Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Konkurrenz belebt das Geschäft

von Feinstein
GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
24.08.2020
24.08.2020
14
4.760
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
24.08.2020 689
 
Obwohl offiziell noch Sommerferien waren, füllte sich das Sportinternat in Erfurt langsam aber sicher mit Leben. Am nächsten Tag würde der Unterricht wieder beginnen, und nur die wenigsten konnten es sich leisten, erst direkt am ersten Schultag anzureisen. Die meisten hatten einen zu weiten oder zu komplizierten Weg und reisten deshalb schon am letzten Ferientag wieder an. Außerdem blieb so viel mehr Zeit, die Freunde zu begrüßen, die man in den Ferien nicht gesehen hatte, und auszukundschaften, ob sich etwas verändert hatte.
Sibel Peters, vom nächsten Tag an Zehntklässlerin, war schon seit dem späten Vormittag wieder da. Ihre Eltern hatten sie zum Bahnhof gebracht, und der Zug fuhr durch, so war es für sie keine Weltreise gewesen in die thüringische Landeshauptstadt. Sie hatte bereits ihre Sachen in den Schrank geräumt und erfreut festgestellt, dass Frau Schiller, die Internatsleiterin, die eingespielte Zimmergemeinschaft mit Leni und Cäcilia belassen hatte.
Für den Nachmittag hatte sie sich den Tanzsaal im Obergeschoss reserviert, der ihr auch als Trainingsraum fürs Karate diente. Das war auch ein Vorteil der frühen Rückkehr in die Schule: Sie hatte sich schon in die Belegungsliste eintragen können, ehe andere ihr die besten Termine hatten wegschnappen können. Weil sie Profilsportlerin war, wurde ihr zwar zugestanden, dass sie ein gewichtigeres Interesse als andere daran hatte, den Raum regelmäßig nutzen zu dürfen, aber auch sie musste eine stichhaltige Begründung liefern, wenn sie Trainingszeiten in Anspruch nehmen wollte, die andere schon für sich reserviert hatten.
Sie mochte etwa eine halbe Stunde trainiert haben, als die Tür des Raums aufgestoßen wurde. Das war jetzt erst mal nicht weiter verwunderlich, es konnte eine ihrer Freundinnen sein, die sie begrüßen wollte und wusste, wo sie am ehesten suchen musste, oder einer von den Neuen, der gerade rumgeführt wurde. Sibel wusste schon, dass sie das auch noch vor sich hatte, Frau Schiller hatte auch ihr ein Patenkind zugeteilt, dem sie den Einstieg an der neuen Schule erleichtern sollte. Sibel hatte nichts dagegen, außerdem würde es vermutlich eh nur ein paar Tage dauern, bis dieses Patenkind auf eigenen Füßen stand.
Das Mädchen, das in der Tür stand, mochte zwölf Jahre alt sein. Es war schlank und trug das lange, blonde Haar zum Teil in einem Dutt verknotet. Bekleidet war es mit einem Karate-Anzug, und damit war für Sibel die Sache klar, noch ehe das Mädchen auch nur ein Wort gesagt hatte. „Hi“, grüßte das Mädchen fröhlich. „Bist du Sibel? Frau Schiller hat mir gesagt, dass ich dich hier finden würde. Ich bin Joyce.“ Also tatsächlich das Patenkind, das Frau Schiller ihr avisiert hatte. Joyce würde in die 7. Klasse gehen und hatte wie Sibel ein Sportprofil mit Karate als Schwerpunkt. Das war wohl auch der Hauptgrund gewesen, sie Sibel zuzuteilen, zumal Joyce so auch gleich eine erste Trainingspartnerin hatte. Die Kampfsportler waren eine kleine Gruppe unter den Sportlern, vielleicht auch, weil Hauser, der Koordinator für den Leistungssport, andere Sportarten engagierter unterstützte. Allerdings hatte Sibel bei drei Jahren Altersunterschied von Anfang an bezweifelt, dass Joyce eine geeignete Trainingsgegnerin für sie sein würde, und was sie jetzt sah, schien das zu bestätigen. Sie war auch kein Hulk, aber durchschnittliche Größe und Statur für ihr Alter reichten, um Joyce in allen körperlichen Faktoren, die beim Karate eine Rolle spielten, deutlich überlegen zu sein. Auch an Erfahrung war sie ihr sicherlich voraus, und alles in allem musste eine Zwölfjährige schon eine absolute Ausnahmekönnerin in ihrer Altersstufe sein, wenn sie mit einer bald Sechzehnjährigen mithalten wollte, die immerhin auch Vize-Landesmeisterin war und mit gutem Erfolg an internationalen Turnieren teilgenommen hatte.
Sibel erwiderte den Gruß. „Du bist also mein Patenkind“, setzte sie hinzu. Joyce nickte. „Kann ich mitmachen?“, fragte sie. „Klar“, antwortete Sibel. Warum auch nicht? Sie musste nicht intensiv trainieren, eigentlich wollte sie nur wieder in den Rhythmus kommen, den sie in den Ferien etwas hatte schleifen lassen, und sich die Zeit vertreiben, bis Pawel kam. Sie hatte die letzten zwei Wochen getrennt von ihrem Freund verbracht, war nämlich mit ihren Eltern im Urlaub gewesen, und ihn mitzunehmen, hatte irgendwie nicht geklappt. Pawel hatte angekündigt, dass er am späten Nachmittag wieder im Internat sein würde, früher schaffte er es leider nicht.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast