Businessjargon

KurzgeschichteHumor / P18 Slash
29.08.2020
25.09.2020
4
8.226
9
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
16.09.2020 1.794
 
Innert Sekundenschnelle schien der Raum luftleer geworden zu sein. Die Stille, die ihn voller Brutalität flutete, ließ Felix das schmerzhafte Hämmern seines Pulses in seinem Schädel, wo er ursprünglich mal ein Gehirn vermutet hatte, hören.
Theegarten sah ihm unverwandt ins sicherlich komplett erbleichte Gesicht.
Wahnwitzigerweise begann Felix seine Herzschläge zu zählen. Eins, Zwei, Drei
Eine Einbildung. Es musste eine Einbildung gewesen sein.
Vier, Fünf, Sechs.
Theegarten hatte das nicht gesagt. Felix hatte sich das nur eingebildet. Das konnte er gar nicht gesagt haben. Selbst wenn er ihn gehört hätte – warum sollte er es ansprechen? Niemand, der normal im Kopf war, sprach sowas an. Theegarten hätte sich locker einen soliden Vorwand aus der Manschette schütteln können, um Felix nach dieser schwachmatischen Beleidigung die Kündigung auszuhändigen. Dazu hätte er nicht zu dem Spruch mit dem Schwanz greifen müssen.
Sieben, Acht.
Andererseits war sein Gegenüber mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Psychopath.
Neun.
Felix fiel auf, dass das Herz in seiner Brust nicht im Takt mit dem Hämmern in seinem Kopf schlug.
Zehn.
Leon Theegarten seufzte. Tief und schwer.
„Ist das korrekt, Herr Meyer?“ Er lehnte sich vor. Obwohl seine Stimme derzeit keinerlei Agress versprühte, hätte sie in Felix Ohren kaum bedrohlicher sein können. „Oder muss ich Ihre Aussage wiederholen?“
Felix‘ Kopf schnellte vor, hastig würgte er den fetten Kloß in seinem Hals herunter. Seine feuchten Handinnenflächen trafen aufeinander, ehe er seine Hände zwischen seinen Knien einklemmte.
„Bitte nicht“, entfloh es ihm schwach und er hasste sich selbst dafür. „Es ist korrekt. Das waren meine Worte.“
Nervös fixierte Felix seine eingepferchten Hände. Kacke! So schnell ging’s! Job adé. Nicht, dass er seine Anstellung hier je geliebt hätte, aber sie war okay bezahlt und ermöglichte ihm ein Leben, das man als „in Ordnung“ bezeichnen könnte. Er mochte seine Kolleginnen und Kollegen und hatte einen tolerablen Arbeitsweg. Und ihm war klar, dass es nicht so leicht war, einen neuen Job zu finden. Als einer, der nach abgebrochener Gymnasiumkarriere eine KV-Lehre gemacht hatte, mit Ach und Krach nebenbei die Berufsmatur durchgezogen und gerade so bestanden hatte, ansonsten aber keine nennenswerte Weiterbildungen vorweisen konnte, würde es Felix mit Sicherheit eine Weile kosten, bis er auf diesem übersättigten Markt eine neue Stelle ergattern könnte.
Gott verfluchte, verdammte, verfickte Scheiße! Wieso hatte er sich das nicht vor Augen gehalten, bevor er vor Arjeta diesen lapidaren, einfach nur so dahingeschwatzten Spruch abgelassen hatte?
„Warum haben Sie das gesagt?“, forderte Theegarten kühl zu wissen.
Felix‘ Blick raste hoch und stach nun direkt in des Geschäftsführers eiskaltes Antlitz. Ohne willentliches Zutun zog er die Augenbrauen zusammen. Dieses arrogante Arschloch! Oh Theegarten würde ihn ausweiden, dieser riesige Narzisst würde ihn ausweiden, hier und jetzt.
Nimm dich zusammen, Felix. Mach’s nicht noch schlimmer!
Sein Vorsatz hielt eine Sekunde, dann nicht mehr. Anstatt einer Entschuldigung, die jetzt sicherlich angebracht gewesen wäre, hörte er sich aufmüpfig fragen: „Wie kommt’s, dass Sie das verstanden haben? Sie verstehen hier doch sonst nichts.“
„Ich habe drei Jahre an der HSG studiert“, antwortete Theegarten sogar, und das seltsam ruhig, fast abgebrüht.
War ja klar, kam’s Felix wie ein Geistesblitz, wenn dieser Drecksack irgendwo in der Schweiz studiert hatte, dann an der Universität St. Gallen.
Zürich mag ja hipper sein und Basel cool. Was dort fehlt ist ne ausgewachsene Business School. Das Night Life in London hat schon seinen Reiz, aber richtig ab geht’s nur im Osten der Schweiz, schepperten zwei ultrapeinliche Zeilen des berühmt-berüchtigten HSG Fremdschämer-Songs durch Felix‘ Kopf und er fragte sich, was zur Hölle mit ihm los war. Das hier war eine ernstzunehmende, lebensbedrohliche Situation, verdammt nochmal!
„Ich verstehe Ihre läppischen Ansagen, Meyer. Ich bestehe in der Betriebskultur lediglich darauf, dass anständig gesprochen wird.“
Und mit anständig meinst du Hochdeutsch, du Arschloch!
Felix biss sich auf die Zähne. Wie er diesen Kerl hasste. Oh wie er ihn hasste! Warum hielt er sich zurück? Seinen Job war er doch eh los, darauf konnte er Gift nehmen!
„Ihnen ist schon klar, dass wir hier uns dieser Tatsache nicht bewusst sind?“, hakte Felix nach und verschränkte die Arme.
Jetzt gewann die strenge Furchte zwischen Theegartens Augenbrauen einige Millimeter an Tiefe.
Der laute Knall, der seine Faust auf der Massivholzplatte auslöste, kam so unerwartet, dass Felix erschrocken zusammenzuckte.
„Hören Sie auf, das Gespräch zu sabotieren, Sie kleiner Mistkerl!“, bellte Theegarten, dem jetzt bestimmt die Hand schmerzte, jähzornig über die Tischplatte.
Eingeschüchtert starrte Felix ihn an.
Theegarten schloss die Augen, ließ sich in die Stuhllehne sinken und entkrampfte seine Faust. Einmal atmete er tief ein, tief aus, während er seine Finger lockerte. Dann schlug er die Lider wieder auf.
„Ich habe Sie gefragt, warum Sie das gesagt haben, Meyer.“
Seine glasigen, grauen Augen wirkten auf die Nähe gar nicht so glasig. Tatsächlich wirkten sie sehr klar, jetzt, wo sie sich so penetrant in Felix‘ Bewusstsein bohrten.
Dieser Mann war wirklich schön. Leider nur äußerlich. Eine schöne Hülle mit stinkig faulem Kern.
„Herr Theegarten, das war doch nur so ein daher gesagter Spruch…“, lenkte Felix in gesenktem Ton ein.
Er wollte nachsetzen, dass es ihm leid täte und ob sie jetzt kurzen Prozess machen und er direkt seine Kündigung unterschreiben könne.
Allerdings kam ihm Theegarten zuvor: „Beantworten Sie meine Frage! Erklären Sie Ihre verdammte Aussage! Was meinen Sie damit, dass ich dringend einen Schwanz brauche?“
Felix war überzeugt, dass sein Herzmuskel gerade verzweifelt versuchte, sich mittels der Aorta zu erhängen.
„I-Ich, nun, also…“, begann er im Scheiß rumstotternd. Das konnte doch nicht Theegartens Ernst sein! „Der Spruch, also wissen Sie, d-das… das ist doch selbsterklä-“
„Kommen Sie zur Sache!“
Felix schluckte und riss sich zusammen.
„Der Spruch impliziert, dass jemand dringend mal wieder Sex braucht. Er basiert auf der, äh… vermutlich ziemlich unfairen Annahme, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen schlechter Laune und untervögelt sein“, leierte er runter.
„Ah ja!“, machte Theegarten ließ seinen Oberkörper vorschnellen.
Instinktiv drängte Felix seinen Rücken gegen die harte Holzlehne.
„Und wieso brauche ich dazu ausgerechnet einen Schwanz, Meyer? Halten Sie mich für schwul?“
Felix Mund war trocken geworden, ein Adrenalinschub raste durch seine Venen.
Daher wehrte der faulige Wind! Jetzt wurde ihm so einiges klar. Diese deutsche Vollbluthete fühlte sich in seiner Männlichkeit bedroht!
Das war so lächerlich, dass Felix am liebsten losgelacht hätte, wäre er gleichzeitig nicht so verängstigt gewesen.
„Warum muss ich Ihnen eigentlich jede verdammte Frage zweimal stellen? Ich habe gefragt, ob Sie mich für schwul halten!“
Unweigerlich entwich Felix doch noch ein hohler Lacher. Schnell schlug er sich seine Handfläche vor den Mund.
„Entschuldigen Sie“, nuschelte er und ließ die schweißfeuchten Finger sinken. „Gewiss nicht, Herr Theegarten. Wenn ich etwas nun wirklich nicht von Ihnen denke, dann dass Sie homosexuell sind.“ Die Worte entkamen Felix in einer Ehrlichkeit, die sich gewaschen hatte.
Doch Theegarten schien nicht zufrieden zu sein damit.
„Warum haben Sie dann von einem Schwanz gesprochen, Meyer? Das scheint mir eine ziemlich gezielte Wortwahl gewesen zu sein. Erklären Sie mir das. En Detail“, forderte er mit bedrohlich ruhiger Stimme.
Unruhig begann Felix, an der Knopfleiste seines Hemdes rumzufummeln.
En détail”, korrigierte er kleinlaut. „Sie sprechen es falsch aus. Man sagt: en détail. Französisch gehört in Deutschland vermutlich nicht zum Pflichtunterricht, das leuchtet mir ja ein, aber-“
„Scheiße, jetzt erklären Sie sich!“, brüllte Theegarten und dieses Mal meinte Felix wirklich, etwas feuchtes an seiner Schläfe zu spüren. Vielleicht war es aber auch ein Schweißtropfen, der ihm gerade über die Stirn rann.
„I-ich bin schwul, okay!“, knickte Felix ohne Kontrolle ein. „Ich habe das so gesagt, weil ich schwul bin. Ich habe von mir auf Sie geschlossen.“
Verdammte Kacke. Nachgegeben wie ein morscher Ast!
Wieso hatte er das gesagt? Jetzt war die Bahn frei für Theegarten, ihn zu demütigen! Felix war überzeugt, dass dieser Mann ihn vorführen und demütigend würde. Dieser funktionale Dessous vertreibende Businessarsch war doch bestimmt hochgradig homophob, sonst würde er sich nicht so an seiner Wortwahl für das männliche Geschlechtsorgan aufhängen, davon war Felix noch im selben Herzschlag felsenfest überzeugt. Leider kam auch diese Erkenntnis ein ganzes Leben zu spät, denn jetzt hatte er sich schon in einem Anflug von Panik geoutet.
Felix hasste sich selbst gerade abgrundtief. Wie konnte man nur so wenig Selbstrespekt aufweisen? In so einer brenzligen Situation!
Erneut war eine harzige Stille eingezogen.
Leon Theegarten musterte den jungen Mann. Langsam und abwägend, als würde er sich fragen, wie viel Wert er dem Geständnis überhaupt beimessen wollte. Seine Augen glitten von Felix‘ Antlitz über seinen Hals und das Jeanshemd.
Felix schauderte es unangenehm. Hastig zog er seine Arme enger um sich.
Ein lautes Schnauben entwich Theegartens Nasenflügeln, als er Felix wieder direkt ins Gesicht stierte.
„Das ist eigentlich offensichtlich“, quittierte er nüchtern.
„Was!“, entwich es Felix heiser, dann hielt er aber schnell wieder die Klappe.
Er wusste, dass das nicht stimmte. Man sah ihm seine Sexualität ganz sicher nicht unmittelbar an! Dafür musste man ihn schon erst kennenlernen. Das Arschloch von Geschäftsführer wollte ihn lediglich provozieren.
Theegarten räusperte sich.
„Also sind Sie in Wahrheit derjenige, der dringend mal wieder einen Schwanz braucht. Könnte man das so sagen?“ Jetzt klang er fast amüsiert.
Felix schwieg. Er fühlte sich in seiner Befürchtung, gedemütigt zu werden, ungeheuer bestätigt.
„Könnte man das so sagen, Meyer?“, setzte Theegarten mit Nachdruck nach.
„Ja“, knirschte Felix und fügte in Gedanken zu: Und jetzt lass mich aus dieser Hölle eines Büros raus.
„Gut. Ich werte das als eine Art Entschuldigung“, befand Theegarten und klappte das Notizbuch, das er ja eigentlich nur zur Showeinlage gebraucht hatte, zu, um es anschließend im Rollkorpus zu verstauen. „Das Gespräch ist hiermit beendet. Gehen Sie zurück an die Arbeit.“
Seine Finger angelten nach dem Smartphone, bevor er die Schublade zuschlug. Mit der anderen Hand strich er sich das blonde Haar aus der Stirn.
Felix war die Kinnlade runtergeklappt. Vorsichtig löste er die Verschränkung seiner Arme und lehnte sich etwas vor.
„Entschuldigen Sie bitte, aber was ist mit meiner Kündigung?“
„Hm?“ Scheinbar desinteressiert löste Theegarten sein Augenmerk vom Display, um Felix anzusehen. Seine Augen waren inzwischen wieder von diesem glasigen Schleier überzogen.
„Werfen Sie mich nicht raus?“ Felix konnte die offensichtliche Irritation kaum aus seiner Stimme raushalten.
„Dazu komme ich später“, entgegnete Theegarten sachlich.
Das klang ja vielversprechend.
„Wann ungefähr?“, fragte Felix voller Trotz. „Das wäre ganz nett zu wissen, denn ich habe heute Abend noch Pläne.“
Der Deutsche seufzte und legte sein Smartphone weg.
„Canceln Sie Ihre Pläne und erscheinen Sie um 20:00 Uhr nochmals in meinem Büro.“
„Das können Sie nicht machen!“
„Nicht?“ Theegarten hob beide Augenbrauen. „Testen Sie es aus, Meyer. Ich erwarte Sie hier um Punkt 20:00 Uhr. Was Sie daraus machen, ist Ihre Sache. Und jetzt raus mit Ihnen.“
Erneut griff er nach seinem Handy und entzog Felix seine komplette Aufmerksamkeit.
Zögerlich erhob Felix sich. Das konnte er jetzt nicht glauben!
„Herr Theegarten-“
„Verschwinden Sie“, befahl er ohne aufzusehen.