzt nicht aufhören, Malfoy. Bitte. Nicht jetzt.“

Ob dieser Worte blickte Draco von seiner Tasse auf. Ginnys Augen waren braun, wie Grangers, und doch völlig anders. Anstelle der schimmernden Nuance von Schokolade, waren Weasleys Iriden bernsteinfarben gesprenkelt, was ihnen ein helles, goldene Glitzern verlieh.

„Nicht jetzt, wo sich so viel tut. Ich meine-“, Ginny suchte nach Worten und gestikulierte dabei so ausladend, dass der Blonde fürchtete, sie würde noch ihren Tee verschütten. „Überleg‘ doch mal, was es bedeutet, dass ihr in Hogwarts wart! Von all den Orten, die es hätten sein können.“

„Du verstehst das nicht, Weasley!“ Draco konnte nicht verhindern, dass er bissig klang. „Für dich klingt das ja vielleicht nach einem netten Tagesausflug in eine unbeschwerte Kindheit, aber ich habe-“ Er brach ab und biss die Zähne zusammen in einem schwachen Versuch, sich ein wenig zu sammeln. Er hatte wenig Lust, ausgerechnet die beiden in sein dunkles Innerstes blicken zu lassen, auch, wenn sie sich vielen Dingen sicherlich längst bewusst waren und sich den Großteil zusammenreimen konnten – schließlich waren sie ein Teil dieser düsteren Vergangenheit gewesen. „Es ist leicht, die Besenführung eines anderen zu kommentieren, wenn man auf der Tribüne sitzt.“
Potter schnaubte daraufhin sarkastisch.

„Vielleicht-“
Harry unterbrach seine Freundin plötzlich und erst als Malfoy ihm ins Gesicht sah, registrierte er dessen offenkundigen Ärger und fragte sich wütend, welchen Grund Potter wohl haben könnte zornig zu sein. Schließich war nicht er es, der sich ständig mit Grangers – teils verstörenden – Hirngespinsten auseinanderzusetzen hatte.
„Typisch… Kaum wird es ernst, zieht Draco Malfoy den Schwanz ein. Das hab ich doch schon mal gesehen.“

„Harry!“, schimpfte Ginny ungehalten. Sich jetzt gegenseitig an die Gurgel zu gehen, würde auch keinem helfen. Doch die zwei Zauberer übergingen ihren Einwurf.
Potters Tonfall entzündete Dracos Ärger, wie ein Funken ein trockenes Stück Holz.

„An deiner Stelle würde ich den Mund halten, Potter!“, fauchte er. Aus Augen, die viel dunkler wirkten als sonst, sah er zu dem Dunkelhaarigen – tiefe dunkle Flecken unter den Höhlen.

Draco mochte nicht viel Ahnung von legal bindenden, magischen Verträgen zu haben, aber es war genug, sich diesen Drachenmist nicht von ihm anhören zu müssen.

„Denk daran, wer hier wen um Hilfe gebeten hat“ , knurrte er – verärgert über Potters Attitüde ihm gegenüber. Sollte der Vogel ihm nicht eigentlich dankbar sein? Längst könnte niemand Malfoy mehr vorwerfen, er hätte es nicht aufrichtig versucht! Niemand könnte ihm unterstellen, er hätte nicht sein Bestes gegeben. Schon gar nicht Potter, der zu ihm gekommen war und ihn quasi mit der Freiheit seiner Mutter zu diesem Arrangement genötigt hatte.

„Als ob du aus reiner Nächstenliebe hier sitzen würdest!“, rief Harry – die Stimme voller tief empfundenem Groll und eingefleischtem Zorn auf das Universum dafür, dass es die Dinge hatte so aus dem Ruder laufen lassen.

„Ich denke wir sind uns einig, dass jeder-“ Erneut wollte Ginny schlichtend eingreifen, doch erneut wurde sie übergangen.
„Ich habe für dich und deine Mutter gebürgt! So wie vereinbart, Malfoy. Ich habe meinen Kopf hingehalten-“

„Und ich helfe, Hermine!“ Es brach aus Draco heraus, ehe er die Worte überdenken konnte. „Ich versuche sie zu wecken, ich versuche in ihrer verdrehten Welt irgendetwas zu bewirken! Woche für Woche komme ich hierher, schlucke Tränke und-und versuche sie zu überzeugen! Jedes Mal falle ich an irgendeinem mir fremden Ort vom Himmel, muss mich mit Naturkatastrophen und feindseligen Projektionen rumschlagen und-und-“






Little do you know
I'm tryin' to pick myself up piece by piece





Und mit all den anderen Dingen, die in meinem eigenen Kopf passieren. Mit all jenen Dingen, die ihr nicht sehen könnt und die mir den Schlaf rauben.
„Das alles, während mein Körper hier in der echten Welt fast an seiner Kotze erstickt.“

Harry Potter schwieg lange. Malfoys ungewöhnlich offene Worte und das Bild, dass er an diesem Abend bot, hielten ihn davon ab, erneut in eine offene Konfrontation zu gehen, wie er es vielleicht getan hätte, wenn Draco ihnen nicht von den Ereignissen der heutigen Sitzung erzählt hätte. Wie er es vielleicht getan hätte, wenn Malfoy nicht seit so vielen Wochen sein Wort hielt und pünktlich zu den Therapiesitzungen erschien. Er schnaubte dennoch – ein wenig unwillig, von ihren gewohnten Wegen abzuweichen.  

„Zwanzig Sitzungen“, sagte der Blonde schließlich, aber dieses Mal nicht streitlustig, sondern voll unterdrückter Resignation. „Wir beide wissen, dass ich meinen Part erfüllt habe – voll und ganz, Potter.“ Während er sprach, senkte Malfoy den Blick auf seine Tasse zurück. Seine Stimme wurde leiser, seine Augen trüber, seine Miene erschöpfter. „Wag‘ es nicht, mir vorzuwerfen, ich hätte den leichten Weg rausgenommen“, murmelte er gedankenverloren und voller Bitterkeit. „Nicht dieses Mal.“




Underneath it all
I'm held captive by the hole inside





Wieder senkte sich Schweigen über die drei Magier, doch dieses Mal wog es so schwer, dass Draco es fast auf seinen Schultern spüren konnte. Warum saß er überhaupt noch hier? Er war völlig gerädert und seine Muskeln sangen ihm ein Klagelied. Sein Hals schmerzte und von dem, was er Potter gegenüber eben alles zugegeben hatte – verbal und zwischen den Zeilen – wollte er gar nicht erst anfangen.

Der ehemalige Slytherin kniff sich den Nasenrücken und schloss die Augen. Manchmal, wenn er das tat, fühlte es sich an, als wäre die Außenwelt ein wenig leiser. Dieses Mal jedoch ließ ihn das Geräusch von über den Boden kratzende Stuhlbeine aufhorchen, während er verzweifelt Stille und Frieden ersehnte.

Potter war aufgestanden und wortlos gegangen. Es fühlte sich nicht an wie sonst – nicht wie damals in der Schule, wo der Rückzug des einen, den Sieg des anderen bedeutete. Nein, heute schienen sie beide verloren zu haben. Jeder auf seine eigene Weise.

Draco vermied es dem Gryffindor nachzusehen und starrte stattdessen auf seine Hände, die sich an die Tasse mit dem längst kalt gewordenen Tee klammerten.

„Ich...“ Die Worte schmeckten bitter und waberten auf seiner Zunge hin und her, als weigerten sie sich ausgesprochen zu werden, was zweifellos daran lag, dass Draco alles lieber gesagt, alles lieber zugegeben hätte, als das Folgende.
„Ich bin… so kurz davor, mich zu verlieren. So kurz davor.“

Ein wenig mit der Eule durchs Fenster, aber Draco hatte keine Kraft mehr irgendeine Fassade aufrechtzuerhalten. Jetzt erst wurde ihm bewusst, wie viele seiner Mauern bereits gefallen waren, wenn er hier wie ein Häufchen Elend hier hockte. Wann hatte er angefangen, sich derart auszuliefern?






Little do you know
All my mistakes are slowly drownin' me






„Und Hermine?“ Ginny Weasley verfluchte sich dafür, dass sie wie ein kleines Mädchen klang, dass kurz davor war anzufangen zu weinen. Doch die Wahrheit war, dass sie kurz davor war anzufangen zu weinen. Noch hielt sie ihre Tränen eisern zurück, doch wie lange ihr das noch gelingen würde, wusste sie nicht. Ob Draco Malfoy sie nun alle für prätentiöse, jammernde Idioten hielt oder nicht, Ginny war ausgelaugt und müde. Nicht bloß müde dieser Konversation, oder dieses Tages, oder dieser Woche – nein. Ihre Erschöpfung ging weit tiefer.

Ob Malfoy bemerkte, dass sie ständig hier war? Viel öfter, als Harry oder gar ihre Brüder? Fiel ihm auf, was der Gedanke, Hermine könnte tatsächlich nie wieder aufwachen, mit ihr machte?

„Du kannst nicht von uns erwarten, dass wir sie einfach so aufgeben.“ Ihre Stimme brach, doch sie weinte nicht. Als Draco ihr in die Augen sah, fühlte er sich mit einem Mal schrecklich an Granger erinnert, wie sie inmitten der Menge von Reportern unterzugehen drohte und ihr Blick, auf der Suche nach einem Rettungsring, verzweifelt hin und her zuckte. Er schluckte und wusste, dass er es nicht übers Herz bringen würde, sie mit einer flachen Ausrede alleine hier sitzen zu lassen.  

Eine leise Stimme in Dracos Kopf wollte ihm weiß machen, dass sie längst verloren war. Wenn nicht einmal der Anblick von Albus Dumbledore noch irgendetwas in ihr auslösen konnte, würde nichts, was er tat, einen Unterschied machen. Doch er wusste, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Es war lediglich die Ausrede des Teils von ihm, der den leichten Weg nehmen und aussteigen wollte. Der Teil von früher.

„Da drinnen ist es… Für Granger mag das nichts weiter sein, als ein kunterbunter Spielplatz, aber… Für mich ähnelt es eher einem verdammten Minenfeld. Da sind diese unglaublichen Bilder, unfassbare Szenerien, die-…“ Auf der Suche nach den richtigen Worten – Worten, die ihr verständlich machen könnten, was man kaum nachvollziehen konnte, wenn man es nicht selbst erlebt hatte – rieb er sich die müden Augen. Danach verharrten seine Hände vor seinem Gesicht.

„Aber dann plötzlich erwischt sie dich eiskalt, stellt dir ein Bein und der Boden ist so verflucht hart, dass es dir all die Luft aus den Lungen drückt. Die Vergangenheit...“






Little do you know
How I'm breakin' while you fall asleep







Gedankenverloren schüttelte er den Kopf. „Hinter jeder Tür und an jeder Ecke stolpere ich über meine Vergangenheit. Alles, was ich jemals bereut habe, bereuen werde und alles, was ich nie wieder rückgängig machen kann, wartet dort auf mich. Zwischen Sahnetorten und Sternschnuppen – es ist ein verdammter Spießrutenlauf, Weasley. Und ich bin… Müde. Ich bin so müde.“

Draco gab sich keine Mühe, seine Verbitterung zu verbergen. Seine Masken waren ihm längst allesamt vom Gesicht gerissen worden und zu verstecken, was längst jeder gesehen hatte, kostete nur Kraft, die er nicht mehr hatte. Nicht an diesem Tag.

Seine Antwort war derart ehrlich und offenbarte so viel von seinem Innersten, dass es Ginny aus der Bahn warf. Der Blick seine grauen Augen hatte sich längst verloren. Er sah durch seine Finger hindurch, durch die Tasse, durch den Tisch... Überall hindurch, dachte die Hexe gequält, als wäre die ganze Welt durchsichtig und nichts weiter, als Schall und Rauch. Es trieb ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

„Willst du die Dinge denn nicht endlich richtigstellen, Malfoy?“ Überrascht ließ der Blonde die Hände sinken, nur um Potter zu sehen, der zwei Schritte hinter ihm stand – mittels Wingardium Leviosa drei Tassen frischen, dampfenden Tees im Gepäck. „Das ist deine Chance, deiner Vergangenheit einen Haken zu schlagen und ihr endlich die Macht über dich zu entziehen.“ Die Zauberer starrten einander an.  

„Vergangenes ist in der Vergangenheit gut aufgehoben. Es sollte nicht die Zukunft diktieren.“ Dies war kein Friedensangebot, das wusste Draco. Und trotzdem wogen die Worte schwer auf ihrer Waagschale voller Feindseligkeit, Misstrauen und verpasster Chancen, und sortierten die Dinge neu.

„Da sind Sie ja.“ Bevor Draco antworten konnte, wurde ihre Unterhaltung von dem rasch näherkommenden Sutton unterbrochen. Sämtliche Köpfe wandten sich überrascht um, doch der Heiler suchte den Blick des ehemaligen Slytherin – in der Hand eine dünne Akte.

„Mister Malfoy?“ Vielleicht bilde Draco es sich ein, aber Sutton sah alles andere als zufrieden aus, was angesichts der heutigen Sitzung durchaus nachvollziehbar war.  

„Auf ein Wort, bitte“, forderte der Mediziner und winkte den Blonden zu sich. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch stand der Blonde auf und folgte Sutton aus der Cafeteria.




Little do you know I
I need a little more time
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