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Das Leben ist zu kurz für so viel Leid

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Berlin / Andrés
27.08.2020
06.09.2020
3
9.044
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27.08.2020 2.465
 
Als neue Menschen verließen die Geiselnehmer die Banknotendruckerei. Im Gepäck 2,4 Milliarden Euro und auf dem Weg in ein neues Leben. Doch auch Verluste hatten sie zu beklagen. Oslo war der erste, der von Geiseln so stark am Kopf verletzt wurde, dass er nur noch vor sich hin vegetierte und schließlich den Gnadentod  von Helsinki bekam. Und auch Moskau, der Vater von Denver musste die ewige Ruhe finden. Kurz vor dem Eindringen der Polizei wurde der Mann schwer bei einem Schusswechsel mit der Polizei verletzt. An den Schusswunden verstarb er schließlich. Die Flucht aus der Banknotendruckerei wäre jedoch nicht gelungen, wenn Berlin den Flüchtigen nicht noch die notwendige Zeit beschaffen hätte. Zusammen mit der Geisel Ariadna hatte er den Tunnel mit Waffen verteidigt, bis dieser gesprengt werden konnte. Der Bankräuber Andrés de Fonollosa war todkrank und hätte sowieso nur noch wenige Monate zu leben gehabt. Dies war vermutlich auch der Grund warum er sich schließlich von den Beamten erschießen ließ um einen, seiner Meinung nach, würdevollen Tod zu sterben. Doch war er das wirklich?



Die Brünette saß vor dem gefürchtetsten aller Geiselnehmer am Schreibtisch. Berlin. Der 49-jährige Bankräuber hatte sich die schüchterne und zerbrechliche Ariadna als Partnerin ausgesucht und wollte mit ihr durchbrennen.

"Ariadna" Er sah sie an und suchte nach ihrem Blickkontakt. "Ja, Señor Berlin" Ihr angsterfüllter Blick mied dem des Geiselnehmers. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Sie hatte das Gefühl es würde jeden Moment aus ihrem Brustkorb springen. „Du wunderschöne Ariadna“ Berlin stand auf und ging hinter ihren Stuhl. Bei jedem Schritt blieb ihr fast das Herz stehen. Als er hinter ihr stand und seinen Atem schon in ihrem Nacken spüren konnte, überzog sich ihr gesamter Körper mit Gänsehaut. Monica hatte er schon umbringen lassen und sie wollte nicht wissen was er mit ihr vor hatte. „Weißt du..“, meinte er mit tiefer Stimme zu ihr. Die Brünette starrte auf den leeren Stuhl vor sich. Sie wagte es nicht sich zu dem Geiselnehmer umzudrehen.

Ihr fiel es allgemein schwer Blickkontakt mit Menschen aufzunehmen. Das bereitete ihr immer unglaubliche Herzrasen. Die 28-jährige hatte ein großes Vertrauensproblem wegen ihrem Exfreund, der sie jahrelang misshandelt und geschlagen hatte. Als die beiden sich getrennt hatten, wollte sich Ariadna mehrere male das Leben nehmen.

Und nun? Nun war sie an ihrem Arbeitsplatz, der damals den einzig sicheren Ort für sie darstellte, da ihr Freund nicht dort war, als Geisel gefangen und bangte um ihr Leben. Bei jedem Atemzug den Berlin machte, wünschte sie Monica hätte sie damals einfach verbluten lassen.

„Wir haben hier Leute die für das Drucken zuständig sind. Und wir haben Leute die den Tunnel graben aus dem wir fliehen wollen. Doch was ist deine Aufgabe hier? Du bist genauso nötig wie es Monica war“ Als er Monica erwähnte zuckte Ariadna zusammen. Wie konnte er ihren Namen erwähnen nachdem er ihr das angetan hatte?

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und murmelte schon fast: „Ich könnte auch bei den Tunnelarbeiten helfen. Ich sehe zwar nicht stark aus, aber ich versuche mein bestes, Senor Berlin“ Sie atmete tief ein und hielt ihren Atem für einen Moment an. Der Geiselnehmer schwieg für eine ganze Weile. Ariadna beobachtete ihn im Augenwinkel. Als er sich schließlich wieder zu seinem Schreibtischstuhl bewegte, zuckte sie zusammen.

„Deine wunderschönen Hände wären eine Verschwendung für eine solche Arbeit“ Er kniff die Augen zusammen und knabberte an seinem Finger. Ariadna hatte dies schön öfters an ihm beobachtet. Sie beobachtete es immer in den Situationen, in denen er überlegte oder angespannt war. Ariadna hatte eine solche Angewohnheit nicht. Zumindest wusste sie nichts davon. Sicherlich tat er das auch unbewusst.

Ariadna musste eine ganze Weile überlegen, was sie ihm darauf antworten sollte. Sie wusste selbst nicht genau wie sie sonst bei dem Überfall eine Rolle spielen konnte, die wichtig war. Sie konnte einfach nicht mehr den gesamten Tag nur im Büro sitzen und darauf warten erschossen zu werden, wie Monica.

„Haben sie denn eine andere Idee, wie ich Ihnen behilflich sein kann?“ Zum ersten Mal während des gesamten Gespräches sah Ariadna dem Geiselnehmer in die Augen. Es waren nicht die Augen eines Killers. Seine Augen faszinierten Ariadna. Sie dachte er hätte die Augen eines Monsters. Doch seine traurigen und gebrochenen Augen erinnerten sie stark an ihre eigenen. Konnte es sein dass hinter dem harten, narzisstischen Geiselnehmer ein gebrochener Mann war?



Er musste alles hinter sich lassen. Selbst seinen eigenen Brüder. Damit sein Plan funktionieren konnte musste er diesen Schritt gehen. Er musste seinen Tod vortäuschen und seinen Bruder Sergio in dem Glauben gehen lassen, dass er wirklich von der Polizei erschossen wurde. Es zerbrach sein Herz, jedoch gab es keine andere Möglichkeit. Wenn sein Bruder gewusst hätte, dass er noch lebte hätte er seinen eigenen Plan und den seines Bruders ruiniert. Und das hätte Andres nicht zulassen können. Sergio war besser dran ohne ihn. Er würde sich sicher eine gewöhnliche Frau suchen und mit ihr zusammen eine Familie gründen. Obwohl… sein Bruder war ziemlich verkorkst. Ob er wohl eine abbekommen würde? Bei dem Gedanken musste de Fonollosa schmunzeln.

Der Überfall auf die spanische Banknotendruckerei in Madrid war nun knapp 1 Jahr her. Die Medienaufmerksamkeit, die dieser Überfall bekam, schien nicht weniger zu werden. Fast täglich berichteten noch tausende Sender über den legendärsten Überfall in der Geschichte. Sie wurden als Helden gefeiert. Sie waren die Robin Hoods der Neuzeit.

Von den anderen Räubern, seinen Kollegen, hatte Berlin nichts gehört. Sie waren vermutlich in Länder geflohen, in denen sie nicht ausliefern und lebten im Reichtum. Andres verschwendete nicht viele Gedanken an diese Menschen. Es war auch besser so. Sie dachten er sei verstorben und das sollte besser auch so bleiben.

Andres, eher bekannt als Berlin, hatte sich nicht außerhalb Europas abgesetzt, wie die anderen. Das war auch nicht notwendig, da der Staat dachte, dass sie ihn erledigt hatten. Er hatte sich an einen seiner Lieblingsort absetzt - das wunderschöne Italien.



Nach einem harten Arbeitstag kam Ariadna nach Hause. Sie hatte heute eine Doppelschicht in der Banknotendruckerei - der Ort an dem sie als Geisel gefangen wurde. Es war merkwürdig immer noch dort zu arbeiten, nachdem was dort passiert war. Nur die kleinste Veränderung dort verursachte bei Ariadna Panikattacken. Jedoch fiel es ihr in den letzten Tagen viel einfacher. Ariadna hatte monatelang auf einen Urlaub gesparrt, den sie sich wirklich verdient hatte. Sie wollte in ein Land reisen, das sie schon immer faszinierte - Italien. Die junge Frau war nicht gerne an Orten mit vielen Touristen. Sie sehnte sich nach etwas Ruhe nach den letzten Monaten, die ihr wirklich zuschaffen machten.

Nach reichlicherer Recherche ist sie auf einen eher unbekannten Ort  namens Pisciotta, in der Provinz Salerno in der Region Kampanien, gestoßen. Eine kleine Gemeinde am Meer. Dort gab es wenig Tourismus, also viel Ruhe. Und das konnte sie wirklich gebrauchen.

So organisiert wie sie war, hatte sie die letzten Tage schon ihre Koffer für den 2-wöchigen Aufenthalt gepackt und hatte nun nach dem stressigen Arbeitstag keinen Stress mehr mit Kofferpacken.

„Ich werde nicht abstürzen. Es landen viele Flugzeuge täglich sicher. Ein Autounfall ist viel wahrscheinlicher“, redete sich die Brünette im Flüstern ein. Sie hatte große Flugangst und obwohl sie schon Medikamente genommen hatte, hatte sie immer noch große Angst. In solchen Momenten wünschte sie sich, dass sie jemanden an ihrer Seite hätte, der ihre Hand hielt und ihr sagen würde dass alles gut werden wird.

Ariadna hatte lange keinen Freund mehr. Und der Typ für ONS war sie sicherlich auch nicht. Sie hatte immer noch den Traum von der großen Liebe, doch als alleinerziehende Mutter war das Datingleben nicht sonderlich einfach. Die meisten Kerle in ihrem Alter hatten kein Interesse schon in eine Vaterrolle zu schlüpfen oder hatten nur das eine im Kopf. Vom Onlinedating hielt sie auch nicht sonderlich viel. Sie besaß zwar ein iPhone, jedoch benutzte sie kaum soziale Medien. Ihr Leben spielte sich mehr im wirklichen Leben ab, was aber nicht heißt, dass sie nicht auch gerne in Fantasieleben eintaucht. Doch tut sie dies nicht durch ein Social-Media-Profil sondern durch Bücher. Sie liebte es Liebesromane zu lesen, die ihr Herz brachen. Es lenkte sie immer sehr gut ab und brachte sie auf andere Gedanken. Auch ihr Herz wurde gebrochen, zwar nur einmal, jedoch holte sie es immer wieder ein.



Es war ein Samstagmorgen. Der 49-jährige saß auf der Terrasse seiner umgebauten Ruine in Pisciotta, Italien. Er genoss den Blick auf das Meer, welches er von seiner Terrasse aus sehen konnte. Sein Satinpyjama schien in der Sonne und ließ in wie einen König wirken. Seine Augen sahen verschlafen aus. Er hatte mal wieder mit den Bewohnern der Gemeinde bis tief in die Nacht das Leben genossen und seinen eigenen Wein getrunken. Nur noch selten dachte er an seine Vergangenheit. Er hatte nur noch wenige Monate zu leben und wollte diese in vollen Zügen auskosten. Für ihn war es keine Option im Selbstmitleid zu versinken. Er wollte als glücklicher Mann sterben, dessen Lebensträume wahr wurden.

Andres hatte sich bewusst dazu entschieden, dass er sich in Italien ansiedelt. Vor dem Überfall hatte er auch schon in einem Kloster zusammen mit seiner Ehefrau Tatiana in Italien gelebt. Italien war für ihn der Ort der Kunst und der Mode. Nichts ging über einen maßgeschneiderten italienischen Anzug. Die Italiener hatten einfach Stil. Deswegen war auch für ihn von Anfang an klar, dass er sich dort hinbegeben würde um die letzten Monate die er noch hatte zu genießen. Andres blickte über seine Schulter. Hinter ihm befand sich sein eigenes Weingut. Er hatte sich einer seiner größten Wünsche erfüllt. Es hätte nicht besser für den Bankräuber laufen können.

„Senor Andres?“, hörte Berlin eine Stimme hinter sich. „Ja?“ Er drehte seinen Kopf zu der Person hinter sich um. Es war einer seiner Bediensteten, die mit ihm und den anderen Bediensteten zusammen in einer alten renovierten Villa am Meer lebten. Sie kochten für ihn und kümmerten sich um sein Weingut. Sie waren sehr friedliche Leute, die kaum etwas außerhalb des kleinen Örtchens kannten und deshalb auch nichts über seine Vergangenheit wussten. „Ihr Frühstück ist fertig. Darf ich sie zum Tisch begleiten?“ Andres runzelte seine Stirn und drehte sich zum Sonnenaufgang um. „Ich möchte heute außerhalb frühstücken. Aber vielen Dank, Nahia“ Er richtete sich auf und schenkte der 65-jährigen Dame ein Lächeln. Diese verbeugte sich vor ihm. „Ich wünsche Ihnen viel Spaß, Senor Andres.“



Ariadna wurde vom Licht der Sonne geweckt, die quer durch ihr Hotelzimmer schien. Sie blinzelte und richtete sich langsam auf. Die Sonnenstrahlen hinterließen eine angenehme Wärme auf ihren Wangen und ließen ihre Augen blau wie der Ozean leuchten. Sie stand nun auf und zog sich eines ihrer weißen Kleider an, die sie sich extra für den Urlaub besorgt hatte. Daraufhin schlüpfte sie in ihren braunen Sandaletten und band ihre Haare zu einem seitlichen geflochten Zopf zusammen. Der Fakt, dass sie sich alleine fertig machen konnte ohne dass zwei quengelnde Kinder auf sie warteten genoss sie sehr. Ohne Frage liebte sie die Zwillinge, jedoch waren die beiden auch sehr anstrengend und raubten ihr an manchen Tagen die letzte Kraft.



„Damals im Krieg hatten die führenden Positionen immer eine Prostituierte, die ihnen half den Kopf frei zu kriegen und sich abzulenken. Wann auch immer es ihnen danach war, gingen sie zu ihr und ließen sich bedienen.“ Berlins Worte wiederholten sich in Ariadnas Kopf immer und immer wieder. Wollte er mit ihr schlafen? Warum denn genau mit ihr? Was machte sie denn so besonders?

Sie schluckte und sah den Geiselnehmer mit großen Augen an. „Das könnte ich auch für sie machen, Senor Berlin!“

Er verengte seine Augen und runzelte die Stirn. Auf seinem Gesicht konnte man ein leichtes Grinsen erahnen. „Ich muss sagen, dass du mir auch schon aufgefallen bist, Ariadna. Du bist so wunderschön natürlich und zerbrechlich.“ Er sah der verängstigten Geisel direkt in die Augen und richtete sich auf. „Jedoch würde ich es niemals mit einer Frau tun, die es nicht aus freien Stücken tut.“ Berlin schenkte sich ein Glas Scotch ein und trank einen Schluck. „Ich kann Ihnen gerne zeigen wie große Lust ich habe, Senor Berlin.“

Berlin setzte sich auf einen der Stühle im Büro und sah zu der Brünette hoch. Diese kam auf ihn zu und nahm den Reißverschluss seines Overalls in die Hand. Langsam zog sie diesen nach unten. Der Geiselnehmer beobachtete sie genau dabei und biss sich auf seine Unterlippe. Ihm gefiel was sie vor hatte. Schließlich zog Ariadna seine Boxershorts ein wenig nach unten und nahm seinen Penis in die Hand. Sie nahm diesen in den Mund und leckte über seine Spitze. Andres legte seinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Ariadna nahm ihn nun in den Mund und bewegte ihren Kopf auf und ab. Berlins Hände fuhren durch ihre Haare und zogen leicht an ihnen, während ihre Bewegungen immer schneller wurden. Ein Stöhnen entkam von Berlins Lippen. Ariadnas Augen füllten sich mit Tränen, jedoch machte sie weiter. Sie wollte nicht, dass er bemerkt, wie angewidert sie von ihm war. Das hier war wohlmöglich ihre einzige Rettung.



Sie hatte sich ein Café in der Innenstadt ausgesucht, dass im Internet als sehr gemütlich und einladend beschrieben wurde. Genau das was sie suchte. Sie sah sich die umliegenden Straßen an und sah dass das Café nur einige Straßen entfernt war. Perfekt!

Ariadna nahm nun ihre Handtasche und verließ das Hotel. Ihr Hotelzimmer befand sich direkt am Strand und war am Rande der Gemeinde. Ihr Handy hatte nicht genug Akku, deshalb konnte sie durch Google Maps leider nicht herausfinden wie sie laufen musste. Die Stadt kann doch nicht so groß sein, dass sie nicht einmal ein einfaches Café findet. Es war doch nur einige Straßen entfernt gewesen Oder? Ratlos ging Ariadna durch sämtliche Straßen und versuchte sich an Straßennamen zu erinnern, die sie vor ein paar Minuten am Computer gelesen hatte. Doch falsch gedacht. Ariadna stand irgendwo im nirgendwo mitten in der Innenstadt. An ihr liefen zahlreiche Menschen vorbei, die alle sehr freundlich, aber auch sehr beschäftigt aussahen. Ariadna traute sich nicht einen der Menschen nach dem Weg zu fragen. Irgendwie musste sie doch zu dem Café kommen.

Sie lief in die nächste Gasse und sah sich die Gegend an. Hier sah es nicht danach aus, als wäre ein Café um die Ecke. Die Straßennamen sagten ihr ebenfalls nicht. Es erinnerte sie dort mehr an eine Wohnsiedlung mit Familien und vielen kleinen Kindern. Diese gab es in Spanien auch.

„Entschuldigen Sie“, sagte die schüchterne Brünette zu einem Mann der an ihr vorbei lief. Der Mann trug einen weißen Strandhut mit einer schwarzen Schleife darum. Dazu ein weißes sehr edel wirkendes Hemd und eine grüne Satinanzughose.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Senora?“ Er drehte sich zu der Brünette um. In diesem Moment konnte sie sein Gesicht erkennen. Es war Andres de Fonollosa. Ihr totgeglaubter Geiselnehmer. Berlin war am Leben.
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