Von Trieb und Gebot

von Koji
GeschichteHumor, Horror / P18 Slash
Haytham Kenway Liam O'Brien Shay Patrick Cormac
24.08.2020
23.09.2020
2
7.021
 
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21.09.2020 3.547
 
Die Nacht war ruhig und wolkenlos; Nächte wie diese hatten ihm – seinem damals noch menschlichen, menschlicheren Ich – die Jagd vereinfacht. Das Mondlicht erhellte die Marktplätze und breiten Straßen New Yorks, reduzierte die Wahrscheinlichkeit einer unschönen Überraschung auf dem freien und offenen Gelände nahezu vollständig.
Das Todesomen der Jäger: Angstschweiß – ein einziger Tropfen konnte einen den Hals kosten; es war ein durchaus beliebter Anfängerfehler, die Bedeutung der Windrichtung und die Instinkte des Feindes zu unterschätzen – und zu unterschätzen, war grundsätzlich ein Fehler, der in seinem Beruf tödlich endete.
Es war ein stummes Einverständnis, Rekruten nur an windstillen Nächten rauszulassen – wer wollte schon, dass die Frischlinge gleich beim ersten Mal draufgingen.
Was dieser unerfahrene Haufen genauso gern wie oft vergaß; Mondlicht war ein zweischneidiges Schwert. Licht verdrängte die Dunkelheit zwar, warf aber gleichzeitig Schatten – Schatten, die dann nur noch tiefer und bedrohender erschienen, undurchdringlich für die lichtgetrübten Augen des Menschen. Sie sahen vielleicht nicht, aber sie spürten; die natürliche, menschliche Furcht vor der Finsternis war nicht irrational – sie war niemals irrational gewesen; einst Teil eines scharfen Instinkts, war diese bekanntlich unbegründete Furcht nichts mehr als ein schwaches Andenken des einst unverzichtbaren, animalischen Überlebenswillen des Urmenschen.
In der Finsternis lauerten aber mehr als nur Kinderalbträume; schon bevor die Schatten ein unwiderruflicher Teil von ihm wurden, hatte er lernen müssen, in dieser Finsternis zu überleben – er lebte in ihr bereits so lang, dass seine Augen sich über die Jahre an Schwärze gewöhnt hatten und die Dunkelheit zu einer Welt wurde, in der er sich bewegen konnte; jetzt war sie die einzige Welt, in der er sich bewegte, sich wohl fühlte.
Sein Übertritt in diese Schattenwelt änderte Gewohnheit und Vorgehensweise. Zwangsläufig.
Jetzt machten ihn die ruhigen und wolkenlosen Nächte irgendwie nervös und auf eine seltsame Art verwundbar; es war keine geeignete Nacht für die Jagd – eher für einen Spaziergang im Hinterhof, um den vollen, runden Mond zu bewundern.
Aber genaugenommen war das hier auch keine Jagd; die heutige Spur führte ihn nicht an die Fersen einer ahnungslosen Beute – sein Weg heute führte ihn an den Schauplatz einer längst überfälligen Hinrichtung.
Shay trat aus dem Schutz einer dunklen Seitengasse und hielt wenige Schritte vor den brüchigen Stufen einer heruntergekommenen Kirche. Er konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen und entblößte dabei eine Reihe perlweißer Fangzähne.
Gewitzter Bastard.
Eine Kirche. Der Bastard hatte sich in einer Kirche verkrochen. Mitten in New York. Mit Abstand einer der letzten Orte, an dem ein Vampirjäger seine Beute vermuten würde.
Es war nicht so, als wäre es einem Vampiren per se unmöglich, den heiligen Boden einer Kirche zu betreten; es war sein eigener, erschütterter Glauben in den Herrn, der Hass, der es ihm unmöglich machte, einen Fuß in die Gotteshäuser zu setzten – mit anderen Worten; es war alles Einstellungssache. Akzeptierte man, dass die eigene Existenz nichts weiter als ein Zufallsprodukt des Menschen im großen himmlischen Plan war, wirkte sich die Heiligkeit dieses Ortes mit nicht mehr als einem nervigen Jucken im Hinterkopf aus. Die meisten Jäger wussten es nicht besser – laut ihnen, waren Kirchen für Vampire und ihre Knechtschaft tabu. Faustregel Nummer drei, wenn man so will.
Innen war es finster, beinah ungemütlich – nicht, dass es für ihn in irgendeiner Weise ein Problem darstellte, aber es fiel Shay schwer, zu glauben, dass es Menschen gab, die in dieser schlichten Umgebung Trost finden konnten. Alles hier drin wirkte alt und verfallen, die Farbe blätterte von den Wänden und es hätte ihn nicht gewundert, wenn jemand den hölzernen Christus da drüben nur an die Wand gehängt hätte, um damit einen weiteren Baumangel zu überdecken; eine intime Atmosphäre konnte hier seiner Meinung jedenfalls nicht aufkommen.
„Entschuldigt mein ungebetenes Eindringen, Master Mitchell. Nett habt ihr es hier.“
Die anfängliche Belustigung über die Wahl des Etablissement war ihm ziemlich vergangen, hinterließ sogar einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge, als er durch die Reihen der sperrigen Kirchenbänke schritt.
Zwei. Drei. Fünf. Sieben. Acht. Sechs Leichen zwischen den Sitzbänken, zwei hingen mit aufgerissenen Kehlen von der Decke wie Vieh im Schlachthaus. Drei davon waren Kinder. Seine Schultern verspannten sich, als er die Hände zu Fäusten ballte – das dicke, schwarze Leder seiner Handschuhe verhinderte, dass sich seine Nägel in seine Handflächen graben und blutige Male hinterlassen konnten. Es war beinah erleichternd; das Letzte, was er brauchen konnte, waren Nuancen seines eigenen Odors in dieser verdammten Kirche.
Die Luft roch nach Staub, alten Gesangsbüchern und Blut. Shay hatte ihn bereits beim Eintreten bemerkt, diesen widerlichen Geruch aus modrigem Holz und geronnenen, menschlichem Blut – es war ein Vorurteil, zu glauben, dass jeder Vampir auf alle Arten und Formen von Blut ansprang wie ein rolliges Biest; er kannte Männer und Frauen, gute Männer und Frauen, die mit dem metallischen Geruch und Geschmack zu kämpfen hatten – nur Aushungern machte Blut für sie genießbar.
Ross Mitchell gehörte zweifellos nicht dazu. Der Bastard genoss das Blut. Das Reißen von Beute. Das Schlachten. Er genoss es zu töten – ein Monster wie aus dem Lehrbuch; die Jäger hatten sicher mittlerweile eine ordentliche Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt. Alles andere wäre ein wenig enttäuschend.
Neun.
Zehn, korrigierte er sich, als er mit wachsendem Grauen erkannte, dass die Frau neben dem Altar schwanger gewesen sein musste; ihren Säugling hatte man ihr aus dem Leib gerissen.
Mit jedem Schritt tiefer in die Kirche hinein wurde der Gestank heftiger, aufdringlicher, seine anfangs fast unpersönliche Verachtung für Mitchell stieg in unermessliche Wut. Die zunehmende Verbitterung über seine eigene Machtlosigkeit steuerte unaufhaltsam einem Höhepunkt zu, konfrontiert mit diesem reuelosen Ausdruck von Grausamkeit.
Gedemütigte Ehemänner, entehrte Ehefrauen, verstümmelte Kinder, ein ungeborener Säugling, aus seiner Mutter gewaltsam herausgezerrt – er kämpfte mit dem Drang etwas Unbedachtes zu tun. Es könnte Mitchell eine Flucht ermöglichen, die Toten würden es nicht gutheißen, wenn er ihren Mörder entkommen ließe.
„Wie ich sehe, bekommt Euch das Leben als Streuner, Master Mitchell.“ Die Worte kamen trocken, jedoch waren Zorn und Abscheu nicht überhörbar.
Ein missbilligende Zungenschnalzen hallte von den kahlen Wänden der Kirche.
„Spart Euch Eure schlauen Sprüche, Welpe. Wo ist Kenway?“
Shay gefiel es nicht, dass der Name seines Ahnherren über die Lippen dieses Bastards kam.
Ihm gefiel nicht, wie Mitchell die beiden Silben ausspuckte und dabei fast schon angewidert das Gesicht verzog.
Shay verdrängte die Verärgerung über diese Respektlosigkeit – wie alles andere – und konzertierte sich auf das entschiedene; Mitchell und einen Weg ihn schnell und sauber zu beseitigen. Nun, vielleicht etwas weniger schnell. Oder sauber.
Mitchell unterschätzte ihn – und eigentlich konnte man es ihm auch nicht wirklich verübeln; der Bastard sah aus wie Mitte zwanzig, hatte aber bereits gute zweihundert Jahre auf dem Buckel. Mit Shays zarten siebenundzwanzig war er für Mitchell tatsächlich nichts weiter als ein Welpe; man sollte meinen, jemand, der zwei Jahrhunderte lang Lebenserfahrung anhäuft hatte, sollte die Vor– und Nachteile von Überheblichkeit kennen.
„Mein Master ist leider nicht abkömmlich; er hat mich geschickt, um Euch den Arsch aufzureißen“, informierte Shay ihn. Sollte sich sein nüchterner Ton nicht in der blutrünstigen Miene widerspiegeln, die sein Gesicht zu einer Fratze verzehrte, so kümmerte ihn das nicht.
In den Augen der Menschen war er vermutlich nicht weniger Monster als Mitchell – aber im Gegensatz zu diesem Bastard war er ein sehr reinliches und gesittetes Monster; auf seiner Speisekarte standen nur die Hälse von Ungeziefer und Abschaum – womit Kannibalismus seit Neustem ganz oben in seinem Sündenregister stand.
Er wartete nicht auf eine Antwort; die Hände fest um die Griffe seiner Schießeisen geschlossen, wirbelte er ruckartig herum – hatte dieser Armleuchter ernsthaft geglaubt, er könnte sich ihm nähern? – und setzte Mitchell eine Kugel zwischen die Augen.
Menschen kämpften mit Waffen, Vampire mit Zähnen und Klauen – allgediente Richtlinien, nach denen jemand wie er nicht spielte. Außerdem liebte er die alten Stücke viel zu sehr, um sie aufgeben zu können.
Der zweite Schuss fand sein Ziel im Herzen des Hurensohns – die mit Silber ummantelten Steingeschosse würden ihn zwar nicht töten, aber lange genug ausbremsen, um ihm die Sekunden zu schenken, die er brauchte, um Mitchell zu packen und die Zähne unzeremoniell in seine Kehle zu schlagen.
Blut spritzte ihm quer übers Gesicht und brach in Stößen aus der klaffenden Wunde an Mitchells Hals; ungerührt verbiss er sich in dem Stück Fleisch und trank.  
Mitchell entkam ein markerschütternder Schrei und er fing an, sich zu wehren, nachdem sich sein Hirn genügend von der Kugel erholt hatte, um zu begreifen, was Shay gerade tat.
Sein Widerstand war lächerlich. Das Gift haute härter rein als Whisky und der Schock, in die Opferrolle gedrängt zu werden, war eindeutig zu groß für Mitchells Ego, um richtig verdaut zu werden – das ersparte einen Haufen Mühen.
Mitchell gurgelte etwas Unverständliches, aber Shay brauchte nicht zu hören, was er zu sagte hatte, um zu wissen, was er dachte – denn, er dachte laut, laut und wirr, während das Zucken und Strampeln allmählich ermüdeten.
Die Erkenntnis einen großen Fehler begangen zu haben, war sein letzter, flüchtiger Gedanke, bevor er in einen Schlummer fiel, aus dem er nicht mehr erwachen würde; noch lebte Mitchell – auf eine abgedrehte, abstrakte Weise wie nur ein Vampir sie kannte, eingebettet in einer Leere zwischen Unsterblichkeit und Höllenfeuer; solang der Körper intakt war, gab es ein Zurück.
Aber darum konnte Shay sich später kümmern; eine andere Angelegenheit direkt vor ihm benötigte dringend seine Aufmerksamkeit.  
Seine Fangzähne lösten sich mit einem widerlichen Schmatzen aus Mitchells Kehle. Ohne seinen Halt knickten Mitchells Beine unter dem Gewichts seines Körper ab und er fiel mit einem dumpfen Laut zu Boden. Mitchells Blut war alt, damit in gewisser Weise delikat und kostbar, aber sein Fleisch zäh und nicht sonderlich schmackhaft – nachdem von seinen Überresten nichts mehr als ein Häufchen Asche übriggeblieben geblieben war, würde sein nettes kleines Fleckchen auf dieser Welt endlich sauberer und erträglicher werden, zumindest ein bisschen; Mitchells Opfer wären damit gerächt und würden in Frieden ruhen können.
„Ich konnte es erst nicht glauben“, meinte Liam trocken. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „…dass Ihr tatsächlich einer von ihnen wurdet.“
Shay holte schweigend ein Stofftaschentuch hervor und rieb sich damit ein Großteil des Bluts aus dem Gesicht; sein Master griff häufiger darauf zurück, was für schlechte Manieren er beim Essen hätte – und zu seiner Verteidigung, das war nicht ausschließlich Ungeschicklichkeit zuzuschreiben.
Er besaß simpel nicht das Privileg von zwei oder vier spitzen Eckzähnen, die ihren Zweck durchaus zufriedenstellend erfüllten; sein ganzes Maul – wie Master Kenway es so treffend beschrieb – war großzügig mit rasiermesserscharfen Fang – und Reißzähnen bespickt; ein Beweis für das Wolfsblut in Shays Adern, und ein weniger subtil als der empfindlicherer Geruchsinn es war.
„Bekommt kein‘ falschen Eindruck, Liam – der Kerl war kein Mensch“, sagte Shay und deutete mit einem Nicken auf Mitchell.
„Das seh‘ ich selbst – ist der einzige Grund, der mich davon abhält, Euch den Kopf abzuschlagen.“
„Wie überaus gnädig.“
Er bezweifelte, dass Liam das ernsthaft versuchen würde – einen gesättigten Vampiren bei Nacht anzugreifen, von Angesicht zu Angesicht, war reiner Selbstmord. Schlimmer noch; es war, als würde man sich dem Vampir freiwillig zum Fraß vorwerfen.
„Blutsauger fressen einander nicht.“
Ah. Wie lange hatte er das Wort Blutsauger nicht mehr gehört, musste eine halbe Ewigkeit gewesen sein – er hätte niemals gedacht, dass es einmal an ihn gerichtet wäre.
„Aye, sättigt kaum, kann dem Hunger sogar noch eines draufsetzten...natürlich ist’s beim Sex eine andere Sache.“
Liam verzog das Gesicht und Shay kaschierte sein Lachen mit einem Räuspern. Seit wann war der Gute so prüde?
„Natürlich.“
„Bin ‘ne Ausnahme“, fuhr Shay. „Begnüge mich die meiste Zeit aber mit Tierblut.“
Dass Haytham ihm das Trinken von Menschenblut untersagt hatte, ging Liam nichts an. Es machte die Enthaltsamkeit leichter; er war empfänglicher für den Geschmack von Menschenblut, als er es sich erhofft hätte.
Liam schien über die Details zu seiner Essgewohnheiten nicht sonderlich begeistert, vielleicht störte er sich auch an dem Plauderton, den Shay aufsetzte.
Er fragte sich, was sein alter Partner erwartet hatte. Reue? Scham? Sollte er sich dafür schämen und bereuen, das zu sein, was er nun war? Shay bereute viele Dinge, sehr viele Dinge, aber die Verwandlung gehörte nicht dazu.
„...und es stört keinen, dass Ihr...“ Liam vollendete den Satz nicht und zeigte stattdessen auf Mitchells reglosen Körper.
Seine Neugier war schmeichelhaft.
Er zuckte die Schultern. „Mitchell brach die Regeln und wurde für vogelfrei erklärt. Ich beseitige nur Abschaum und verhindere, dass es noch weitere Opfer gibt. Und dass wegen ihm Jäger  auf uns aufmerksam werden.“
Mit einem Tritt zertrümmerte Shay Mitchells Schädel, als er bemerkte, dass der Körper anfing, das Blut um ihn herum aufzusaugen wie ein Schwamm.
Der Bastard regenerierte schneller als gedacht.
Liam blieb von dem Schauspiel ungerührt. Immerhin hatte er seine eigenen stolze Anzahl zertrümmerter Vampirschädel hinter sich.
„Regeln?“, wiederholte er. „Diese Blutsauger haben Regeln? Gibt’s auch Handbücher, die einem detailliert erklären, wie man ‘nem Menschen die Haut abzieht?“
„Glaubt Ihr, die Jäger sind die einzigen, die das Konzept verstehen? Natürlich haben wir Regeln. Jede Gemeinschaft hat Regeln. Eine friedliche Koexistenz erfordert Regeln.“
„Ihr glaubt noch immer an den Schwachsinn, Shay? Friedliche Koexistenz? Ihr träumt.“
„Wir haben Regeln. Unschuldiges Leben zu nehmen, ist in der Gemeinschaft verboten. Wer Menschenblut braucht sucht sich Mörder, Vergewaltiger, Abschaum – wollt Ihr mir etwa weiß machen, dass Ihr diese Leute beschützen wollt? Die meisten ernähren sich sowieso nur von Tieren. Wie Menschen.“
Er wischte die Gehirnmasse, die an seinem Stiefel klebte, ungeniert an Mitchells Rock ab. Die Situation hätte nur aus einem Opiumtraum stammen können; ein blutüberströmter Ex-Vampirjäger – selbst nun Vampir – erklärte einem überzeugten Vampirtöter, das Tierblut eine durchaus attraktive Alternative für Menschenfleisch war. Während ein halbtoter Streuner am Boden um sein Leben rang und sie von neun Leichen umringt waren, die dringend geköpft und verbrannt gehörten, bevor sie sich in menschenfressende Ghule verwandelten. In einer gottverlassenen Kirche. Sogar sein humortoter Master würde lachen. Shay war nicht nach Lachen zumute.
„Wisst Ihr was? Vergesst es. Ich bin müde, will ein Bad und habe noch zehn Leichen zu verbrennen – dass will ich alles schaffen, bevor die Sonne aufgeht.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm Shay sein Silberdolch vom Gürtel und schnitzte Mitchells Herz raus – ziemlich faszinierend, um ehrlich zu sein, zu beobachten, wie der Fleischklumpen in der Hand weiterpulsierte pulsierte. Shay zerquetschte es und wandte sich den Männern am Deckenbalken zu.
Dann roch er es; frisches, warmes menschliches Blut.
Sein Kopf zuckte ruckartig in die Richtung seines Ex-Partners und er sah, wie Liam das Wurfmesser zurücksteckte, mit dem er sich eben die Handfläche aufgeschlitzt hatte.
Seine Augen verengten sich.
„Eure Regeln ändern nichts an Eurer wahren Natur, Shay. Vampire wollen Menschenblut. Ihr wollt Menschenblut.“
Liam sah ihn nicht an, als er sprach – oder eher, er sah Liam nicht an. Shays Blick folgte angespannt dem Fluss des Bluts. Er beobachtete, wie sich aus den unzähligen Tropfen auf den Holzdielen kleine Pfützen bildeten.
„Seht Euch an – es sind nur wenige Tropfen und schon verliert Ihr den Verstand“, spottete Liam – ein Verhalten, das zu dem sonst geduldigen Mann, den Shay glaubte, gekannt zu haben, nicht passte.
„Ich bin nicht derjenige, der den Verstand verloren hat“, erwiderte Shay kühl.
Seine Reaktion auf das Blut war heute tatsächlich etwas ungewöhnlich – eine Tatsache, die ihn irritierte; sein Blutkonsum war gering – im Vergleich zu manch anderen seiner Leidensgenossen – und er konnte mit Leichtigkeit mehrere Tage hungrig ausharren, ohne dem Wahnsinn zu verfallen.
Dass er nie menschliches Blut gekostet hatte, machte ihn gewisser Weise zu einem jungfräulichen Sprössling, wie die alten Knacker es nannten; trotz seiner Jungfräulichkeit, war er im Umgang mit Menschenblut dennoch sehr beherrscht – einer der Vorteile, wenn man sich auf die Weisheiten eines jahrtausendalten Ahnherren verlassen konnte. Und ganz abgesehen davon; er hatte seinen Durst an Mitchell gestillt.
Seine Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, während er begann, im Geiste alle erdenklichen Bedeutungen aufzuzählen, die Blut für einen Vampiren haben konnte. Und das waren viele.
Liam Frustration lag schwer im Raum, und er begriff, dass seine Reaktion auf Liams Blut nicht dem entsprach, was der Jäger sich erhofft zu haben schien.
„Es war ein Fehler gewesen; nicht Euch rauszuschmeißen – aber Euren Arsch gehen zu lassen, ohne ihn zu entjungfern.“
Nun, er hätte auch Shays Mutter in den Dreck ziehen können – aber es war schon recht geschmacklos in einer Kirche zu verkünden, dass man den Entschluss, jemanden nicht zu schänden, bereute; diesen Gedanken hatte er auch Liam mitteilen wollen, als der Groschen fiel.
Provokation.
Einem Vampiren das eigene Blut darzubieten, war entweder ein Zeichen von Vertrauen und Zuneigung, oder von Idiotie und Todessehnsucht – eine kühne Herausforderung von Stärke und Dominanz; kein Raubtier ließ sich gerne etwas von seiner Beute vormachen und ihre momentane Situation sprach sehr dafür, dass Shay das Raubtier und Liam – trotz seines nicht ungerechtfertigten Potenzials als Gefahrenquelle, oder genau deswegen – die Beute darstellte.
Liam war nicht mehr als Beute für Shay, hierarchisch betrachtet; der Drang, Liam seinen Platz zu zeigen, die Zähne in seinem Hals zu versenken, ihm das Fleisch von den Knochen zu reißen, Macht zu demonstrieren, wuchs.
Er handelte unverzüglich nach Instruktionen seines Masters; dem Drang nachgeben.
Liam war ein vollausgebildeter und erfahrener Vampirjäger – einer der besten in ihren Reihen – seine Reaktionszeit war ausgezeichnet; Shay spürte den Lauf zwischen den Rippen, beinah bevor er Liam gegen die Kirchentür presste (– die Türklinke musste ihm wohl schmerzhaft in die Seite drücken –), den Unterarm wohl platziert an Liams Kehle, das Handgelenk seiner verletzten Hand eisern umklammert, dass Liam nicht irgendeiner dummen Intuition folgte, und die blutende Handfläche in die Nähe von Shays Gesicht brachte.
Keiner von ihnen machte sich Illusionen; ein Schuss in die Brust, würde Shay kaum davon abhalten, Liam im selben Augenblick das Genick zu brechen – und im Gegensatz zu Liam, würde er nach einer kurzen Verschnaufpause wieder locker auf den Beinen stehen. Auch wenn Liam seine Unterlegenheit niemals offen zugeben würde, war es seine derzeitige Lage, die Shay Zugeständnisse machte.
Man konnte einen Drang unterdrücken – so lange, bis er an die Oberfläche brodelte und ausbrach; um zivilisiert zu erscheinen, hatte man als Vampir eine ganze Menge mehr Triebe und Impulse im Griff zu behalten als ein Mensch. Umso wichtiger war es, den präsentesten Drang schnell nachzugeben, um das animalische Natur des Vampirs möglichst beherrscht – und ohne blutige Sauerei – zu besänftigen.
Liam starrte ihn an, den Finger am Abzug – eine Tatsache, die die animalische Seite seines Selbst überhaupt nicht begeisterte; sie forderte Liams Unterwerfung, nicht Unterlegenheit.
Shay drang kontrolliert in Liams Geist ein und machte seine Präsenz überaus deutlich; die Geste war etwa so ungefährlich, wie eine geladenes Schießeisen, dass man einem an die Schläfe hielt.
„Weg damit.“ Das tiefe Grollen klang alles andere als menschlich, und es waren primitive Instinkte, die Liam dazu brachten, zu gehorchen – und die Zuversicht, dass die nächste logische Konsequenz, Shays Zähne in seinem Hals oder ein gebrochener Wille war.
Der Druck der Pistole verschwand und Liam brach den Augenkontakt – das befriedigte den animalischen Trieb ausreichend und Shays Vernunft und Selbstbeherrschung riss die Kontrolle wieder an sich.
„Was wollt Ihr, Liam?“
„Eine Erklärung.“ Liam hielt den Blick gesenkt, sein Kiefer arbeitete. „Ihr habt die Jäger verraten, Achilles und mich, und habt Euch Kenways Nest angeschlossen, diesem Haufen blutgieriger Teufel. Könnt Ihr Euch noch selbst ins Gesicht sehen?“
Liams Ton war unvorsichtig gewählt; Shay schnürte ihm die Kehle ein wenig mehr ab, um ihn an seine Position zu erinnern. Liam rang lautlos nach Atem.
„Ich habe mich keinem Nest angeschlossen.“
„Wenn – wenn Ihr mich tötet, wird Euch die ganze Bruderschaft an den Fersen kleben wie Pech“, presste Liam gehässig hervor.
Das war keine leere Drohung.
„Ich will Euch nicht töten, Liam. Aber es wäre leichtsinnig von Euch zu glauben, ich würde es nicht wagen, sollte Ihr meine Familie bedrohen.“
„Familie? Ihr nennt diese Blutsauger Eure Familie? Die Bruderschaft war Eure Familie! Wir waren Eure Familie!“
„Eine Familie, die mich wegen einer Meinungsverschiedenheit fast umbrachte“, entgegnete Shay resigniert. „Bei der radikalen Denkweise der Jäger, wundert‘s mich, dass Achilles Mutter nicht gleich zur Strecke gebracht hat. Stattdessen lie ßer sie vor aller Augen aufknüpfen. Er hat meine Mutter verraten, Liam.“
„Was wisst Ihr schon? Ihr hattet noch nie einen Blick für das Große und Ganze. Es – es ist unsere Pflicht, die Menschheit zu schützen, mit allen Mitteln!“
Er hätte Liam für seine gutgläubige Loyalität in der Vergangenheit niemals verurteilt; Liam schuldete Achilles mehr als nur sein Leben und ein warmes Bett, für ihn war Achilles mehr als nur ein Mentor und Lehrer gewesen.
Shay verstand, dass es schwer war, eine langjährige Bewunderung und ein sorgfältig gepflegtes Vertrauen für das wütende Geschrei eines Halbbluts aufzugeben. Doch was er hier vor sich sah, war keine Gutgläubigkeit mehr. Es war diese Ignoranz, mit der er dank Achilles bereits wärmstens vertraut war.
„Also opfern die Jäger seit neustem auch Unschuldige? Zum Wohl der Allgemeinheit?“
Er könnte es Liam erzählen; ihm von allen Sünden und Fehlern der Bruderschaft berichten, aber was würde es bringen? Liam wollte diese Wahrheit nicht hören können – zu schön war seine kleine Lügenwelt und Shays Worte nicht mehr als die eines dreckigen Verräters.
„Jeder – jeder Krieg fordert Opfer, Shay. Seid – seid Ihr naiv genug zu glauben, Ihr könnte sie alle retten?“ Liams Spott ging nicht unter in seinem für ihn sicher erniedrigenden Drang, nach Luft zu röcheln, wie Shay vielleicht erwartet hätte.
„Ein sinnloser Krieg bringt sinnlose Opfer“, knurrte er, der Druck auf Liams Kehle erreichte ein unbarmherziges Maximum; dann löste sich er abrupt.
„Verschwindet von hier.“
Nicht ihre einst innige Freundschaft hielt Liam davon ab, ihm in den Rücken zu schießen, sondern die pure Gewissheit, dass das seinen Tod bedeutet hätte.
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