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Von Trieb und Gebot

von Koji
GeschichteHumor, Horror / P18 Slash
Haytham Kenway Liam O'Brien Shay Patrick Cormac
24.08.2020
23.09.2020
2
7.021
 
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23.09.2020 3.474
 
Licht brannte im Atelier. Es beleuchtete das Zimmer nur spärlich, was vermuten ließ, dass die Quelle ein Feuer im Kamin war, das dem Raum – neben Helligkeit – auch ein wenig Wärme spenden sollte; Vampire waren physisch grundsätzlich nicht dazu in der Lage zu erfrieren und besaßen eine ausgezeichnete Nachtsicht, was den sinnvollen Nutzen von Kerzen und einem Kaminfeuer für Vampire stark einschränkte. Lichtmittel wurden auf dem Anwesen hauptsächlich von den menschlichen Bediensteten verwendet und die Kaminfeuer in den Schlafzimmern – meist von Vampiren bezogen – waren nur Deckmäntel, um keinen Verdacht zu schöpfen; immerhin sollte es der Hausherr in seinen eigenen Räumlichkeiten warm und bequem haben – und es war bereits fragwürdig genug, dass die Herrschaften bis in die Nachmittage hinein tief und fest schliefen.
Doch anders als den verehrten Gäste des Kenway Anwesen, war das Kaminfeuer dem charmanten Hausherren nicht nur eine unerlässliche – aber lästige – Strapaze; er hatte seinen Master kürzlich dabei beobachtet, wie er seine Arbeit unterbrochen hatte, nur um Holz nachzulegen. Nicht, dass es bereits erstaunlich genug gewesen war, zu sehen, wie Haytham mitten in einem wichtigen Geschäftsbrief die Feder beiseitelegte, er tat es auch noch, um – ohne sichtlichen Grund – etwas Feuerholz nachzulegen; normalerweise war das einzige, was sich Vampire im Zusammenhang mit Feuer und Hitze vorstellen konnte, im Wesentlichen ein grausamer Tod durch die Hand eines Jägers. Sein Ahnherr hingegen schien die – für Menschen – anziehende und komfortable Wirkung der Flamen ebenfalls zu schätzen – und Shay glaubte, es lag an einer tiefsitzenden Faszination für das menschliche Sein.


Das Kaminfeuer brannte noch immer, als Shay angespannt vor der Tür des Haupthauses stand, gebadet und frisch bekleidet, die Hand nur ein Fingerbreit von der Messingklinke entfernt. Sein Zögern war nicht unbegründet.
Er den Auftrag gewissenhaft erfüllt – Mitchell war tot und damit die Plage, die er gewesen war, beseitigt, alle Zeugnisse seiner Existenz vollständig ausgelöscht; saubere Arbeit, selbst Haytham würde sich Mühe geben müssen, um was an dem Job zu finden, das er bemängeln könnte. Nur ging es nicht um den Auftrag.
Ein Wiedersehen mit Liam hatte er sich nie blumig vorgestellt, nicht nach Gaultiers Tod.
Und auch wenn er keine seiner Taten bereute, verstand er Liams Wut und Verbitterung – von Liams Standpunkt aus hatte er sie alle betrogen und ihre Ideale verraten.
Er schätze, Liam hatte ihm diese Fehler vor Augen führen wollen.
Verrückter Bastard.
Das Leitmotiv seiner Absicht in Ehren – selbst Shays äußerst tolerantes Risikomanagement sagte ihm, dass es grundsätzlich ein Einfall fernab jedes gesunden Menschenverstands war, frisches Blut vor der Nase eines Vampir herumzuwedeln; es hatte wirklich nicht viel gefehlt und sein benebeltes Hirn hätte alles Wissen um das Thema Selbstkontrolle zum Fenster rausgeschmissen.
(Nicht wegen des Blutes, das Blut war das geringste Problem gewesen; ihm wollte das verfluchte Gefühl von Liams Körper – zwischen ihm und der hölzernen Kirchtür gefangen – nicht aus dem Kopf gehen, wie Liam das Gesicht zur Seite gedreht, damit fast schon suggestiv seinen Hals freilegte, dass er das hektische Pulsieren der Halsschlagader hatte sehen können. Das Wissen um eine Sorte Unterwerfung, die sich in ganz andere Gefilde vorwagte, war dabei wenig hilfreich gewesen.)
Das Biest schrie immer noch lauthals nach einer Fortsetzung, was eine gewisse...Dysbalance in Shays Gemütszustand brachte. Eine Unruhe, die Haytham unmittelbar in dem Moment spüren würde, in dem er sich zusammenriss und die Hand auf diese verfluchte Türklinke legte.
Das Haupthaus war mit seinen drei Stockwerken, Springbrunnen und protzigen Bogenfenstern nicht nur ein kleines architektonisches Meisterwerk, sondern auch eine – wie er festgesellt hatte – wirklich überaus grauenerregende Todesfalle; und wenn es was gab, das Haytham noch weniger ausstehen konnte als Ungehorsamkeit und ungebetene Besucher, dann waren es Ungehorsamkeit in Form von ungebetenen Besuchern.
Innerhalb des Haupthaues – liebevoll auch Herrscherhaus oder simpel Heim genannt – war der Macht des Hausherrn nahezu nicht entgegenzusetzen; Hickey könnte hier drin nicht mal in der Nase bohren, ohne Haythams Zustimmung, was nicht annähernd das wahre Ausmaß dieser Macht beschreiben konnte.
Einer von Mitchells Sprösslingen hatte die waghalsige Idee, Haytham Kenway in seinen eigenen vier Wänden zu ermorden; er war vor Shays Füßen gestorben, qualvoll erstickt, weil ihm simpel die Erlaubnis gefehlt hatte, zu atmen.
(Seitdem war Shay äußert vorsichtig, wann und wo er sein loses Mundwerk zur vollen Geltung brachte.)
Seufzend zog er die Finger ein und sein Arm fiel nutzlos an seine Seite zurück.
Liam hatte die Kirche ohne ein weiteres Wort verlassen, nachdem er Mitchell – als Ersatz für die fehlende Todesurkunde – pflichtbewusst einen der oberen beiden Fangzähne rausgebrochen hatte; die mühsam kontrollierte Angriffslust war in jeder seiner Bewegungen perfekt zur Geltung gekommen, und dennoch hielt Liam ergeben den Kopf gesenkt, um jeden möglichen Blickkontakt mit ihm zu meiden, was Shay ihm und seiner Selbstkontrolle hoch anrechnete.
Auf eine weitere, noch so kleine Provokation hätte er nicht länger koordiniert und gefasst reagieren können; es war bereits ein Wunder und garantiert dem Gestank nach Verwesung zu verdanken gewesen (– einerseits war er irgendwie süßlich, andererseits so widerwärtig, dass es einem den Magen umdrehen konnte, und – dem Herrn sei Dank – penetrant genug, um den Geruch von Liams Blut zu überdecken –), dass er genügend Willenskraft hatte zusammenkratzen können, um sich davon abzuhalten, Liam gegen die nächstbeste Wand zu vögeln. Oder diese hölzerne Kirchentür.
(Beim Herrn, es wäre schwachsinnig, sich einreden zu wollen, dass Liam es nicht sogar genossen hätte; erstens, weil er damit Liams Standpunkt untermauert hätte und zweitens, weil Sex mit einem Vampiren garantiert der beste und letzte Sex war, den man im Leben haben konnte, Jäger hin oder her.)
Sicher, die Idee, den Vorfall in der Kirche einfach unter den Tisch zu kehren und seine Überspanntheit mit irgendeiner langweiligen Ausrede zu überspielen, war überaus verlockend – jedenfalls verlockender als die Vorstellung die ganze Sache eben dem Mann berichten zu müssen, mit dem man sexuellen Tätlichkeiten nachzugehen pflegte; nach vampirischer Norm konnte ein freigelegter Hals ebenso intim und anregend sein, wie die nackten Brüste einer Frau – und seinem Bettpartner zu erzählen, man begehrte den Hals eines anderen (in Bezug auf die sexuellen Sphären), war in etwa so, als würde man (verheiratet) einer anderen Frau nicht nur provokant ins Dekolleté starren, sondern die Titten auch noch genüsslich vor den Augen seiner Ehefrau durchkneten – und plötzlich vermisset Shay die Zeit, in der er Sex für nichts weiter als einen Prozess der Reproduktion hielt.
Die Erinnerung ließ ihn schmunzeln, doch das Lächeln gefror auf seinen Lippen, als er sich Auge in Auge mit der Messingklinge wiederfand.
Zum Teufel damit.
Seine Finger hatten sich um die Klinke geschlossen, bevor sein Hirn die Konsequenzen dieser Entscheidung verarbeiten konnte; er trat ein und atmete lautlos aus. Die Tür fiel hinter ihm mit einem leisen Klicken ins Schloss.
Die Männer und Frauen aus seinem ehemaligen Arbeitsumfeld hielten nicht viel von sorglosem Schlaf – in diesem Berufszweig konnte man es sich nicht leisten, zu entspannen, wenn man nicht eines Morgens aufwachen und sich zu mundgerechte Käppchen verarbeitet wiederfinden wollte.
Auch auf Achilles‘ Grund und Boden war Vertrauen Mangelware; über die Jahre hatte er gelernt, dass Jäger ein sehr misstrauisches und scheues Völkchen waren – die wenigsten hatten es gut aufgenommen, zu erfahren, dass Achilles den Bastardsohn eines Halbbluts in ihrer Mitte aufgenommen hatte. Er wurde toleriert, von manchen für seine Fähigkeiten sogar respektiert, jedoch hatte ihn das nicht davon abgehalten, jeden Abend die Tür abzuschließen, bevor er ins Bett ging.
Das Herrscherhaus bot eine...Lösung für Entspannung-Problemchen dieser Art, wenn man sich auf den Preis dafür einließ; Haytham Kenways Anwesenheit verhinderte nicht nur, dass ungebetene Besucher das Haupthaus lebend verließen, sondern auch, dass die mordlustigen Ideen besagter ungebetener Besucher (und des einen oder anderen anwesenden Gastes) einen Weg in die Realität fanden.
Jeder, der das Heim betrat, ging einen Tausch ein; die Gewissheit, jederzeit die Kontrolle über den eigenen Körper verlieren zu können, gegen die Sicherheit, dass niemand außer Haytham Kenway einen umbringen konnte. Fairer Deal.
Genaugenommen sollte Shay diese Tatsache in Panik versetzten – in Anbetracht seiner eher intimen als freundschaftlichen Beziehung zum Hausherren in Kombination mit dem, was in der Kirche vorgefallen war.
Der Geruch von nassem Unterholz stieg ihm in die Nase – die bescheidene und dennoch recht einprägsame Eingangshalle des Herrscherhauses wurde unscharf; Shay saß an der Seite seiner Mutter, den Kopf gegen ihre Schulter gelehnt.
Ihr samtweiches Fell kitzelte seine Wange – er fuhr mit Händen durch ihren Pelz, die Härchen glitten zwischen seinen kleinen Fingern hindurch. Eine morgendliche Frühlingsbrise wehte über sie hinweg, schaudernd drückte er sich näher an den warmen Körper seiner Mutter. Sie drehte den Kopf und musterte ihn aufmerksam mit ihre honigbraunen Augen, bevor sie leise schnaubte und ihr Haupt auf seinen Schoß bettete. Er hob eine Hand, klein und pummelig, und stupste ihr rechtes Ohr an; es zuckte beleidigt und er musste kichern, dann verschwanden Bild und Gerüche abrupt.
Nur die Gefühle blieb, die kindliche Zuversicht und das Vertrauen, dass die Welt einem nichts anhaben konnte.
Shay fand sich in der Eingangshalle wieder, die Muskeln entspannt, die Gedanken frei von dem beklemmenden Mantra bei jedem Schritt über die Schulter zu blicken. Weniger als ein Wimpernschlag war vergangen.
Es war schwieriger ein nachgebildetes Gefühle überzeugend in ein anderes Wesen zu pflanzen, als ein bereits vorhandenes hervorzulocken; Geist und Seele waren komplex und selten einfach zu beeinflussen. Weinige seiner Leidensgenossen besaßen die Fähigkeit, im Kopf eines anderes herumzuwühlen, und noch weniger beherrschten sie. Ein erfahrender und geübter Mann wie Haytham Kenway, der Jahrhunderte damit zugebracht hatte, an seinem Können zu feilen, hingegen fand Wege, den gewünschten Effekt zu erzielen.
Mutter Natur war gerecht; jede Stärke kompensierte eine Schwäche. Haytham war mächtig, ziemlich mächtig sogar, aber seine Macht war nicht absolut.
Neben dem Eindruck von Frieden und Sicherheit, brachte eine Erinnerung Assoziationen und damit weitere, damit verbundene Gefühle – in seinen Fall, eine tiefe Nostalgie und Trauer; hielt man an den negativen Gefühlen fest, konnte man dem Einfluss entgehen – nicht, dass es einem Eindringling viel helfen würde; sein Geist wäre vielleicht frei von Illusionen, was die Sache mit dem ‚Ich-kann-mein-eigenen-Körper-nicht-mehr-kontrollieren‘ nur noch beängstigender machte.
Die Dienerschaft wusste es sicher zu schätzen, dass ungeladene Gäste nicht vor lauter Panik die Kontrolle über ihre Blase verlieren konnten – was Shay unverblümt an seine eigene ungeheuerlich pikante Situation erinnerte.
Scheiße.
Plötzlich erschien ihm die Treppe, die breit genug war, dass drei ausgewachsene Männer entspannt nebeneinander herlaufen konnten, mit ihrem dunkelblauen Stiegenteppich (die Stangen und Kolben dazu war passend in einem dunklen Silber gehalten) um einiges weniger...einladend.
Er seufzte schwer, bevor er die Nervosität in den hintersten Winkel seines Schädels verbannte und sich mental auf Haytham konzentrierte.
Erledigt, sagte er.
Exzellent – die Antwort kam unmittelbar.
Ross Mitchell umzubringen, war ein weder sonderlich schwerer noch besonders einfacher Auftrag gewesen; unter Jägern hätte man so etwas einen Routinejob genannt. Nichts, wo für man zwingend sein Leben aufs Spiel setzte, aber genug ins Schwitzen geriet, um den Biss nicht zu verlieren – einem Jäger sollte die Schwerthand nicht einrosten.
Dennoch bemerkte Shay, wie sein Master seinen Geist beiläufig nach Hinweisen auf irgendwelche Verletzungen abtastete; Haytham E. Kenway war sicher kein Freund schöner Worte, geschweige denn tiefsinniger Gefühlsbekundungen.
Er drückte Zuneigung und Wertschätzung auf seine ganz eigene, gewöhnungsbedürftige Weise aus – wie zum Beispiel in dem er versuchte, sich unbemerkt nach jemands Wohlergehen zu erkundigen, trotz des Wissens um die Kompetenz besagten jemands; herzerwärmend an der Sache war, dass seine ganzen Verstohlenheits-Bemühungen nicht darauf abzielten, den Schein zu wahren, sondern einen nicht glauben zu lassen, Haytham hätte Zweifel an seinen Fähigkeiten. (Nebenbei bemerkt, die...Vieldeutigkeit manch seiner Gedankengänge war nicht selten Quelle zahlreicher Missverständnisse gewesen, was ihn zu einer Person machte, deren Gesellschaft manche nur portionsweise ertragen konnten.)
Dass er diesen Umstand überhaupt bemerkte, lag an seinem äußerst unerwartet hohen Verständnis für das Herumstochern im Geist von anderen Leuten – neben seinem allgemein seltsam ausgeprägten Talent für übersinnlichen Kram, was zwangsläufig nicht immer ein Segen war.
Talent war eine Sache, es im Griff zu haben und richtig zu dosieren, eine andere.
Ahnherr und Abkömmling teilten eine Verbindung und diese Verbindung war eine Tür, die in beide Richtungen aufschwang; wo Haytham höflich anzuklopfen pflegte, hatte Shay – während seiner Einlernphase – die Tür förmlich eingerannt. (Was...auch schon zu Missverständnissen geführt hatte.)
Shay erreichte den obersten Absatz und marschierte Richtung Atelier.
Glücklicherweise war Charles seit Tagen außer Haus und würde wohl nicht so bald wiederkommen – das letzte, was er jetzt gebraucht hätte, wäre die Aussicht darauf gewesen, ihm zufällig über den Weg zu laufen.
Trotz des Bads und der frischen Kleidung, roch er immer noch nach (Liams) Pheromonen und Menschenblut, worauf sein Körper entsprechend reagierte: mit einer unvernünftigen Menge aphrodisierender vampirischer Sexsimulanten.
Er war sich ziemlich sicher, dass er Charles und sich selbst unnötige Peinlichkeiten ersparen wollte – und Charles vor allen Dingen, den Versuch, Shay mit einem Ständer in der Hose eine Predigt über das unbegreifliche Maß an Respektlosigkeit zu halten, das er an den Tage legte; als sein jüngerer Blutsbruder (Haytham hatte ihn vor gut drei Jahrhunderten verwandelt) traute er Charles sowas durchaus zu.
(Charles Lee war derart von Haytham überzeugt, dass der an Besessenheit grenzende Respekt seinen vermutlich nicht gerade gesunden Beschützerinstinkt nahezu verständlich machte – der, um es freundlich auszudrücken, ebenfalls regelmäßig Auslöser irgendwelcher hirnverbrannter Missverständnisse war.)
Er hielt vor einer Tür am Ende des Flurs und klopfte leise, das glatte Holz lag kühl auf seiner Haut.
„Kommt rein, Shay.“  
Der Anweisung folgend, betrat er das Atelier nahezu lautlos.
Haytham saß nicht unweit des Kamins, die Beine übereinandergeschlagen, ein dickes Werk in der Hand, während die Finger der anderen behutsam über nächsten Seite strichen.
Der Anblick war bizarr; nicht etwa weil Master Kenway bei all seiner Erhabenheit und Grazie ein Buch liebkoste und es schaffte, selbst dabei anmutig auszuschauen, nein, sondern weil es sich bei besagtem Exemplar um einen großen, unhandlichen Folianten handelte, den ein normaler Mensch unmöglich in einer Hand halten und entspannt darin lesen konnte – dafür war die Muskelstruktur der menschliche Handgelenke einfach nicht ausgelegt.
Haytham, der kein Mensch war, hatte natürlich keinerlei Schwierigkeit das riesige Teil auf Augenhöhe zu halten, als würde es nichts wiegen (und dabei ebenfalls geschmeidig und würdevoll zu wirken).
Shay begegnet Haythams Blick ein Fingerbreit über dem Buchrand; eisblaue Augen grüßten ihn, Pupillen geweitet.
Unter Jägern sagte man, dass Vampire einen starren, hypnotischen Blick hätten; Menschen, die mit einem in Kontakt gekommen waren und es überlebten, berichteten von einem durchdringenden Starren, das einem das Innere nach außen zu stülpen versuchte, die Seele vor die Füßen des Vampirs blank legte; eine Beschreibung, die der Wahrheit womöglich am nächsten kam.
Haytham fixierte ihn. Wüsste er es nicht besser, würde er meinen, sein Master versuchte ihm mit seinem Starren ein Loch in die Seele zu brennen.
Er schluckte und versuchte, den Hunger zu ignorieren, ein sich in seinem Magen langsam anstauendes Verlangen nach mehr.
Das charakteristische Geräusch von reißendem Pergament brach die Stille.
Er stand bewegungslos im Türrahmen, beobachtete, wie sich die Schultern seines Master rhythmisch an– und wieder entspannten. Die Knöchel der Hand, die sich in den Buchrücken grub, traten weniger weiß hervor ein Wimperschlag zuvor.
Dann atmete Haytham beinahn hörbar aus.
„Schließt die Tür.“
Haytham klang...beherrscht. Nicht auf die Weise wie seine übliche, vornehm–beherrschte Art es von ihm verlangen hätte, es klang gezwungener.
Shay wunderte das nicht im Geringsten, jahrhundertealter Vampirlord oder nicht, ein unkontrollierter Haufen Pheromone musste selbst Haytham ein Schlag in Gesicht sein.
„Setzt Euch.“
„Master Kenway–“
„Ich sagte, Ihr sollt Euch setzen.“
Shay stand, wenn möglich. Zu sitzen, schränkte die Bewegung ein und gaben potenziellen Angreifern einen vermeidbaren Vorteil; Haytham wusste das, seine wiederholenden Bitten, sich zu setzen, waren sonst reine Höflichkeit. Das hier war keine Bitte und boten keinen Raum für Diskussion.
Er setzte sich Haytham gegenüber, die Tür im Rücken.
Sein Master legte die herausgerissene Seite sorgsam in das Buch zurück und klappte es zu. Dann erhob er sich mit der raubtierhaften Eleganz eines…nun, eines Vampirlords, durchquerte das Zimmer und stellten den Folianten zurück in seine private Kollektion steinalter Mottenfänger.
Er mochte das Lesen und den Geruch von Papier, doch was Haytham in diesem Regal an Inhalten herbergte, war im besten Fall unappetitlich oder unlesbar, im schlimmsten verflucht. Buchstäblich.
Haytham trug sein Haar offen, was er nicht oft tat. Die langen Strähnen fiel um seine Schultern wie Wasserfälle, als er sich wieder Platz nahm, rahmten sein schlankes, markloses Gesicht ein.
„Shay.“
„Sir?“
Er lugte an seinem Master vorbei, bewunderte die gewundenen, asymmetrischen Schnitzereien der Chaiselongue; dass der Polsterbezug mit Naturmotiven bestickt war, war ihm nie aufgefallen. Die Handarbeit der Kolonisten war lange nicht soweit, Polstermöbel dieser Qualität anzufertigen; hatte sein Master das Stück aus England herbringen lassen? Frankreich vielleicht?
„Ich gab Euch einen Befehl. Wie lautete er?“
Scheiße.
„Das Trinken von Menschenblut...ihr habt es mir verboten, Sir.“
Sein Master nickte, andächtig, wie jemand, der eine Entscheidung – oder die Umstände, unter denen er sie traf – vergessen hatte, aber die Sache im Nachhinein recht vertraut und nachvollziehbar vorkam; was dem Nicken fehlte, war eine Anmerkung wie ‚Aye, das kling nach mir‘.
„Und? Hab Ihr?“ Haytham stütze den Kopf auf ein Arm.
„Menschliches Blut getrunken?“, fügte er hinzu, als benötigte die Sache noch Verdeutlichung.
„Nein, Sir.“
„Aber?“, erkundigte sich sein Master.
„Aber...“, wiederholte Shay und bevor er es verhindern konnte, schlüpfte seine Zunge bei der Erinnerung zwischen seinen Lippen hervor, um sie zu befeuchten. „…ich wollte.“
Er starrte gegen die Wand, die mit schlanken Pfeilern verziert war und im Fensterausschnitt ihm gegenüber den Sternen besetzten Nachthimmel einfing.
Zugegeben, der scharfe Geruch nach Leiche hatte es ihm ziemlich versaut.
Zudem glaubte er nicht, dass er tatsächlich in der Lage gewesen wäre, über Befehle hinweg zu handeln; der Rückstoß hätte ihm wahrscheinlich das Hirn aus dem Schädel geblasen.
„Shay“, seufzte Haytham. „Ich gab Euch einen äußerst, ich wiederhole, äußerst undankbaren Befehl. Alles, was wir uns an Disziplin und Selbstkontrolle antrainieren, ändert nichts an der Tatsache, dass die ursprüngliche Natur des Vampirs, die einer blutgierigen Bestie ist.“
Wie um seinen Punkt zu unterstreichen, hob sein Master hob die Hand. Wortlos schaute Shay dabei zu, wie sich die langen, schlanken Glieder in kraftvolle Krallen krümmten, graue Adern wandten sich unter blasser Haut wie Ranken, krochen gemächlich Haythams Handgelenk hinab unter den Rand seines Ärmels. Eine Klaue gemacht für des Reißen von Beute.
„Dass Ihr früher oder später in Versuchung kommt, war zu erwarten“, sagte Haytham, bedachte seine Klaue mit nichtssagendem Ausdruck, bevor seine Hand wieder ihre menschliche Gestalt annahm.
„Um ehrlich zu sein, bin ich sogar ein wenig überrascht darüber, wie lange Ihr ohne Zwischenfälle ausgekommen seid.“
„Ich hatte nicht die Absicht, Euch zu enttäuschen, Sir“, entgegnete Shay.
„Das habt Ihr nicht.“
Die Worte sanft, süß wie Honig.
In der Vergangenheit war ihm dieses Mischgefühl aus Scham und Stolz fremd gewesen; es weckte in ihm den Drang, den Erwartungen seines Master unter allen Umständen gerecht werden zu wollen.
Sicher spielte dabei diese undurchsichtige Ahnherr-Sprössling-Verhältnis irgendeine unterschwellige Rolle.
„Liam war dort“, brach er heraus.
„O’Brien?“
„Aye.“
Morrigan gähnte laut , als wollte sie auf ihr Existenz aufmerksam machen, und streckte sich herzhaft, bevor sie zu Shay herüber trottete und ihr Fleckchen vor dem Kamin für die Bequemlichkeit seines Schoß aufgab. Die schwarze Katze rollte sich auf ihm zusammen und schnurrte zufrieden, als er begann, sie hinter den Ohren zu kraulen; es tat gut, seinen Händen eine Beschäftigung zu geben.  
„Was wollte er?“
„...wissen, ob die Gerüchte wahr sind. Hat dabei zugesehen, wie ich mich um Mitchell gekümmert habe, ohne ein Finger zu rühren, der Bastard.“ Shay grinste humorlos. „Dann wurden die Dinge...chaotisch.“
Haytham hob eine Augenbraue.
„Er...hat mich provoziert. Mit seinem Blut. War seine Art mir zu zeigen, was für ein Monster die Verwandlung aus mir gemacht hat.“
„Charmant.“
„Ich...das Blut löste ein Schub Pheromone aus, Liam ist drauf angesprungen und seine Pheromone...ich wollte, dass er sich mir unterwirft.“
„Hattet Ihr diesen Drang bereits?“
„War das erste Mal, Sir.“  
Haytham musterte ihn nachdenklich.
„Wir sollten Euer Training auf einen Punkt erweitern, schätze ich. Ich habe außeracht gelassen, dass Ihr trotz allem mit menschlichen Pheromonen in Kontakt geraten könntet. Und nicht wisst, wie damit umzugehen ist. Verzeiht mir meine Unachtsamkeit.“  
Haytham ging vom Kopfstützen dazu über, sich die Schläfe zu massieren.
„Und da ist eine zweite Sache, Shay. Eure Mutter scheint Euch mehr vererbt zu haben, als wir zu Anfang angenommen hatten.“
„Was meint ihr, Sir?“
„Weibliche Lykanthropen haben eine niedrige Fruchtbarkeitsrate, was vermutlich der Grund für ihre geringe Zahl ist. Um diese Schwierigkeit zu kompensieren, haben nicht nur weibliche Lykanthropen einen Brunstzyklus, sondern auch männliche.“
„Brunstzyklen? So wie bei Tieren?“
„Absolut wie Tiere, Shay.“
Dass sein Master – wie gefühlt jeder Vampir – ein gewissen naturbegründete Abneigung gegen Werwölfe (und Hunde im Allgemeinen) hegte, wusste er. Als Hybride, der in einer Vampir-Gemeinschaft lebte, nahm er das die meiste Zeit nicht persönlich.    
„Wie fühlt Ihr Euch?“
Abgesehen davon, dass er seit gefühlten Stunden auf halbmast stand und begang zu bedauern, Liam nicht doch gegen die Wand gevögelt zu haben, fühlte er sich recht gut.
Ein Blick auf Haythams blanke Miene ließ darauf schließen, dass er das laut gesagt hatte.
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