Schwesterchen, was ich dir noch sagen will...

GedichtFamilie, Schmerz/Trost / P12
30.08.2020
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Sie behaupten, du hättest nie gelebt.
Nie gelebt, nie gesprochen, nie gelacht.
Nie diese Welt erlebt, die uns zu Menschen macht.
Zeigt das nicht auch die erbittert geführte Debatte,
was ein ungeborenes Kind wohl schon sah und tat und hatte?
Von alledem weiß ich, du hast gelebt und gelacht.
Wir haben geredet, dabei uns Geschichten ausgedacht
in der Enge unseres Kokons, unserer Welt,
bis diese uns nicht mehr hält,
bis wir die Flügel ausbreiten,
wenn sich zu unserer Zweisamkeit eine neue Familie gesellt.

Du hast gelebt, ich war da!
Ich habe dich gespürt, wir waren uns nah.
Erinnerst du dich an jene Geschichten?
An unsere Pläne, Späße, Träume?
Ich tue das, indem ich das Leben nicht versäume.
Nichts wird sie vernichten.
Doch allein musste ich lachen und leben,
als du deine zarten Flügel nie konntest entfalten
und ich konnte dich nie noch einmal halten,
kann dir selbst jetzt nichts als diese Worte geben.

Mein Zwillingsschwesterchen,
alles bewahre ich auf ewig
und mit der Erkenntnis von deinem Leben
werde ich es irgendwann zurück in deine Hände legen.
Bis dahin, ruhe selig.
Und vergiss all das, was sie glauben und sagen.
Denn ich weiß, du hast gelebt,
als wir noch in unserer kleinen Welt nebeneinander lagen.
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