Still The One

GeschichteRomanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
24.08.2020
24.08.2020
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24.08.2020 819
 
Der Regen prasselte nun schon seit Stunden gegen das Fenster. Es war dunkel und stickig und viel zu warm im Raum, doch er spürte es kaum. Er lehnte gedankenverloren seinen Kopf an das kühle Glas und sah in die verregnete Nacht hinaus, sein eigenes, miserabel aussehendes Spiegelbild so gut wie möglich ignorierend.

Sie ging ihm nicht aus dem Kopf. Wie so oft in diesen Tagen. Insbesondere bei solchem Wetter wurde er melancholisch. Glücklicherweise zeigte sich die Melancholie nur in Kombination mit der Einsamkeit.

Was sie wohl gerade machte? Ob sie allein war? Oder hatte sie sich mal wieder irgendeinen Typen angelacht?


Der Gedanke machte ihn wütend und traurig zugleich. Wütend, weil er seit der Scheidung jeden neuen Mann an ihrer Seite abgrundtief hasste und traurig, weil diese Männer schafften, was er nicht zu tun vermochte. Ihr Herz zu gewinnen. Er seufzte und wandte den Blick von der Scheibe ab, blickte stattdessen auf die leicht staubige Fensterbank.

Runde Abdrücke von Kaffeetassen waren zu sehen und Abdrücke seiner Ellbogen und seiner Hände. Seine Gedanken schweifen wieder zu ihr. Das Verlangen, sie zu sehen, ihre Stimme zu hören, ihr weiches Haar, ihre samtige Haut, ihre sinnlichen Lippen zu spüren, wurde beinahe unerträglich. Doch er konnte sich nicht dazu durchringen, sie anzurufen. Es war schließlich schon - er warf einen kurzen Blick auf die leuchtend roten Ziffern des Digitalweckers - 2:54 Uhr in der Nacht.

Vielleicht würde er ihr am Morgen eine Nachricht schreiben, sie um ein Treffen bitten. Er gähnte und schlurfte zu seinem Bett. Seit der Trennung war das Licht seines Lebens erloschen. Lediglich die sehr hohe Anzahl an nicht natürlich verstorbenen Menschen in Wolfratshausen und der damit verbundene, unausweichliche Besuch in der Rechtsmedizin sorgte dafür, dass er seine Exfrau, auch nachdem sich ihre Wege privat getrennt hatten, regelmäßig sah. Mit einem letzten Seufzen schloss er seine Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem er immer wieder hochschreckte.

In den darauf folgenden Tagen fiel auch seinen Kollegen auf, dass es ihm nicht gut ging, dass er müde und abgeschlagen war. Sein Chef Reimund Girwirdz fragte ihn halb spöttisch, was er denn nachts so treibe. Alle anderen sahen ihn nur besorgt an. Schließlich fragte sein Partner Johannes Staller, ob er nicht nachhause gehen wollte, um sich auszuruhen. Doch er wollte nicht mehr Zeit als nötig in der Stille seines Hauses verbringen.

Als er es nicht mehr aushielt und sie gerade anrufen wollte, meldete Polizeimeisterin Sonja Wirth, die für die Telefonzentrale zuständig war, einen Leichenfund an der Loisach. Das bedeutete, er würde sie wiedersehen. Ihm wurde heiß und kalt. Er freute sich natürlich sie zu sehen, auch, wenn er das niemals zugeben würde, aber würde er es in seinem übermüdeten Zustand schaffen, ihre Nähe auszuhalten, ohne sie an sich zu ziehen und sie einfach zu küssen? Schließlich waren sie seit mehreren Jahren geschieden.

An der Loisach angekommen, war sie gerade mit der Untersuchung der Leiche beschäftigt. Er sah sie an. Sie war immer noch so schön wie früher. Sofort versank er in Gedanken, an die Zeit, als er noch mit ihr verheiratet gewesen war. Obwohl er es immer abstritt, waren diese Jahre die schönsten seines Lebens gewesen. Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er daran dachte, wie sie sich bei ihrer Hochzeit offiziell als Ehemann und Ehefrau nach der Aufforderung des Pfarrers geküsst hatten. Es war ein magischer Moment gewesen und er hatte sich gefühlt, als würde er mit ihr schweben. Sie waren so glücklich gewesen.

Er seufzte, als er aus seiner Traumwelt zurückkehrte. Staller unterhielt sich mit ihr, dabei glitt ihr Blick immer wieder zu ihm, der einige Schritte hinter seinem Partner stand. Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke, bevor er seine Augen abwandte. Seine Gedanken drifteten wieder zu seiner Hochzeit. Sie war so wunderschön gewesen in ihrem weißen Kleid. Kaum hatte er sie erblickt gehabt, hatte er es kaum abwarten können, dass die Zeremonie vorbei war, dass sie Sein war.

Ein Räuspern ließ ihn zusammenzucken. Sie stand direkt vor ihm. Ohne es verhindern zu können, wurde er rot. In einem Versuch, vor seiner eigenen Verlegenheit zu fliehen, sah er sich nach seinem Partner um. Doch dieser war nirgendwo zu sehen.

Sie fing erneut seinen Blick auf. Diesmal sah er nicht weg. Ihre Augen leuchteten förmlich. Freude, Neugierde und... Liebe konnte er daraus lesen. Er suchte nach einer negativen Emotion, die ihm zeigen würde, dass sie schnellstmöglich dieser Situation entkommen wollte, doch er fand keine. Ganz langsam näherten sich ihre Gesichter einander.

Und endlich, nach so langer Zeit lagen ihre Lippen wieder aufeinander. Seine Hände wanderten in ihre Haare, während ihre auf seinen Hüften ruhten. Als sie sich kurze Zeit später voneinander lösten, lächelten sie sich an und er war sich sicher: Sie war noch immer die Eine.

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Guten Morgen, meine lieben Leser und Leserinnen.

Ich hab mal was Neues ausprobiert und die wörtliche Rede vollständig weggelassen. Schreibt mir gerne in die Kommentare, was ihr davon haltet.

Isi
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