Alles wird gut

von Maybe44
KurzgeschichteRomanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
28.08.2020
15.09.2020
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4.240
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28.08.2020 687
 
Mühsam stemmte Franz Hubert sich auf der Trage empor, umfasste Anjas Gesicht mit beiden Händen und presste seine Lippen auf die ihren. Dann ließ er sich kraftlos zurücksinken.

Als die Sanitäter die Trage in den Rettungswagen geschoben hatten und die Wagentür sich geräuschvoll schloss, breitete sich ein glückliches Grinsen auf Hubsis Gesicht aus. Er hatte es getan! Er hatte Anja geküsst. Einfach so, vor seinen Kollegen! Noch immer hörte er Hansi ungläubig sagen "Des muss der Schock sein..." Doch es war ihm völlig gleichgültig, was sein Freund dachte. Anjas weiche Lippen wieder auf seinen spüren zu dürfen war jeden Spott wert, den er vielleicht in den nächsten Tagen würde ertragen müssen.

Hubsi versuchte sich daran zu erinnern, was eigentlich genau passiert war. Er war aus dem Fenster gestoßen worden und einige Meter in die Tiefe gestürzt, so weit, so schlecht. Der Aufprall war durch den zuvor ebenfalls gestürzten Bürgermeister abgebremst und massiv abgemildert worden, so dass er offenbar keine schwereren Verletzungen erlitten hatte. Trotzdem war er einige Minuten ohne Bewusstsein gewesen. Aber nur einige Minuten, nicht einige Jahre, wie er zunächst gedacht hatte! Das alles, sein jahrelang andauerndes Koma und der nahe Tod, Girwidz als neuer Bürgermeister, Sonja als Revierleiterin, Hansi verheiratet und Bäcker statt Polizist... das alles war ihm so real erschienen und doch hatte er offenbar nur geträumt. Und Anja! Anja, die in seinem Traum jahrelang täglich im Krankenhaus nach ihm gesehen und über ihn gewacht hatte, die ihn bei sich aufgenommen hatte, als er nicht wusste wohin, da Hansi sein Haus anderweitig vermietet hatte. Anja, die ihm gehörig den Kopf gewaschen hatte, als er alles und jeden verteufelte und mit seinem Schicksal haderte. Anja, zu der es ihn ganz selbstverständlich hingezogen hatte, weil er instinktiv wusste, dass sie ihn nie, niemals, im Stich lassen würde.

Ihre Worte, die sie ihm in seinem Traum in der Pathologie entgegengeschleudert hatte, hallten in seinem Kopf wider. "Du?! Du kommst doch mit am Happy End überhaupts gar ned klar!" Wie recht sie damit doch letztendlich hatte! Tat er nicht wirklich alles, um nicht glücklich zu werden? Jedes zarte Aufkeimen zwischenmenschlicher Nähe erstickte er im Keim, sein einziger Freund war sein Kollege Hansi, den er zugegebenermaßen auch fast ausschließlich im Dienst traf. War Anja nett und freundlich zu ihm, fand er unter Garantie irgendeine Gemeinheit, die er ihr an den Kopf warf.

Er schloss die Augen, als der Sanitäter, der neben ihm Platz genommen hatte, erneut seine Vitalfunktionen überprüfte. Er würde, nein, er musste dringend etwas ändern in seinem Leben! Doch zuvor würde er sich einen kurzen Moment ausruhen. Sein Kopf dröhnte ganz fürchterlich.

Anja blickte dem Rettungswagen hinterher, bis er am Ende der Straße um die Ecke verschwand. Unwillkürlich legte sie ihre Fingerspitzen auf ihre Lippen, als sie an den kurzen Moment vor wenigen Minuten dachte. Hubsi hatte sie geküsst! Einfach so, vor Hansi und seinem Chef! Und dann der Ausdruck in seinen Augen, als er sie angesehen hatte. So voller Dankbarkeit, so liebevoll und gleichzeitig irgendwie hoffnungsvoll. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als noch einmal die Gelegenheit zu bekommen, mit Hubsi über den Kuss zu sprechen. Doch wahrscheinlich musste sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ihr Exmann sich später nicht mehr daran erinnern würde- oder zumindest so tun würde, als ob er sich nicht erinnerte. Sie seufzte leise und schlang ihre Arme um ihren Körper, als würde sie frieren. Erschrocken fuhr sie zusammen, als sich eine schwere Hand auf ihre Schulter legte.

"Der Hubsi is fei zäh, der wird scho wieder." sagte Hansi neben ihr.

"Freili." bestätigte die Ärztin und atmete tief durch. "I schau nochmal nach dem Bürgermeister. Der Bestatter wartet ja scho."

Johannes Staller blickte ihr mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen hinterher, als sie sich umdrehte und davonging. Anja hatte sich sichtlich um ihren Exmann gesorgt, als er ihr die Nachricht vom Fenstersturz überbracht hatte. Und der Kuss, der hatte sie auch nicht kalt gelassen. Das hatte ein jeder sehen können, der Augen im Kopf hatte. Wer weiß, vielleicht würde diese ganze Sache Anja und Hubsi einander sogar wieder näher bringen...
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