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Dreizehn Mädchen

von Nynaeve
GeschichteThriller, Übernatürlich / P16
25.08.2020
26.11.2020
19
44.581
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21.11.2020 1.805
 
In meinem Kopf pochte es, als ich erwachte, aber das eklige, pelzige Gefühl in meinem Mund war viel schlimmer. Ich richtete mich leise ächzend auf und öffnete vorsichtig die Augen. Mein Zimmer war abgedunkelt, vermutlich hatte meine Mutter meine Jalousien heruntergelassen. Einen Moment blieb ich auf der Bettkante sitzen, dann erhob ich mich, weil ich mir den Mund ausspülen wollte und auch dringend auf Toilette musste. Von Vino war zur Abwechslung nichts zu sehen, vermutlich hatte ich ihm zu sehr nach Alkohol gestunken, als ich in der Nacht vom Abiball zurückgekehrt war.

Der Gedanke an den Abiball brachte auch die Erinnerung an den Angriff – den vermeintlichen Angriff, korrigierte ich mich in Gedanken selbst – zurück. Wahrscheinlich war ich wirklich nur von einer blöden Fledermaus angeflogen worden und hatte bei dem unerwarteten Treffer das Gleichgewicht verloren. Oder ich hatte mir nur eingebildet, berührt worden zu sein. Vielleicht hatte ich einen Muskelkrampf oder sowas bekommen. Und da wurde ich so hysterisch. Himmel, das war echt peinlich.

Abgeschminkt hatte ich mich auch nicht, stellte ich fest, als ich in den Spiegel im Bad blickte. Mein Augen-Make-Up war völlig verschmiert und auch mein Lippenstift hatte sich irgendwann verabschiedet. Entweder schon auf der Party oder ich fand ihn gleich auf meinem Kissenbezug wieder. Kichernd benutzte ich erst einmal die Toilette, bevor ich schließlich meine Zähne putzte und anschließend unter die Dusche stieg.

Wenigstens hatte ich in der Nacht noch daran gedacht mein Kleid auszuziehen. Himmel, wo waren meine Schuhe? Dunkel erinnerte ich mich, dass ich sie ausgezogen und unter einer Bank abgestellt hatte. Da standen sie vermutlich immer noch oder waren mittlerweile gefunden worden. Jedenfalls konnte ich mich nicht erinnern sie wieder mitgenommen zu haben, als ich mit Rabia in das Taxi gestiegen war.

Vielleicht sollte ich nachher einmal in dem Lokal anrufen und fragen, ob ein Paar Schuhe gefunden worden waren und ich sie abholen konnte. Nachdenklich wusch ich mir das Shampoo aus den Haaren und rollte dabei meine Schultern. Das Erlebte ließ mich einfach nicht los. Es konnte natürlich Einbildung gewesen sein, immerhin war ich betrunken gewesen.

Andererseits war ich nicht betrunken genug für einen Filmriss und ich hatte mir bisher auch nichts eingebildet, wenn ich betrunken war. Sicher, Dinge hatten sich bewegt und geschwankt, aber ich hatte noch nie etwas wie letzte Nacht erlebt.

Schaudernd stieg ich aus der Dusche und trocknete mich ab. Ich wollte einfach nicht daran denken, dass mich womöglich tatsächlich jemand angegriffen hatte. Jemand Fremdes. Jemand, der nicht wollte, dass ich schnüffelte. Kiras Mörder.

Für einen Moment stand ich still da, das Handtuch gegen meine Brust gepresst und die Hände in den flauschigen Stoff gekrallt. Konnte es sein? Von irgendwem kam immerhin dieser Zettel und ich konnte mir niemand anderen als Kiras Mörder vorstellen, der mir drohte. Mareike und mir.

Unwillkürlich fragte ich mich, ob es ihr gut ging. Sie suchte schon seit Jahren nach dem Mörder ihrer Schwester, vielleicht war es die gleiche Person, die auch Kira getötet hatte. Warum trat der Kerl jetzt in Erscheinung? Zumindest hatte Mareike mir nichts davon erzählt, dass sie früher schon bedroht worden wäre.

Hatte sie vielleicht geschwiegen, um mich nicht zu beunruhigen? Nachdenklich hing ich mein Handtuch weg und zog mich langsam an. Ich fühlte mich träge. Am besten ich legte mich wieder hin, sobald ich etwas gegessen hatte.

Die Küche war leer, als ich sie betrat, aber auf dem Tisch stand eine Kaffeekanne, an der ein Zettel lehnte. Ich nahm ihm und zog die Nase kraus. Meine Mutter war mit Lena zum Shoppen gefahren, mein Vater half einem Freund beim Ausbau seines Dachbodens. Letzteres hatte ich gewusst, also waren das keine wirklich neuen Nachrichten.

Ein Blick in den Kühlschrank verriet mir, dass mir nach nichts da drin war. In der Tiefkühltruhe gab es Pizza, Fisch und Frühlingsrollen, aber auch danach war mir nicht. Da ich aber irgendwas essen musste, machte ich mir ein Butterbrot, das ich mit einer halben Tasse Kaffee runterspülte, die grässlich bitter schmeckte. Vermutlich hatte mein Vater ihn gekocht, sein Kaffee geriet immer etwas zu stark und bitter.

Bevor ich in mein Zimmer zurückging, kontrollierte ich die Haustür, aber es war abgeschlossen. Auch die Fenster waren geschlossen und beruhigt kehrte ich in mein Zimmer zurück. Ich hatte meinen Eltern noch gar nicht von dem unschönen Ende der Party erzählt. Das würde ich nachholen müssen. Nur Lena musste noch nichts davon wissen. Ihr hing der versuchte Einbruch bei uns noch immer nach.

Als ich mich gerade hingelegt hatte, fiel mir Rabias Aussage ein, dass Risse in meinem Kleid seien. Ich blickte zu meinem Abiballkleid, das an einem Bügel am Kleiderschrank hing. Am Rock waren Flecken, die von meinem Sturz kommen mussten. Zögernd setzte ich mich auf.

Wenn ich mir das Kleid jetzt genauer ansah, würde ich ja sehen, ob Rabia Recht hatte. Dass ihre Aussage stimmte, bezweifelte ich allerdings gar nicht. Doch die Risse zu sehen, würde ein untrüglicher Beweis sein, dass ich mir den Angriff nicht eingebildet hatte. Wäre vorne ein Riss gewesen, hätte ich ihn auf den Sturz schieben können. Aber hinten?

Langsam trat ich an meinen Kleiderschrank heran und strich sacht über das Kleid. Entschlossen drehte ich es um und betrachtete die Rückseite. Risse, eindeutig. Es waren zwei Stück, einer unter dem linken Träger, kaum länger als mein Daumen, und einer am Rock, auf Höhe des Oberschenkels.

Meine Gedanken wirbelten durcheinander und ich versuchte mich Erklärungen zurechtzulegen. Vielleicht war ich irgendwo hängengeblieben und hatte es nicht gemerkt, vielleicht war bereits ein kleiner Schaden im Material gewesen und hatte sich vergrößert. Das mochte alles Unsinn sein, aber der Gedanke, dass mich tatsächlich jemand angegriffen hatte, machte mir einfach Angst.

Ich drehte das Kleid wieder um, sodass ich die Risse nicht mehr sehen konnte, und setzte mich auf mein Bett. Mein Handy lag auf dem Nachttisch, aber der Akku war beinahe leer. Ich stöpselte das Ladekabel ein. Ein wenig Musik hören würde mich ablenken.

Seufzend legte ich mich hin und drehte mich auf den Rücken. Das war doch verrückt. Kiras Mörder wäre nicht das Risiko eingegangen mich auf dem Abiball anzugreifen, da waren einfach zu viele Leute gewesen. Soviel dazu, dass die Musik mich ablenken würde.

Aber vielleicht sollte ich mich auch gar nicht ablenken. Solange Kiras Mörder nicht gefasst war, würde ich mir doch immer wieder Gedanken darüber machen, wer es gewesen war. Da war es besser, wenn ich versuchte alles zusammenzutragen, was seit dem Einwurf des Zettels passierte. Zugegeben, noch war es nicht viel, aber der Angriff gehörte sicherlich dazu.

Irgendwer war aus dem Gebüsch gekommen. Ich hatte mir diesen Schatten sicher nicht eingebildet. Und als ich mich umgedreht hatte, hatte mich jemand umgestoßen. Wut auf die Angestellten von dem Lokal überkam mich. Warum hatten sie hinten im Garten keine Lampen angebracht? Ein paar hätten doch schon gereicht, um jemanden erkennen zu können. Aber so konnte ich nur sagen, dass die Person größer als ich gewesen war.

Das war ausgesprochen wenig.

Frustriert drehte ich mich auf die Seite. Ich konnte nicht mal mit Gewissheit sagen, dass es nicht vielleicht einer meiner Mitschüler gewesen war, der sich einen blöden Scherz erlaubt hatte. Vielleicht jemand, der mich nicht leiden konnte und meinte, mir Angst einjagen zu müssen. Das war ihm auf jeden Fall gelungen.

Seufzend griff ich nach meinem Handy und sah mir die Nachrichten an, die ich seit gestern bekommen hatte. Ein paar waren von Rabia, Britta und Björn, eine war von Jonathan und zwei von Mareike.

Ich antwortete erst meinen Freunden und beruhigte sie, dass es mir gut ging und ich vermutete, jemand könnte sich einen Scherz mit mir erlaubt haben. Meine Sorge, dass Kiras Mörder es gewesen sein könnte, behielt ich lieber für mich. Das klang zu abgedreht. Sie hätten mir nicht geglaubt und sich nur Gedanken um meinen Geisteszustand gemacht.

Jonathan fragte bloß, wie der Abiball war, und ich zögerte kurz mit meiner Antwort. Sollte ich ihm von dem Angriff erzählen? Schließlich tat ich es, berichtete ihm, wie toll die Party gewesen war und wie blöd sie geendet hatte. Aber auch ihm erzählte ich nichts von meinen Überlegungen bezüglich Kiras Mörder.

Mareike dagegen vertraute ich das alles direkt an. Sie war wieder in der Stadt, da ihr der Händler tatsächlich geantwortet hatte. Er hatte eine neue Lieferung bekommen und sie wollte die Gelegenheit nutzen, ihm noch einmal auf den Zahn zu fühlen. Aufregung erfasste mich. Vielleicht fand sie ja doch noch etwas bei ihm heraus.

Nachdem ich ihr von dem Angriff erzählt hatte, wartete ich gebannt auf ihre Antwort, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Sie war gerade online und hatte meine Nachricht direkt gelesen, als ich sie verschickt hatte.

>Ich hoffe, es war tatsächlich nur ein Mitschüler, der dich erschrecken wollte. Sei dennoch vorsichtig, wenn du rausgehst oder allein zu Hause bist.<

Ihre Worte machten mich wieder nervös. Abgeschlossen war, die Fenster waren auch zu. Ich war sicher. Das war ich doch, oder? Mein Herz begann schneller zu schlagen. Wer Menschen tötete, scheute doch auch vor einem Einbruch sicher nicht zurück. Und wo ich wohnte, wusste Kiras Mörder.

>Ich bin vorsichtig. Wenn ich allein bin, schließe ich alles ab.<

>Das ist gut. Ich wünschte, die Polizei hätte den Typen endlich geschnappt.<

>Ich auch.< Kurz überlegte ich, ob ich Mareike ein Treffen vorschlagen sollte, aber da verabschiedete sie sich bereits, da sie jetzt zu dem Laden fahren wollte. Toll. Allein zu Hause, niemand zum Reden oder Schreiben und meine Fantasie begann sich zu regen und spielte mir Szenarien vor, in denen Kiras Mörder in unserem Garten lauerte, verborgen im Gebüsch und den Blick auf mein Fenster gerichtet.

Natürlich war da niemand. Ich konnte es ganz leicht feststellen, indem ich zum Fenster ging und nach draußen schaute. Mein Herz raste und ich begann meine Finger zu kneten. Es war doch ganz einfach. Aufstehen, zum Fenster gehen, rausschauen.

Mein Körper fühlte sich schwer an, als drücke ihn ein unsichtbares Gewicht auf die Matratze. Ich atmete tief durch und richtete mich schwerfällig auf. Das war schon mal geschafft. Wenn ich erst einmal aus dem Fenster geblickt hatte, wusste ich, dass da niemand war, und konnte aufhören mich verrückt zu machen.

Ich trat an das Fenster und blickte runter in den Garten.

Da war nichts. Niemand stand auf dem Rasen und starrte zu meinem Fenster hoch, niemand kauerte im Gebüsch. Zumindest soweit ich den Garten von hier überblicken konnte, war dort niemand. Seufzend wandte ich mich von meinem Fenster ab und verließ mein Zimmer, um aus den anderen Zimmern nach draußen zu blicken.

Nichts. Das Bild blieb das gleiche, der Garten war leer bis auf ein paar Amseln, die sich jagten, und eine Taube, die über den Rasen trottete. Wäre jemand da gewesen, hätten sich die Tiere sicher nicht so ruhig verhalten, sondern wären weggeflogen.

Und dennoch konnte ich mich nicht gegen das Gefühl wehren, dass mich jemand beobachtete.
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