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Versöhnung

KurzgeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
24.08.2020
20.10.2020
6
16.024
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30.08.2020 2.852
 
19. Mai 2040
15:23:51 Uhr

Es war erst Mai und doch schien die Sonne längst all ihre Kraft zu nutzen. Die vielen Glasfassaden der Innenstadt Detroits trugen ihren Teil zu der Hitze bei. Und trotzdem befand sich gefühlt die ganze Stadt auf den Beinen. Vielleicht war genau dies der Grund, weshalb so viele Menschen sowie Androiden unterwegs waren. Vor allem jetzt, nachdem der Bürgerkrieg nach knapp vier Monaten, im März endlich für beendet erklärt wurde. Die Stadt wurde, so gut es eben ging, aufgeräumt. Zerstörte Gebäude wieder auf Vordermann gebracht. Alle blühten auf, kamen aus ihren schützenden Wohnungen.
Aleyna gehörte ebenfalls zu diesen Personen, welche sich nach dem Krieg als Erste raustrauten. Ihr erschien es als eine Plicht, denn sie war noch immer ein Teil der Aid Agency for needy Androids and Humans, kurz AnAH. Das Wort Humans wurde im Laufe des Bürgerkriegs hinzugefügt. Niemand sollte Notleidende ignorieren, egal, zu welchem Volk sie gehörten. Darum half sie während dieser Zeit und ebenfalls danach, wo sie nur konnte. Es war ein ausfüllender, wenn auch anstrengender, Ausgleich zu ihrem Bürojob.

„Es ist wunderschön wieder draußen zu sein“, sagte Aleyna mit einem strahlenden Lächeln und wandte sich zu Marc.
Der große, dunkelhaarige Mann lief neben ihr und erwiderte es mit einem milden Schmunzeln. In den Händen trug er ein paar Einkaufstüten, die fast nur Kleidung für die Schwarzhaarige beinhalteten. Doch ihm schien dies nichts auszumachen und das freute Aleyna.
„Wie wärs mit einem leckeren Eis?“, stellte sie dann die Frage und sah ihn abwartend an.
„Das ist eine gute Idee, Ally.“
Gemeinsam überquerten sie den kleinen Platz mit einem Brunnen in der Mitte. Eine Statue eines Androiden, der die Hand eines Menschen schüttelte. Wenn es nicht auf einer Messingtafel erklärt werden würde, so fiele es niemandem auf, dass es sich nicht um zwei Menschen handelte.

Hier waren deutlich mehr Leute unterwegs, was in Aleyna ein unbehagliches Gefühl auslöste. Automatisch drängte sie sich näher an Marc, allerdings schien er es nicht zu bemerken. Etwas enttäuscht über diese fehlende Hand in ihrem Rücken, welche ihr Sicherheit geben sollte, lenkte sie ihre Schritte zu der kleinen Eisdiele in einer der Seitenstraßen. Der Laden war nicht sonderlich groß, es gab weitaus Ausladendere in Detroit. Hier schmeckte es Aleyna hingegen am besten und sie kam bereits seit ihrer Kindheit in dieses süße, kleine Casa del Gelato.
„Was möchtest du?“, fragte Marc, stellte die Tüten vor ihr ab und fischte seinen Geldbeutel aus seiner Hosentasche.
„Schokolade natürlich“, grinste sie.
„Natürlich.“
Dann machte er sich auf in die Eisdiele. Ein paar Minuten später trat er wieder heraus, in den Händen zwei Eistüten.
„Danke“, flötete sie und wollte nach dem Schokoladeneis greifen, doch Marc hielt sie höher. Da er einen Kopf größer war als sie, war dies kein Kunststück. Sie wusste, worauf er abzielte. Also stellte sie sich auf Zehenspitzen und küsste ihn.
„Danke dir“, flüsterte er an ihre Lippen, dann gab er der sozialen Aktivistin endlich die lang ersehnte Süßigkeit.
Gemütlich schlenderten sie zurück zu dem kleinen Platz, um sich auf eine der Bänke zu setzen. Zu ihrem Bedauern hatte die Menschenmasse in der kurzen Zeit kein bisschen abgenommen. So versuchte sie, sich eher auf ihr köstliches Eis zu konzentrieren, als auf die Leute um sie herum.

Fast hatten sie die erste Bank erreicht, als ein Schrei durch die Menge hallte und ehe Aleyna sich versah, rempelte sie jemand im Vorbeirennen an. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings zu Boden. Unsanft landete sie auf ihrem Hintern, das Eis rutschte ihr aus der Hand und klatschte auf dem Pflaster auf.
„Au“, stieß sie aus und sah dem Übeltäter wütend hinterher.
Marc brüllte diesem Burschen unverständliche Schimpfwörter nach. Die Leute um sie herum schienen sich mit dieser absurden Situation nicht auseinandersetzen zu wollen. Ihr Blick wanderte zu ihrem Eis und ein trauriges Seufzen entfuhr ihr.
„Wir sollten dir wohl ein neues kaufen.“
Aleyna erstarrte bei dem Klang dieser Stimme direkt links von ihr, doch sie wagte sich nicht, sich umzudrehen. Ihr Herz begann zu rasen und ihre Atmung beschleunigte sich automatisch.
„Du solltest aufstehen.“
Sie schluckte. Alles um sie herum schien in Zeitlupe zu laufen. Aber sie war sich sicher. Ihr Geist spielte ihr keinen Streich. Langsam dreht sie ihren Kopf nach links.
„Hallo Aleyna“, sagte Connor mit einem breiten Lächeln auf den Lippen.
Seine dunklen Augen betrachteten sie mit Freude und Sorge zugleich. Die widerspenstige Haarsträhne hing ihm wie eh und je leicht in die Stirn. Gebannt von seinem Blick konnte sie sich keinen Zentimeter rühren. Erst als er eine Hand auf ihren Arm legte, um ihr aufzuhelfen, kam das Leben zurück in ihre Glieder. Er half ihr wie selbstverständlich auf die Beine und sie konnte einfach nicht die Augen von ihm lassen. Sie konnte nicht glauben, dass Connor wirklich vor ihr stand.

„Ist alles in Ordnung Ally?“
Marc kam zu ihr, seine Stimme klang besorgt. Sofort nahm Connor seine Hände von ihr und trat einen Schritt zurück.
„Ja“, sagte sie und schenkte ihm einen verstohlenen Blick, „Mir gehts gut.“
„Kennst du ihn?“, wollte er mit einem nicken in Richtung des Androiden wissen.
Sie räusperte sich.
„Ja. Ja, das ist Connor“, stellte sie ihrem neuen, unwissenden, Freund ihren Ex-Geliebten vor, „Connor, das ist Marc, mein Freund.“
Diese Szenerie erschien ihr absolut absurd. Wieso war er überhaupt hier? Und woher wusste er, dass Aleyna hier sein würde? Der Android wollte zu einem Satz ansetzen, doch die Schwarzhaarige war schneller.
„Was machst du hier?“
All ihr Unglauben über seine plötzliche Erscheinung lag in diesen Worten.
„In dem Gebäude dort drüben ist ein Tatort. Hank ist noch dort, er wollte den Fall vor mir lösen und hat mich erst einmal rausgeschmissen. Da ich dich vom Fenster aus gesehen habe, dachte ich, ich sage dir Hallo“, erklärte er freundlich ohne die Augen von ihr zu nehmen.
Beschämt sah sie zur Seite. Er analysierte sie, dies konnte sie ihm jedoch nicht ohne weiteres vor Marc vorwerfen. Also schwieg sie und versuchte, stattdessen ihre Gedanken zu ordnen. Doch die Anwesenheit Connors machte sie nervös. Und das nach fast sechs Monaten.

„Schatz, wir sollten denke ich nach Hause gehn“, sagte Marc plötzlich und richtete ihre Gedanken wieder auf das hier und Jetzt.
Die junge Frau nickte nur und hakte sich demonstrativ bei ihrem Freund ein.
„Auf Wiedersehn“, sagte sie zu Connor.
Dieser erwiderte den Gruß freundlich. Die Schwarzhaarige wandte sich mit gemischten Gefühlen ab und steuerte mit ihrem Freund zusammen auf die Bushaltestelle zu. Ein Drang sich einfach umzudrehen stieg in ihr auf, den sie nur mit Mühe bekämpfen konnte. Sie wollte so sehr wissen, ob er noch dort stand und ihr nachsah, dass sie sich sogar fester an Marc krallte. Der Bus hielt zu ihrem Glück in dem Moment, als sie die Haltestelle erreichten. Sie suchte sich einen Sitzplatz auf der gegenüberliegenden Seite am Fenster aus. Aleyna wollte mit allen mitteln verhindern, dass ihr Drang gewann.
„Woher kennt ihr euch eigentlich?“, stellte Marc die Frage, als der Bus sich in Bewegung setzte und ihre Anspannung deutlich abfiel.
„Wir haben uns durch AnAH kennengelernt“, antwortete sie knapp, dennoch wahrheitsgemäß.
Er nickte.
„Gehört er zu euch? Immerhin gehört er ja wohl der Polizei an“, fragte er weiter und legte seine Hand auf ihren Oberschenkel.
Die Frage triefte geradezu vor Skepsis und Aleyna konnte es ihm nicht einmal verübeln.
„Nein, aber er hat einer Menge Bedürftigen geholfen und uns unterstützt“, sagte sie und versuchte, nicht allzu viele Emotionen in ihre Stimme zu legen.
Wieder nickte er. Dies schien seinen Wissensdurst fürs Erste zu beruhigen und so fuhren sie den Rest der Strecke schweigend.




19. Mai 2040
20:29:11 Uhr

Die Bilder auf dem großen Flatscreen im Wohnzimmer zogen unbeachtet an Aleyna vorbei. In Gedanken verweilte sie noch immer auf diesem kleinen Platz in der Detroiter Innenstadt. Vor ihr Connor, der sie mit seinen dunkelbraunen Augen ansah. Diese Augen, welche sie bei ihrem ersten Zusammentreffen so anziehend fand. Mit seinem Erscheinen hatte er ihre Gefühlswelt innerhalb von wenigen Sekunden komplett auf den Kopf gestellt. Und nun musste Aleyna betrübt feststellen, dass sie noch lange nicht mit diesem Androiden abgeschlossen hatte.
Fast schon verzweifelt starrte die Schwarzhaarige auf den Fernseher und versuchte sich auf dessen Programm zu konzentrieren, scheiterte jedoch kläglich. Warum musste er auftauchen? War es ein Zufall oder doch Absicht? Fragen die immer wieder in ihrem Kopf aufpoppten und sich dennoch keine Antwort geben konnte. Und weshalb jetzt? Sie schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, sie würden alle verschwinden. Den Gefallen taten ihr die Fragen aber nicht.

„Jetzt weiß ich es!“, rief Marc jäh aus dem Badezimmer, in welchem er vor kurzem noch geduscht hatte.
Die junge Frau schreckte hoch, als hätte er sie erwischt, wie sie an Connor dachte. Zwang sich schnell wieder zur Ruhe. In dem Moment als Marc in den Flur trat, ein Handtuch lässig um seine Hüfte gewickelt, richtete sie ihren Blick gespielt ruhig auf ihn.
„Was weißt du jetzt?“, hakte sie nach und beobachtete ihn, wie er langsam näher kam.
„Ich weiß jetzt wo ich diesen Connor schon mal gesehen hab.“
Sie biss sich auf die Unterlippe.
„Wieso sagst du mir nicht, dass er die ganze Revolution mitgestaltet hat?“, fragte er und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand.
„Ist das denn so wichtig?“, stellte sie die Gegenfrage und versuchte, dabei lässig zu klingen.
„Naja, du hast mir nie viel von der Zeit vor dem Bürgerkrieg erzählt, also.“
„Was möchtest du hören?“, konterte Aleyna direkt, um keine Verdächtigung seinerseits auf sich zu ziehen.
Es war vermutlich idiotisch zu glauben, dass er ihre Gedanken lesen oder ihr ansehen konnte. So weit war sie schon. Die Schwarzhaarige fühlte sich aufgrund ihrer Tagträumerei schuldig.
„Du kennst also auch Markus und seine Bande“, sagte er.
„Es ist keine Bande“, verteidigte Aleyna die Androiden, „Markus ist ein großartiger Anführer. Er setzte die Revolution ohne Gewalt ihrerseits um. North ist seine rechte Hand und Freundin. Simon und Josh unterstützen sie, wo sie können. Und Connor ist für ihre Sicherheit zuständig. Sie sind also sehr gut aufgestellt.“
Marc nickte, schien jedoch nicht sonderlich überzeugt.

Um dem Thema zu entfliehen, stand Aleyna auf. Sie wollte mit ihrem derzeitigen Freund keinesfalls weiter über ihren Ex sprechen. Auf Marcs Höhe hielt sie an.
„Ich geh schlafen, irgendwie fühl ich mich nicht so gut heute Abend“, erklärte sie sich und gab Marc einen Kuss.
Dieser ließ sie jedoch nicht gleich wieder gehen und stahl sich ein paar Weitere von ihr. Die soziale Aktivistin nahm es hin ohne das altbekannte kribbeln. Entsetzt von dieser Feststellung, umarmte sie ihn ein letztes Mal, bevor sie sich von ihm löste. Er sagte etwas, seine Worte drangen jedoch nicht mehr zu ihr durch.

Benommen schlurfte sie zum Schlafzimmer und warf sich auf das große Kingsize Bett. Die Bequeme ließ sie kurz aufseufzen.
Was war sie nur für eine schlechte Freundin, die sich bei der erst besten Begegnung ihres Ex, ihren Gefühlen nicht mehr sicher war. Eine leise Stimme drang in ihr Bewusstsein.
`Warst du dir jemals sicher?`
Aleyna drehte sich stöhnend zur Seite. Waren die letzten Monate nicht ein ständiges Suchen nach einem Connor 2.0? Sie hatte sich sogar unbewusst für ein ähnliches Aussehen entschieden. Marcs Statur war ebenfalls groß und sportlich. Die Haare sowie Augen dunkel. Sie schob es zwar auf ihr generelles Beuteschema, allerdings waren kleine Abweichungen normalerweise üblich. Diese fehlten diesmal vollkommen. Es gab kleinere Dinge, die nicht übereinstimmten, wie diese unbändige Strähne oder die Grübchen, wenn Connor lächelte.
Wieder wechselte sie lautstark ihre Liegeposition. Nun verglich sie die beiden auch noch miteinander.
`Hast du das nicht schon die ganze Zeit über getan?`, warf die Stimme skeptisch ein. Beschämt schlug die Schwarzhaarige die Hände vors Gesicht. Diese Stimme sprach die Wahrheit. Hatte sie dies nicht am Nachmittag getan, als sie die fehlende Hand in ihrem Rücken bemängelte? Aber konnte sie es Marc vorwerfen, wenn sie ihre Angst vor großen Massen bisher nicht einmal angesprochen hatte?

Aleyna drehte sich auf den Rücken und starrte an die dunkle Decke. Durch den Türspalt drang das flackernde Licht des Flatscreens. Es war falsch Marc mit Connor zu vergleichen. War er doch vom Wesen her anders als der Android. Noch dazu wo sie mit ihm eigentlich schon abgeschlossen hatte. Diese Begegnung zeigte ihr jedoch das genaue Gegenteil. Verdeutlichte ihr mehr denn je, was sie wollte, sich selbst aber verbot: Connor.




21. Mai 2040
09:12:43 Uhr

Ihre Finger flogen über die holografische Tastatur auf ihrem Schreibtisch. Trotz der frühen Stunde konnte sie bereits das doppelte ihrer üblichen Arbeit erledigen. Das morgendliche Montagsschwätzchen mit ihrer Kollegin ist aufgrund ihrer Abwesenheit ausgefallen. So hatte sie genügend Zeit, sich um die vom Freitag liegen gebliebenen Fälle ihres Chefs zu kümmern und diese zu sichten. Aleyna stürzte sich nach diesem Wochenende geradezu in die Arbeit. Sie wollte sich nicht mehr mit ihren Gefühlen beschäftigen und das hineinversetzen in diese verschiedenen Angelegenheiten war dafür genau das Richtige.
Eine Stunde später sorgte auch Martha, ihre Arbeitskollegin, für eine erneute Ablenkung. Gehetzt betrat sie ihr bescheidenes Büro und legte ihren Frühlingsmantel ab.
„Die Kleine wollte partout nicht im Kindergarten bleiben.“
Sie schüttelte den Kopf, während Aleyna nur lächelte.
„Es war Wochenende, natürlich will sie da lieber Zuhause bleiben“, lachte die Schwarzhaarige.
Martha rollte genervt mit den Augen, hob kurz die Hand und tippelte weiter in den Nebenraum. Dort befand sich ihr kleines Reich. Zwei Rechtsanwaltsfachangestellte für ebenso viele Anwälte. Dies war keinesfalls übertrieben, denn in den letzten Wochen häuften sich die Anfragen. Aleyna war für die Sichtung zuständig und stellte etwaige Rückfragen, falls notwendig. Sie liebte ihren Job, brauchte allerdings auch die Nähe zu anderen. Darum war sie froh, bei AnAH helfen zu dürfen. Es bot den perfekten Ausgleich.

Eine Stunde nach Aleynas Mittagspause trat auch Martha endlich aus ihrem Büro heraus, da sie die verpasste Zeit aufgeholt hatte. Mit schnellen Schritten kam sie mit einer Akte in der Hand neben ihrem Schreibtisch zum Stehen.
„Könntest du die hier für mich einpflegen? Das ist die letzte vom Freitag“, bat Martha sie mit einem nicht ganz so perfekten Hundeblick.
Die Rechtsanwaltsfachangestellte grinste nur, nahm die Akte aber ohne zu murren entgegen. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin waren ihre meisten Aufgaben weitestgehend erledigt. Als sie die Fallakte auf den „Erledigen“-Stapel ablegte, fiel ihr Blick auf ihr Smartphone. Auf dem Display wurden ihr vier Anrufe in Abwesenheit angezeigt. Irritiert nahm sie es, um die Nummer zu identifizieren.
„Lässt du etwa einen neuen Lover zappeln?“, fragte Martha neugierig und vergaß offenbar, dass sie etwas essen gehen wollte.
Die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf.
„Ich kenne die Nummer nicht“, stellte sie fest und legte es unbeachtet wieder zur Seite.
„Willst du nicht zurückrufen?“
„Nein“, war ihre knappe Antwort.
Die Person konnte auch weiterhin warten, bis sie Feierabend hätte.
„Schade“, flötete Martha und wandte sich mit einem vielsagenden Blick um.
„Marc existiert immer noch in meinem Leben“, rief sie ihr hinterher, doch ihre Kollegin winkte nur ab.
Die alleinerziehende Frau würde sich freuen, sollte Aleyna jemals mit Marc schlussmachen. Sie würde ihre Angel schon nach ihm auswerfen. Doch darauf konnte sie lange warten.

Die verpassten Anrufe gingen ihr im Laufe des Tages nicht mehr aus dem Kopf. Die Frage nach dem `wer?` war omnipräsent. Immer öfter ertappte sie sich dabei, wie sie auf das Display schielte. Nach Marthas Rückkehr vor einer Stunde war die Zahl auf sechs angestiegen.
Wieder hielt sie das Gerät in den Händen und versuchte, die Telefonnummer zu zuordnen, als ein eingehender Anruf sie zusammenzucken ließ. Die Zahlen stimmten mit der unbekannten Nummer überein. Sollte sie rangehen?
Ihrer Neugierde folgend nahm sie ab.
„Hallo?“, fragte sie schüchtern in die Sprechmuschel.
„Hallo Aleyna“, hörte sie Connor am anderen Ende.
Perplex krallte sie sich an der gläsernen Tischplatte fest.
„Ich hatte schon angst, du würdest nicht mehr abnehmen“, erklärte er sich mit freundlichem Ton.
Sie musste sich räuspern.
„Durch die Arbeit habe ich es nicht gemerkt“, log sie.
„Arbeitest du noch in der Kanzlei in der Shelby Street?“
„Ja“, antwortete sie zaghaft, „Warum fragst du?“
„Kann ich dich später abholen? Ich würde gerne mit dir reden.“
Aleyna stockte. Ihr Herz raste und machte keine Anzeichen langsamer zu werden. Ihr Verstand brüllte ihr eine Ablehnung seiner Frage regelrecht entgegen. Doch dieses vertraute Kribbeln in ihrer Magengegend ließ das Gebrüll verstummen.
„Ok, ich hab um...“
„... 16:30 Feierabend“, beendete Connor den Satz für sie.
Sie schmunzelte, weil er dies immer noch wusste. Auf der anderen Seite, er war eine Maschine, selbstverständlich konnte er sich so etwas Simples wie eine Uhrzeit merken.

„Ich warte vor dem Eingang auf dich“, sagte er und sie konnte sein Lächeln deutlich dabei hören.
„Dann, bis später“, verabschiedete sie sich lächelnd.
„Bis später.“
Der anschließende Piepton sagte ihr, dass er aufgelegt hatte. Auf die Lippe beißend starrte die junge Frau auf das Display, welches sich nach kurzer Zeit verdunkelte.
„Nach deinem Grinsen zu urteilen, würde ich doch auf eine neue Flamme tippen“, sagte Martha, die ihren Kopf zur Tür herein streckte und schelmisch lächelte.
Aleyna hingegen schüttelte den ihren und legte ihn im Folgenden auf der Tischplatte ab, die Hände in den Haaren. Wenn sie ihn wieder sah, würden dann die Gefühle zu Marc ganz verschwinden? Oder waren sie vielleicht nie vorhanden.
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