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Flaming Emotions - Kerosin im Blut

von Nakami
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
Kelly Severide Matthew Casey
30.08.2020
29.11.2020
15
60.253
7
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Dieses Kapitel
1 Review
 
11.09.2020 4.313
 
Kapitel 3 – durch Unstimmigkeiten geteilt


„Nein Matt! Sag ihr ab, wir haben Pläne!“, fuhr Kelly seinen Freund an, ehe dieser auch nur ein Wort sagen konnte und versuchte Matts gequälten Blick zu ignorieren. Wäre es das erste Mal, das er ihm wegen Gabby absagte, könnte Kelly eventuell so etwas wie Verständnis aufbringen, doch in letzter Zeit passierte das ständig. Als wüsste die Sanitäterin genau wann die beiden sich etwas vornehmen.
„Kelly bitte, es tut mir leid“, Matts Stimme klang flehend, entschuldigend und schuldbewusst, doch der Rüstgruppenführer schüttelte entschieden den Kopf, „nicht schon wieder Matt, wir haben Pläne. Sag ihr das du heute keine Zeit hast.“
Seufzend ging Matt einen Schritt auf ihn zu, legte ihm beide bandagierten Hände auf die Brust und sah ihn aus entschuldigenden Augen an, „bitte versteh doch Kelly, ich kann sie diesbezüglich nicht vor den Kopf stoßen, sonst wird sie mich wieder ausschließen. Endlich bezieht sie mich in das Leben des Kindes mit ein, wenn ich ihr Absage wird sie wieder schmollen.“
„Dann lass sie schmollen, du kannst nicht immer springen, wenn Madam pfeift. Verflucht Matt, sie macht das doch mit Absicht, denn sie weiß das wir uns deswegen streiten!“, wandte Kelly ein, nicht bereit schon wieder den Kürzeren zu ziehen.
„Ich will nicht mit dir streiten Kelly, wir haben doch schon so oft darüber gesprochen“, Matt wirkte beinah verzweifelt und Kelly spürte, dass er seinen Widerstand nicht mehr lang aufrecht halten konnte.

Seufzend legte er dem Drehleiterführer beide Hände auf die Hüften, sah Matt tief in die Augen und ließ seine Stimme so ruhig wie möglich klingen, „bitte sag ab Matt. Ich habe dich die letzten 24 Stunden sehr vermisst und möchte den Tag mit dir verbringen. Mit dir allein!“
Dem Rüstgruppenführer war bewusst wie unfair seine Worte waren und das Matt gerade von Gewissensbissen überflutet wurde, doch wenigstens dieses Mal wollte er seinen Willen durchsetzen.
Entgegen seiner Erwartungen schüttelt Matt jedoch entschuldigend den Kopf, „es tut mir leid Kelly, Gabby brauch Unterstützung, sie ist beinah im 8ten Monat und vergiss nicht: die Hormone. Sie ist allein und ich weiß wie schwer das alles gerade für sie ist.“
Ungläubig löste Kelly seine Hände von Matts Hüfte und ging einen Schritt zurück, „sie ist allein? Gabriela Dawson hat die mit abstand größte Familie, die ich kenne. Wenn jemand nicht allein ist, dann sie. Wieso musst du immer einspringen? Wieso kann das nicht mal ihr Bruder, ihre Mutter, oder die Unmengen an Cousins und Cousinen übernehmen?“
„Weil ich der Vater bin Kelly, das ist mein Job. Ich will ein Teil dieses Babys sein und ich dachte eigentlich, das du mich mittlerweile verstehen würdest?!“, kurz verschwand der schuldbewusste Ausdruck in Matts Augen, doch kaum knirschte Kelly mit den Zähnen, war er wieder da, „ich möchte auch Zeit mit dir verbringen, ich habe dich auch vermisst, bitte glaub mir. Heute Abend mache ich es wieder gut, fest versprochen.“
Matt beugte sich vor und legte seine Lippen zärtlich auf Kellys, der den Kuss jedoch erst einige Sekunden später erwiderte.

Lange konnte er seinem Freund nie böse sein, auch wenn dieser es ab und zu verdient hatte. Doch Kelly übertrieb nicht, er vermisste Matt während der Schicht sehr und hätte sich gefreut, würden sie die kommenden Stunden gemeinsam verbringen.
Seufzend schlang er erneut seine Arme um Matts Taille, zog ihn dichter an sich und als sich seine Hände auf den Hintern des Drehleiterführers schoben, wich dieser geschickt aus.
Ungläubig sah Kelly ihn an, wollte protestieren, doch da schnappte sich Matt bereits sein Handy von der Küchenanrichte, warf einen Blick darauf und seufzte entschuldigend, „tut mir wirklich Leid Kelly, bitte sei nicht sauer“, bevor er zur Haustür eilte, seine Jacke schnappte und die Wohnung verließ.

Entrüstet sah Kelly seinem Freund hinterher, bevor er sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm, kurz mit seinem Gewissen rang, ob ein Bier am Vormittag der Ansatz eines Problems werden könnte, entschied sich dann aber vernünftig zu sein und trank die Wasserfalsche auf der Kücheninsel in einem Satz leer.
Das sein Freund so schrecklich blind war frustrierte ihn sehr, immerhin war Gabbys Einmischen in ihre Beziehung so offensichtlich, dass selbst ein Blinder begreifen würde, welchen Plan die Sanitäterin verfolgte.
Glaubte der Captain wirklich, seine jetzige Fürsorge würde ihm irgendwann zugutekommen und die Kindsmutter bezog ihn in zukünftige Entscheidungen ein?
Gabriela Dawson tat nichts ohne Eigennutz und das Matt sich blind von ihr ausnutzen ließ, gefiel dem Rüstgruppenführer ganz und gar nicht.
Doch was ihn wirklich sauer machte war, dass er schon wieder der Leidtragende sein sollte. Auf der einen Seite konnte Kelly seinen Freund verstehen, er wollte am Leben des Babys Teil haben, deutlich zeigen das und wieviel Interesse er daran hatte und sich einbringen, doch auf der Anderen Seite stand Kelly, welchen er zunehmen vernachlässigte und immer häufiger vertröstete. Das Baby war noch nicht einmal geboren und Kelly stand zu seiner Meinung, dass Gabby übertrieb.

Wütend schnaufte der Feuerwehrmann, allein der Gedanke an die Sanitäterin machte ihn sauer. Langsam sollte sie begriffen haben, dass sie sich nicht zwischen sie drängen konnte. Wieso versuchte sie es immer wieder? Wieso konnte sie ihre Beziehung nicht einfach akzeptieren?
Der Tag war definitiv im Eimer und ob sich Kelly am Abend von seinem Freund besänftigen lassen wollte, war noch nicht sicher. Matt sollte ruhig mal merken, dass auch er wichtig war, dass auch ihn dieses ständige Vertrösten verletzte.
Allerdings wusste der Rüstgruppenführer, noch bevor er den Gedanken beendet hatte, dass er sich Matt vermutlich nicht entziehen konnte, sollte dieser ihm wirklich mit einem verführungsversuch begegnet. Doch erstmal musste es soweit kommen, denn so wie ihre momentane Lage war, bezweifelte Kelly, das sein Freund sich heute Abend noch an dieses Versprechen erinnerte.

Frustriert schielte der Feuerwehrmann zum Kühlschrank, spielte noch immer mit dem Gedanken an das kühle Bier, welches sicher seine Nerven beruhigen würde, bevor er den Kopf schüttelte und sich seufzend abwandte.
Ein Blick ins Badezimmer zeigte ihm, das Matt sich während seiner Schicht versucht hatte im Haushalt zu beteiligen, was Kelly lächeln ließ. Die Waschmaschine lief noch immer und auch wenn er wenig Lust hatte, würde er die feuchte Wäsche später aufhängen müssen, bevor Matt sich verausgabte. Vermutlich scheuchte Gabby seinen Freund ziemlich durch die Gegend und später sollte dieser sich ausruhen, anstatt sich um den Haushalt zu kümmern. Woher die besänftigten Gedanken plötzlich kamen, konnte Kelly sich nicht erklären, vielleicht war er doch müde und sein Gehirn konnte keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen?
Ein bisschen Schlaf würde ihm sicher guttun und vielleicht war Matt schon wieder zu Hause, wenn er aufwachte.

Als der Rüstgruppenführer am späten Nachmittag die Augen öffnete und einen Blick auf die Uhr warf seufzte er theatralisch. Scheinbar war er tatsächlich müde gewesen, sonst hätte er nicht den halben Tag verschlafen.
Gähnend richtete Kelly sich auf, sah sich einen Augenblick im Schlafzimmer um, bevor er aus dem Bett stieg, um das angrenzende Wohnzimmer anzusteuern. Von Matt fehlte noch immer jede Spur und sofort stellten sich in dem Feuerwehrmann erneut negative Gedanken ein. Matt sollte bei ihm sein, dass er wirklich den gesamten Tag mit Gabby verbrachte, stoß Kelly sauer auf.
Zwar war ihm bewusst, dass er akzeptieren musste, dass sein Freund ein Kind mit einer anderen Frau bekam, doch mit jedem Tag schienen die beiden sich weiter von einander zu entfernen.
Kelly hasste Gabbys Verhalten und er hasste Matts Reaktion darauf. Wieso ließ der sonst so stolze Captain sich all diese Dinge gefallen? Wieso schlug er nicht auf den Tisch und setzte der Sanitäterin klare Grenzen? Sobald sie pfiff sprang er und Kelly war sich sicher, dass die junge Frau in vielerlei Hinsicht schlichtweg übertrieb.
Seine einzige Hoffnung lag darin, dass sich die Umstände und ihr momentanes Miteinander besser würden, sobald der kleine Wurm auf der Welt war, auch wenn er sich noch immer nicht vorstellen konnte, wie das alles funktionieren sollte.

Mit einem Blick auf sein Handy ließ der Feuerwehrmann sich auf das bequeme Ledersofa fallen und blätterte in seinem Telefonbuch. Je mehr er sich in Rage dachte, je wütender er auf Matt, aufgrund dessen Blindheit, wurde, desto größer bildete sich der Wunsch ihn ihm, den ganzen Frust loszuwerden.
Doch wem konnte er sich anvertrauen, schließlich hielten sie ihre Beziehung geheim. Matt war sein Vertrauter, der Mensch, an den er sich wendete, wenn die Dinge ihm über den Kopf wuchsen, doch eben dieser Mensch war der Auslöser für seinen Frust.

Nachdenklich stoppte er bei Sylvies Nummer und überlegte. Die Sanitäterin hatte ihm in den vergangenen Monaten öfter ihr Ohr geliehen, außerdem wusste sie von Matt und ihm. Zwar war sie auch mit Gabby befreundet, doch nachdem Sylvie herausgefunden hatte wie schäbig Gabby ihren eigenen Ehemann behandelt hatte, war sogar die sonst so sanftmütige junge Frau in Rage geraten. Die wusste nichts von den eigentlichen Verbrechen ihrer Kollegin. Über Matts Entführung und dessen Zusammenhänge waren lediglich er selbst, Gabby, Matt, Antonio und Carlos informiert und dass letzterer seinen Kopf nicht freiwillig in die Schlinge steckte brauchte nicht extra erwähnt zu werden.
Trotzdem war Sylvie eine gute Zuhörerin, auch wenn sie wiederholt zu Protokoll gab, das sie ihm zwar gern zuhörte, sich aber nicht einmischen wollte.
In den vergangenen Monaten hatte Kelly oft an diesen ganz speziellen Moment auf der Feuerwache denken müssen, kurz nachdem Matt beschlossen hatte zu seiner Ehefrau zurück zu kehren, um vor seinen Problemen davon zu laufen.
Damals war der Rüstgruppenführer nervlich am Ende, hatte nicht einmal die Tränen zurückhalten können und als Sylvie ihn schweigend in den Arm nahm, lächelte und ihm das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit schenkte, fühlte es sich an als wäre seine tote Freundin Leslie Shay noch immer an seiner Seite.
Natürlich war dieses Gefühl aus Verzweiflung und einer emotionalen Reaktion entstanden, trotzdem erwischte sich Kelly von Zeit zu Zeit, sich in den wohltuenden Gedanken, seine beste Freundin wäre noch immer bei ihm, zu flüchten. Sylvie hatte ihm damals mit einem sanften lächeln das geschenkt, was er am dringendsten brauchte, eine Schulter zum anlehnen und einen Menschen, der ihm stumm den Schmerz von den Schultern nahm.

„Brett?“, erklang die helle Stimme der Sanitäterin durch das kleine Mobilfunkgerät und irritiert sah Kelly auf. In seinen Erinnerungen vertieft hatte er nicht mitbekommen wie er ihre Nummer wählte und fühlte sich für einen kurzen Moment überfordert.
Schnell schüttelte Kelly den Kopf, „hey Brett, Severide hier… ich habe unerwartet den Mittag frei und wollte fragen, ob du Lust auf einen Kaffee hättest?“
Natürlich hätte er ihr auch sagen können, dass er sich auskotzen musste, dass er jemandem brauchte der ihm zuhörte und ihm Verständnis entgegenbrachte, doch Kelly war sich sicher, dass Sylvie dank ihrer Feinfühligen Antennen längst wusste, weshalb er sie wirklich anrief.
Nach kurzem zögen räusperte die Sanitäterin sich, „ja, ich habe ein bisschen Zeit, wir treffen und in 20 Minuten im Café bei euch an der Ecke.“ Ohne seine Antwort abzuwarten beendete Sylvie das Gespräch und Kelly sah irritiert auf sein Handy. Die junge Frau war wirklich gutherzig, vermutlich hatte sie gar keine Zeit, stimme dem Treffen jedoch zu, weil sie seiner Stimme den Frust angehört hatte.

Eine halbe Stunde später starrte Kelly gedankenverloren in die schwarze Brühe, welche die freundliche Kellnerin mit dem dunklen Pferdeschwanz und den tiefen Grübchen vor ihm abgestellt hatte, als Sylvie sich zum wiederholten mal räusperte, „Gedanken kann ich leider nicht lesen Severide, du musst mir schon sagen was los ist?“
Es war also wirklich offensichtlich, das ihn etwas bedrückte. Seufzend hob Kelly den Blick, sah ihr einen Moment in die strahlend klaren Augen, bevor er den Kopf wieder senkte, „kannst du dir nicht denken worum es geht? Man das ganze geht mir so auf den Geist. Wieso kann sie sich nicht endlich aus unserem Leben raushalten? Wieso muss sie sich immerzu in den Vordergrund drängen? Wir hatten Pläne und dieser Vollidiot hat nicht besseres zutun als sofort nach ihrer Pfeife zu tanzen, sobald sie anruft. Mich lässt er dabei wieder im Regen stehen. Gabbys Gefühle sind wichtig, sie darf nicht verletzt werden, sie hat es so unheimlich schwer. Es ist als hätte Matt einfach ausgeblendet, was sie ihm in der Vergangenheit alles angetan hat, beziehungsweise, wofür sie verantwortlich ist.“
Auch wenn er in Rage war, musste Kelly an sich halten, um nicht die falschen Worte zu wählen. Zwar hielt sich Gabby nicht an die Vereinbarung, Matt jedoch schon und er hatte Kelly gebeten, niemandem von dem wahren Schuldigen für seine Verletzungen zu erzählen. Bis heute hatte Kelly keine Ahnung wie Antonio es geschafft hatte, seine Schwester aus der Sache heraus zu halten. Soviel er wusste galt der Fall zwar nach wie vor als ungelöst, doch Antonio schien Voight davon überzeugt zu haben, den Fall beiseite zu legen und sich wichtigerem zuzuwenden.

„Ich verstehe deinen Frust, doch versuch dich in Matts Lage zu versetzen. Gabby erwartet ein Baby von ihm und durch diese ganze, doch recht komplizierte, Situation ist es auch für ihn nicht einfach. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dich absichtlich verletzt, er liebt dich, da bin ich mir sicher, schließlich hat er sich letztendlich für dich entschieden“, versuchte Sylvie den Lieutenant zu besänftigen und dieser seufzte theatralisch, „das weiß ich doch und ohne Gabby und ihre ständigen Intrigen hätte ich auch rein gar nichts an unserer Beziehung auszusetzen. Matt ist toll, er macht fantastische Fortschritte, gibt sich unglaublich viel Mühe und der Sex ist…“, Kelly brach ab und hob den Blick. Das Sylvie Gespräche dieser Art unangenehm waren wusste er inzwischen und wie erwartet, hatte sich ein dunkler Schatten um ihre Nase gebildet und sie räusperte sich verlegen. Müsste Kelly den Anblick, welcher sich ihm bot in einem Wort beschreiben, würde er wahrscheinlich ~niedlich~ wählen, weshalb er sich ein belustigtes, freches Grinsen nicht verkneifen konnte und extra langsam und deutlich wiederholte, „der Sex ist atemberaubend, fantastisch und ich würde durch keinen anderen mehr Befriedigung erlangen.“
Seine ausgedehnte Wortwahl und die genaue Beschreibung brachten ihm einen bösen Blick ein, bevor Sylvie ihre blonde Mähne schüttelte, „genug davon, ihr habt ein tolles Liebesleben, ich habe es verstanden! Trotzdem Kelly, versuch dich in Matts Lage zu versetzen, was wenn deine Exfrau von dir schwanger wäre und sich krampfhaft versuchen würde in eure Beziehung zu drängen. Stell dir vor du kennst sie und ihre Macken, weißt genau wie sie auf Ablehnung reagiert und dir ist bewusst, dass sie nicht davor zurückschrecken würde, dir das Kind welches du dir seit so vielen Jahren wünschst, eiskalt zu entziehen?“ Auch wenn Sylvie vor jedem Gespräch erwähnte die Schweiz zu sein, schien die Tat ihrer Kollegin der Sanitäterin noch immer übel aufzustoßen.

Sylvie hatte recht, das war Kelly bewusst, trotzdem fiel es ihm schwer, die Wahrheit ohne weiteres zu akzeptieren. Die Blondine war mit ihrem Monolog jedoch noch nicht fertig und für einen winzigen Moment bereute Kelly, sie auf einen Kaffee eingeladen zu haben. Schließlich wollte er sich eigentlich den Frust von der Seele reden, doch Sylvie versuchte ihm Matts Sicht der Dinge nahe zu bringen und kratzte damit verdächtig hartnäckig an seinem Verständnis für den Feuerwehrmann, „du kennst Matt. Du weißt wie schnell er ein schlechtes Gewissen bekommt. Vermutlich redet er sich ein, für Gabby und ihre Zukunft verantwortlich zu sein, weil er es war, der die Scheidung einreichte und sich in seinen besten Freund verliebte.
So wie ich Gabby kenne, wird sie ihn außerdem bei jeder Gelegenheit daran erinnern, wie einsam sie ist und das Matt für diesen frustrierenden Lebensabschnitt verantwortlich war. Matt ist bewusst, das Gabby und er keine Zukunft haben, egal wie sich die Sache zwischen euch beiden entwickelt und dann wäre da auch noch der Gedanke, dass dieses Baby vermutlich niemals in einem intakten Elternhaus aufwachsen wird. So wie ich Matt einschätze zermartert er sich über all diese Dinge regelrecht den Kopf.“
Es war erstaunlich, wie gut Sylvie den Captain kannte, obwohl die beiden eine eher oberflächliche Freundschaft führten, doch sie hatte recht. Matt war definitiv der König des schlechten Gewissen und Kelly hatte ihm schon unzählige Male gesagt, das dies völlig übertrieben war.

War seine Wut übertrieben? Musste er seinem Freund gegenüber mehr Rücksicht zeigen? Doch er tat doch bereits alles ihm mögliche, um es Matt zu erleichtern, er war ihm stehts behilflich und sagte dem Feuerwehrmann immer wieder, dass er das alles gerne Tat und Matt keine Gewissensbisse haben musste.
Stand ihm da nicht wenigstens ein kleines bisschen Zorn zu, wenn er wieder und wieder versetzt wurde? Wenn er sich auf die gemeinsame Zeit mit seinem Freund freute und dieser ihn dann im Regen stehen ließ?
Matt tat ihm nicht absichtlich weh und wenn Kelly ehrlich war, dann wusste er das sein Freund sich mit dem Gedanken, Kelly zu enttäuschen, mehr quälte als der Rüstgruppenführer selbst. Aber er konnte sich nicht alles gefallen lassen, sonst würde es in den nächsten Tagen, Wochen und vielleicht sogar Monaten nie besser werden.

Laut seufzend stützte Kelly den Kopf auf eine Hand und sah Sylvie mit gequältem Blick an, die ihn aufmunternd anlächelte und an ihrem Kaffee nippte, „Kopf hoch, es wird sicher…“, begann sie einen Versuch, ihm etwas Hoffnung zu spenden, als Kellys Handy vibrierend über die Tischplatte tanzte.
Erschrocken hob er den Kopf und warf einen Blick auf das Display. Ohne Sylvie noch eines Blickes zu würdigen, oder ihr ein Zeichen zu geben, das sie ihre Unterhaltung gleich fortsetzen konnte, hielt er sich das kleine Mobilfunkgerät ans Ohr, „Matt? Ist alles in Ordnung? Ist was passiert?“
Wieso er plötzlich so besorgt war, konnte Kelly nicht erklären. Er hatte kein schlechtes Gefühl, machte sich auch eigentlich keine Sorgen, doch jedes Mal, wenn Matt ihn anrief, schlich sich der Gedanke, seinem Freund könnte es nicht gut gehen, in sein Gehirn und vernebelte sein rationales Denken.
„Nein, nein, alles in Ordnung mir geht es gut, bin nur ein bisschen… egal… Bist du gerade sehr beschäftigt?“, erklang Matts Stimme besänftigend und Kelly beschlich eine böse Vorahnung, als er ihm ein zweifelndes, „warum?“ entgegenbrauchte.
Kurz herrschte Stille, dann räusperte Matt sich verhalten und druckst undeutlich herum, „also, wenn du Zeit hast…, wenn du gerade nichts Wichtiges zu tun hast… also eventuell… du könntest… also nur wenn ich dich nicht störe… vielleicht könntest du uns…“
Im Hintergrund hörte Kelly plötzlich die ihm mittlerweile verhasste, plärrende Stimme der Sanitäterin, „Mann komm auf den Punkt Matt, sag ihm das er uns abholen soll. Ich will nachhause, ich muss mich ausruhen!“

Das durfte nicht wahr sein, Kelly hatte zwar bereits eine Vermutung gehabt und wäre es allein Matt der ihn bat abgeholt zu werden, würde er ohne zu Zögern losfahren, doch dem war nicht so. Die Sache wuchs auf Gabbys Mist und sofort spürte der Rüstgruppenführer die altbekannte Wut in sich aufsteigen, „ich bin gerade unterwegs. Wieso fahrt ihr nicht mit dem Taxi, so seid ihr doch auch in die Mall gekommen?“
Er wollte seine Stimme nicht kalt oder gefühllos klingen lassen, konnte gegen das wütende Klopfen in seinem Herzen jedoch nichts machen.
„Gabby fühlt sich nicht gut und möchte nicht mit dem Taxi fahren… aber wenn du keine Zeit hast… Schon gut, ich Regel das. Tut mir leid, dass ich dich gestört habe“, nuschelte Matt undeutlich und wieder war das laute Fluchen hinter dem Drehleiterführer zu hören.
Kelly schloss die Augen und sah seinen Freund vor sich, wie er ihn mit schuldbewusstem betroffenem Blick ansah und verlegen die Zähne zusammenbiss.
„Schick mir deinen Standort, ich mache mich gleich auf den Weg!“, seufzte Kelly schließlich genervt und verdrehte die Augen, woraufhin Matts Stimme sich sofort aufhellte, „wirklich? Aber wenn du gerade beschäftigt bist, also du musst nicht unbedingt…“
„Schick mir den Standort Matt!“, ohne eine weitere Reaktion abzuwarten beendete Kelly das Gespräch und sah Sylvie an, die verständnisvoll lächelte und einen Kellner rief, „geh schon, ich übernehme das.“
„Was? Nein, ich habe doch gesagt das ich dich einlade und jetzt lass ich dich auf noch einfach stehen. Tut mir leid, Matt hat mich gebeten die beiden abzuholen“, zähneknirschend schob Kelly das Handy in seine Hosentasche.
Sylvie wirkte nach wie vor verständnisvoll, „mach dir mal keine Gedanken. Hol deinen Freund und sei für ihn da. Denk an meine Worte Kelly, Matt brauch dich und er liebt dich!“
Mit einer Handbewegung versuchte sie ihm zu signalisieren, das er gehen sollte und sie nichts weiter hören wollte und nach einem erneuten kurzen Blickaustausch ließ Kelly geschlagen die Schultern sinken und ging.

Vor einem Babygeschäft warteten Gabby und Matt bereits auf ihn. Inzwischen hatte sich auch der Himmel zugezogen und es regnete leicht.
Gabby sah wütend, beinah zornig aus, auch wenn in ihrem Gesichtsausdruck auch eine gewisse Arroganz mitschwang.
Matt hingegen machte einen beinah verzweifelten Eindruck, seine Schultern hinten herab, er hatte den Kopf eingezogen und versuchte mit den Fingern, welche er einigermaßen bewegen konnte, zwei vollgepackte Einkauftüten zu balancieren.
Sofort sammelte sich Wut in Kellys Innerem, doch er hatte sich fest vorgenommen nicht zu toben. Nachdem er den Wagen zum Stehen brachte sprang er raus und nahm Matt die beiden Taschen aus der Hand, der ihn sofort dankbar anlächelte.
Kelly musste dem Drang, sich hinab zu beugen und ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken, widerstehen.
Stattdessen sah er giftig zu Gabby, welche Matt genervt ansah und wartete, bis er auf die Rückbank geklettert war. Genervt ließ Kelly die Einkaufstüten in den Kofferraum fallen, stieg zurück hinters Steuer und kaum waren alle Türen geschlossen, fuhr er bereits los.
Er wollte Gabby so schnell wie möglich zuhause absetzen, denn mit jedem Wort, das ihre Lippen verließ, geriet sein Vorhaben, sich zusammen zu reißen und sie nicht anzugiften, mehr ins Wanken.

„Musst du so schnell fahren? Du weißt genau das ich schwanger bin. Auch wenn dein Leben nicht viel Wert ist, meinst ist es!“, pfefferte Gabby ihm entgegen und Kellys Fingernägel bohrten sich tiefer ins Lenkrad, bevor er das Tempo weiter anhob, „du hättest auch mit dem Taxi fahren können, also hör auf dich zu beschweren.“
„Severide du verfluchter Egoist!“, schrie sie ihm plötzlich ins Ohr und Kelly musste an sich halten, nicht augenblicklich abzubremsen und sie aus dem Fahrzeug zu werfen.
„Gabby er fährt doch gar nicht…“, wollte Matt sich einmischen, doch Gabby fuhr ihm dazwischen, „doch und wenn er nicht gleich langsamer fährt, dann wirst du wohl nie Vater werden!“
Es waren nur noch weniger Meter und Kelly hielt bereits den Atem an, um die junge Frau nicht zornig anzuschreien. Sein geduldsfaden war bis zum Zerreißen gespannt und viel länger würde er nicht durchhalten.
Mit einer scharfen Bremsung blieb er direkt vor dem Apartmentkomplex stehe, riss seine Tür auf, zerrte die Einkaufstüten aus dem Kofferraum und half Gabby, obwohl sie nicht darum gebeten hatte, übertrieben enthusiastische aus dem Wagen, „hier, vergiss deine geschnorrten Einkäufe nicht!“
Wütend funkelte sie den Rüstgruppenführer an, doch dieser hatte die junge Frau bereits vom Auto weggeschoben und packte Matt geübt am Arm, um ihm von der Rückbank zu helfen, so dass der Feuerwehrmann sich nach vorn auf den Beifahrersitz setzen konnte.
Da sie mit ihren Anfeindungen bei Kelly auf Granit biss, wollte sich die Schwangere bereits an Matt wenden, um ihren Frust an ihm aus zu lassen, doch Kelly war schneller und schlug ihr die Autotür vor der Nase zu, lief um den Mustang und ließ sich zurück hinters Steuer fallen.

Matt sah ihn entschuldigend an, als Kelly vor ihrer Wohnung den Motor abstellte und sich seufzend zurücklehnte, „es tut mir unglaublich leid, bitte glaub mir. Bist du sehr wütend?“
„Ja Matt, ich bin sehr wütend. Wieso lässt du dir das von ihr gefallen, wieso lässt du dich immerzu so von ihr behandeln?“, fluchte Kelly.
Mit gesenktem Blick ließ Matt den Kopf hängen, „bitte versuch doch etwas mehr Verständnis aufzubringen Kelly, sie ist schwanger und die Hormone…“
„Jetzt komm mir nicht wieder mit den Hormonen, sie will einfach nur auf dir herumhacken und ihre Macht demonstrieren. Was sollte diese Aktion mit dem Taxi? Das war eine Strecke von 10 Minuten, willst du mir wirklich erzählen, dass es ihr so schlecht ging, dass sie die nicht mit einem Taxi fahren konnte? Denn einen so schlimmen Eindruck hat sie gerade wirklich nicht auf mich gemacht!“, Kellys Blick wurde zornig und angestrengt versuchte er an Sylvies Worte zu denken, ruhig zu bleiben und sich in Matts Lage zu versetzen.
So sehr er sich auch bemühte, es ging nicht, er konnte kein Verständnis dafür aufbringen, das Matt so mit sich umgehen ließ.
„Nein du irrst dich Kelly, das glaube ich nicht. Was hat sie davon mir ihre Macht zu demonstrieren?“, noch immer klang Matts Stimme unsicher und auch wenn Kelly Mitleid empfand und spürte das sein Freund sich unwohl fühlte, konnte er nicht nachgeben, diesmal nicht, „das tut sie doch ständig, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht, droht sie dir mit Kindesentzug und schlimmerem. Komm schon Matt, so blind kannst du nicht sein. Du lässt dich von ihr ausnutzen und verlangst von mir, dass ich mich ebenfalls von ihr ausnutzen lassen. Das ist nicht in Ordnung!“

Jetzt biss auch Matt wütend die Zähne zusammen, „ich verlange überhaupt nichts von dir. Ihre Hormone spielen verrückt, verflucht sie ist schwanger Kelly. Es geht ihr schlecht und wir müssen ihr ein entsprechendes Verständnis entgegenbringen. Sie macht das doch nicht mit Absicht, du kennst Gabby, so ist sie nicht.“
Der Drehleiterführer hatte eindeutig die falschen Worte gewählt, wütend schnaufte Kelly und stieg aus dem Auto, „so ist sie nicht? Haben wir in den letzten Monaten mit der gleichen Gabriela Dawson zutun gehabt? Hast du schon vergessen was sie getan hat? Für was sie verantwortlich ist?“ Dabei deutete er auf Matts Hände, der ebenfalls aus dem Auto gestiegen war und wild den Kopf schüttelte, doch ehe der Captain zur erneuten Verteidigung seiner Exfrau ansetzen konnte, fuhr ihm Kelly über den Mund, „ich will nicht mehr Diskutieren, vergiss es einfach. Wenn du der Meinung bist das ihr Verhalten in Ordnung ist, dann lass dir das ganze weiter gefallen. Mit mir wird sie diesen Scheiß nicht mehr abziehen!“
Wütend verschloss der Rüstgruppenführer das Auto, sah Matt mit kühlem Blick in die Augen und machte sich ohne ein weitere Wort, oder auf Matt zu warten, auf den Weg in ihre gemeinsame Wohnung.
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