100 Words to Say 'I Love You'

GeschichteRomanze / P18 Slash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
27.08.2020
01.10.2020
11
47.106
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Dieses Kapitel
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27.08.2020 3.585
 
Vorwort:

Hallo ihr Lieben,

es ist Sommer, es ist heiß und eigentlich schreiben wir an einer längeren Story (Details werden noch nicht verraten). Doch dann wollten wir plötzlich Smut schreiben - und zwar gleich und ohne großes Trara. Dazu hat sich eine Schnapsidee gesellt, nämlich 100 Wörter zu schreiben und den Staffelstab dann an die andere zu übergeben. Egal, ob man sich mitten in einem Satz befindet und eigentlich gerade weitermachen will, weil es so gut läuft. 100 Wörter und mehr nicht.
Herausgekommen ist “100 Words to Say ‘I Love You’”. Eine kleine, feine, heiße Sommerromanze, von der man sich wie nebenbei berieseln lassen kann, passend zu den Temperaturen.

Wir wünschen euch viel Spaß und freuen uns auf Feedback :)

LG
kirin und Belladonna



100 Words to Say ‘I Love You’

#01

John wandte der Sonne sein Gesicht zu und streckte sich genüsslich. Die Aussicht von der Veranda ihres Hotelzimmers war phänomenal. So weit man schauen konnte weißer Sandstrand und türkisfarbenes Meer. Er hätte nie gedacht, dass sie für einen Fall einmal bis nach Thailand reisen würden, geschweige denn, dass Sherlock bereit sein würde, ein paar Tage länger zu bleiben.

Wieder einmal hatte sich Sherlock mit seinen Deduktionen selbst übertroffen und die gestohlenen Gemälde ihres Auftraggebers gefunden, noch ehe dieser alle bekannten Fakten aufgezählt hatte. Zum Dank hatte er ihnen angeboten, die restliche Zeit ihres Aufenthalts – ganze fünf Tage! – in diesem himmlischen Resort auf Koh Samui zu verbringen.

Das exklusive Hotel bestand lediglich aus einer Handvoll Hütten, die perlenschnurartig nebeneinander aufgereiht waren, so dass jedes Zimmer einen direkten Blick auf den Strand hatte. Außerdem gab es ein hölzernes Haupthaus, in dem unter anderem die Rezeption sowie der Frühstückbereich untergebracht waren und ein kleines, aber sehr feines Restaurant, das auf frischen Fisch und örtliche Köstlichkeiten spezialisiert war.  

Selbst hätte John sich solch einen Aufenthalt vermutlich nicht leisten können. Nicht einmal seine Hochzeitsreise mit Mary war an ein annähernd so schönes Fleckchen Erde gegangen. Glücklicherweise war dieses Kapitel seines Lebens längst abgeschlossen. Sherlocks Begleitung war ihm um ein Vielfaches willkommener.

Der einzige Nachteil war, dass sie sich eine Hütte teilen mussten, da das Hotel ansonsten ausgebucht war. John war nicht sicher, wie er das alles finden sollte. Zwar war es nicht das erste Mal, dass er während eines Falls ein Zimmer mit Sherlock bezog, aber es war selten ein Vergnügen. Entweder Sherlock schlief gar nicht und arbeitete stattdessen oder John wälzte sich nachts von einer Seite auf die andere, weil ihn wirre Gedanken plagten.

Dieses Hotel war offenbar auf Hochzeitsreisen eingestellt, so dass es John nicht verwunderte, nur ein Bett vorzufinden, das nahe dem Panoramafenster stand und einen Blick auf das azurblaue Meer bot. Egal ob man morgens aufstand oder nachts schlafen ging – stets konnte man sich dem Anblick von Ebbe und Flut und dem Kräuseln der Andamanensee, deren Wasser sich in sanften Wellen am Strand brach, hingeben. Wobei man sich in dieser Örtlichkeit vermutlich gänzlich anderen Dingen hingab.

Alles in diesem Resort war auf romantischen Paarurlaub ausgelegt, damit sich Verliebte eine unvergessliche Auszeit nehmen konnten. Sogar die Dusche war spektakulär. Groß genug für zwei Personen befand sie sich in einem gläsernen Kubus mit Aussicht auf den tropischen Garten hinter dem Schlafzimmer. Wie sollte John in dieser Umgebung nur schlafen, geschweige denn entspannen? Sie würden Mittel und Wege finden müssen, sich gegenseitig ein wenig Privatsphäre zu ermöglichen, die dieses Hotel überhaupt nicht vorsah.

Seufzend ging John ins Innere und fand Sherlock, der im Schneidersitz auf einem Korbsessel thronte und einen Prospekt las. Er trug ein kurzärmliges Hemd, weiße Leinenhosen und war barfuß, die ledernen Sandalen lagen auf dem Steinboden. Ein solches Outfit hätte sich John an Sherlock nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorstellen können. Es war perfekt bei der drückenden Hitze, ganz anders als die Anzüge, die Sherlock sonst trug.

John betrachtete das Mückennetz, das um das Bett hing und strich sacht mit den Fingern darüber. Nachts würden sie es von den hölzernen Balken lösen und wie Vorhänge vor das Bett ziehen. Ein schützender Kokon vor Insekten, doch John konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie damit ein sicheres Eiland vor der Außenwelt schaffen könnten. Mit einem Kopfschütteln wischte er die albernen Gedanken beiseite und wandte sich an Sherlock.

“Was liest du da?”

“Angebote des Hotels. Bootsausflüge, private Dinner in der Bucht, Massagen… Das Übliche. Heute veranstalten sie ein Barbecue am Strand. Wir könnten hingehen, sofern du Hunger hast?”

Solch eine Frage war für Sherlock eher ungewöhnlich. Normalerweise kümmerte er sich nicht um die Bedürfnisse anderer, auch wenn John wohl als Einziger auch andere Seiten von Sherlock kennengelernt hatte.

“Ich verhungere, Barbecue klingt hervorragend.”

“Dann ist es beschlossen”, sagte Sherlock, entfaltete seine langen Beine und schlüpfte in die Sandalen. “Im Anschluss können wir den Strand entlang spazieren, uns den Sonnenuntergang anschauen.”

John lachte leise. “Das hört sich romantisch an.”

“Ja?” Sherlock zuckte mit den Achseln und wandte sich der Tür zu. “Wenn man bedenkt, dass wir uns heute Nacht das Bett teilen werden…“ Sherlock klappte den Mund zu und zog nachdenklich die Brauen zusammen.

“Dann?”, fragte John vorsichtig. Hitze zog in seinen Bauch und sorgte für ein aufgeregtes Kribbeln ins seinem Magen. Meinte Sherlock, was er implizierte?

“Ich hoffe einfach, dass du müde bist und dich wegen der Zeitverschiebung nicht ständig von links nach rechts wälzt. Frische Luft und ein wenig Bewegung schaden da sicherlich nicht. Das ist alles.” Mit diesen Worten wandte sich Sherlock ab, schnappte die Schlüsselkarte vom Sideboard und beeilte sich aus dem Zimmer zu kommen.

“Idiot”, murmelte John – eine automatische Reaktion, wenn sich Sherlock mal wieder unhöflich verhielt. Sherlocks Antwort war typisch, nichtsdestotrotz glaubte John, eine sanfte Röte auf Sherlocks Wangen gesehen zu haben.

*

Mehrere lange Barbecuegrills standen gegenüber eines reichhaltigen Buffets mit verschiedenen Gemüsebeilagen und Reis in wärmenden Behältern. Auf einem weiteren Tisch stand eine Auswahl diverser thailändischer Süßspeisen und Obst. Es hatten sich bereits einige Hotelgäste eingefunden, die vor den verschiedenen Tischen Schlange standen und sich ihr Essen auf die bereitgestellten Teller häuften.

John wählte gegrillten Seehecht, etwas Reis und eine scharf wirkende Currysoße. Mit Besteck für sich und Sherlock sowie Servietten setzte er sich an einen leeren Tisch und beobachtete, wie Sherlock zwei Flaschen Wasser auf sein Tablett stellte, ehe er sich John anschloss. Als John die farbenfrohe Auswahl an Cocktails entdeckte, die an einer Bar frisch gemixt wurden, erhob er sich ein weiteres Mal. Auf dem Weg zur Bar passierte er Sherlock und zeigte mit dem Daumen auf die zwei einsamen Wasserflaschen auf dem sonst leeren Tablett.

“Tu uns beiden einen Gefallen und hol dir auch etwas zu essen. Der Fall ist gelöst, wir sind im Paradies – und das umsonst. Heute wird mit Cocktails gefeiert.”

Ohne eine Antwort abzuwarten, trat John an die Bar und überflog das Angebot, das auf eine große Schiefertafel geschrieben war. Viele der Mixgetränke hatten exotische beziehungsweise romantisierte Namen wie Lovebirds, Island Temptation oder Rendezvous. Eines stand fest: was auch immer er für eine Auswahl traf, Sherlock würde sich über ihn lustig machen, darauf war John gefasst. Daher beschloss John, sich den Abend nicht schon jetzt verderben zu lassen.

Er sah sich die Zutaten an und entschied sich für einen Cocktail mit Tequila, während er für Sherlock einen mit Gin wählte. Nachdem er seine Bestellung aufgegeben hatte, sah er der Barkeeperin neugierig dabei zu, wie sie die Drinks zusammenstellte und sie mit Limette (Sherlock) und Minze (John) dekorierte.

“Was ist das für einer?”, fragte Sherlock, als John die beiden Gläser auf den Tisch stellte und sich setzte.

“Ach, keine Ahnung, ich hab nicht auf die Namen geachtet”, sagte John ausweichend.

Er nahm seinen Cocktail, einen Romantic Sunrise, und saugte einen kräftigen Schluck durch den Strohhalm. Die harmonische Komposition aus verschiedenen eiskalten Fruchtsäften und Alkohol schmeckte hervorragend – und gefährlich nach mehr. Auch Sherlock trank aus seinem Glas und nickte zufrieden, bevor er sich dem gegrillten Fisch auf seinem Teller widmete.

Nachdem sie das Essen beendet hatten, organisierte Sherlock zwei neue Cocktails.

Gin-ger Nuts? Wirklich, John?”

Lachend zuckte John mit den Schultern und nickte in Richtung des beiden Drinks. “Und was ist das?”

“Ein Passionate Lover und ein Kiss Me Tender, aber ich verrate nicht, welcher was ist.”

“Ich bin mit beidem einverstanden”, sagte John schmunzelnd und griff nach einem der Gläser. Er streckte die Beine unter dem Tisch aus, trank einen Schluck und ließ den Blick über den weißen Sandstrand schweifen. “Es ist wunderschön hier…”

“Hm”, stimmte Sherlock zu. Als John zu ihm sah, bemerkte er, wie Sherlock den Blick eilig von ihm abwandte. Hatte Sherlock ihn beobachtet? Versuchte er irgendetwas zu deduzieren, dessen sich John selbst nicht bewusst war? Sollte er nur machen, John hatte nichts zu verheimlichen. Er wollte diese einmalige Gelegenheit nutzen und sich hier entspannen, Sonne tanken und ein paar Tage die Seele baumeln lassen.

Vermutlich sollte er sich glücklich schätzen, wenn sich Sherlocks Aufmerksamkeit – zumindest vorläufig – auf ihn konzentrierte. Die Alternative war, dass Sherlock sich innerhalb kürzester Zeit zu Tode langweilte und dazu überging, Hotelgäste und Angestellte mit seinen messerscharfen Deduktionen zu terrorisieren. Nichts worauf John erpicht war. Selbst wenn Sherlock sich diesmal mit seiner Arbeit selbst übertroffen hatte.

“Du warst wirklich unglaublich heute. Kaum haben wir das Flugzeug verlassen, hattest du die Gemälde auch schon gefunden. Vermutlich hättest du den Fall zu Hause vom Sofa lösen können.”

“Hm”, machte Sherlock erneut. “Ich dachte, ein wenig Urlaub könnte uns beiden guttun…”

“Warte? Ernsthaft?”

Mit einem halbseitigen Grinsen leerte Sherlock sein Glas und stellte es auf den Tisch. “Wir sind noch nie zusammen in den Urlaub gefahren, außerhalb eines Falls, meine ich.”

“Das ist wahr”, sagte John lachend. “Ich hätte nicht gedacht, dass du das wollen würdest. Sherlock Holmes ganz ohne seine geliebte Arbeit? Kaum zu glauben.”

Sherlock zuckte mit den Achseln, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und überschlug die Beine. Sein Blick war etwas glasig nach den potenten Cocktails, war er es doch nicht gewohnt, viel zu trinken. Ein weiterer Drink und der Abend wäre vermutlich gelaufen.

“Die Sonne geht bereits unter, lass uns spazieren gehen”, sagte John, bevor er der kleinen gemeinen Stimme in seinem Hinterkopf nachgab, die ihn aufforderte, zur Abwechslung mal derjenige zu sein, der ein Experiment startete und Sherlock abfüllte. Auch wenn ein Teil von ihm überaus neugierig war, wie sich so ein Abend wohl entwickeln würde.

Das erste – und letzte – Mal, dass er Sherlock betrunken erlebt hatte, war an seinem eigenen Junggesellenabschied gewesen. Kein Anlass, an den er heute gern zurückdachte, nachdem was alles im Anschluss geschehen war. Außerdem war John selbst nicht mehr nüchtern gewesen und konnte sich nur noch bruchstückhaft an den Abend erinnern. Lediglich die gegenseitige Anziehung (nichts Neues) und der Anblick eines äußerst aparten Hinterns, der in die Luft gestreckt wurde, als Sherlock auf dem Boden nach Spuren suchte, waren in Johns Gedächtnis hängen geblieben.

“Also gut”, sagte Sherlock und stand auf, schwankte dabei ein bisschen.

“Woah, woah, hier, trink etwas Wasser, ja?” John streckte eine helfende Hand nach Sherlock aus, um ihn zu stützen, reichte ihm eine der beiden Wasserflaschen und nahm die zweite an sich. Ein Hauch Röte hatte sich auf Sherlocks Jochbeine gelegt, aber es war nicht zu erkennen, ob er vom Alkohol oder der Scham herrührte.

“‘s okay”, murmelte Sherlock und trank.

Johns Hand in Sherlocks Kreuz schien ein Eigenleben zu führen, als sie zunächst beruhigend über den Rücken strich und dann über die Schulter zum Bizeps wanderte und dort Sherlocks Oberarm umfasste.

“Wird es gehen oder möchtest du lieber zurück aufs Zimmer und dich hinlegen? Du hast seit Stunden nicht geschlafen und…”

Sherlock leerte den halben Liter Wasser mit großen Schlucken, wischte sich mit dem Handrücken nachlässig über den Mund und schüttelte energisch den Kopf. “Sei nicht albern, John. Komm, der Sonnenuntergang wartet nicht auf uns.”

Trotz dieser Worte machte Sherlock keine Anstalten, sich von der Stelle zu rühren. Stattdessen starrte er auf Johns Hand, die ihn immer noch festhielt, als hätte er sie erst jetzt bemerkt. Widerstrebend ließ John sie sinken und lächelte stattdessen unverbindlich. Er trat von der Terrasse in den warmen Sand und sah über seine Schulter zu Sherlock, um sich zu vergewissern, dass er ihm folgte.

Sherlock leckte sich über die Unterlippe, ohne seinen Blick von John abzuwenden. Bevor er ebenfalls den Sand betrat, streifte er die Sandalen ab, ließ sie einfach dort liegen.

Der Himmel war mittlerweile von einem Rotorange durchzogen, erste Sterne funkelten am Firmament. Es war noch immer unglaublich schwül, kühlte jedoch langsam ab. Einige Paare liefen Arm in Arm zum Wasser oder saßen in großen Abständen zu anderen Gästen am Strand und warteten auf den Sonnenuntergang.

“Lass uns in diese Richtung gehen”, sagte Sherlock, nachdem er zu John aufgeschlossen hatte. “Weg von den anderen Paaren.”

Andere Paare…

Waren sie ein Paar? Was zeichnete Paare überhaupt aus? Sie waren beste Freunde, Kollegen und Mitbewohner. Dass Menschen in ihrem Umfeld implizierten, er und Sherlock führten eine Liebesbeziehung, war nichts Neues. Jedoch hatte Sherlock bislang nie vermittelt, dass zwischen ihnen mehr sein könnte. Und doch hatte er heute bereits mehr als eine romantisch gelagerte Andeutung gemacht, die John zum Nachdenken brachte.

Was er für Sherlock empfand, hatte er lange nicht in Worte fassen können. Die Aussicht darauf, sein Herz auszuschütten und es im nächsten Moment durch einen harschen Kommentar brechen zu spüren, war etwas, das John zutiefst verunsicherte. Demgegenüber stand die Vorstellung, Sherlock könnte seine Gefühle erwidern. Nach allem, was sie in den letzten Jahren erlebt hatten; nach allem, was sie füreinander getan hatten, erschien es nicht mehr ganz so abwegig.

Und dennoch…

“Ich kann dich denken hören, es nervt”, brummte Sherlock und griff nach Johns Flasche.

John kicherte. “Entscheide dich endlich! Mal denke ich dir nicht genug, nun nervt es. Mache ich überhaupt etwas richtig?”

“Du verwirrst mich…”

Überrascht blieb John stehen. Sein Kommentar war lediglich als neckende Frotzelei gemeint. Er hatte nicht mit der Ernsthaftigkeit in Sherlocks Stimme gerechnet.

Noch bevor John etwas erwidern konnte, wandte sich Sherlock dem Ozean zu, ließ sich achtlos in den Sand fallen und zog John am Arm mit sich, so dass er ungelenk neben ihn plumpste.  

“Lass uns den Sonnenuntergang ansehen. Dafür sind wir schließlich hergekommen.”

Die Sonne hatte sich inzwischen zu einem feuerroten Ball verwandelt, der am Horizont direkt über der Wasserlinie stand und kurz davor war, dahinter zu verschwinden.

“Wieso verwirre ich dich, Sherlock?”

Sherlock zog die Beine an und umschlang sie mit den Armen. Er sagte eine Weile nichts, starrte einfach nur aufs Meer. Dann ergriff er wieder das Wort, ohne sich John zuzuwenden: “Wusstest du, dass Pinguine ein Leben lang bei ihren Partnern bleiben?”

Überrascht drehte sich John zu Sherlock. “Äh… ja, das ist mir bekannt. Wie… wie kommst du jetzt darauf?”

Für einen Augenblick sah es so aus, als wollte Sherlock etwas erwidern, doch dann ließ er den Kopf hängen, schüttelte ihn ein wenig. “Ich weiß auch nicht. Ich…” Er schluckte schwer. “Ich bin froh, dass wir hier sind. Nur wir beide, fernab vom Alltag.”

“Wenn ich gewusst hätte, dass du so dringend Urlaub brauchst, dann…” John unterbrach sich. Jetzt war nicht die Zeit, mit seinem antrainierten zynischen Schutzmechanismus zu reagieren. Stattdessen drückte er seinen Oberarm gegen Sherlocks und lehnte sich sacht gegen ihn. “Was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich auch froh bin, mit dir hier zu sein. Um ehrlich zu sein, es gibt niemandem, mit dem ich lieber hier wäre.”

Aus dem Augenwinkel sah er, wie ein Lächeln an Sherlocks Mundwinkel zog. Sollte er mehr sagen oder noch mutiger sein und gar nach Sherlocks Hand greifen? Sein Herz machte einen Satz, als Sherlock sich zu ihm drehte, eine Hand in den Sand stützte und sich John entgegenlehnte.

“John…”, raunte Sherlock in einem Tonfall, der eine Gänsehaut über Johns Arme schickte.

Sie waren sich so nah. Wollte er…? War der Zeitpunkt gekommen, dass…?

“Sag mir, was dir auf dem Herzen liegt…”

Persönliche Distanz war nicht mehr als eine vage Vorstellung zwischen ihnen. Sherlock war ihm so nah, dass John glaubte, die Wärme seiner Haut zu spüren. Sollte er ihm auf halbem Weg entgegenkommen, ihn küssen?

“Ich muss… pinkeln. Dringend”, sagte Sherlock und schnellte in die Höhe.

“Moment, was?” Verdattert sah John Sherlock hinterher und nahm die zurückgelassene Wasserflasche aus dem Sand. Er beäugte sie missmutig, als wäre sie für den zerstörten Moment verantwortlich. “Tschüss, Sonnenuntergang. Wir versuchen es morgen nochmal”, seufzte er mit einem wehmütigen Blick aufs Meer, bevor er sich aufrappelte und Sherlock folgte.

John beobachtete aus der Entfernung, wie Sherlock in Richtung der Hütten eilte und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. In einem gemächlichen Tempo schlenderte er über den Strand, sowohl um Sherlock ein wenig Privatsphäre zu geben als auch um seinen hektisch pochenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen.  

Ob er die Situation fehlinterpretiert hatte? Zumindest wusste er nun, dass seine Anwesenheit Sherlock wichtig war. Das war immerhin etwas. John warf die leere Flasche in einen Container und legte die letzten Meter zu ihrer Hütte zurück. Dort angekommen, zog er seine Slipper aus und klopfte den Sand von ihnen ab. Morgen würden sie nach Sherlocks Sandalen suchen müssen.

Nach der Hitze des Tages sehnte sich John nach einer Dusche, aber dem leisen Plätschern nach zu urteilen, war Sherlock noch immer im Bad. John schaltete das Radio an und suchte nach einem englischsprachigen Sender, um die Nachrichten – oder zumindest ein wenig Musik – zu hören. Keinesfalls wollte er Sherlock auf die Idee bringen, er würde ihm beim Toilettengang belauschen.

Warum John plötzlich so gehemmt war, konnte er sich selbst nicht erklären. Immerhin teilten sie sich bereits seit Jahren ein gemeinsames Badezimmer und hatten mehr als einmal zusammen im selben Zimmer übernachten müssen.

Aber keines davon war eine verfluchte Honeymoon Suite, unkte eine spöttische Stimme in seinem Hinterkopf.

Zur Ablenkung griff er nach seiner Reisetasche und begann, seine wenigen Kleidungsstücke in den Schrank zu hängen. Den Geräuschen nach zu urteilen, war Sherlock inzwischen unter die Dusche gestiegen. Ungebeten stahlen sich Gedanken von nackter Haut in einem Glaskubus, beschlagen von Wasserdampf, in seine Vorstellung. Unzählige Tropfen, die Richtung Boden perlten. Hitze. Der Duft von teurem Duschgel. Ein verschmitztes Lächeln, eine Hand, die ihn heranwinkte…

“Das Bad ist frei.”

John fuhr ertappt herum, spürte seine Wangen glühen. “Oh! Ähm… ja, gut… danke.” Er griff nach einem Paar Shorts sowie einem T-Shirt für die Nacht und eilte an Sherlock vorbei. Die schwüle Luft schlug ihm entgegen wie eine Wand. Er entkleidete sich hastig, tappte unter die Dusche und zwang seine unzüchtigen Gedanken zurück in die dunkle Ecke, aus der sie gekommen waren.

Das Wasser war die reinste Wohltat und half seinen verkrampften Muskeln zu entspannen. Aufgrund der allseitigen bodentiefen Glasfronten, die nach draußen in den Garten verbaut waren, hätte man meinen können, direkt im Dschungel zu stehen. Seufzend legte er den Kopf in den Nacken und ließ das Wasser aus der imposanten Regenwalddusche direkt auf sein Gesicht prasseln.

Obwohl John nicht prüde war und beim Militär ständig in Mannschaftsunterkünften geduscht hatte, hatte es etwas Verruchtes, sich hier zu waschen. Konnte ihn wirklich niemand dabei beobachten, wie er sich mit dem nach Zitrusfrüchten duftenden Hotelduschgel den Körper einseifte? Wie er über seinen Brustkorb, seinen Hintern, seinen Penis strich? Wie seine Hand länger dort verweilte und die Vorhaut sanft über die Eichel schob?

Sein Glied wurde hart, ein wohliges Kribbeln zog durch ihn hindurch. Wenn jetzt jemand – Sherlock – im Garten auftauchen, ihn sehen würde… John würde nicht aufhören, sich zu berühren. Ihre Blicke würden sich begegnen, aber nur kurz, weil das eigentliche Schauspiel weiter südlich stattfand.

Wäre Sherlock schockiert und würde sich abwenden? Oder würde er zusehen, womöglich Johns Gedankengänge deduzieren? Fände er es vielleicht sogar erregend?

Fuck… was stimmt nicht mit mir?

John hatte den Punkt der Rückkehr bereits überschritten. Sein Körper verlangte nach Erlösung. Er stieß in seine Faust und folgte einem immer brutaleren Rhythmus. Mit der freien Hand strich er über seine Nippel, seinen Bauch und wanderte hinunter an seinen Hoden.

Wäre es verwerflich, wenn er sich vorstellte, Sherlock hätte etwas im Badezimmer vergessen und würde jetzt zurückkommen? Würde er es abstoßend finden, wenn er John dabei ertappte, wie er seine harte Erektion rieb und mit den Fingerkuppen der anderen Hand seinen Anus touchierte?

Konnte Sherlock ihn hören? Sicherlich wusste er bereits, was John hier drin trieb. Er war schon viel zu lange verschwunden. Ob es Sherlock erregte? Vielleicht lag er jetzt auf dem Bett und zog das Handtuch von seinem nackten Körper, strich über seine erhitzte Haut. Stellte sich John unter der Dusche vor und…

John biss sich in die Unterlippe, als ihn der Orgasmus überkam. Keuchend lehnte er seine Stirn gegen das Glas und wusch die Spuren des Ergusses von seinem Körper und den Fliesen. Er stellte das Wasser ab, räusperte sich und griff nach dem bereitliegenden Handtuch. Nachdem er sich abgetrocknet und angezogen hatte, putzte er sich die Zähne und ging zurück in das andere Zimmer.

Natürlich war Sherlock weder nackt, noch lechzte er nach Johns Rückkehr. Er lag im Bett, hatte John den Rücken zugedreht und schien bereits zu schlafen. Zumindest ließ das ruhige Heben und Senken der Schulter, die unter dem dünnen Laken hervor lugte, darauf schließen.

Kurz haderte John mit sich, ob er sich nach draußen auf die Veranda setzen oder für einen Absacker an die Bar gehen sollte. Allerdings hatte er kein Bedürfnis die dank der Klimaanlage angenehme Kühle des Raums gegen die tropisch schwüle Abendluft zu tauschen. Außerdem überkam ihn allmählich eine bleierne Müdigkeit. Die Reise war lang und anstrengend gewesen und der Orgasmus hatte sein Übriges beigetragen.

Er lupfte das Laken, ließ seinen Blick nur für einen kurzen Moment über Sherlocks Gestalt wandern und drehte sich dann auf die andere Seite. Es dauerte lange, ehe er in einen unruhigen Schlaf fiel.

+++

tbc
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