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Die Macht der wahren Liebe 3

von weha
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 Slash
Böse Königin / Regina Mills Emma Swan OC (Own Character)
30.08.2020
23.11.2020
9
18.945
5
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30.08.2020 2.050
 
Heute war es soweit. Endlich.
Sie atmete tief durch, während sie den Reißverschluss ihrer Reisetasche zuzog. Viel besaß sie nicht, aber das war in diesem Fall auch gut so, immerhin konnte sie unmöglich zu viel mitschleppen. Die kleine, leichte Reisetasche konnte sie ohne Anstrengung tragen. Sie hatte lange auf die heutige Nacht gewartet. Fast ein Jahr. Naja, in Wahrheit hatte sie sich davon einige Monate im Selbstmitleid gesuhlt. Anfangs hatte sie nicht verstanden wie das hatte passieren können, wie sie hier gelandet war. Warum nur sie hier gelandet war und nicht bei den anderen hatte bleiben können. Dann hatte sie geweint. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Über Wochen und Monate. Bis sie endlich soweit war und beschlossen hatte zu kämpfen. Sie war die Einzige, die überhaupt die Möglichkeit hatte zu kämpfen. Die Einzige, die noch ihre Erinnerung besaß. Und somit hatte sie zu planen begonnen. Heute, sobald alle schlafen würden, würde sie abhauen. Endlich.
Sie drehte sich um und blickte in den kleinen Spiegel, der über der Kommode hing. Ob sie sie wiedererkennen würden? Wie würde es werden? Sie strich sich eine blonde Haarlocke hinters Ohr und seufzte. Es würde schwierig werden, da war sie sich sicher. Aber sie musste es schaffen. Es war ihre Bestimmung.
Erneut seufzte sie, ehe sie zurück zum Bett ging und sich neben ihre Reisetasche setzte. Noch etwa eine Stunde, dann war es soweit.

***

Sie schlich auf Zehenspitzen durch den dunklen Flur. Hie und da knirschten die Dielen unter ihren Füßen, woraufhin sie jedes Mal ängstlich den Atem anhielt und wie erstarrt stehen blieb. Als es weiterhin ruhig im Haus blieb, setzte sie wieder leise einen Fuß vor den anderen. Sie durfte nicht erwischt werden. Würde man sie aufhalten, wäre ihr Plan fürs Erste gescheitert.
Ihre Beine trugen sie vorbei an anderen Zimmertüren, über die hölzerne Treppe nach unten, vorbei an der Küche und weiter durch die Dunkelheit, bis sie an der Eingangstür angekommen war. Teil eins war geschafft.
Sie zog den Schlüssel aus der Jeanstasche und steckte ihn leise und vorsichtig ins Schloss. Noch vorsichtiger und ganz langsam drehte sie ihn. Das laute Knacken ließ sie erneut den Atem anhalten. Hoffentlich hörte sie niemand.
Sie hatte den Schlüssel vor einigen Wochen gestohlen, hatte ihn nachmachen lassen und das Original danach zwischen die Sitzpolster der durchgesessenen Couch versteckt. Es hatte ihr furchtbar leidgetan, dass sie und alle anderen beschuldigt wurden und Strafen erhielten, als das Fehlen des Schlüssels bemerkt worden war. Aber sie hatte es tun müssen. Die Haustür war abends versperrt, sowie alle Fenster verriegelt wurden und nur so gelang ihr die Flucht. Als der Schlüssel einen Tag später in der Couch gefunden wurde, hatte sich niemand für die Anschuldigungen und Bestrafungen entschuldigt. Der Schlüssel war wieder da und das wurde stillschweigend hingenommen. Zu ihrem Glück hatte niemand bemerkt, dass er am Tag zuvor nachgemacht worden war und diese Kopie ihr heute die Freiheit schenken würde.
Mit zitternden Fingern umschloss sie den Türknauf und drehte ihn. Wieder war das Geräusch zu hören, doch dieses Mal durfte sie nicht zögern. Sie öffnete die Tür einen kleinen Spalt und schlupfte mit ihrer Reisetasche hindurch, ehe sie sie wieder leise ins Schloss fallen ließ. Jetzt musste sie schnell sein. Durch ihre Bewegung vorm Eingang ging automatisch das Licht der Einfahrt an.
So schnell sie ihre Beine tragen konnten, lief sie los. Entlang der Einfahrt, weiter auf die Straße, weiter um einen Häuserblock, andere Straßen entlang, andere Blocks entlang. Erst als ihre Lungen brannten, hielt sie für einen Moment inne, lehnte sich gegen eine Hausmauer und atmete tief durch. Sie hatte es geschafft. Sie hatte es geschafft zu fliehen. Aber noch war sie nicht in Sicherheit. Falls ihr Verschwinden bereits bemerkt worden war, würden bestimmt die nächsten Häuserblocks und Bushaltestellen abgesucht werden. Noch einmal atmete sie tief durch, blickte dabei auf ihre Armbanduhr und rannte wieder los. Sie musste es innerhalb der nächsten zehn Minuten schaffen, an ihrem nächsten Ziel anzukommen. Dort würde jemand auf sie warten und sie eine Etappe weiterbringen.

***

„Ich dachte schon, du wagst es doch nicht.“ Er stand an sein Auto gelehnt da und grinste frech, während er seine Zigarette zu Boden warf und sie mit seiner Sohle zertrat. „Bereit?“
„Ja!“ Sie nickte und fuhr sich dabei nervös durchs blonde Haar. „Lass uns fahren.“
Er sah sie mit gerunzelter Stirn an, als er ihr den Weg zur Beifahrerseite versperrte. „Zeig mir erst das Geld. Hast du alles?“
„Ja.“ Wieder nickte sie. Sie griff in ihre Jeanstasche und holte ein dickes Bündel Dollarscheine heraus, um es ihm kurz zu zeigen, bevor sie die Noten wieder in der Jeans verstaute. Sie war jung, aber nicht dumm. „Erst bringst du mich. Dann die Bezahlung. Wie abgemacht.“
„Gut.“ Er wich zur Seite und öffnete ihr die Tür. „Soll ich die Tasche in den Kofferraum schmeißen?“
„Nein, danke. Das geht so.“ Sie setzte sich ins Auto und legte die Tasche auf den Boden zwischen ihren Füßen. „Können wir los?“
Er nickte, knallte die Beifahrertür zu und ging um den Wagen herum, um auf der anderen Seite einzusteigen.

Während der Fahrt sprachen sie kaum. Sie war zu nervös. Nervös deswegen, weil sie nicht wusste, was sie erwarten würde. Und natürlich war sie auch nervös, weil sie mit einem beinahe Fremden mitfuhr. Aber sie hatte von ihm gehört, hatte erfahren, dass er vor einigen Jahren selbst abgehauen war und hatte ihn deswegen kontaktiert. Gegen Bezahlung hatte er ihr die Tipps gegeben, wie sie aus dem streng überwachten Haus ausbrechen könnte. Und mit der Vereinbarung, dass er noch mehr Geld erhalten würde, hatte er ihr versprochen sie aus der Stadt rauszubringen.
„Verrätst du mir, was du vorhast?“, fragte er nach einer Weile. „Du weißt, dass deine Bezahlung auch mein Schweigen beinhaltet.“
„Nein“, sagte sie nur und schüttelte ihren blonden Kopf.
„Sagst du mir wenigstens wo genau du hinwillst?“
„Nein“, wiederholte sie.
„Und wie geht es dann weiter? Ich fahr einfach weiterhin durch Maine und irgendwann sagst du, dass ich anhalten soll?“
„Ganz genau.“
Er drehte kurz den Kopf zur Seite, um sie grinsend zu mustern. Sie war ganz schön mutig. Noch so jung und doch war ihm klar, dass sie es faustdick hinter den Ohren hatte. Er schüttelte etwas belustigt den Kopf, ehe er sich wieder auf die Straße konzentrierte. Er war älter gewesen, als er damals abgehauen war. Und für ihn war es gut so gewesen. Er hatte schnell Arbeit gefunden und wusste wie er über die Runden kommen konnte. Hoffentlich würde das auch sie schaffen. Sie war viel zu jung, um alleine leben zu können. Doch davon abhalten wollte er sie auch nicht. Er wollte das Geld, das sie vereinbart hatten, der Rest sollte ihm egal sein.

Sie blickte wieder aus dem Fenster und beobachtete die Landschaft, die an ihnen vorüberzog. Sie hatte furchtbare Angst. Was, wenn es ihr nicht gelingen würde? Fast ein Jahr war sie schon von Zuhause weg. Wie würde es werden? Vor allem, wo sollte sie unterkommen? Denn das Zuhause, das sie einmal hatte, existierte nicht mehr. Nur für sie, aber nicht mehr für die anderen.
Sie blickte kurz zu ihrem Fahrer, ehe sie wieder durch die Seitenscheibe des Beifahrersitzes nach draußen sah. Sie hatte Glück, dass sie vor einiger Zeit Mike und Dean über ihn reden gehört hatte. Mike hatte Dean erzählt, dass er einen jungen Mann kannte, der selbst einmal dort gewohnt hatte, wo auch sie fast ein Jahr verbrachte. Sie hatte gehört wie Mike davon erzählte, dass Billy vor einigen Jahren abgehauen war. Irgendwann hatte sie Mike auf Billy angesprochen und ihn gefragt, ob sie noch Kontakt hatten. So war es passiert, dass sie Billy selbst kennenlernen durfte und mit ihm ihren Fluchtplan besprochen hatte. Er war sehr nett und doch war ihr klar, dass seine Hilfe nicht auf seine Nettigkeit zurückzuführen war, sondern auf die Bezahlung, die er dafür verlangte.
Geld hatte sie keines. So hatte sie angefangen ein paar Erledigungen für ältere Damen in der Nachbarschaft zu machen. Sie ging für sie einkaufen oder zupfte das Unkraut in den Vorgärten und Einfahrten der Häuser. Ein paar Mal war sie von der Vorstadt, in der sie lebte, sogar ins Zentrum gefahren und hatte gebettelt. Es war schwierig gewesen, aber doch hatte sie es nach einiger Zeit geschafft und das Geld, das Billy verlangt hatte, aufgetrieben.

„Alles okay?“, fragte Billy, als sie laut seufzte.
„Geht schon.“
„Du wirkst nervös. Hast du Angst?“
„Ja!“, gab sie zu. „Ich treffe bald meine Familie.“
Erstaunt sah er wieder kurz zu ihr, ehe er zurück zur Straße blickte. „Du hast eine Familie? Wieso warst du dann im Kinderheim?“
Sie schluckte schwer, antwortete ihm aber. „Meine Familie kennt mich nicht.“
„Oh scheiße…“ Er seufzte leise, beschloss dann aber ihr einen Ratschlag zu geben. „Hör zu. Wenn dich deine Familie weggegeben hat, dann wird sie dich nicht zurückwollen. Ich vermute du warst noch sehr jung, als du ins Heim musstest, wenn du denkst, dass sie dich nicht wiedererkennen. Sie hätten dich zurückholen können, aber das haben sie nicht. Willst du es dir nicht nochmal überlegen und mit mir zurück nach Boston fahren?“
„Nein.“ Ihre Stimme zitterte als sie ihm antwortete. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie einige hundert Meter vor ihnen ein grünes Straßenschild entdeckte. Ein Schild, das sie sehen konnte, er aber nicht.
‚Entering Storybrooke‘
„Du kannst mich hier rauslassen.“
„Hier?“ Er fuhr an den rechten Straßenrand und hielt an. Sein Blick huschte durch die Windschutzscheibe in jede Richtung, auch durch die Seitenscheiben blickte er. „Hier ist nichts zu sehen, außer Wald. Wir sind hier mitten im Nirgendwo. Hier willst du raus?“
„Ja.“ Sie nickte und atmete hörbar durch. „Ich kenne mich hier aus.“
„Wenn du dich verläufst, oder dir etwas anderes passiert, ist das nicht meine Schuld!“
„Ich weiß. Mach dir keine Sorgen!“, sagte sie, als sie seine Nervosität bemerkte. Es war ihm anzusehen, dass er sie hier nicht aussteigen lassen wollte. So musste sie lügen. „Du bist nicht mein einziger Fluchtplan. Ich treffe hier jemanden, der mich ans Ziel bringt. Nichts für ungut, aber solltest du irgendwann befragt werden, sollst du nicht lügen müssen. Ich will nicht, dass mein Aufenthaltsort rauskommt.“
„Aber denkst du nicht, dass es die Polizei zuerst bei deiner Familie versuchen wird?“
„Nein, ganz sicher nicht. Billy, danke dir für alles. Versteh mich nicht falsch, aber mehr sollst du nicht wissen.“
„In Ordnung…“, meinte er seufzend. „Ich lasse dich gehen. Aber pass auf dich auf, ja?“
„Das mach ich. Danke für alles!“ Sie holte das Geldbündel hervor und reichte es ihm, ehe sie die Sonnenblende nach unten klappte und dort in den kleinen Spiegel blickte.
Sie atmete nervös durch. Würden sie sie erkennen? Sie fuhr sich durchs Haar, das dieselbe Farbe und dieselben Locken wie das ihrer Mom trug. Ihre großen, dunkelbraunen Augen und ihre vollen Lippen hatte sie von ihrer anderen Mom. Sie sah beiden so unglaublich ähnlich. Das mussten sie einfach sehen können. Sie mussten sie erkennen. Ihre neunjährige Tochter.
Wieder atmete sie tief durch, bevor sie die Sonnenblende wieder hochklappte, Billy dankbar anlächelte und mit ihrer Reisetasche aus dem Wagen stieg.

Sie war gerade erst einige Meter gegangen, als sie die Autotür hinter sich hörte.
„Hey!“, rief ihr Billy nach.
„Ja?“
„Hör zu…“, begann er, während er auf sie zuging. „Du bist noch so jung und auch wenn ich das nicht sollte, ich mache mir Sorgen.“
„Das musst du nicht, ich…“ Doch er unterbrach sie.
„Hier.“ Er hielt ihr das Bündel Geld hin, mit dem er gerade bezahlt worden war.
„Billy, nein, wir haben abgemacht, dass…“
„Hey!“, unterbrach er erneut. „Sollte etwas anders verlaufen, als geplant, wirst du die Kohle brauchen. Du bist noch so jung. Mein Gewissen kommt nicht damit klar, wenn ich dich hier alleine und pleite zurücklasse. Bitte nimm das Geld und versprich mir, dass du auf dich aufpassen wirst.“
„O-Okay… danke…“, stammelte sie und steckte das Geld zurück in ihre Jeanstasche.
„Mach’s gut, Louisa!“
„Du auch. Vielen Dank für alles, Billy!“
Sie lächelte und winkte ihm nach, als er sich wieder hinter das Lenkrad gesetzt hatte, den Wagen wendete und mit quietschenden Reifen davonfuhr.
Erst als er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, drehte sie sich wieder um und ging Schritt für Schritt weiter. Sie war wieder in Storybrooke. Und jetzt würde sie dafür kämpfen, dieses Städtchen endlich wieder zu ihrem Zuhause zu machen. Ihre Familie wieder zusammenzuführen und den Fluch zu brechen.
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