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Businessjargon

GeschichteHumor, Erotik / P18 / MaleSlash
29.08.2020
14.04.2021
12
20.923
53
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29.08.2020 2.569
 
„Aua! Fuck“, zischte Felix und senkte hastig den Thermosbecher, der seinen Zweck zu gut erfüllte. Sein Kaffee war noch so heiß, wie er vor einer halben Stunde aus der Maschine geröchelt war. Schnell wischte er den braunen Tropfen, der ihm über das Kinn glitt, weg, bevor er im frischgebügelten Kragen seines Hemdes versiegen konnte. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Sieben Minuten nach acht! Normalerweise war er pünktlich. Normalerweise. Und wenn er’s mal nicht war, dann scherte das keine Sau. Erst recht nicht an einem Freitag, wo die meisten Büroangestellten eh schon mit einem Fuß im Wochenende standen. Aber das Schiff eines Mercedes, das dreist und feist auf dem einzigen Firmenparkplatz neben dem Toni-Areal parkiert war, prophezeite ihm heute wenig Gnade. Felix‘ Blick glitt an der Protzkarre herunter, wo er der Bestätigung des Übels fündig wurde: das deutsche Nummernschild. Scheiße, echt! Hätte er doch nur das Tram erwischt bei der Hardbrücke.

Wie schlimm ist es?, tippte er an seine Kollegin Arjeta. Sie war online.

Sofort schickte sie ihm ein genervtes Emoji zurück. Schleich dich rein. Er ist gerade bei René, antwortete sie.



Felix hatte es knapp hinter seinen Monitor ins Großraumbüro geschafft, als am anderen Ende des Flurs die Bürotür seines Chefs René in die Betonwand krachte. „Was soll das! Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie diese Großbestellungen allesamt stornieren sollen. Das war ein Befehl, kein Vorschlag!“ Obwohl er die Worte ausspie, war sein Deutsch von astreinem Klang. Das war unverkennbar er, Leon Theegarten.

„Herr Theegarten.“ René rollte das R stark, sein A hörte sich eher wie O an, sein Kopf glänzte in tiefem Rot. Beherrscht räusperte er sich und fuhr in seinem vom Stadtzürcher-Dialekt schwer geprägten Hochdeutsch fort: „Ich verstehe Ihren Ärger. Wir waren nur wirklich der Meinung, dass wir unsere Stammkunden nicht einfach so von heute und auf morgen-“

„Das interessiert mich nicht!“, blaffte Theegarten und betrat das Großraumbüro.

Der kleingeratene René und eine weitere Frau, die Felix sofort als Theegartens immerselbe Handlangerin identifizierte, folgten seinen langen Schritten bemüht. Die Temperatur in dem von der Morgensonne gefluteten Raum sank schlagartig um zehn Grad, dafür wurde das Tippen der Tastaturen lauter. Das Telefon von Erika, einer Mitarbeiterin anfangs Fünfzig, wurde sogar nach nur einmal Klingeln dankbar abgenommen. Außer ihrem freundlichen „LaNuitTex Züri, Grüezi, mein Name ist Hugentobler“ wagte es niemand, auch nur eine Silbe vom Stapel zu lassen.

Theegarten verschränkte die Arme, eine eingerollte Zeitung dabei in seine Armbeuge klemmend. Er ließ seinen eisigen Blick über die Angestellten gleiten, ehe er bei Erika hängen blieb. Felix musterte ihn am Rand seines Bildschirms vorbei und war verdammt froh, nicht eine Minute später hier einmarschiert zu sein. Alleine die Vorstellung bescherte ihm einen angstbedingten Adrenalinausstoß. Nicht, dass Theegarten nur den Hauch einer Ahnung hatte, wer Felix war. Aber das hielt ihn nicht davon ab, ihn impulsgeladen zu feuern, hätte er ihn beim zu späten Ankommen ertappt. Es wäre nicht das erste Mal, dass hier jemand so um seinen Job gebracht würde. Alle fürchteten Leon Theegarten. Zu Recht, er war ein furchteinflößendes Wesen, nicht zuletzt seiner Erscheinung wegen. Unangenehm daran war, dass er eigentlich ein gutaussehender Mann war, wären da nicht seine Persönlichkeit und sein Auftreten. Der Anzug ließ seine große Gestalt noch männlicher und dominanter wirken. Sein blondes Haar trug er im klassischen Stil mit längerem Deckhaar und Seitenscheitel. Der Look gefiel Felix grundsätzlich. Was er hingegen richtig schlimm an Theegarten fand, waren die glasigen, kaltgrauen Augen in seinem blassen Gesicht. Und jedes einzelne seiner Worte, wenn dieser arrogante Drecksack seinen Mund öffnete!

Es war Erika unmittelbar anzusehen, wie die Ruhe sie erschreckte, kaum hatte sie aufgelegt. Genau diesen Augenblick schien Theegarten abgewartet zu haben. „Jetzt hören Sie mir mal alle zu! Keiner geht ans Telefon, verstanden?“, fauchte er in den Saal hinein.

Die Tastaturanschläge stellten sich ein, betretenes Schweigen füllte die vier Wände. Theegartens Augen scannten den Raum ab. Als sein Augenmerk über Felix‘ Gesicht huschte, meinte der junge Mann, einen Instant-Schweißausspruch zu erleiden.

„Sie da!“ Mit der Zeitung zeigte er direkt auf Arjeta, die in derselben Sekunde zur Salzsäule erstarrte. „Für wen arbeiten Sie?“

„Ich … ähm …“, stammelte Arjeta und fummelte sich ihr dunkles Haar aus der Stirn. „Ich schaffe für Sie, Herr Theegarten.“

„Falsch! Für wen arbeiten Sie?“

„LaNuitTex.“

„LaNuitTex, genau“, wiederholte Theegarten und bestätigte mit dem großartigen Verfehlen der französischen Aussprache seine urdeutsche Existenz. „Und jetzt erklären Sie mir, wofür unsere Dessous stehen!“

Aus Augenwinkeln nahm Felix wahr, wie schwer es seiner Kollegin fiel, den penetranten Augenkontakt zu dem Deutschen zu halten. Am liebsten hätte er ihr die Hand getätschelt.

„Qu-Qualität und Funktionalität, Herr Theegarten.“

„Exakt. Jetzt will ich von Ihnen wissen, Frau…“

„Krasniqi“, sprudelte es überpanisch aus Arjeta heraus.

„Frau Krasniqi. Tragen Sie unsere Unterwäsche?“

„Ja“, log sie.

Felix wusste, dass es eine Lüge war, weil Arjeta durch den Umstand, alleinerziehende Mutter zweier kleiner Jungs zu sein, schlicht und einfach andere Pläne mit ihrem Sachbearbeiterinnenlohn verfolgte, als sich mit teurer Luxusunterwäsche einzudecken.

„Ah ja. Würden Sie unsere Dessous als Billigware bezeichnen, Frau Krasniqi?“

„Auf gar keinen Fall, Herr Theegarten.“

„Beschreiben Sie das Produkt in eigenen Worten!“

Trotz des Teints, den der langsam zur Neige gehende Sommer auf Arjetas Gesicht hinterlassen hatte, war sie inzwischen eine Mischung aus rot angelaufen und blass geworden. Ihre Hände hatte sie konzentriert vor sich auf den Tisch gefaltet. „Hochwertig, anpassungsfähig, w-weich, modisch, äh, es …“ Die Nervosität machte sie ganz unkonzentriert. „chratzt nid, edli Nahtverändig, gäbig.“

„Herrgott, lassen Sie dieses Kauderwelsch! Sprechen Sie Deutsch!“, ermahnte Theegarten sie garstig und jagte damit den Überzug seines Sympathiepunktekontos vom roten in den dunkelroten Bereich.

Felix konnte sich ein leises Schnauben nicht verkneifen. Sogar Renés Miene verdunkelte sich augenblicklich. Es gab kaum etwas, mit dem sich ein Deutscher bei den Schweizern unbeliebter machen konnte, als mit einer sprachlichen Ermahnung!

Überfordert grub Arjeta ihre blau lackierten Fingernägel in ihre Haut. „Die Wäsche kratzt nicht. Die Nähte sind hochwertig verarbeitet. LaNuitTex kombiniert die… äh… ergiebigen Eigenschaften von Komfort und Aussehen“, gab sie sich Mühe, sich präzise zu artikulieren.

Theegarten schnaubte, nickte und wandte sich von ihr ab. „Haben Sie das gehört, Herr Brüschweiler?“, knarzte er René an.

Sofort griff Felix über Arjetas Tischplatte nach deren Hand, um sie unter den Schreibtisch zu ziehen und zu drücken. Ihre Handinnenfläche war feucht geworden.

„Selbstverständlich, Herr Theegarten. Ich denke, es wäre gut, wenn wir zurück in mein Büro gehen würden. Der Kaffee wird kalt und-“

„Herr Brüschweiler, warum sind Sie denn der Meinung, dass unsere Produkte Billigware sind?“

„Wie bitte? Entschuldigen Sie die Nachfrage, Herr Theegarten, ich denke nicht, dass ich je gesa-“

„Hergehört!“, bellte Theegarten da ins Großraumbüro hinein, ohne René ausreden zu lassen. „Unsere Produkte sind mit der neuen Kollektion in den Kosten gestiegen. Die neuen Preise gelten seit Mai! Nichtsdestotrotz wurden hier, in diesem verfluchten Raum, ganze 378 Großkundenbestellungen auf der Grundlage alter Preise verabschiedet. Sowas darf nie wieder vorkommen! Und wenn ich dafür einmal das komplette Personal austauschen lassen muss. Haben Sie das verstanden?“ Außer anhaltendes, betroffenes Schweigen kassierte Theegarten keinerlei Reaktion. Seine Finger landeten in seinem Gesicht, wo seine Fingerkuppen fast aggressiv über die strenge Falte zwischen seinen Augenbrauen glitten. „Und jetzt fordere ich Sie dazu auf, über alle Aufträge zu gehen, die Sie innerhalb dieser und letzter Woche bearbeitet haben. Sie rufen die Kunden an und stornieren die gesamte Bestellung. Wenn der Kunde nicht gewillt ist, die Kollektion zum neuen Preis einzukaufen, streichen Sie ihn aus dem Register!“

Jetzt wechselte sogar der Ausdruck im Gesicht von Theegartens Handlangerin von überheblich zu skeptisch, was von ihrem Boss zu ihrem Glück unregistriert blieb.

„LaNuitTex“, spuckte der Deutsche aus und bescherte Felix damit Erbrechenslust, „ist eine Luxusmarke und wir haben keinerlei Interesse an Kunden, die unser Produkt nicht entsprechend wertzuschätzen wissen. Sie haben Zeit bis 20:00 Uhr. Wenn ich danach auch nur einen Auftrag finde, der nach dem ersten September datiert wurde und auf einem alten Preisangebot basiert, dann kriegt wer auch immer von Ihnen dafür zuständig war, noch heute die Kündigung vorgelegt. Und zwar von mir höchst persönlich! Haben Sie das alle verstanden?“

Wieder reagierte niemand.

„Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?“, trat Theegarten angesäuert nach.

Ein „Ja“ war von hier und dort zu vernehmen.

„Gut.“ Der Blonde strich sein Hemd glatt und sah sich um. Felix‘ Herz sackte in die Hose. Theegarten blickte in seine Richtung. Doch in Wahrheit war es wieder Arjeta, die es betraf. Hastig entließ Felix ihre Hand. „Frau Krasniqi, auf ein Wort! Jetzt.“ Damit drehte er sich um und stolzierte davon.

„Hilfe“, hörte Felix sie leise hauchen. Sie stand auf und folgte ihm tapfer.René und die Handlangerin blieben ratlos zurück.

Oke, ihr händ’s ghört! Wir hinterfragen das jetzt nicht, sondern machen das einfach so“, verlautete René nach einigen Sekunden der anhaltenden Stille, inzwischen wieder in breitem Züridialekt.

„Was haben Sie gesagt?“, hakte die Handlangerin nach. Sie war auch eine Deutsche. Für den Moment erhielt sie keine Aufmerksamkeit von René.

„Die Wogen glätten wir, wenn er wieder weg ist“, munkelte der nur, drehte sich um, und verschwand in sein Büro.

Alle Blicke richteten sich nun auf die Handlangerin.

„Worauf warten Sie? Arbeiten Sie!“, brachte sie hervor, nachdem sie es realisiert hatte.



Raucherpause um halb Elf. Von der Dachterrasse aus konnten die Mitarbeiter der LaNuitTex GmbH das rege Treiben auf dem Toni-Areal beobachten. Wie jeden Freitagvormittag bei schönem Wetter übten draußen auf dem Asphalt die Tänzer der Modern-Contemporary-Gruppe der Zürcher Hochschule der Künste. Arjeta fingerte eine Packung Parisienne aus ihrer Handtasche und steckte sich eine an. Felix gesellte sich mit zwei Kaffees zu ihr. „Was hat der Theegarten von dir gewollt?“

„Danke, du bist ein Schatz.“ Arjeta nahm sich eine Tasse und blies den Rauch aus. „Er hat mich ausgefragt. Zu René. Ob er seinen Job gut macht. Ich bin schier gestorben da drin.“

„Und? Was hast du gesagt?“

„Ich hab natürlich kein schlechtes Wort über René verloren. Nicht, dass der wegen einem falschen Satz von mir heute hochkant aus dem Fenster fliegt.“

Felix lachte freudlos und fischte sein Handy aus seiner Hosentasche. Zwei neue WhatsApp Notifications. „Du hast dich vorher da drin gut geschlagen“, murmelte er, während er über seine Nachrichten flog. Eigentlich erwartete ihn heute Abend ein nettes erstes Date mit dem hübschen Nick, den er vor drei Wochen auf Grindr kennengelernt hatte. Eigentlich. Aber dank Theegartens Auftritt war nicht klar, ob Felix es schaffen würde. Dabei hatte er sich so gefreut!

„Es geht so. Ich glaube, Theegarten hat durchschaut, dass ich seine … unsere Unterwäsche nicht trage“, gab Arjeta zu bedenken.

„Oh Büsi*. Das tönt jetzt biz* falsch.“

Sie rollte mit den Augen und zog an ihrer Parisienne. „Dä Typ isch so dure*, das hält man fast nicht aus. Einfach so auf die Stammkunden pfeifen – und wir müssen es ausbaden.“

„Ja, echt, voll weltfremd, der Mensch. Der musste selbst bestimmt noch nie so eine Drecksarbeit erledigen, sonst würde der das nie verlangen.“

„Da sagst du etwas.“

Felix schnaubte laut. „Und dann kommt seine Ansage noch an einem Freitag. Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.“ Hinter Felix ging die Tür auf die Dachterrasse hinaus auf, als er fortfuhr: „Also wenn du mich fragst, hier kommt meine Diagnose für diesen Vollpfosten…“

„Felix“, zischte Arjeta.

„Theegarten braucht dringend mal wieder einen Schwanz.“

„Felix!“ Arjetas Finger verkrampften sich um die Kippe.

„Achtung!“, wurde Felix von Theegartens Handlangerin angewiesen.

Felix neigte den Kopf über die Schulter. Hinter ihm stand sie, gemeinsam mit Theegarten höchstpersönlich. Die kleine Handlangerin erdolchte ihn mit ihrem giftigen Blick, in ihren Händen hielt sie ebenfalls zwei Kaffeetassen. Theegarten hingegen stierte komplett desinteressiert in sein Smartphone.

„Machen Sie uns Platz!“, keifte sie.

Felix konnte sich gerade so ein Augendrehen verkneifen und trat wortlos beiseite. Die Deutschen begaben sich an die Brüstung der Dachterrasse, wo sich Theegarten sein Handy ans Ohr schob.

„Shit“, flüsterte Arjeta.

Felix hingegen blieb arschcool. „Ach, die verstehen uns nicht. Haben sie mehr als nur einmal demonstriert. Die können kein Schweizerdeutsch.“

Biede schielten zu den unerwünschten Besuchern rüber. Theegarten schien wen-auch-immer nicht erreicht zu haben. Das Smartphone hatte er inzwischen verstaut, stattdessen rauchten sie jetzt schweigend jeweils eine Zigarette und sahen aufs Toni-Areal hinab.

„Ich bin nicht sicher … der Karl versteht uns auch bestens.“

„Karl arbeitet seit fünf Jahren hier und kommt aus dem Schwarzwald. Die beiden da, das sind Norddeutsche, Ari. Das ist ein ganz anderes Niveau.“

„Bist du sicher? Jetzt hör mal auf, über sie zu reden“, flüsterte sie unangenehm berührt.

„Nein, warum auch? Die checken doch nix! Sie schauen ja nicht mal. Ich bin echt hässig*. Der Kerl versaut mir gerade mein Wochenende. Ich hätte heute eigentlich ein Date mit Nick. Aber von den Aufträgen habe ich noch nicht mal einen Zehntel durch. Nur weil der nicht zum Schuss kommt, soll ich’s jetzt auch nicht, oder was?“

Unweigerlich musste Arjeta kichern. Sie schlug sich verschämt die Hand vor den Mund und spähte panisch in Theegartens Richtung. „Hör jetzt auf!“

„Ist doch wahr. Wie gesagt, der Kerl braucht dringend mal wieder einen Schwanz, oder … keine Ahnung, was gerade ein passendes Hetenmänner-Äquivalent für diesen Ausdruck ist. Auf jeden Fall soll der sich’s mal besorgen lassen und seinen Frust nicht an uns ausleben.“

Energisch stieß Arjeta den Rauch aus. Sie drückte den Filter in dem an der Betonmauer angebrachten Aschenbecher platt.

Felix war beschäftigt damit, sein Smartphone zu entsperren und Nick zu schreiben, dass es heute eventuell doch nichts werden könnte.

„Felix, ich gehe jetzt rein. Im Gegensatz zu dir hänge ich an meinem Job“, raunte sie leise, richtete ihre Bluse und schob die metallene Tür, die ins Treppenhaus führte, auf.

Der allein zurückbleibende Felix verdrehte diesmal wirklich die Augen. Schnell trank er den letzten Tropfen aus seiner Kaffeetasse. Mit dem rechten Daumen kreiste er gerade über dem Touchscreen und studierte sich seine Wortwahl für Mister Date zusammen. Ein seltsames Gefühl ließ ihn den Blick heben – was zu unweigerlichem Blickkontakt mit Leon Theegarten führte. Seine Sekretärin redete auf ihn ein, er hingegen begutachtete sich den unbedeutenden Angestellten. Ein leeres Schlucken zog durch Felix‘ Kehle. Hatte er sich in seiner Rage etwa zu weit aus dem Fenster gelehnt? … Unmöglich! In seinen Fingerspitzen kribbelte es nervös, als er sein Handy zurück in die Hosentasche schob. Seine andere Hand angelte nach dem kalten Türgriff.

„Wart mal“, bellte Theegarten noch im selben Herzschlag los.

Felix versteinerte.

„Nadine, wer ist das da? Ein Praktikant?“

Die handlangende Nadine (mit penetrantem E am Ende ihres Namens) neigte den Kopf und musterte Felix ahnungslos. Dann zuckte sie mit den Schultern. Das ließ wiederum Felix‘ Augenbrauen zucken.

Theegarten stöhnte und forderte zu erfahren: „Name?“

„Felix Meyer“, presste Felix hervor.

„Herr Meyer“, kam’s auf eine Art und Weise von Theegarten, die Felix schier getriggert hätte „Als ich heute um acht Uhr das Großraumbüro betrat, war der Platz, an dem Sie nun sitzen, leer. Wie können Sie sich das erklären?“

Er öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Scheiße! Hochdeutsch sprechen, Gehirn!

„Ich … bitte entschuldigen Sie, Herr Theegarten.“ Felix hörte sich selbst, seinen devoten Ton und hasste jede Silbe. Sein Schuldeutsch klang keinen Deut besser als das Renés, auch Felix‘ Zürcher-Unterland-Dialekt zeichnete die Sprache gnadenlos. „Das kommt nie wieder vor.“

„Das hoffe ich für Sie. Zurück an die Arbeit, Meyer!“

Mechanisch nickte Felix und schlüpfte durch die Tür. Einiges weniger leichtfüßig als üblich nahmen seine Schuhsohlen die Treppen.


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*Büsi: Kätzchen
*biz: [ein] bisschen
*Dä Typ isch so dure: dieser Mann spinnt (wörtlich: Dieser Typ ist so durch – deutsches Pendant, das ich kenne: drüber sein)
*hässig: wütend
 
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