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von TheWInd
GeschichteDrama, Tragödie / P18 Slash
HIM
28.08.2020
03.10.2020
50
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28.08.2020 2.573
 
Einige Augenblicke später

Das Licht im Backstagebereich des Wanaja Festivals war gedämpft, auch die Geräusche drangen nur noch vereinzelt zu ihm durch. Er hörte sich selbst atmen und dazu vernahm er seinen wummernden, hektischen Herzschlag, während er dabei zusah, wie Christel und Linde gemeinsam von ihm davon gingen, ehe sie im Gewühl und der Dunkelheit verschwunden waren.
Ville stand vollkommen unter Schock, seine Gedanken streikten, er stand einfach nur da und sah den beiden mit vollkommen leerem Blick nach. Alles schien auf einmal still zu stehen, nur sein dumpfer Herzschlag arbeitete noch.
Christel war am Treppenaufgang stehen geblieben, plötzlich sah sie nochmals zurück, doch es war nur ein kurzer, beinahe schon flüchtiger Blick. Ville stand im dunklen Licht, es umgab ihn, es verschluckte ihn fast, machte ihn unsichtbar, während sein Blick immer leerer und düsterer wurde.
Wie erloschen.
Marc, sein Psychotherapeut hatte die Szene bemerkt, er löste sich hastig von Silke, Thomas und Esa, die sich noch über den Gig unterhalten hatten, und ging zu Ville hinüber, doch dieser schüttelte bloß den Kopf. Er zitterte im matten Licht, doch er schien halbwegs gefasst. Zumindest versuchte er es. Er seufzte einige Male auf, ehe er sich mit der linken Hand durch die dunklen Haare fuhr.
„Ville... was... ist ist passiert? Bist du in Ordnung?“
Er musterte ihn mit wachsender Besorgnis und legte ihm vorsichtig die Hand auf den linken Arm.
„Nein. Bin ich nicht...“ Er schnaufte fast, sein Blick war absolut entsetzt und er schien Dinge und Geräusche wahrzunehmen, die nur in seinem Kopf zu existieren schienen.
„Rede mit mir Ville...“
Doch der Fronter schüttelte nur wieder den Kopf. „Nein, Marc. Lass mich einfach nur alleine sein. Ich...“
Kurz drang der Krach der Bühne zu ihnen herüber, wieder wurden große, dunkle Container an ihnen vorbei geschoben, doch all das bemerkte Ville kaum, da er wie in seiner ganz eigenen Welt war, abgeschottet, versunken, unerreichbar.
„Was ist passiert?“, fragte er wieder und stand dicht neben ihm. Er sorgte sich immer mehr um ihn und versuchte weiter auf ihn einzureden wie auch zu ihm durchzudringen, doch seine Worte prallten an ihm ab wie kalte, trommelnde Wassertropfen. „Ville...“
Der Frontmann atmete hörbar aus, denn sah er ihn mit einem absolut gebrochenem Blick an. „Christel... sie ist nun mit Linde zusammen. Und nein, ich möchte jetzt nicht darüber reden... ich melde mich bei dir.“ Er winkte wütend ab, blieb aber dennoch stehen. „Ich kann einfach nicht... lass mir etwas Zeit...“
Marc sah ihn erneut an, doch da wandte sich Ville bereits schon wieder von ihm ab und ließ ihn inmitten des riesigen Backstagebereiches stehen.
„Ville warte! Verdammt warte, wir sollten darüber reden!“
Doch der Fronter schüttelte nur noch den Kopf. „Nein,“ sagte er gequält. „Ich war blind, naiv und dumm. Und jetzt habe ich die Quittung dafür. Er war für sie da, wo ich es nicht konnte... scheiße noch eins, weil ich andauernd zugedröhnt war...“ Tränen glitzerten in seinen Augen, doch sein Blick blieb wie versteinert, entrückt. „Sie sagt, dass sie in ihm ihr Glück gefunden hat... und nicht in mir, ihrem Mann... ich...“ Er konnte es kaum aussprechen und schüttelte wieder den Kopf, während es schien, als würde alles Licht aus ihm weichen, als würde selbst das tiefe Grün seiner Augen zu einem dunkleren Farbton werden.
Marc schüttelte den Kopf. „Nein, Ville, nein. Du bist in Behandlung, du hast ein schweres Trauma erlitten... es ist nicht nur deine Schuld, das ist nicht war und das darfst du dir jetzt auch nicht einreden! Bitte höre auf mich und lass uns darüber reden, ich bin für dich da!“
„Und wenn schon... lass mich alleine. Ich bin im Hotel... und morgen spielen wir auf dem Ruisrock... uhh mach dir keine Sorgen...“ Er lächelte kurz, dann ging er.
„Doch, genau das tue ich!“
Doch Ville ließ ihn stehen. Ohne ein weiteres Wort ging er an ihm vorbei, er rauchte und holte heiser Luft, dann ging er an den anderen, die in einiger Entfernung zu ihm standen, vorbei, dann passierte er auch schon die Stufen und tauchte in die schützende Dunkelheit des Backstagebereiches ein. Er war schrecklich durcheinander, er war verwirrt, enttäuscht, wütend, traurig aber auch voller Angst. Er wusste kaum noch, was er denken oder fühle sollte, er war einfach nur noch entsetzt. Verletzt und am Boden zerstört.
Er sah nicht zurück, irgendwann verließ er das Festivalgelände und lief rauchend die dunkle, einsame Straße entlang. Vereinzelt blinkten Sterne am riesigen, dunklen Himmel über ihm, der Mond war nur schwach zu sehen, nur sein silberner Schimmer verriet, dass er da war und hoch über der Finnischen Hauptstadt stand.
Ville rauchte energisch, während er weiter lief. Er hatte keine Ahnung, wo er hin gehen oder was er tun sollte. Sollte er Linde eine rein hauen? Sollte er ihr eine Szene machen? Sie anschreien und verunglimpfen? Er blieb stehen, kurz hatte er wirklich darüber nachgedacht, doch jetzt schüttelte er wieder seufzend den Kopf und ging weiter. Nein, es würde nichts bringen und am Ende würde er ja doch nur wieder wie der letzte Idiot da stehen. Der er vielleicht sogar auch war.
Das fahle Licht umtanzte ihn zärtlich. Ville fror etwas, doch auch das spürte er kaum, da er mit den Gedanken nur noch bei Christel war. Er sah ihr Gesicht vor sich, er konnte sie fühlen und riechen und dazu hörte er immer wieder ihre vernichteten Worte. Trauer drohte ihn erneut zu überwältigen, die Welt war mit einem Mal grau und langsam geworden, unwichtig. Er blieb mitten im Nirgendwo stehen, sein Atem stand ihm vor den Augen, da es merklich abgekühlt war. Er trug nur seine dunkle Lederjacke.
Er fluchte auf, dann lief er weiter, bis er an einem kleinen erleuchteten Kiosk vorbei kam. Kurz überlegte er, ob er sich diesen Abend hemmungslos betrinken sollte, aber irgendetwas in ihm ließ ihn zögern, ein kurzer Gedanke, ein Seufzer, doch dann schob er seine wirren zweifel beiseite und hielt auf den kleinen Laden zu. Es war niemand sonst im Geschäft und Ville ging mit wenigen Schritten die flachen Regale ab, bis er vor den Spirituosen stand. Schließlich kaufte er sich zwei Flaschen Wein und Kippen, dann zahlte er und verließ den kleinen Laden wieder. Er begann schon unterwegs zu trinken. Er hatte einfach nicht widerstehen können und er fühlte sich so verdammt elend und niedergeschlagen, sodass er die Flasche immer wieder ansetzte, während andere Passanten teilnahmslos an ihm vorbei liefen.
Ville stand lange an der viel befahrenen Straße. Die Luft war nun merklich abgekühlt, er setzte die Weinflasche immer wieder an, während ihm die dunklen, wirren Haare in die grünen, leicht zusammen gekniffenden Augen fielen und er den vielen Lichtern der vorbei fahrenden Wagen nachsah. Er war alleine. Vielleicht sogar so alleine wie noch zuvor in seinem Leben.
Irgendwann überquerte der Frontmann leicht schwankend die Straße und hielt auf das erleuchtete Hotel zu. Wortlos ging er durch die Lobby, vorbei an den vielen Glasscheiben, über einen luxuriösen Flur und schließlich in Richtung der Aufzüge. Auch jetzt trank er. Hemmungslos, jedoch ohne etwas dabei zu fühlen.
Im zweiten Stock taumelte er keuchend, frierend und stolpernd aus dem Aufzug und lief den Flur entlang. Alles verschwamm vor seinen Augen, seine Hände zitterten, sodass er große Mühe hatte nach der Zimmerkarte zu angeln und sie vor die dunkle Tür zu halten. Mit einem leisen Klick sprang diese auf und er trat in das dunkle Zimmer ein. Seine Sachen lagen auf dem Bett, ein Rucksack, seine Gitarren und einige andere persönliche Dinge, die er immer mit auf Tour hatte.
Wütend verpasste er der Tür einen Fußtritt, dann blieb er erneut unsicher stehen, die Weinflasche hielt er noch in der Hand. Sie war bereits leer. Die erste hatte er schon unterwegs geleert und irgendwo auf den Gehweg gestellt.
Er war müde, alles drehte sich in seinem Kopf, er konnte kaum noch gerade stehen, dennoch taumelte er nach links ins Bad, wo er erst einmal pinkeln ging, dann stand er lange Zeit vor dem riesigen Spiegel und betrachtete sich. Sein blasses, ausdrucksloses, müdes Gesicht, die langen, dunklen Haare, die verwaschenen Augen. Wütend seufzte der Fronter auf, dann hieb er auf einmal wütend auf den Spiegel ein, bis dieser zersprang und ihm dunkles Blut über die Finger und die Hand lief. Er spürte den körperlichen Schmerz nicht, da seine Seele brannte und sich anfühlte, als würde sie in zehrenden Flammen stehen. Keuchend sackte er zurück, fing sich aber noch auf, bevor er zu Boden gestürzt wäre. Überall war Blut, auf dem Waschbecken und auch auf dem Boden. Strauchelnd angelte er nach einem der dunklen, weichen Handtücher und wickelte es sich um die verletzte Hand.
Noch immer verschwamm ihm alles vor den Augen, nur mit Mühe schaffte er es zurück zum Bett zu taumeln, dort ließ er sich erschöpft wie auch kraftlos auf die gemütliche Matratze sinken. Lange Zeit starrte er reglos vor sich hin. Christel war weg, sie hatte es nicht mehr mit ihm ausgehalten, sie hatte sich von ihm getrennt und sie hatte mit Linde herum gemacht... ihm kam beinahe die Galle hoch, während er daran dachte, wie der blonde Gitarrist keuchend auf ihr lag und in sie stieß, es war fast zu viel dessen, was er im Stande war zu ertragen.
Es war einfach zu viel!
Tränen liefen ihm über die Wangen und ganz allmählich brach der Schmerz aus seiner Seele hervor, er fühlte sich wie betäubt, dann legte er sich rücklings auf Bett, strich sich die Haare aus dem Gesicht und umklammerte mit der anderen Hand den provisorischen Verband. Er holte Luft. Ein Mal, dann noch mal. Dann drehte er den Kopf.
Seine dunkle Gitarre lehnte am Bett. Ville zögerte, doch dann stand er plötzlich wieder auf und ging schwankend ein oder zwei Schritte, ehe er die Gitarre zu fassen bekam und sie beinahe zärtlich in seine Arme zog. Mit der einen Hand fuhr er über das glatte, dunkle Holz, dann scholl er für einen kurzen Augenblick die Augen. Er erlebte den Gig gerade wieder, er hörte die Stimmen der Zuschauer, den Sound der Band, wie auch seine eigene tiefe, raue Stimme. Doch es war bloß eine verwischte Erinnerung, die von brennendem Schmerz umgeben war.
Betrunken ließ er sich auf den Fußboden sinken. Im Zimmer war es noch immer dunkel, da er kein Licht gemacht hatte, aber das wollte er auch gar nicht. Von der Straße drang etwas Licht herein, das musste reichen.
Mit der blutigen Hand umfasste er die Gitarre, er legte sie behutsam auf seine Knie, dann begann er zu spielen. Erst zaghaft, wobei er immer wieder abbrach, entweder in Tränen ausbrach oder fluchend zu schreien begann, bis der Schmerz ein wenig abebbte und er wieder spielen konnte. Seine Finger zitterten etwas, doch er zwang sich weiter zu spielen, und dann schloss er die Augen und begann zu singen. Tief, ruhig, langsam, schmachtend, mal flüsternd, stockend, doch er spürte, wie es ihm half dem dumpfen Dunst zu entkommen, der von ihm Besitz ergriffen hatte.
Irgendwann spielte er einfach alles, was ihm gerade in den Sinn kam, er beugte sich dabei halb im Sitzen vor, dann wurde er leidenschaftlicher, lauter und kräftiger. Er spielte etliche alte Songs, die er schon seit Jahren nicht mehr gesungen hatte, nur um wieder etwas Trost zu finden. Oft brach er erneut in Tränen aus, dann saß er da, doch er konnte nicht aufhören zu spielen, es war als würde seine Seele reden. Als würde sie schreien, weinen, sich tanzend um sich selbst drehen, während sie sich in absoluter Dunkelheit befand. Er wusste, dass er betrunken war, und auch, dass es sich wahrscheinlich schrecklich anhörte, aber das störte ihn nicht, im Gegenteil. Über zwei Stunden lang spielte er beinahe ununterbrochen. Er schrie die Songs, dann spielte er sie wieder sanfter, verspielter, bis er auf einmal wieder innehielt. Er war ein wenig außer Atem, Tränen rannen ihm übers Gesicht, aber er spürte, dass er noch immer hier war, er spürte den Schmerz und er war bereit ihn zuzulassen.
Er ließ seine blutigen Finger erneut über die Saiten gleiten, dabei lehnte er den Kopf ein wenig zurück, und er holte alles aus sich, seiner Stimme und seinen schmerzenden Gefühlen heraus, sogar so sehr, dass er völlig seine Umgebung vergaß und sich nur noch von der Musik treiben ließ, bis auf einmal sein Handy, das neben ihm auf dem Fußboden gelegen und mit dem er einige Songs aufgenommen hatte, begann zu brummen und zu leuchten.
Blinzelnd hielt er inne, dann fluchte er auf, stellte die Gitarre beiseite und angelte nach seinem Handy. Er konnte die Nummer kaum noch entziffern, aber er hatte das Gefühl, als ob es Esa sein könnte. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Er zögerte, er ärgerte sich. Über das Hotelzimmer, sich selbst, einfach über alles.
Schließlich ging er doch ran. Es war Esa.
„Hey Vil... bist du ok, ja?“
Der Fronter nuschelte etwas, aber er riss sich zusammen und holte erneut seufzend Luft. „Ja. Ich habe Songs aufgenommen. Wilde, neue Songs, Esa du wirst sie lieben...“
„Ja... ich... hör zu wir machen uns Sorgen. Marc hat uns erzählt, was los ist.. wenn du uns brauchst sind wir für dich da...“
„Schon gut. Ich habe nichts gemacht... ich... uhh scheiße Esa...“, nun begann er doch ein wenig zu lallen, da er ziemlich betrunken war. „Ich habe bloß etwas getrunken, und ich habe meinen Spiegel zerschlagen, aber ich bin ok. Vertrau mir. Es wird weiter gehen. Irgendwie. Ich bin nicht am Ende, nein.“
„Ville... du bist betrunken...“
„Scheiße ja, das bin ich. Aber ich spüre es. Ich spüre all den scheiß Schmerz, es brennt mir die Seele raus, aber ich muss da durch... ich bin ok... wir sehen uns morgen auf dem Gig...“ Er klang müde und abwesend.
„Ville... bitte, nicht dass du doch wieder die Tabletten hast und sie nimmst?“
„Nein... ich habe keine hier...“
„Gut. Bist du dir sicher, ja? Vil! Bitte sei ehrlich!“
„Bin ich... verdammt... ich habe sie noch bevor ich in die Klinik gegangen bin ins Klo geworfen. Ich habe keine mehr hier. Aber es ist ok, ja verdammt...“
„Wirklich? Ville? Scheiße ich kann kein Auge zu tun.“
„Was? Wegen mir? Himmel Esa...“ Er lachte mit seiner tiefen, rauen, betrunkenen Stimme auf. „Unsinn. Vielleicht ist es ja auch besser für uns beide... dass wir uns trennen... aber Linde...“ Wieder begann er schrecklich zu lallen, sodass er kaum noch zu verstehen war, „Muss es denn ausgerechnet Linde sein? Der seinen Schwanz in sie schiebt?“
„Ville... hör auf damit. Du bist betrunken... soll ich noch vorbei kommen? Man hört dich im ganzen Hotel...“
Wieder kicherte der Fronter. „Uhh...“
„Ja verdammt. Ich konnte den Rezeptionisten gerade noch davon abhaltend die Polizei zu rufen. Sei einfach etwas leiser, in Ordnung? Geh pennen, bitte.“
Ville kicherte kopfschüttelnd auf. „Ja... ich werde nun leiser sein. Mach dir keine Sorgen, Esa. Ich habe schon schlimmeres durchgemacht.“
„Aber... du...“
„Ich weiß, ich bin krank, Esa, aber ich habe noch immer etwas, was mich nie verlassen hat, und das ist meine Musik. Und damit werde ich weiter machen. Christel und ich haben uns vielleicht ja auch nur noch etwas vorgemacht... ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es scheiße weh tut und das ich das nie wollte, aber es ist passiert, mm? Aber was nützt es, wenn ich wieder rückfällig werde? Nichts, scheiße gar nichts. Ich will mich bessern. Ich will endlich wieder der sein, der ich war. Ob nun mit oder ohne Christel...“
„Das ist gut, Vil. Ich glaube an dich.“
Ville rutschte vor lauter Müdigkeit schon die Gitarre aus den Händen. „Gute Nacht, Esa... Nacht.“
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