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Already dead, but still alive

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Chase Graves OC (Own Character)
28.08.2020
03.09.2020
2
8.762
 
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
28.08.2020 4.864
 
Hallo, jeder iZombie-Fan, der sich hierher verirrt  hat :)
Eigentlich dachte ich nicht, dass ich wieder einmal eine neue FF beginnen werde - aber hier bin ich, nach dem Ende von Staffel 4, mit dem ich nicht zufrieden war.

Ein paar Hinweise bevor's losgeht:
- Die FF setzt beim Ende der 3. Staffel ein, wobei ich den Charakteren aber zwischen der Verbreitung der Grippe und der Veröffentlichung, dass es Zombies gibt vermutlich ein bisschen mehr Zeit lassen werden.
- Außer Vivia gehört keiner der Charakter mir. Nicht alle sind Fans von OCs, ich weiß, aber durch die Vorgaben der Autoren fand ich es zu schwer Liv x Chase zu schreiben (auch wenn ich mir das Pairing wirklich gewünscht hätte) ohne dass es zu out of character enden würde. Vor allem für Liv.
- Obwohl ich in der Beschreibung "Drama" habe, würde ich es eher als Dramady bezeichnen. Ich versuche an die Serie anzuknüpfen und einen guten Mix aus Drama und Comedy zu schaffen.
- Ich hab schon länger, so ungefähr seit 3 Jahren oder länger, keine FF mehr geschrieben. Ich bin also etwas aus der Übung, in bereits vorhandene Welten mit schon existierenden Charakteren abzutauchen. Seid also nicht zu streng mit mir. Feedback würde mich natürlich trotzdem freuen :)
Und ja, der Titel des Kapitels ist eine grauenhaft schlechte Anspielung an einen Camila Cabello Song.

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Kapitel 1 - Ain't no scratching in the club


Eigentlich hätte ich heute meinen Urlaub genießen können, aber obwohl es danach aussah, täuschten mein hübsches schwarzes Kleid, das mühevoll gelockte Haar und der Martini in meiner Hand.
Mit einem Blick, der töten hätte können, sah ich mich in der Hotelbar um. Während andere hier entspannt ihren Drink schlürften, den Tag ausklingen ließen und vielleicht sogar die ein oder andere Person für eine gemeinsame Nacht im Auge hatten, saß ich auf einer der grünen Lederbänke und hielt verkrampft das Y-förmige Glas zwischen den Fingern. Ich war nicht hier, um mich zu amüsieren und diese Bar hatte ich auch nur aus einem bestimmten Grund gewählt. Und der hieß Katty Kubbs.
Man hätte nicht behaupten können, dass sie und ich beste Freunde gewesen wären, aber gute Bekannte. Gut genug, dass mich die Nachricht von ihrem Tod getroffen hatte. Zwar führte Katty einen recht speziellen Lebensstil, doch wieso hätte jemand sie töten wollen? Irgendetwas an der Geschichte hatte mich stutzig werden lassen. Das war eine Berufskrankheit als Polizistin. Vor meinem geistigen Auge sah ich wieder die angetrunkene Katty, die mir von ihrem unglaublichen Fund erzählte: Hirn in den Mägen von Toten, frische Leichen, die viel zu schnell verfielen. Und dann war da natürlich noch die Ermittlungen, die sie nach Seattle führten. Was, wenn sie etwas auf der Spur gewesen war, etwas Großem, und deshalb hatte sterben müssen?
Seit wann glaubst du an Verschwörungstheorien, Vivia? Ja, vermutlich haben hirnfressende Zombies sie umgebracht, damit niemand von ihrer heimlichen Weltherrschaft erfährt, dachte ich sarkastisch und schüttelte automatisch den Kopf, brachte mein rötliches Haar zum Tanzen.
Vielleicht war es nur ein Gefühl, doch irgendetwas stimmte hier nicht. Diese Ahnung war nun also der Grund, aus dem ich meine wenigen Tage Urlaub dafür genutzt hatte, nach Seattle zu reisen und jetzt zum wiederholten Male in dieser Hotelbar saß, in der sich Katty wohl auch jeden Abend aufgehalten hatte.
Was genau ich mir davon erhoffte, wusste ich eigentlich schon nach kurzer Zeit nicht mehr, denn bisher hatte ich absolut nichts rausfinden können. Und doch bewegte ich mich nicht vom Fleck und sondierte die Gäste einen nach dem anderen. Schließlich traf mein Blick den eines Mannes, der mir ein schmieriges Lächeln schenkte, schon ungeschickt wankend sein Glas hob und mir zu allem Überfluss noch vielsagend zuzwinkerte. Selbst der Barkeeper schien nicht besonders begeistert von seinem Verhalten und stand wohl kurz davor, ihn zu bitten die Bar zu verlassen. Das hatte mir ja gerade noch gefehlt. Demonstrativ wandte ich den Blick von ihm ab.
Mein Gott, was tue ich hier eigentlich?
„Hey, Süße“, riss mich eine Stimme aus den Gedanken und ich fürchtete, der Mann am Tresen hätte mein offensichtliches Signal, dass ich kein Interesse hatte, ignoriert und würde jetzt vor mir stehen.
Richtig geraten. Langsam torkelte er auf mich zu. Die Krawatte hing lose um seinen Hals, das durchgeschwitzte Hemd war halb offen und sein Haar fiel zerzaust um sein Gesicht. Ein Businessman, der einen verdammt schlechten Tag hinter sich hatte und jetzt aus Frust ein Glas nach dem anderen runterkippte - so wirkte er auf mich und damit nicht wie jemand, mit dem ich unbedingt Zeit verbringen wollte.
„Ich warte hier auf jemanden“, wehrte ich kühl ab, in der Hoffnung, ihn damit loszuwerden. Aber was machte ich mir hier eigentlich vor? So schnell wurde man Männer wie ihn nie los.
„Hab ich bemerkt... Sieh's ein, er wird nich' mehr komm“, lallte er nur halb verständlich. „So ne hübsche Frau sollt nich...allein sein.“ Wieder grinste er und mir schlug sein alkoholgeschwängerter Atem entgegen. Eine intensive Mischung aus Whiskey, Vodka und Bier. Angewidert verzog ich das Gesicht. Offensichtlich hatte dieser Typ das Prinzip eines Korbs nicht verstanden.
„Danke. Ich bin gerne allein.“
„Komm schon...“, näher zu mir wankend packte er mich am Arm.
Augenblicklich begann mein Herz schneller zu schlagen. Ich war Polizistin, ich wusste mit Idioten wie ihm umzugehen und doch stieg automatisch Übelkeit in mir auf, jagte mein Puls in die Höhe und ich spürte einen Hauch von Angst.
„Verzieh dich oder es wird dir leid tun“, knurrte ich ihm ins Ohr, während mein Kopf rasend schnell analysierte, wie ich seinen massigen Körper mit dem Gesicht nach unten am schnellsten auf die Tischplatte befördern konnte.
„Ich denke, sie hat deutlich gemacht, dass sie nicht interessiert ist, Mister.“ Die ruhige kalte Stimme hielt mich von meinem Vorhaben ab und ließ mich stattdessen verwundert feststellen, wie der Betrunkene von mir weggezogen wurde.
„Verpiss dich, Arschloch. Ich hab sie zuerst geseh'n!“ Ungeschickt wandte er sich zu dem Sprecher um, der sich nun drohend vor ihm aufbaute. Allerdings blieb dieser völlig unbeeindruckt. Mit eiserner Miene packte er den Betrunkenen am Arm, der daraufhin schmerzerfüllt das Gesicht verzog.
„Ich denke, es ist Zeit zu gehen.“ Die Stimme meines ungerufenen Retters war so schneidend kalt, dass sie die Luft hätte gefrieren lassen können.
Offensichtlich war dem anderen trotz Alkohol noch so viel Verstand geblieben, dass er sich tatsächlich torkelnd und fluchend von uns entfernte. Aus den Augenwinkeln sah ich bloß noch wie er vom Personal aus der Bar entfernt wurde. Solche Gäste sorgten immerhin für keinen sonderlich guten Ruf. Allerdings galt meine Aufmerksamkeit längst nicht mehr ganz ihm, sondern dem Mann vor mir.
„Alles in Ordnung?“ Die Kälte aus seiner Stimme war völlig verschwunden und der strenge Gesichtsausdruck wurde ein wenig weicher.
„Ja. Ich hatte alles im Griff, aber danke“, antwortete ich und kam mir dabei reichlich dämlich vor. Immerhin hatte ich nur tatenlos zugesehen, während mir dieser Fremde geholfen hatte.
„Dessen bin ich mir sicher. Dafür, dass Sie den ausgezeichneten Martini hier genießen können, sehen Sie aber nicht sonderlich glücklich aus. Ich hoffe, dieser Idiot hat Ihnen nicht den Abend verdorben.“
Ich war mir sicher, ihn hier heute noch gar nicht gesehen zu haben. Jemanden wie ihn übersah man nicht. Nicht bloß weil er mit dem zurückgekämmten Haar, den eindringlichen braunen Augen und den Muskeln, die sich unter dem T-Shirt deutlich abzeichneten, wirklich attraktiv war. Es war eher seine Ausstrahlung, die Art sich durch den Raum zu bewegen, die so markant war. Trotz des charmanten Lächelns auf seinen Lippen konnte er die fast militärische Autorität, die er ausstrahlte, nicht verbergen.
„Keine Sorge, den hab ich schon längst vergessen. Ich sehe immer so finster drein.“ Einer meiner Mundwinkel zuckte nun doch ein wenig nach oben.
„Langer Tag?“, wertete er meine Worte einfach als Bestätigung, dass ich wirklich nicht besonders gut gelaunt war, womit er exakt ins Schwarze traf.
„So in der Art.“ Obwohl ich mir das ganz alleine selbst zuzuschreiben hatte. Immerhin hätte ich in meinen Urlaubstagen tatsächlich so etwas wie Urlaub machen können, so wie es jeder normale Mensch tat. Aber nein, Vivia Williams musste sich in eine plötzliche Eingebung hineinsteigern und selbst in ihrer Freizeit Cop spielen.
„Da sind wir wohl schon zwei. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leiste und Sie auf einen Drink einlade?“, fragte nonchalant und seine Mundwinkel hoben sich zu einem charmanten Lächeln. „Oder warten Sie hier auf jemanden?‟, setzte er im selben Tonfall nach, als ich einen Moment zögerte, beinahe so als wüsste er, dass dem nicht so war und es damit keinen Grund gab, abzulehnen. Auf eine seltsame Art fühlte ich mich ertappt.
„Ich wüsste nicht, was dagegen spricht‟, antwortete ich lächelnd.
Elegant ließ er sich neben mich auf das smaragdgrüne Leder fallen und streckte mir seine große Hand entgegen. „Chase“, stellte er sich vor.
Für einen Augenblick zögerte ich, blickte von seinem Gesicht auf seine Hand und wieder in seine Augen. Vielleicht war es der Martini, der aus mir sprach, aber nach drei ergebnislosen Abenden in dieser Bar, mit denen ich meinen Urlaub verschwendete... Wieso nicht einmal Spaß haben? Denn auch wenn meine Ermittlungen es verlangten, wollte ich Chase nicht einfach mit einer Phrase loswerden, um den restlichen Abend die anderen Gäste anzustarren, ein paar Fragen zu stellen und dann ohne Fortschritte in das Gästezimmer meiner Freundin zurückkehren. Vermutlich war es an der Zeit einzusehen, dass mein Plan und mein Verdacht unbegründet und dumm gewesen waren und meine freien Tage als das zu nutzen, wofür sie gedacht waren: Vergnügen.
„Vivia“, erwiderte ich also und ergriff seine Hand, die sich überraschend fest um meine schloss. Meine Finger fühlten sich klein und schwach unter seinen an.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Vivia.“ Langsam über seine Lippen rollend erklang der Name wie etwas Schönes, Besonderes, Exotisches. Augenblicke verstrichen in denen er seinen Griff nicht lockerte und ich glaubte, beinahe so etwas wie Bedauern in seinem Gesicht zu sehen, als er sie wieder los ließ. Vermutlich spielte mir das gedimmte Licht aber bloß einen Streich.
„Wissen Sie, eigentlich bin ich nicht zum Vergnügen hier“, setzte ich an und hätte mir dafür gerne selbst eine Ohrfeige verpasst. Die Polizistin in mir meldete sich zu Wort, bevor ich es hätte verhindern und mich daran erinnern können, dass es zwecklos war, mit diesem Thema zu beginnen. Der Fall galt als gelöst und dass der auf eigene Faust nachforschende Ermittler zufällig irgendwo dem Mörder über den Weg lief oder auf einen alles verändernden Beweis stieß, war etwas, das außerhalb von Filmen und Serien praktisch nie geschah.  
Vermutlich verschwand der Mann vor mir ganz von selbst, wenn ich damit nicht sofort aufhörte. Fragen zu einem Mord gestellt zu bekommen war üblicherweise nicht das, was man unter Flirten verstand. Eher im Gegenteil.
„Achja? Und weswegen kommt man sonst in eine Bar?“, fragte Chase amüsiert.
„Ich bin von der Polizei. Sind Sie öfter hier und haben mal diese Frau gesehen?“ Über den Tisch schob ich ihm ein kleines Foto zu.
Chase warf nur einen kurzen Blick darauf, so als würde er es gar nicht richtig ansehen. „Ja, ich glaube, sie war früher öfter hier.“
Er kannte sie! Besser als das, was ich sonst erreicht hatte. Außer den Mitarbeitern der Bar war ich auf niemanden getroffen, dem sie auch nur bekannt vorkam. Zumindest behaupten sie das.
„Haben Sie...mit ihr gesprochen?“
„Dürfte ich erfahren, warum Sie mich das fragen, bevor ich antworte?“ Seine Stimme klang immer noch so gelassen und charmant wie zuvor, ebenso verriet seine Haltung nichts von Unruhe.
„Sie wurde ermordet“, antwortete ich schlicht und beobachtete seine Reaktion. Nichts. Nicht einmal ein Wimpernzucken.
„Das ist bedauerlich“, antwortete er nachdenklich, ehe das Lächeln in sein Gesicht zurückkehrte. „Ich werde doch nicht verdächtig? Brauche ich einen Anwalt?“
„Ich weiß nicht, brauchen Sie einen?‟, stellte ich provokant die Gegenfrage und zog eine Augenbraue hoch.
„Hm, also wird das ein Verhör?‟ Die Andeutung eines Schmunzelns verriet mir, dass er nachwievor völlig ungerührt und entspannt war.
Nein. Ja. Vermutlich. Eigentlich wusste ich nicht, was ich da tat. Bisher sah's aber danach aus, dass ich einen attraktiven, sympathischen Mann mit nutzlosen Fragen vergraulte. Zumindest würde das zwangsläufig geschehen, wenn ich nicht bald damit aufhörte.
„Ich erzähle Ihnen alles, auch wenn es nicht viel zu erzählen gibt. Ich hab sie ab und an in der Bar gesehen und normalerweise war sie nicht alleine, wenn ich mich richtig erinnere. Mehr weiß ich nicht. Sie haben nicht vor, mich zu verhaften, oder?“ Irgendetwas daran, wie er es sagte, ließ mich glauben, dass er wusste, dass ich das nicht konnte...dass niemand mich hierher geschickt hatte, sondern eine Ermittlung auf eigene Faust verfolgte, die niemand angeordnet hatte. Vielleicht meldete sich aber auch nur die Sorge, mein Captain könnte davon erfahren und mir bei meiner Rückkehr die Leviten lesen, unterbewusst in mir.
Lass die dummen Fragen, Viv, mahnte ich mich im Stillen noch und versuchte den Teil in mir, der damit begonnen hatte, mit dem letzten Schluck Martini zum Schweigen zu bringen.
„Hm...wer weiß?“ Schmunzelnd blickte ich zu ihm, um den letzten Hauch der ernsten Stimmung verschwinden zu lassen.
Chase lehnte sich entspannt zurück, ein Arm locker auf der Lehne ruhend und führte seinen Whiskey an seinen Mund, um den ein wenig Belustigung spielte. „Was, wenn ich nichts dagegen hätte? Ich habe eine kleine Schwäche für Handschellen‟, bemerkte er mit warmer, dunkler Stimme, bevor das Kristallglas und die bernsteinfarbene Flüssigkeit seine Lippen berührten, und mein Herz machte einen kleinen, aber spürbaren Satz.
„Das trifft sich gut. Davor würde ich allerdings gerne Ihr Angebot in Anspruch nehmen.“ Vielsagend schwenkte ich das leere Glas in meiner Hand. „Die Einladung auf einen Drink steht doch hoffentlich trotzdem noch, oder?“
„Ich dachte, Sie wären nicht zum Vergnügen hier.“
„Eigentlich nicht, aber ich sehe meine Arbeit für heute als beendet.“

Nicht bloß einen, sondern deutlich mehr Drinks und keine Ahnung wie viele Minuten oder Stunden später hatte ich den Grund, wieso ich wirklich hier war, beinahe vergessen. Meine Aufmerksamkeit galt alleine Chase, der sich nun nach seinem klassischen Bourbon irgendeinen Cocktail bestellt hatte, dessen Namen ich mir nicht mal hätte merken können. Nur eines war klar: Das Zeug war scharf und brannte im Mund wie Feuer.
Ich bereute sofort, davon gekostet zu haben. Angewidert verzog ich das Gesicht und unterdrückte ungekonnt ein Husten, ehe ich in Gelächter ausbrach. „Wie kannst du sowas trinken?“
„Ich mag es eben ein bisschen scharf.“ Er schien meine Reaktion unterhaltsam zu finden und ich hoffte bloß, dass mein Gesicht mittlerweile nicht genauso rot wie die Chilischote war, die dem Brennen in meinem Mund zufolge da drinnen sein musste.
„Ein bisschen? Wenn die Hölle ein Cocktail wäre, dann wäre es dieser“, versicherte ich gespielt ernst. „Was tust du eigentlich, wenn du nicht nach einem schlechten Tag in einer Bar viel zu scharfe Cocktails trinkst?“
„Ich sorge dafür, dass in der Stadt Ordnung herrscht‟, erklärte er mit einem Schmunzeln und hob das Glas an seine Lippen, um für mich faszinierend ungerührt einen Schluck des farbigen Getränks zu nehmen.
„Da haben wir wohl eine Gemeinsamkeit. Sie sind auch Detective?‟
„Nicht ganz.‟
Verwundert zog ich die Augenbrauen zusammen. „FBI?‟
Leise lachend wandte er sich ganz mir zu. „So neugierig?‟ Das war ein Nein.
„Jetzt weiß ich es: Mafiaboss‟, erklärte ich mit einem gespielt triumphierenden Grinsen und nippte an meinem Martini. Wie viele ich davon hatte, wusste ich gar nicht mehr so genau. Drei? Vier? Fünf? Langsam begann sich der Alkohol jedenfalls bemerkbar zu machen. Er ließ mich leichter werden, entspannter, meine Gedanken ungefilterter meine Lippen verlassen.
„Erwischt. Wenn meine Karten ohnehin schon offen liegen, erzähl mir mehr von diesem Mafiaboss‟, forderte er mich schmunzelnd auf.
„Einer von der ganz schlimmen Sorte. Erst schießen, dann fragen. Hunderte Leichen im Keller. Eiskalt. Wenn da nicht diese eine Schwäche wäre...‟ Ich machte eine bedeutungsvolle Pause.
„Welche?‟ Seine braunen Augen waren auf meine gerichtet, ohne auch nur für eine Sekunde den Blickkontakt zu brechen. Und doch konnte ich rein gar nichts daraus lesen. Er war undurchschaubar. Es war zu einfach darin zu versinken und zu schwer, dieser Macht wieder zu entkommen. Dennoch zwang ich mich, mich davon loszureißen.
„Der Feind‟, erklärte ich mit einem provokanten Schmunzeln, „FBI-Agentinnen, Polizistinnen,...‟
„Wieso ausgerechnet solche Frauen?‟, fragte er interessiert.
„Ganz einfach: Die Handschellen. Er steht auf Frauen, die damit umzugehen wissen.‟ Während ich mit den Zähnen langsam die Olive von dem kleinen Spieß schob, beobachtete ich seine Reaktion genau.
Seine Mundwinkel zuckten zu dem bereits vertrauten Schmunzeln nach oben. „Du hast mich völlig durchschaut.‟
„Tja, versuch erst gar nicht etwas vor mir zu verbergen‟, erwiderte ich scherzhaft. „Jetzt bist du dran. Was kannst du mir über mich sagen?‟
Für eine Weile beobachtete er mich aufmerksam, taxierte mich als könne er daraus tatsächlich eine Antwort beziehen und je länger er das tat, desto mehr gab er mir auch das Gefühl, er könnte wirklich aus mir lesen. Seine Blicke hinterließen auf meiner Haut ein warmes Prickeln, aufregend und wohltuend.
„Du bist gewissenhaft, nimmst deine Arbeit sehr ernst. Mörder sollten sich vor dir in Acht nehmen. Du hast einen sehr ausgeprägten und unbestechlichen Gerechtigkeitssinn‟, brach er schließlich mit leiser, nachdenklicher Stimme das Schweigen. Warum beschlich mich das Gefühl, er würde mich wirklich durchschauen und das alles hier wäre nicht länger nur ein Spiel? „Aber du hast auch eine kleine Schwäche.‟
Ich schluckte. „Welche denn?‟
„Du kannst gefährlichen Mafiabossen, die eine Vorliebe für Polizistinnen haben, einfach nicht widerstehen‟, endete er mit einem charmanten Lächeln.
Ohne es bemerkt zu haben, saß ich mittlerweile deutlich näher neben ihm und für einen Augenblick wehte mir seine Bewegung den Geruch seines Rasierwassers entgegen. Das mit einer zarten Lichterkette gefüllte Glas, das den Tisch als Lampe schmückte, warf einen zarten Schein auf sein Gesicht und erzeugte ein Spiel aus Licht und Schatten, das jede Kontur und Form nachzeichnete. Vielleicht war es das, was mich so zu ihm hinzog - sein Aussehen. Doch, nein, das war nicht alles. Sein Charme, seine Ausstrahlung...und vielleicht tat mein Drink das Übrige, um ihn in diesem Augenblick fast unwiderstehlich erscheinen zu lassen.
Ich hab definitiv zu viel getrunken, stellte der Teil in mir fest, der noch ansatzweise nüchtern war. Dieser Teil hätte mir jetzt gesagt, dass Flirts in Bars, die mit nicht mehr als einem One-Night-Stand, einer einzigen bedeutungslosen Nacht endeten, bevor man sich nie wieder sah, eigentlich nicht mein Stil waren. Wieso aber eigentlich nicht?
Nun, er hätte es mir gesagt, wenn ich ihm Beachtung geschenkt hätte. Doch im Augenblick hörte ich nur das Pochen meines Herzens gegen meinen Brustkorb und machte mir rein gar keinen Gedanken, wohin das alles führen würde.
Ein zartes Schmunzeln huschte über meine Lippen. „Richtig. Ich kann Ihnen einfach nicht widerstehen.‟
Ich spürte, wie Chase langsam den Abstand zwischen uns überbrückte. Augenblicklich beschleunigte sich mein Herzschlag. Sein Atem streifte meine Haut. Eine seiner Hände berührte sanft meine Wange. Als seine Lippen endlich auf meine trafen, schien mein Puls kurz auszusetzen. Jeder Gedanke war aus meinem Kopf gefegt, auch jeder letzte Zweifel, ob ich das hier auch wirklich wollte, ob es vernünftig war. Der Teil, der mich nun steuerte, kümmerte sich nicht um letzteres und er wollte es auf jeden Fall.
Nur für wenige Augenblicke war sein Kuss sanft, fast vorsichtig, ehe er mich plötzlich fordernd an meiner Taille näher zu sich zog. Während seine eine Hand dort verharrte, glitt die andere in mein Haar. Selbst diese kleinen Berührungen jagten wohlige Schauer durch meinen Körper und weckten den Wunsch nach mehr.
Meine Hand fand zu seiner muskulösen Brust, spürte durch das T-Shirt hindurch seinen Herzschlag und ich war nur eine Sekunde davon entfernt, mich atemlos aus dem Zungenkuss zu lösen und vorzuschlagen, ob wir nicht lieber woanders hingehen wollten...als mein deutlich benebelter Verstand selbst durch die Schleier, die sich darum gelegt hatten, etwas befremdliches wahrnahmen. Ich erstarrte. Der Herzschlag. Er war kräftig und doch so... Langsam. Beängstigend langsam. Sekunden verstrichen, in denen er aussetzte. Und wieder. Ruckartig zog ich meine Hand zurück.
Chase löste sich langsam von mir. Nur ein wenig, gerade so, dass sich unsere Lippen nicht mehr berührten.
„Stimmt etwas nicht?‟, drang seine dunkle Stimme zu mir und riss mich in die Realität zurück.
Ich schüttelte den Kopf und spürte meine Locken um mein Gesicht fallen. „Nein...ich...ich dachte nur...ach, es ist gar nichts.‟ Das, was ich da zu spüren geglaubt hatte, war völlig unmöglich. Ich hatte mich getäuscht, mehr nicht. Und doch blieb mein Blick auf seine Brust geheftet. Es hatte sich tatsächlich so angefühlt, als ob... Ja, langsam wurde ich wirklich verrückt.
Nun rückte er weiter von mir ab. „Vielleicht wäre es besser, wenn ich jetzt gehe.‟ Diese Worte rissen mich nun endgültig aus meinen Gedanken und ich glaubte, erst nicht richtig gehört zu haben.
„Nein, ich...‟
Wieder erschien das bekannte Lächeln auf seinen Lippen. „Du hattest so einige Drinks, Vivia. Ich möchte nicht, dass du im Nachhinein behauptest, ich hätte das bloß ausgenutzt. Wenn du morgen wieder nüchtern bist und immer noch interessiert, ruf mich an.‟

Ein überraschend kalter Wind schlug mir entgegen, als ich das Gebäude verließ und auf die Straße hinaus trat. Wie eine eisige Klinge streifte er meine Haut und durchdrang den nicht sonderlich wärmenden Stoff meines Kleides nach wenigen Sekunden. Im Moment kam mir das durchaus gelegen, denn die Kälte befreite mich zumindest ein wenig von dem Nebel, den die Stimmung in der Bar, meine Drinks und Chases Anwesenheit um meinen Verstand gesponnen hatten, und ich begann wieder klarer zu sehen. Klar genug, dass mir eines ganz deutlich bewusst wurde: Ich war gerade eiskalt abserviert worden.
So war es doch, oder nicht? Alles war gut gelaufen bis es das ganz plötzlich nicht mehr tat. Oder hatte er seine Worte vielleicht sogar ernst gemeint? Nein, Vivia, hat er nicht. Das war die lausigste Ausrede, die man nur auftischen kann, um jemanden loszuwerden, rügte ich mich so bitter wie ich es nur nach unzähligen Martinis konnte.
Du bist nicht mehr bei dir. Nein, das war ich nicht. Zwar fror ich hier draußen bis auf die Knochen, in der Hoffnung dadurch meine gesamte Klarheit wiederzuerlangen, aber so funktionierte das eben nicht. Der Alkohol zirkulierte nachwievor durch meinen Körper und ich vermochte wirklich nicht zu sagen, welche Gedanken und Gefühle alleine ihm geschuldet waren. Deswegen war es auch besser, wenn ich anstatt hier noch länger alleine wie eine Verrückte rumzustehen und zu zittern, endlich zusah, dass ich nach Hause und ins Bett kam.
Langsam setzte ich mich in Bewegung, schlang die Arme um meinen Körper, was nun wirklich keine große Wirkung zeigte und senkte den Blick auf die Straße, damit mir der Wind zumindest nicht direkt ins Gesicht wehte.
„Nun also wieder alleine‟, ertönte eine Stimme aus der Dunkelheit und ich erstarrte. Überrascht wandte ich mich um. Da war er. Derselbe Mann wie in der Bar. Nur diesmal bedrohlicher.
An ein Auto gelehnt stand er da, musterte mich von oben bis unten und trat dann langsam auf mich zu. Meine Blicke zuckten in alle Richtungen, aber nichts. Niemand war zu sehen. Verflucht! In dem Zustand war ich mir nämlich nicht mehr ganz so sicher, ob ich eine Konfrontation leicht überstand. Die mittlerweile drückenden Pumps erinnerten mich daran, dass Weglaufen wohl auch keine ganz so effektive Option war. Blieb also bloß der Kampf.
Ehe ich michs versah, stand er wieder direkt vor mir, packte meinen Arm und meine Faust landete noch bevor ich darüber hätte nachdenken können hart in seinem Gesicht. Ein Schmerz durchzuckte meine Finger bis ins Handgelenk. Adrenalin raste durch meinen Körper. Ich musste hier weg!
Der Mann taumelte ein paar Schritte zurück - der Startschuss für mich zu laufen. Doch bevor ich mich abwenden und meine Beine dazu zwingen konnte sich zu bewegen, schien das Gesicht des Mannes bleich zu werden, durchzogen von bläulichen Adern, die mit einem Mal hervortraten, und mitten aus seiner wutverzerrten Miene leuchteten zwei blutrote Augen.
Ach du... was zum Teufel ist das?!
Erschrocken wich ich mit weichen Knien zurück und stieß kurz darauf gegen etwas hartes, das mir den Weg versperrte. Was...war das...? Wie...? Es war dunkel, doch ich konnte mich unmöglich täuschen. Vor mir stand ein... ein Monster! Eines, das mich vermutlich töten würde. Und ich saß in der Falle.
Ein Schmerz flammte in meinem Arm auf, als mich seine Hand traf und seine Nägel meine Haut durchschnitten. Dann ein weiterer Schlag und mir wurde etwas schwarz vor Augen. Die Welt verschwamm und somit auch das Wesen vor mir. So war es doch oder? Die roten Augen, dieses bestialische Gesicht - ich hatte es mir trotz der Dunkelheit doch unmöglich einbilden können!
Er wird mich töten. Es wird mich töten. Das wurde mir nun schlagartig bewusst. Verzweifelt suchten meine Finger nach etwas, dass ich als Waffe benutzen hätte können. Doch ich griff bloß ins Leere. Da war nichts.
So würde ich also enden: Zerstückelt von einem Monster in einer dunklen Gasse. Eine wunderschöne Art zu sterben.
Doch es geschah...gar nichts. Da war nur ein wütendes Brüllen zu hören, ein kräftiger Mann zu sehen, der eine frappierende Ähnlichkeit mit Chase besaß und sich auf dieses Etwas stürzte, und all das zwischen hellen tanzenden Pünktchen. Ich wusste nicht, ob der Schwindel von dem Schlag gegen meinen Kopf herrührte oder ob mich dieses Monster gerade wirklich halb zu Tode erschreckt hatte. Ersteres wäre definitiv glorreicher gewesen, aber wen kümmerte das schon in diesem Moment?
Als erstes setzte mein Verstand irgendwann wieder ein. Chase! Er hatte mich gerettet, aber dieses...dieses Monster! Ging es ihm gut? Was wenn...?
Mein Körper benötigte ein wenig länger, doch nach einer Weile gelang es mir, mich wieder zu erheben, auf zitternden Beinen ein paar wankende Schritte zu tun und mich umzusehen. Doch da war nichts zu sehen. Eine verlassene Straße, kein Geräusch außer dem in der Ferne rauschenden Verkehr. Ich war alleine.
Unsicher hastete ich mit dem höchstmöglichen Tempo über den Asphalt, doch ich fand sie nicht. Beide. Weder dieses Monster, noch Chase. Nicht einmal Hinweise auf ihre Anwesenheit, so als wären sie nie da gewesen. Nur der Schmerz in meinem Körper erinnerte noch daran, was eben geschehen war.
Das...das konnte doch alles nicht sein, oder? Wurde ich verrückt? Hatte mir jemand irgendwelche verrückten Drogen in meinen Drink gemischt?
Noch eine Weile starrte ich in die Dunkelheit, doch die Straße blieb verlassen. Benommen nahm ich meinen Weg wieder auf mich, stieg ins nächstbeste Taxi und fuhr nach Hause. Verwirrt, ängstlich und nicht mehr sicher, woran ich glauben sollte.

***


Chase Graves lief unruhig in seinem Haus auf und ab. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Schon nach diesem langen Tag in die Hotelbar zurückzukehren war ein seltsamer Impuls gewesen, dem er nicht hätte folgen sollen. Und wieso das Ganze überhaupt? Weil er auf ein angenehmeres Wiedersehen mit Liv Moore gehofft hatte? Weil er seinem Haus und seinem Büro irgendwohin hatte entfliehen wollen? Er wusste es nicht und nun spielte es auch keine Rolle mehr.
Und dann diese Frau. Ein Mensch, das hatte er bei ihrer Begrüßung schon an ihrem Puls gefühlt. Beinahe hätte er es vergessen. Doch so etwas durfte man ganz einfach nicht vergessen! Wie hatte ihm das bloß passieren können? Seit wann verlor er jemals die Kontrolle über sich. Nie. Nicht einmal ein bisschen. Aber heute...
Jedoch war selbst das jetzt nicht mehr sein größtes Problem. Dieser Idiot hatte sie im Wutmodus angegriffen und ihr damit einen kleinen Einblick in eine Welt offenbart, von der niemand etwas erfahren durfte. Selbst sein Eingreifen kam vermutlich völlig zu spät, da war er sich sicher. Sie musste es gesehen haben.
Fragend blickte sein Hund zu ihm auf und legte den Kopf schief.
„Heute ist alles schiefgelaufen, Kumpel.‟ Nachdenklich und innerlich kochend kraulte er das flauschige Tier hinter den Ohren.
Als er sich um den Zombie gekümmert hatte, war Vivia nicht mehr hier gewesen. Er hatte keine Verletzungen an ihr erkennen können, bloß Schock und Angst, also ging es ihr mit Sicherheit gut und sie hatte nur die Flucht ergriffen. Doch, was würde sie mit dem tun, was sie gesehen hatte. Wenn sie etwas gesehen hatte, aber daran bestand kaum ein Zweifel. Chase griff sich ein Kristallglas und schenkte sich Whiskey ein, den er in einem Zug hinunter kippte. Sie hatte keine Beweise. Mit etwas Pech schloss sie sich bloß diesen Spinnern im Internet an, denen niemand bei normalem Verstand glaubte. Allerdings schätzte er sie nicht einmal so ein. Nein, dafür war sie nicht der Typ. Sie würde nachforschen...aber früher oder später würde sich all das vielleicht ohnehin erübrigen, wenn er tatsächlich genötigt wäre, die nächste Phase von Plan B einzuleiten. Dann würde es nicht nur sie, sondern ganz Seattle erfahren und es gäbe kein Zurück.
Unruhig fuhr er sich durchs Haar und atmete tief ein. Für solche Entscheidungen musste er klar bei verstand sein, noch etwas zur Ruhe kommen.
Erschöpft ließ er sich auf sein weiches Bett fallen, auf das ihm sein Hund sofort folgte, um sich neben ihm einzurollen. Sofort verdrängte Chase jegliche Gedanken, die nicht mit dem bevorstehenden Vorgehen von Fillmore-Graves zu tun hatten, so wie er es immer tat. So etwas konnte er sich jetzt nicht leisten, genauso wenig wie im Kugelhagel. Er musste bei klarem Verstand, ganz bei der Sache und ausgeruht sein. Und doch streifte ihn noch einer, bevor er langsam wegdämmerte. Wenn Vivia kein Mensch wäre, wäre sie jetzt vielleicht auch hier gewesen...
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